Hier einige Veröffentlichungen von August Thalhamer, katholischer Theologe, Psychologe und Stadtschamane
(Ich befasse mich seit längerem u.a. mit den Zusammenhängen zwischen christlichen, psychotherapeutischen und schamanischen Heiltraditionen.)

SIND SCHAMANISMUS, CHRISTLICHE MYSTIK UND WESTLICHE PSYCHOTHERAPIE KOMPATIBEL ? 1996
Übereinstimmungen und Unterschiede aufgezeigt an konkreten Beispielen.

WAR JESUS EIN SCHAMANE ? 1998
In Jesu Lehre und Praxis sind eine Reihe von Elementen, die offensichtlich aus der viel älteren schamanischen Tradition stammen. Andererseits gehen seine Auffassungen weit über schamanische Vorstellung und Praxis hinaus.

DER TRAUM DES SCHAMANEN (Abstract) 1999
Schamanische Traum- und Trance-Techniken und ihr Bezug zu westlicher Psychotherapie und christlicher Heil-Tradition.

SHAMANIC COUNSELING UND AUTOGENES TRAINING 1999
Ein Vergleich

SEIN ODER NICHT SEIN 2000
Die Toten in der Familienaufstellung vs. beim schamanischen Heilritual

SCHAMANISMUS UND FAMILIENSTELLEN 2001
Übereinstimmungen und Unterschiede aus der Sicht eines Therapeuten, der beides praktiziert.
English: WHERE SHAMANISM AND PSYCHOTHERAPY MEET

DIE GLOBALISIERUNG DES SCHAMANEN 2002
Die gängige Praxis der Globalisierung im Gegensatz zu schamanischer Weltsicht und - Behandlung.
English (Abstract): THE GLOBALISATION OF THE SHAMAN Globalisation as it really is and the global way of thinking in the theory and practice of Shamanic philosophy and healing.

BRAUCHE ICH DROGEN ZUR EKSTASE? 2002
Eine schamanische Alternative.

JESUS HEILTE. UND WIR? 2003
Heilungen aus dem Glauben - ein neues - altes Angebot der Pfarren?

POLITIK & SPIRITUALITÄT 2003
Über Projektion und andere Unannehmlichkeiten. Eine persönliche Anmerkung zur aktuellen Weltlage.
English (Abstract): POLITICS AND SPIRITUALITY
About "projection" and other embarrassing discoveries. A comment on the contemporary state of the world.

WHERE SHAMANISM AND PSYCHOTHERAPY MEET 2003
Differences and correspondences, illustrated by examples from family constellation work, from the point of view of a practitioner of both methods
Deutsch: SCHAMANISMUS UND FAMILIENSTELLEN

DIE EINSTELLUNG DES THERAPEUTEN ZUM KLIENTEN 2004
Persönliche Betrachtungen über die Therapeutenvariablen

JENSEITS VON LUHMANN: ÜBER DEN SYSTEMBEGRIFF UNSERER VORFAHREN UND SEINE MÖGLICHE ANWENDUNG HEUTE 2006
(Inhaltsverzeichnis und Rezensionen) Ein paar Seiten in einem Fachbuch über systemische Therapie von Gerda Mehta/ Erik Zika (Hrsg.): Systemische Grenzgänge Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen.- 350 Seiten; Euro 29,50 ISBN 3 901811 20 6 Krammer-Verlag, Wien

DER HEILUNGSWEG DES SCHAMANEN - IM LICHTE WESTLICHER PSYCHOTHERAPIE UND CHRISTLICHER ÜBERLIEFERUNG 2007
(Inhaltsverzeichnis und Einleitung)
Eine Zusammenfassung und Erweiterung der bisherigen Arbeiten.
300 Seiten, Euro 16,-- erschienen in der edition pro mente, Linz.
ISBN 10: 3-901409-85-8 ISBN 13: 978-3-901409-85-1 Hier können Sie das Buch bestellen.

