Wo sich Schamanismus und Psychologie treffen 2008

Where Shamanism and Psychology Meet (Artikel in PSYCHOLOGIE IN ÖSTERREICH)

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Zusammenfassung

Sind schamanische und psychologische Behandlungen wirklich so verschieden, wie sie auf den ersten Blick ausschauen? In dem Artikel wird ein wesentlicher Punkt herausgegriffen: Während SchamanInnen (in Trance) Dämonen und gute Geister kontaktieren, arbeiten PsychotherapeutInnen mit destruktiven Persönlichkeitsanteilen und Ressourcen. Bei allen Unterschieden in den Weltbildern und den äußeren Formen - meine These: es handelt sich um dieselben Vorgänge, die einmal intrapsychisch und einmal extrapsychisch gedeutet und erlebt werden. Ob ich "die Weisheit des (kollektiven) Unbewußten" zur Problemlösung nütze oder mich von "guten Mächten" inspirieren lasse, die psychologisch gesehen als Entitäten außerhalb projeziert werden: Was die Wirkung betrifft, scheint es unerheblich zu sein, wie man darüber denkt.

Summary

Is shamanic healing really as different from psychological treatment as it seems to be at first glance? The article singles out one essential point: While shamans (in trance) contact demons and good spirits, psychotherapists work with destructive parts as well as resources of the personality. In spite of all differences in the view of life and in external forms, I postulate that we deal with the same processes, which on the one hand are explained and felt within the psyche and on the other hand outside. Whether I use Òthe wisdom of the (collective) UnconsciousÓ to solve a problem or am inspired by Ògood powersÓ, which from a psychological viewpoint are entities projected outside: for the effectiveness of the process it seems to be irrelevant in which way we think about it.

"Es hat in der westlichen Psychiatrie Tradition, Mystiker als Irre, Heilige als Psychotiker und Weise als Schizophrene zu betrachten, und dies ungeachtet der Tatsache, dass die großen Heiligen und Weisen möglicherweise den Gipfel menschlicher Entwicklung repräsentieren und den stärksten Einfluss auf die menschliche Geschichte gehabt haben." Roger N. WALSH

Da ich sowohl psychologische wie schamanische Heilverfahren anwende, musste ich diese doch sehr unterschiedlich erscheinenden Richtungen auf Kompatibilität prüfen - schon, um innere Konflikte zu vermeiden.

Der Völkerkundler und Psychologe Holger KALWEIT (1999) meint: "Die schamanische Kenntnis des Psychischen ist verquickt mit einer Kosmologie und Metaphysik, die die moderne Psychologie so weit hinter sich gelassen hat, dass ein Dialog kaum mehr möglich ist." Ich glaube aber schon an eine fruchtbringende Auseinandersetzung und finde sie wichtig für beide Seiten.

Als ich mich das erste Mal intensiver mit Schamanismus befasste, war ich fasziniert von der Tatsache, dass ich wesentliche Heilungspraktiken (unter anderen Namen) bereits seit vielen Jahren kannte und (wenn auch nicht in identischer Form) praktizierte. Kein Wunder: Schamanismus ist ja mit einem wahrscheinlichen Alter von über 30.000 Jahren nicht nur die älteste Form der Medizin, sondern auch der Psychotherapie. Dass die westliche Psychotherapie von vielen schamanischen Elementen durchdrungen ist, erklärt sich auch dadurch, dass viele Gründer und Vertreter von Therapierichtungen, wie C.G. Jung (+ 1961), Fritz Perls (+ 1971) usw. nicht nur über andere Kulturen gelesen haben, sondern auch durch persönliche Kontakte beeinflusst wurden Andererseits dringt spirituelle Heilarbeit in Bereiche vor, die durch westliche Medizin und Psychotherapie oft nicht berührt werden. Auch die Ziele sind nicht identisch, wie Andreas REIMERS (2005) betont, der sich als Nervenarzt und Psychotherapeut wissenschaftlich auch mit dem Schamanismus bei den Bergvölkern Nepals befasst: "Während in den modernen Psychotherapien ... die Entwicklung einer angemessenen Ich-Stärke und sozialen Kompetenz sowie eines positiven Selbstbildes als Ziel angesehen wird, betonen traditionelle, schamanische Heilsysteme eher die Rückgewinnung des Platzes in der sozialen Gemeinschaft und in der kosmischen Ordnung. Anders als in der Gestalttherapie, dem Psychodrama und anderen erlebnisorientierten Therapieformen übernimmt nicht der Patient, sondern vorwiegend der Schamane selbst die Rolle, Gefühle, Träume und Konflikte darzustellen, zu verkörpern und zu personifizieren. Der Patient partizipiert aktiv an der Musik, dem Tanz und den kulturell vorgegebenen Imaginationen des Schamanen und überlässt sich damit dem Therapieprozess, wodurch das Lernen am Modell sowie eine direkte Kraftübertragung stärker in den Vordergrund rückt."