English (Abstract and Content):
THE SHAMAN'S ART OF HEALING
IN THE LIGHT OF WESTERN PSYCHOTHERAPY AND CHRISTIAN TRADITION

Francais (Résumé et contenu):
LE CHEMIN SHAMANIQUE DE GUÉRISON
À LA LUMIÈRE DE LA PSYCHOTHÉRAPIE OCCIDENTALE ET LA TRADITION CHRÉTIENNE

IST SCHAMANISMUS MIT DEM CHRISTENTUM KOMPATIBEL?
Bei achtungsvoller Betrachtung entdeckt man unerwartete Übereinstimmungen
(Artikel in KIRCHE IN) 2007

WO SICH SCHAMANISMUS UND PSYCHOLOGIE TREFFEN
Where Shamanism and Psychology Meet (Artikel in PSYCHOLOGIE IN ÖSTERREICH) 2008

ANGST UND MANIPULATION 2008
Psychologische Anmerkungen

SCHULD & AUFERSTEHUNG 2010
Eine Predigt zum Thema: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? - Erbschuld - Glückliche Schuld?

BLICK IN DIE SEELE DES RECHTSRADIKALEN 2010
Psychologische Anmerkungen

SCHAMANISCHE PSYCHOTHERAPIE 2010
Persönliche und psychologische Annäherung an eine uralte Ressourcenarbeit

EXORZISMUS 2011
Kritische Anmerkungen aus schamanischer Sicht

LITERATURLISTE zu Schamanismus Shamanism - LIST OF TITLES

Hier eine Veröffentlichung von Rita Haase, Psychotherapeutin. Besondere Schwerpunkte: Eßstörungen, Krebs, Pflege- und Adoptivfamilien

ES IST NIEMALS ZU SPÄT 2001
Die Geschichte der Psychotherapie eines Krebskranken

SIND SCHAMANISMUS, CHRISTLICHE MYSTIK UND WESTLICHE PSYCHOTHERAPIE KOMPATIBEL ?

Übereinstimmungen und Unterschiede aufgezeigt an konkreten Beispielen.

Zusammenfassung: Als ich mich das erste Mal intensiver mit Schamanismus befaßte, entdeckte ich verwundert, daß ich die wesentlichen Heilungspraktiken bereits seit vielen Jahren kannte und praktizierte: die Reise in die obere Welt ist Teil des Autogenen Trainings/ Oberstufe, die Reise zum Krafttier kannte ich vom NLP, Extraktion und Rückholung von Seelenteilen gehört zur täglichen Praxis eines Gestalttherapeuten. Während freilich der Schamane die Kräfte und Geister der anderen Welten als eigene Wesenheiten erlebt, bleibt der westliche Therapeut im (tiefen)psychologischen Bereich. Einerseits also ein großer Unterschied in der Theorie und auch in der konkreten Vorgehensweise (Heilung durch den Schamanen mit Hilfe gerufener Kräfte und durch die Naturgeister versus Heilung durch die Integrationsarbeit des Patienten), andererseits geht es um den selben Vorgang, bloß von verschiedenen Seiten betrachtet. Wie im Schamanismus sind auch in der christlichen Theologie "Mächte und Gewalten" und "Engel" als Boten Gottes eine Selbstverständlichkeit; ebenso werden göttliche Botschaften oft im Traum übermittelt. Die Sensitiven werden in der Bibel als Propheten oder als mit besonderen Charismen begabte Gemeindemitglieder bezeichnet. Spirituelle Heilungen werden nicht nur von Jesus erzählt, sondern auch von seiner Schülergruppe und waren für die ersten Christengemeinden geradezu ein Markenzeichen. Menschen, die auf ihre inneren Bilder und Stimmen horchen, sind freilich für Machthaber nicht so leicht zu führen. Und so hatten spirituell Begabte und Mystiker in der Kirche nie ein leichtes Leben. In Umkehrung der Frohen Botschaft wurden viele von ihnen ermordet. Während die meisten Psychotherapierichtungen die Ich-Findung und Ich-Stärkung sowie die seelische und körperliche Gesundung zum Ziel haben, geht es in der Mystik gerade um die Ich-Aufgabe, um das Aufgehen in der göttlichen Liebe. Das wiederum entspricht dem Vorgehen des Schamanen, der sich während der Heilungstätigkeit von seinem Ich löst und in den anderen Welten aufgeht.

Wer in der europäischen Antike nicht ordentlich griechisch sprechen konnte und dessen Sprache sich anhörte wie "Brr, brr", der wurde von den Griechen "Barbar" genannt. Wer nicht zum von Gott auserwählten Volk Israel gehörte, die nannte man ebenso etwas abschätzig: "Gojim". Die, die sich Jesuaner nannten, schockierten ihre jüdischen Landsleute mit der Geschichte, daß ausgerechnet drei dahergelaufene Magier / Schamanen aus fremden Kulturen auf Grund ihrer Horoskope den neugeborenen Sohn Gottes als erste begrüßten und Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenke überreichten, wogegen die einheimischen Theologen und die Machthaber in der Hauptstadt keine Ahnung hatten. Matth 2 Gottes Geist, heißt ihre befreiende Botschaft, macht nicht halt an Grenzen von Völkern oder Religionen. Die ganze Welt und jeder Mensch zu allen Zeiten und auf allen Erdteilen ist von vornherein willkommen und bedingungslos angenommen hieß das "Euaggelion", die gute Botschaft.
"DER GEIST WEHT, WO ER WILL."
Diesen Satz aus der Heiligen Schrift der Christen (Joh 3) stelle ich an den Beginn meiner Ausführungen. "Ich gieße meinen Geist aus über alle Menschen. Dann werden eure Söhne und Töchter prophetisch begabt sein, eure Greise werden wahre Träume haben, eure Jungmänner Gesichte schauen." So der Prophet Joel 3

Einige Jahrhunderte später zog man das Schwert und eroberte im Namen Jesu ganze Erdteile. Schamanen wurden als Heiden bekämpft, sensible und naturkundige Frauen als Hexen verbrannt. Holger Kalweit berichtet, daß ausgerechnet durch die christliche Mission manche Schamanen ihre Heilkraft verloren haben und noch heute vertreten die christlichen Fundamentalisten: "Extra ecclesiam nulla salus" (außerhalb der Kirche kein Heil). So ist es zwar nicht meine Ansicht, aber verständlich, wenn der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker singt: Wenn der Papst seinen Segen urbi et orbi (der Stadt Rom und dem Erdkreis) gibt, mache ich mich ganz klein, damit er mich nicht erwischt. Gingen große Teile der Kirche und der Kirchenleitung oft in die Irre und begingen furchtbare Verbrechen, so ließen sich viele andere in den Kirchen nicht drausbringen, in Jesus von Nazareth die fleischgewordene Liebe Gottes zu sehen, und zu verkünden, daß allen und allem vor und nach ihm Gottes Geist innewohnt.

Was heißt das?
Im Judentum und bei den meisten anderen Religionen herrschte die Auffassung vor, daß Gott im abgegrenzten Bereich des Sakralen, dem templum oder fanum wohne, demgegenüber die Welt als pro-fanum (vor dem Heiligtum) bezeichnet wurde. Diese Grenze zwischen himmlisch und irdisch, zwischen übernatürlich und natürlich wurde im Christentum aufgehoben. Ausgedrückt in dem Bild der heiligen Schrift, daß im Augenblick des Todes von Jesus der Vorhang des Tempels zerriß. (Luk 23) Bisher durfte nur der Hohepriester zum Allerheiligsten vordringen, und das nur an ganz bestimmten Tagen. Im Christentum wird hingegen die Welt selber als Ausdruck Gottes aufgefaßt, sodaß man das Göttliche in den Menschen und dem ganzen Kosmos finden kann - deutlich geworden durch die Menschwerdung/Weltwerdung Gottes.

Zwischendurch möchte ich betonen, daß hier über Unaussprechliches gesprochen wird, über Wirklichkeiten, die per definitionem undefinierbar sind und eigentlich nur durch Negation ausgedrückt werden können. "Du sollst dir kein Schnitzbild machen!" heißt es im ersten Gebot der heiligen Schriften, die Juden und Christen gemeinsam sind (Ex 20). Da wir uns aber nur in Chiffren und Bildern verständigen können, müssen wir dies tun in dem Bewußtsein, daß sie in Wirklichkeit bestenfalls Annäherungen sind, aber nicht zutreffen.

1.) So wird also Gott einerseits als Person der Welt gegenüber aufgefaßt, aber andererseits als in der Natur, in der Welt, also auch in jedem Menschen erfahrbar. Als Lebensprinzip, die alles Sein durchströmende Energie, die Tiefendimension von allem, als der Seinsgrund.