Die Unterschiede

Es gibt im schamanischen Weltbild zwei Grundannahmen, die so in der modernen Psychologie nicht vorkommen:

1. Grundannahme: Außer der sichtbaren gibt es noch andere Welten

Diese werden als bevölkert erlebt: nicht nur von den Toten, sondern auch von Dämonen und von mächtigen Geistwesen, die man kontaktieren und um Schutz und Hilfe, um Kraft, Heilung und Erkenntnis bitten kann. SchamanInnen lassen sich - in Trance - von guten Mächten lehren und führen: bei der Lösung von Problemen und der Behandlung von Krankheiten etc. Oft werden dazu besondere Kraftplätze genützt und es gibt auch bestimmte Zeiten, in denen das Tor zur Geisterwelt offener ist als sonst z.B. die Nächte beim Wechsel der Jahreszeiten.

2. Grundannahme: Alles ist Teil eines Ganzen Wir sind es gewohnt, uns als Einzelwesen, getrennt von allen anderen, zu sehen. Aus schamanischer Sicht wird die Einzelausformung und Unterscheidbarkeit des Einzelnen vom Anderen nicht geleugnet, so wie auch ein Finger sich vom anderen unterscheidet. Was unsere Kultur aber trotz der Entwicklung der Systemtheorie nicht sehr ernst nimmt, ist, dass Alles mit Allem verbunden ist. Schamanisch werden nicht nur wie in Jung's Konzept vom "Kollektiven Unbewußten" alle Menschen als verbunden erlebt, sondern der ganze Kosmos wie ein einziger Organismus gesehen. Galsan Tschinag, ein Tuvinier aus der Mongolei drückt es (in: Amélie SCHENK, 1998) so aus: "Die Geister meiner Urahnen habe ich überall um mich herum, es ist der Wind, es ist der Sonnenstrahl, es ist die Erde, es sind die Steine, die Bäume, die Menschen, die Tiere, alles, was mich umgibt, ist jeweils Teil der Geister meiner Urahnen ... Bei uns ist die bekannteste Behandlungsmethode eigentlich die Berührung mit der Mutter Erde, die Berührung mit den Brüdern Bäumen, die Berührung mit den Freunden Steinen, die Berührung mit den Schwestern Gewässern. Wenn ich auf der Erde sitze oder liege, spüre ich eine Strömung durch mich hindurchgehen, und ich halte dies für die Kräfte der Geister." Beide Grundannahmen klingen aus wissenschaftlicher Sicht in der Form unhaltbar und wurden seit dem Beginn der Neuzeit zunehmend in Frage gestellt.