2.) Man könnte sagen: als Zwischeninstanzen werden Mächte und Gewalten, Wesenheiten angenommen, die in der Bibel oft auch als Engel und Dämonen bezeichnet werden. Zusätzlich werden zu diesem Bereich auch die Seelen von Martyrern oder Heiligen gezählt, die gewissermaßen als greifbarere Repräsentanten des ungreifbaren Gottes kontaktiert werden können. Dies kommt der schamanischen Auffassung von den Naturkräften, Krafttieren und spirituellen Führern, die mit den Schutzengeln vergleichbar sind, sehr nahe. Tatanka-Ohitika, ein Medizinmann der Sioux, drückte es so aus: "In meinem Traum erschien einer dieser kleinen runden Steine und sagte mir, daß der Schöpfer von allem Wakan Tanka sei, ... doch weiß ich, daß ich zu unwürdig bin, um Wakan Tanka anzusprechen. Ich richte meine Bitten an die Steine und sie sind meine Fürsprecher." (In Eaton, Evelyn: Ich sende meine Stimme.- 1980, Mutter Erde V.)

3.) Psychologisch gesehen könnte man sowohl Gott wie diese Instanzen als Personifizierungen von Persönlichkeitsanteilen und nach Siegmund Freud als Projektionen bezeichnen. Der Deutsche Graf Dürckheim nennt sie "Spiegelungen des inneren Erlebens". Das ist keine Abwertung, weil in der Transzendenz als Erfahrung (nicht als theoretischem Konstrukt) der Mensch sich ja ohnehin als eins mit dem Wesen aller Dinge erfährt und also nur nach "außen" projiziert werden kann, was "innen" da ist.

Soweit kurzgefaßt meine Sichtweise. Im einzelnen:

1. Der Mystiker

redet weniger darüber, wie wir das jetzt gerade tun, sondern er erlebt es. Er erfährt zunehmend sein Ich aufgehoben in Gott, bis ihm das erwähnte Einssein von Gott und Welt in der eigenen Person zeitweise oder durchgehend als Erfahrung geschenkt ist. Paulus, einer der wichtigsten Nachfolger von Jesus: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." Augustinus, von dem ich meinen Namen habe, sagt 400 Jahre später: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott."
Der Weg zu diesem Ziel: Versenkung, Beten und Fasten.

Heilwerden der Schöpfung, der Gesellschaften und des einzelnen Menschen geschieht durch Einordnung in die göttliche Ordnung: metanoia = Umdenken/Umkehren, Hingabe und Vertrauen. Körperliche und psychische Heilungen, für die Jesus und die ersten Christengemeinden bekannt waren, sind oft eine Folge davon und ein Kennzeichen, daß das Reich Gottes da ist: Als Johannes, der Täufer, ein Vorläufer Jesu, im Gefängnis sitzt und zu zweifeln beginnt, läßt er eine Botschaft an ihn schicken: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Jesus antwortet ihm mit einer Weissagung des Jesaja aus der jüdischen Bibel: "Berichtet dem Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die frohe Kunde gebracht." (Matth 11)

Jesus hatte ja seine Schüler ausgeschickt, Kranke zu heilen und gab ihnen Macht über die Dämonen. (Luk 9) Schon im Alten Testament wird von Propheten und Königen gesagt, daß sie in Verzückung fielen, weil der Geist Gottes in sie gefahren war und aus ihnen redete. z.B. 1 Sam 19 Im Neuen Testament wird diese sensitive Begabung als charisma (göttliches Geschenk) gewürdigt. z.B. 1 Kor 12 Darin sehe ich die direkte Fortsetzung der ja viel älteren schamanischen Tradition, die allerdings in den meisten christlichen Kirchen heute kaum mehr gepflegt wird. Auch ich hatte früher nie daran gedacht, daß man Jesu Heilungstradition real fortführen könnte, obwohl es u.a. bei Matth 10 heißt.: " Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus!" und bei Joh 14 sogar: " Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun."

2. Der Schamane

Er ist der Medizinmann bei den, so heißt es im Westen, "Naturvölkern" oder "Primitivkulturen". Diese Bezeichnungen sind überheblich und entlarven unsere Gesellschaft zugleich: wie wenn unsere Völker nicht Teil der Natur wären! Andererseits werden diese Ausdrücke zurecht verwendet, weil die Verbindung zur Natur und zum Ursprünglichen dort noch ganz selbstverständlich erlebt wird, wohingegen wir schon sehr entfremdet sind. Wer täglich darauf angewiesen ist, daß er weiß, wie das Wetter wird, wo seine Herden Futter finden oder wo Tiere zu erjagen sind, der spürt die Ausgeliefertheit und erlebt die ihn umgebende Natur als Bedrohung und als Geschenk. Daß er vor ihr eine hohe Achtung hat und die dahinter liegenden Kräfte verehrt, ist eigentlich eine selbstverständliche Folge.Das aus Asien stammende Wort "Schamane" bedeutet u.a. auch "verrückt", weil er wie der Mystiker mit diesen dahinter liegenden Wirklichkeiten Kontakt aufnehmen kann, indem er vom Alltagsbewußtsein in einen anderen Bewußtseinszustand rücken kann (aber im Gegensatz zum bleibend Verrückten wieder zurückkommt.)

Der Schamane läßt sich von diesen Wesenheiten, die oft Geister oder Götter genannt werden, führen, wenn er für seinen Stamm oder einzelne Patienten Probleme lösen oder Krankheiten heilen soll.Der Weg zu diesem Ziel: Trance mit Hilfe von Trommeln oder anderen Instrumenten, manchmal unterstützt durch Halluzinogene, Schlafentzug, Fasten oder Schmerzen.

Die meisten Völker haben ausgefeilte Kosmogonien entwickelt und Beschreibungen dieser und der anderen Welten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sie enthalten die Weisheit und Erfahrung der Ahnen und konkrete Anleitungen, wie und mit welchen Ritualen man bei verschiedenen Problemlösungen vorzugehen hat.

Bei allen Ähnlichkeiten:

- Mystik selbst ist keine Heiltechnik und die meisten Mystiker nehmen die Kontakte mit Engeln und anderen Wesen nicht sehr wichtig oder nur als Hilfe zur direkten Gotteserfahrung.

- Bei manchen Völkern sind große Ängste festzustellen, sodaß laufend geopfert werden muß, um das Wohlwollen bestimmter Ahnen oder Geister zu erreichen. Wenn auch in der Geschichte des Christentums immer wieder aus der Frohbotschaft eine Drohbotschaft gemacht wurde: die ursprüngliche Lehre besagt, daß wir alle grundsätzlich erlöst sind, sodaß nicht die Abwehr von Unheil im Vordergrund steht, sondern der Lobpreis Gottes und der Dank für die Welt und das Leben.

- Eine weitere Unterscheidung besteht darin, daß im Christentum schwarze Magie in jedem Fall als Sünde betrachtet wird und sich gegen den Anwender selbst richtet.

- Sollten sich manche Schamanen als Herren und nicht als Diener der Geister und Kräfte verstehen, widerspricht das ebenfalls dem christlichen Verständnis (allerdings nicht immer dem real existierenden Christentum).

3. Der Psychotherapeut

Aus psychologischer Sicht könnte man schamanische Behandlung als Heilung in Trance mit Hilfe der Weisheit des Unbewußten bezeichnen. Bis ins Mittelalter hat sich die schamanische Heilungstradition auch in Europa als selbstverständlich erhalten. Heute wird dieses Zeitalter bezeichnenderweise "finster" genannt.

Die darauf folgende sogenannte "Aufklärung" sah im Menschen das Maß aller Dinge und wertete den menschlichen Verstand als oberstes Prinzip. Dies führte in unserer Kultur zu einem sehr hohen Grad an naturwissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Allerdings zu einem sehr hohen Preis: nämlich der Abwertung der Gefühls- und Triebwelt und der spirituellen/religiösen Dimension des Menschen, die in unseren Tagen zu einer gewaltigen Sinnleere in den Industriegesellschaften führte. Der zweite hohe Preis war die imperialistische Unterwerfung und wirtschaftliche Ausbeutung der anderen Völker und Kulturen und der natürlichen Ressourcen. Wer einen faszinierenden Roman über die Parallelen der Unterdrückung von Seelenteilen und von sozialen Schichten lesen möchte, dem sei das Buch "Der Zauberbaum" von Peter Sloterdijk, einem deutschen Philosophen, empfohlen. Er spielt zur Zeit vor der französischen Revolution, wo Mesmer sein magnetistisches Heilverfahren entwickelte.