Am Ende des Mittelalters: Trennung von Spiritualität und Heilung Bis ins Hochmittelalter hielt man Medizin, Mathematik, Astronomie und Astrologie, Philosophie, Theologie, Musik, Kunst und Mystik nicht für wirklich getrennte Disziplinen, sondern für verschiedene Ausprägungen der Grundprinzipien des Seins. Besonders die Denker der griechischen Antike vor Sokrates sahen dies so. Die Trennung und Spezialisierung, wie wir sie heute kennen, als ob die einzelnen Bereiche miteinander nichts zu tun hätten, begann erst im ausgehenden Mittelalter. Von nun an waren z.B. die - an den neu gegründeten Universitäten ausgebildeten - Ärzte für das Heil des Körpers und die Kirche für das Heil der Seelen zuständig. Die Trennung von Spiritualität und Heilung war vollzogen. Die Wissenschaft löste sich aus der Vormachtstellung der Theologie. Dass die universitäre Medizin und Wissenschaft dem Schamanismus skeptisch gegenübersteht, hat also auch historische Wurzeln: Sind sie doch entstanden aus einer Abgrenzung von einem "abergläubischen" Krankheits- und Heilungsverständnis und aus der Distanzierung vom magischen Weltbild - was meiner Ansicht nach ein Fortschritt war. Aber man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Bis ins Mittelalter war auch in ganz Europa die schamanische Tradition noch verbreitet und nicht fremd. Die Kirche verfolgte ihre VertreterInnen grausam und mit Hilfe des weltlichen Armes wurden viele Sensitive auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sodass heute nur noch Reste aufzufinden sind wie die Wenderinnen, Chiromanten, Magnetisten, Handaufleger usw. Die darauf folgende Renaissancezeit sah im Menschen das Maß aller Dinge und wertete den menschlichen Verstand als oberstes Prinzip. In der sogenannten Aufklärung (18. Jhd.) setzte sich dieses Denken endgültig durch. Dies führte zu einem sehr hohen Grad an naturwissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Allerdings zu einem sehr hohen Preis: nämlich der Abwertung der Gefühls- und Triebwelt und der spirituellen/ religiösen Dimension des Menschen, die in unseren Tagen zu einer gewaltigen Sinnleere in den Industriegesellschaften geführt hat. Der zweite hohe Preis war die imperialistische Unterwerfung und wirtschaftliche Ausbeutung der anderen Völker und Kulturen und der natürlichen Ressourcen in einem nie da gewesenen Ausmaß. Haben Schamanen seit Jahrtausenden mit Hilfe ihrer verbündeten Geister erstaunliche Problemlösungen und Heilerfolge hervorgebracht, so wurde noch im 18. Jhd. Pfarrer Johann Joseph Gassner (+1779) als erfolgreicher Teufelsbanner und Wunderheiler bekannt, weil er im Namen Jesu böse Geister austrieb. Franz Anton Mesmer (+1815) nannte kurz darauf - gemäß der Aufklärung - dieses wirksame Dritte (neben der bewußten Aktivität des Therapeuten und des Patienten) nun nicht mehr göttlich, sondern den "animalischen Magnetismus". Durch Berühren der Patienten oder durch Zeichen, die er mit den Händen gab, wird berichtet, gelang es ihm, bei Kranken, beispielsweise bei Epileptikern, die üblichen Krankheitserscheinungen - Schwindel, Zittern, Ohnmachtsanfälle und Ähnliches - hervorzurufen oder abebben zu lassen. Auch aus der Entfernung.