Das Unbewußte wieder salonfähig gemacht hat Siegmund Freud, der unter großen Widerständen in dieser Stadt seine Psychoanalyse entwickelt hat. Allerdings sah er im Unbewußten vorwiegend die Wurzel von Krankheiten und Störungen.

Die zweite große Psychotherapierichtung, die Verhaltenstherapie, entspricht wieder der digitalen Linie: streng behavioristisch ging es zumindest ursprünglich um die nüchterne Analyse der Kontingenzen von Symptomen.

In der dritten psychotherapeutischen Hauptrichtung, der sogenannten humanistischen Psychologie, wird das Unbewußte als unerschöpfliches Potential des Menschen aufgefaßt, als die Fülle der Weisheit, die jeder in sich trägt und die schrittweise gehoben werden kann.

In einer vierten Hauptrichtung, der systemischen Therapie, wird eher wieder nüchtern die Funktion der Krankheit einer Person in dem Beziehungsgefüge gesehen, in dem sie lebt oder gelebt hat. Insoweit sie aber auch die Vorfahren miteinbezieht, wie dies der deutsche Kollege Bert Hellinger tut, gibt es de facto große Ähnlichkeiten zur schamanischen Sichtweise.

Am direktesten zur schamanischen und christlichen Heilungsauffassung paßt die in den letzten Jahren entstandene Richtung der Transpersonalen Psychologie, wo vorwiegend in anderen Bewußtseinszuständen geheilt wird - meist allerdings nur des Klienten. Gewissermaßen frühe Vorläufer davon waren der österreichische Antroposoph Rudolf Steiner und vor allem der Schweizer C.G. Jung, einer der berühmten Schüler Freud's.

Als ich schamanische Heilungsformen und Auffassungen kennen lernte, war ich fasziniert von der Tatsache, daß ich die meisten Verfahren bereits aus der Psychotherapie kannte und seit vielen Jahren praktizierte, ohne um ihren schamanischen Ursprung zu wissen. Daß die westliche Psychotherapie (ähnlich wie das Christentum) von vielen schamanischen Elementen durchdrungen ist, erklärt sich auch dadurch, daß viele Gründer und Vertreter von Therapierichtungen, wie Perls, Jung, usw. nicht nur über andere Kulturen gelesen haben, sondern auch durch persönliche Kontakte beeinflußt wurden.

Inzwischen hat diese Sichtweise auch in der westlichen Kultur weit um sich gegriffen, nicht mehr so sehr getragen von den großen Religionen, sondern von der New Age Bewegung, sodaß auch Popsänger wie Sting texten: "Let Your Soul gide You alone the way!"

Der Hauptunterschied zwischen den meisten Psychotherapierichtungen und schamanischer Heilbehandlung ist, daß die helfenden Elemente im einen Fall als Persönlichkeitsanteile, im anderen als Geistwesen außerhalb der eigenen Person gesehen werden. Ich behaupte trotzdem, daß es sich um dieselben Vorgänge handelt, obwohl die theoretischen Erklärungen, wie auch die Rituale und die dazu gehörigen Vorstellungsbilder sehr verschieden sind: in dem Sinn, wie man dieselben Inhalte
in gänzlich verschiedenen Sprachen ausdrücken kann:

Z.B. entspricht m.E. die schamanische Seelenteilrückholung der gestaltischen Reintegration abgespaltener Persönlichkeitsanteile: Während der Schamane in das Land reist, wo die Seelen sind, mit den eventuellen Besetzern verhandelt und den - vielleicht bei einem Schock verlorengegangenen - Seelenteil fragt, ob er nicht wieder zurückkehren möchte, und ihn dann zurückbringt, stellt sich der Patient in der Gestalttherapie den abgespaltenen, meist ungeliebten Persönlichkeitsanteil als Gegenüber vor und redet mit ihm, bis er ihn integrieren kann. Oder in einer psychoanalytischen Behandlung erlebt der Klient das alte Trauma nochmals durch, wodurch die damals gebundenen Energien wieder frei werden und zur Verfügung stehen.