Uraltes in neuer - säkularisierter - Form? In der beginnenden Tradition der Hypnose wird nun dieses uns steuernde Dritte -endgültig säkularisiert - als "Unterbewusstsein" bezeichnet. Besonders Sigmund Freuds (+1939) Psychoanalyse hat es unter großen Widerständen salonfähig gemacht. Die Widerstände waren aus verschiedenen Gründen verständlich: er stellte ja nicht nur wesentliche Teile der Medizin auf den Kopf, sondern machte deutlich, dass wir Menschen Vieles nicht unter Kontrolle haben. Und das ist für den aufgeklärten Verstand schwer zu ertragen. Meinte man doch seit René Descartes (+1650), mit Hilfe der Ratio eines Tages alle Probleme lösen zu können. Freud sah im Unbewussten freilich vorwiegend die Wurzel von Krankheiten und Störungen. In der "Humanistischen Psychologie" wird nun das Unbewusste als unerschöpfliches Potential des Menschen aufgefasst, als die Fülle der Weisheit, die jeder in sich trägt und die schrittweise gehoben werden kann. Abraham MASLOW (1982): "Es ist, als hätte Freud uns die kranke Hälfte der Psychologie geliefert, die wir jetzt mit der gesunden Hälfte ergänzen müssen." Er stellte auf seiner Bedürfnishierarchie nach Grundbedürfnissen, Sicherheit, sozialen Bedürfnissen und sozialer Anerkennung an die oberste Stelle die Selbstverwirklichung, zu der er später auch mystische Erfahrungen zählt: "Die emotionale Reaktion bei Grenzerfahrungen hat einen besonderen Beigeschmack des Wunders, der Scheu, der Ehrfurcht, der Bescheidenheit und der Auslieferung an die Erfahrung als an etwas Großes." Das kommt der schamanischen Sichtweise (wenn auch in einer anderen Sprache) schon sehr nahe. Auch in der Generationen übergreifenden systemischen Therapie wie z.B. bei Familienrekonstruktionen und -aufstellungen, gibt es große Ähnlichkeiten zur schamanischen Sichtweise (siehe August THALHAMER, 2001). Patrice Malidoma SOMÉ (2006), Schamane der Dagara in Burkina Faso und Wissenschafter, über Rituale und Systemaufstellungen: "Offensichtlich verfolgen beide - mit erstaunlich ähnlicher Absicht und auf ähnlich unvorhersagbare Weise - das gleiche Ziel. Beide öffnen in tief verborgene Seiten der individuellen Geschichte, die heilende Aufmerksamkeit benötigt. Beide vermitteln eine Energiezufuhr, durch die das Leben wieder ins Fließen kommen kann." In der "Transpersonalen Psychologie" wird die Reifung der Persönlichkeit ohne Aktualisierung der spirituellen Dimension nicht für vollständig gehalten. Im "Weg des Mystikers" (vgl. Ken WILBER: "Das Atman Projekt" 2001) geht es nicht primär um Ich-Stärke, die Beseitigung von Krankheiten oder die Bewältigung der täglichen Anforderungen des Lebens, sondern um die Erfahrung der Einheit des Seins und die Einordnung des Ich in das große Ganze. Geheilt wird vorwiegend in anderen Bewusstseinszuständen - meist allerdings nur des Klienten. Die Reduktion des Denkens, des Steuerns und das Zurückstellen des eigenen Ichs wird für eine ganzheitliche Heilung als wesentlich angesehen. Gewissermaßen frühe Vorläufer davon waren der österreichische Anthroposoph Rudolf Steiner (+1925), und auch der Schweizer C.G. Jung (+ 1961). In der psychologischen Behandlungspraxis, soweit ich sie überblicke, wird die Weisheit des Unbewussten (die schamanisch in der Anderswelt visualisiert wird) in vielen im Westen entwickelten Therapiemethoden und in einzelnen Behandlungstechniken wie in der "Arbeit mit dem inneren Kind", im "sicheren Ort der Geborgenheit" in der Traumatherapie oder auch im "Kontakt mit sich als weisem alten Menschen" u.v.a. geschätzt und zur Heilung von Problemen genutzt. In vielen Psychotherapierichtungen wird nicht nur verstandesmäßig an die Lösung der Probleme herangegangen, sondern verschiedenste Formen veränderter Bewusstheitszustände (üblicherweise des Klienten) genützt (siehe dazu Dirk REVENSTORF, 2000, über "Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin"). Auch schamanisch wird nicht nur das Denken als Quelle von Erkenntnis genutzt, sondern - in anderen Bewusstheitszuständen (v.a. des Behhandlers) - in uns wohnendes Wissen gehoben. Meine These:

Schamanische Behandlung ist Heilung in Trance mit Hilfe der Weisheit des Unbewussten Der Begriff "Das Unbewusste" eignet sich m.E. besonders gut, weil er ja nichts über sich aussagt, sondern nur, dass seine Inhalte und Vorgänge nicht bewusst sind - die aber durch schamanische und auch durch andere Methoden ans Licht des Bewusstseins gebracht werden können. Auch in der Hypnotherapie wird "Das Unbewusste" als geeignete Metapher für sonst schwer definierbare Ressourcen begrüßt, aber auch in Frage gestellt; z.B. macht sich Gunther Schmidt über die "Verdinglichung" lustig: "Wenn Sie Ihr Unbewusstes treffen, grüßen Sie es von mir!" (MILTON ERICKSON GESELLSCHAFT FÜR KLINISCHE HYPNOSE, 1989) Die Botschaften aus diesen Ressourcen können, wie von Stanislav GROF (1978) in seiner "Topographie des Unbewussten" beschrieben, die gegenwärtige Lebenssituation oder die frühere Lebensgeschichte, die frühe Kindheit, die perinatale Periode oder die embryonale und fötale Existenz betreffen, aber auch aus transindividuellen, transpersonalen und transhumanen Quellen stammen. Ist man als PsychologIn von den riesigen Ressourcen überzeugt, die im Menschen liegen, und wird man therapeutisch oder beratend immer wieder darin bestätigt, kommt einem die schamanische Auffassung nicht mehr so fremd vor. Es stellt sich aber immer noch die Frage:

Wird nun geheilt mit Hilfe von Geistwesen oder der Weisheit des Unbewussten? Interessanterweise haben auch manche indigenen Schamanen kein Problem, diese auf den ersten Blick so verschieden anmutenden Sichtweisen zu verbinden, wenn z.B. Papa Eli aus Burkina Faso oder der von den mexikanischen Huichol initiierte Brant Secunda und andere, die ich traf, übereinstimmend sagen, dass ja die Geister in uns sind. Aus der Tiefenpsychologie kennen wir das Konzept der "Internalisierung", nach dem real erlebte Personen - z.B. Vater, Mutter oder Erzieher - regelrecht zu Teilen der eigenen Persönlichkeit werden, sodass es für die Praxis unerheblich ist, ob man es therapeutisch z.B. mit dem vorgestellten Vater oder dem Über-Ich zu tun hat. Zu ähnlichen Konsequenzen führen auch die Auffassungen des Konstruktivismus. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum eine Einzeltherapie genauso möglich und wirksam ist wie eine Familientherapie, weil ohnehin alle relevanten Personen, schon tot oder noch am Leben, in mir sind. Vielleicht bezieht sich die Internalisierung aber nicht nur auf die Personen, die ich z.B. als Kind erlebt habe, sondern - unbewusst - auf alle meine Vorfahren, wie ich ja auch körperlich/ genetisch von allen meinen Vorfahren etwas in mir habe und sie bin. Umgekehrt ist es z.B. in der Gestalttherapie, in der Familienaufstellung und anderen Methoden üblich, nicht nur z.B. mit Körperteilen, sondern auch mit Ressourcen oder mit Symptomen z.B. einer Panik zu kommunizieren, indem man sie erst nach außen projiziert und personalisiert und mit ihnen (z.B. in der Vorstellung am "heißen Stuhl" oder durch GruppenteilnehmerInnen dargestellt) Kontakt aufnimmt. Man beginnt damit, dass man den Pa¬tien¬ten fragt, wie er¬ die Panik er¬lebt. Dar¬auf¬hin be¬schreibt er sie z.B. als Un¬ge¬heu¬er, das sich auf ihn stürzt. Man kann dann so¬gar Grö¬ße, Kon¬si¬stenz und Farbe etc. er¬fra¬gen. Durch die Tren¬nung von "Ich" und "Pa¬nik" ist es dem Pa¬tien¬ten nun mög¬lich, mit der Pa¬nik zu kom¬mu¬ni¬zie¬ren, zu ver¬han¬deln, ihr mit¬zu¬tei¬len, wie es ihm mit ihr geht, sie zu bit¬ten oder For¬de¬run¬gen zu stel¬len und sie in die Schran¬ken zu wei¬sen. Meist hat das Symp¬tom ei¬ne gu¬te Ab¬sicht, die auf die¬sem Weg schnell zu¬ta¬ge tritt. Häu¬fig lässt man den Klien¬ten auch in¬ die Rol¬le des Symp¬toms tre¬ten, da¬mit er sich sel¬ber auch ein¬mal von der an¬de¬ren Sei¬te sieht und auch die Qua¬li¬tä¬ten der an¬de¬ren Sei¬te als sei¬ne ei¬ge¬nen er¬fah¬ren kann, die ihm zur Ver¬fü¬gung ste¬hen. Nor¬ma¬ler¬wei¬se fühlt man sich be¬reits nach ei¬ner Sit¬zung nicht mehr in dem Ma¬ße aus¬ge¬lie¬fert wie vor¬her. In der schamanischen Tradition geht man damit auf ähnliche Weise um, nur daß die "Panik" als Wesenheit außerhalb von mir - als Dämon - aufgefaßt wird. "Vom WAS zum WER", schlägt Reinhard WALTER (2004) vor: Wenn jemand sein Problem beschreibt "Es bedrückt mich etwas, etwas schnürt mir den Hals zu, etwas macht mich traurig, etwas lässt mich nicht zur Ruhe kommen, etwas lähmt mich, etwas macht mich wütend", kann es hilfreich sein, nicht zu fragen: "Was ist es?", sondern: "Wer ist es?" In der schamanischen Tradition ist die Projektion von Persönlichkeitsanteilen etc. nach außen üblich. Man wäre keineswegs einverstanden, das als Projektion zu bezeichnen, sondern fragt von vornherein "Wer?" und denkt dabei an Vorfahren oder Dämonen, die den Patienten belasten oder belästigen. Und man denkt an Ahnen oder gute Mächte, die einen beschützen. Die Schamanin versucht dann im Ritual, die Dämonen des Patienten zu bekämpfen, zu besänftigen, im Zaum zu halten oder zu verwandeln, und schöpft umgekehrt aus den Ressourcen, die als gute Geister visualisiert werden. "Mir scheint, wir sind nicht nur auf dem Wege, falsche Trennungen zwischen Lebenden und Toten aufzuheben, sondern auch zwischen Geschichte und Vorgeschichte", betont der Pädagoge, Körper- und Systemtherapeut Heinz STARK (2000). So sind die Ahnen wohl zugleich außerhalb von uns und in uns und es gibt vielleicht die klare Trennung zwischen "intrapsychisch" und "interpersonal", wie wir sie gewohnt sind, gar nicht. D.h. aber auch, dass sich die Schamanin nicht über die "Psychologisierung" ihrer als außen erlebten Entitäten und die Therapeutin nicht über die "esoterische" Erklärung ihrer Erfahrungen mit der Psyche ärgern muss. Jede kann bei ihrer Wirklichkeitskonstruktion bleiben und hervorragend damit arbeiten, denn, das ist meine These:

Das Reich der Seele und der Geistwesen ist eins So gesehen sind dann z.B. auch Familienaufstellungen zugleich Darstellungen des (äußeren) Beziehungsgefüges eines Klienten wie der Konstellation seiner inneren Teile. Ähnlich wie in Virginia Satir's (+ 1988) "Parts Party". Diese Auffassung vertrete ich seit dreißig Jahren und finde sie durch meine Erfahrungen gedeckt. Ich stimme der amerikanischen Psychotherapeutin Jeannette M.GAGAN (2000), die wie ich auch schamanische Heilmethoden anwendet, zu: "Die Welt der Geistwesen, mit denen man während des Reisens in Kontakt kommt, ist nichts Anderes als die Landschaft des kollektiven Unbewussten." Und wer die oft spektakulären schamanischen Phänomene unserem Unbewussten nicht zutraut, der hat es eben unterschätzt. Auch Amy SMITH, Schamanismusforscherin, ausgebildet in Psychologischer Anthropologie (1999) schreibt über "The Shamanic Archetypal Complex": "The cross-cultural similarities between the characteristics of this transcendent experience are due to the witnessing the structure of our human collective consciousness, which is none other than the universe itself." Wenn ich also den Begriff der Persönlichkeit bzw. der Seele (hier synonym verwendet) so weit fasse, ist es gleich, ob etwa die Toten bei einer Rekonstruktion, Aufstellung oder schamanischen Behandlung anwesend sind oder nicht. Die Erlebnisse sind - wie auch immer - tief beeindruckend. Der Forscher und Priester Eric DE ROSNY (1999) beschreibt, wie sich der verstorbene Heiler Loe offensichtlich bei in Trance befindlichen Ritualteilnehmerinnen hörbar manifestierte: "Dass die Gegenwart eines Toten so spürbar wurde, hatte ich noch nie erlebt. Da nützt es nichts, sich gegen derartige Manifestationen, die unserem Empfindungsvermögen fremd sind, zu wehren, sie sind ansteckend, sie überwältigen einen." Ich bin schon früher (August THALHAMER, 2000) der Frage nachgegangen, ob es sich bei Aufstellungen um die Anwesenheit der Seelen der Verstorbenen oder um Darstellungen innerer Bilder handelt. (Siehe dazu auch die Zeitschrift "Praxis der Systemaufstellung", wo ein Artikel von Albrecht MAHR, 1999, zum Thema "Wie Lebende und Tote einander heilen können" eine lebhafte Diskussion in den nächsten Nummern auslöste.) Für die Praxis macht es meiner Erfahrung nach keinen Unterschied, wie man es auffasst. Der Hauptunterschied zwischen den meisten Psychotherapierichtungen und schamanischer Heilbehandlung ist also, dass die helfenden Elemente im einen Fall als Persönlichkeitsanteile, im anderen als Geistwesen außerhalb der eigenen Person gesehen werden. Roger N. WALSH (1992), der Psychiatrie, Philosophie und Anthropologie lehrt, deutet die Geister, die sich als wertvolle Quelle von Wissen, Orientierung und Weisheit entpuppen, "einmal als normale Subpersönlichkeiten, wie die traditionelle Psychologie, zum andern aber auch als transzendente Aspekte der Psyche 'über und jenseits' des Ego ... Beispiele aus dem Westen wären etwa das höhere Selbst, der transpersonale Zeuge, das Jungianische Selbst, das der Kern der Psyche ist, und der innere Selbsthelfer, eine hilfreiche und offenbar transpersonale Persönlichkeit, die bei 'multipler Persönlichkeit' vorkommt." Und er berichtet von S. Malkin, der sich mit dem Channeling befaßte: "Einige Channeler empfinden denn auch im Lauf der Zeit ihre Geister nicht mehr als separate Wesenheiten, sondern als Aspekte ihrer eigenen Psyche, als eigene unerschlossene Weisheiten."

Das selbe - in verschiedenen Sprachen ausgedrückt Ich behaupte, dass es sich um dieselben Vorgänge handelt, die einmal intrapsychisch und einmal extrapsychisch gedeutet werden. Wie wenn man das Gleiche in verschiedenen Sprachen ausdrückt - inkl. der damit verbundenen Traditionen, Bilderwelten, gedanklichen Konstruktionen und Gefühle. So sind die theoretischen Erklärungen, wie auch die Rituale und die dazu gehörigen Vorstellungsbilder recht verschieden und ich könnte nicht sagen, welche Erklärung mehr stimmt oder, ob überhaupt eine stimmt. Das stört aber meine Heilpraxis nicht, weil ich mich auf das verlasse, was wirkt - und da merke ich keine Unterschiede. Ein Beispiel: Als ich die Augen schließe, um (in Trance) Edith mit einer Gruppe schamanisch zu behandeln, sehe ich sofort eine winzige Kugel in ihrem Bauch: ein kleines Mädchen, total isoliert, allein und verlassen, hilflos und ausgeliefert. "Warum hilft mir denn keiner?", wimmert es. Es kann ihm aber keiner helfen, weil der Herr im Kopf es nicht zulässt. Er ist uneinnehmbar. Ich solle nichts tun, nur warten und ihm so bewusst machen, dass ich noch immer da bin. Nach langem öffnet sich Ediths Kopf. Die GruppenteilnehmerInnen - zu Beginn der Behandlung eingeladen, sich ein Instrument zu nehmen und gemäß ihren inneren Impulsen Musik zu machen - müssen die Veränderung ebenfalls wahrgenommen haben: Sie ändern im gleichen Augenblick Lautstärke und Rhythmus. Ich sehe eine schöne Penthouse-Wohnung. "Und das soll ich alles aufgeben?", sagt der Bewohner. Darauf ich: "Aber denk doch an das kleine Mädchen unten!" "Was geht die mich an?", sagt er. "Die ist mir gleich." Während wir reden, erscheinen unzählig viele Ameisen, die Edith schon bei einer schamanischen Reise zu Hilfe gekommen waren. "Was machen die alle da?", ruft der Herr entsetzt. "Verschwindet, Ihr Viecher!" Aber er versucht es nicht mal, er hat keine Chance. Die Ameisen unterminieren die Mauern, bis alles zusammenfällt und weg ist. Sie grinsen. Der Mann gibt auf und das Kind ist gerettet. Mehrere im Kreis haben es gesehen. Nach der Sitzung berichtet Edith von ihrer jahrelangen Missbrauchserfahrung in ihrer Kindheit. Darüber hatte sie noch mit niemandem geredet. Auch wenn am Trauma noch weiter zu arbeiten sein wird - sie ist sichtlich verändert. Ich wollte mit diesen Zeilen nicht missionieren. Aber vielleicht anregen, sich mit den uralten Heilformen zu befassen, weil sie vielleicht zusätzlich zu unseren bewährten Behandlungsmethoden neue Sichtweisen und Techniken beisteuern, die Jahrtausende lang erprobt und von Generation zu Generation - mündlich - weitergegeben wurden. Sie von vornherein abzuwerten, weil sie bei oberflächlicher Betrachtung nicht in unser wissenschaftliches Glaubenssystem passen, wäre überheblich und unwissenschaftlich. Aus konstruktivistischer Sicht geht es ja ohnehin "nur" um die Frage, wie hilfreich eine Wirklichkeitskonstruktion ist. Dazu der Anthropologe Jeremy NARBY (2001), der zwei Jahre im peruanischen Amazonasgebiet schamanische Heilrituale erforschte: "Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.

Und um das zu verändern, was wir sehen, müssen wir manchmal das verändern, was wir glauben.Ò

Literatur

BANDLER, Richard/ GRINDER, John: Struktur der Magie: Metasprache und Psychotherapie. Bd.1.- Paderborn, 2001, Junfermann DE ROSNY, Eric: Die Augen meiner Ziege. Auf den Spuren afrikanischer Hexer und Heiler.- Wuppertal, 1999, Hammer

GAGAN, Jeannette M.: Reisen zum Selbst. Wo Schamanismus und Psychologie sich begegnen. München, 2000, DTV

GROF, Stanislav: Topographie des Unbewussten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart, 1978, Klett-Cotta

KALWEIT, Holger: Der Schamane im Kraftfeld von Geist, Energie und Natur.- In: SCHENK, Amélie/ RÄTSCH, Christian (Hrsg.): Was ist ein Schamane? Schamanen, Heiler, Medizinleute im Spiegel westlichen Denkens. Berlin, 1999, VWB

MAHR, Albrecht: Wie Lebende und Tote einander heilen können.- In: Praxis der Systemaufstellung (Zeitschrift) 1/1999

MASLOW, Abraham H.: Psychologie des Seins. Ein Entwurf. Berlin, 1982, Kindler

MILTON ERICKSON GESELLSCHAFT FÜR KLINISCHE HYPNOSE: In: Hypnose und Kognition (Zeitschrift) 4/ 1989, Bd. 6 (1)

NARBY, Jeremy: Die kosmische Schlange. Auf den Pfaden der Schamanen zu den Ursprüngen modernen Wissens. Stuttgart, 2001, Klett-Cotta

REIMERS, Andreas: Wissenschaftliche Ansätze zum Verständnis schamanischer Heilrituale.- In: Verein Pacha Mama (Hrsg.): Gesundheit & Spiritualität. Dokumentation des Kongresses.- Wien, 2005, pro literatur

REVENSTORF, Dirk: Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Manual für die Praxis. Berlin, 2000, Springer

SCHENK, Amélie: Eine Legende in der Geburt: Vom Werden der Schamanin.- In: SCHARFETTER, Christian/ RÄTSCH, Christian (Hrsg.): Religion - Mystik - Schamanismus. Welten des Bewusstseins. Band 9. Berlin, 1998, VMB - Verlag für Wissenschaft und Bildung

SMITH, Amy: The Shamanic Archetypal Complex: The Universal Shamanic Experience as a Reflection of Our Inherent Psychic Terrain.- In: SCHENK, Amélie/ RÄTSCH, Christian (Hrsg.): Was ist ein Schamane? Schamanen, Heiler, Medizinleute im Spiegel westlichen Denkens. Berlin, 1999, VBW STARK, Heinz: Die wirk-lichen Toten.- In: Praxis der Systemaufstellung (Zeitschrift) 2/ 2000

THALHAMER, August: Sein oder nicht Sein. Die Toten in der Familienaufstellung vs. beim schamanischen Heilritual. Linz, 2000, www.thalhamer-haase.at, Abruf vom 1.9.2007

THALHAMER, August: Schamanismus und Familienstellen. Übereinstimmungen und Unterschiede aus der Sicht eines Therapeuten, der beides praktiziert. Linz, 2001, www.thalhamer-haase.at, Abruf vom 1.9.2007

THALHAMER, August: Der Heilungsweg des Schamanen - im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung.- Linz, 2007, edition pro mente

URBAN, Roland: Rückkehr zum inneren See. Schamanismus, Bewusstsein, Psychotherapie. Diplomarbeit an der Universität Wien/ Psychologie, 2007

WALTER, Reinhard: Seelische Wirklichkeiten in der Aufstellungsarbeit zu Wiedergeburt, Besetzung, Spiritualität.- In: Praxis der Systemaufstellung (Zeitschrift) 1/ 2004

WALSH, Roger N.: Der Geist des Schamanismus. Olten, 1992, Walter

WILBER, Ken: Das Atman-Projekt. Der Mensch in transpersonaler Sicht. Paderborn, 2001, Junfermann


Erschienen in Psychologie in Österreich 1 | 2008