Z.B. ob ein Verstorbener einen Lebenden besetzt, ihm die Seele raubt oder ihn in den Tod lockt, oder ob der Lebende ihm aus Liebe in Krankheit oder in den Tod folgt, ist m.E. nur eine Frage des Standpunktes: In der Familienaufstellung nach Bert Hellinger wird die (bewußte oder unbewußte) Liebe z.B. zu einem ausgeschlossenen, abgewerteten Vorfahren auf produktivere Weise ausgedrückt: das Schicksal des Ahnen wird gewürdigt und ihm zu Liebe und zur Ehre das Leben in seiner Fülle angenommen.

Z.B. ist die Reise zum spirituellen Führer Teil der Oberstufe des Autogenen Trainings.

Z.B. entspricht etwa das Stein-Orakel den projektiven Verfahren in der Psychologie: Werden im Schamanischen die Erfahrungen als Rückmeldungen z.B. eines Steines aufgefaßt, werden diese in den projektiven Tests als Projektionen des Klienten aufgefaßt, die ihm anläßlich des Steines bewußt werden.

Z.B. werden im Katathymen Bilderleben oder in der Traumarbeit verschiedener Richtungen die aufsteigenden Bilder als Ausdruck des momentanen Seelenzustandes aufgefaßt, die Hinweise auf den Heilungsweg geben. Auch Schamanen erhalten durch die Erfahrungen auf ihren Reisen oder durch Träume konkrete Informationen über Diagnose und Heilbehandlung des Patienten.

Vergleicht man die Psychotherapie mit der christlichen Mystik,

die ja keine Heilbehandlungsform ist, aber oft heilende Vorgänge auslöst, so geht es in den meisten Psychotherapierichtungen um Ich-Stärkung. "Wo ES war, soll ICH werden." sagt Freud. In der Mystik hingegen geht es um Ich-Aufhebung und Hingabe, mystisch mit dem Seinsgrund zu verschmelzen. Ziel ist die "unio mystica". Aber auch das ist m.E. kompatibel. Ich kann ja nur hergeben, was ich habe. In manchen spirituellen Kreisen wird dieser Weg der Ich-Findung und -Heilung übersprungen, was zu ähnlichen Phänomenen führt, wie wir sie von Drogenabhängigen kennen, die in anderen Welten schweben und den Boden unter den Füßen verloren haben. "Gratia supponit naturam", der alte kirchliche Grundsatz, daß die Gnade die Natur als Grundlage braucht, gilt natürlich auch hier.
Andererseits vom Psychotherapeuten zu verlangen, er sollte der spirituelle Führer von heute sein, ist eine Überforderung des Therapeuten - außer er hat beide Berufungen.

Wird bei mehreren Psychotherapierichtungen das Unbewußte und seine Weisheit - neben Therapeuten und Klienten - als therapeutisches Tertium angesehen (v.a. in den humanistischen Richtungen), wird in der christlichen Heiltradition im Namen Jesu geheilt (z.B. auch Johann Gaßner im 18.Jhd.) und Gottes Heiliger Geist als Therapeuticum angesehen. Geht man davon aus, daß Seine göttliche Majestät im Innersten der Seelenburg jedes Menschen wohnt, wie es die Mystikerin Theresa von Avila gesehen und 1577 beschrieben hat, dann beschränkt sich der Unterschied vorwiegend auf unterschiedliche Beschreibungen der selben Vorgänge.

Zusammenfassend:

Seit vielen Jahrtausenden geht es um die Frage: WIE WERDEN WIR HEIL UND GANZ ?
So verschieden schamanische und psychotherapeutische Heilungsvorgänge durchgeführt und verstanden werden, so passen sie doch m.E. gut zusammen, ergänzen einander und sind teilweise das Gleiche in verschiedenen Kleidern. Christliche Mystik hat mit dem Schamanismus und der Transpersonalen Psychologie gemeinsam, daß die mit den Sinnen wahrnehmbare Welt nur einen Teil der Wirklichkeit darstellt, sozusagen die materielle Seite einer nicht materiellen Wirklichkeit, die von vielen als die eigentliche bezeichnet wird.
In jedem Fall ist die Bereitschaft, sich von dieser führen zu lassen eine Heilungsvoraussetzung - in der christlichen Diktion: "Dein Glaube hat Dich gerettet." z.B. Luk 19
"Die Hindernisse sind verschwunden, wenn Menschen auf höheren geistigen Ebenen zusammenkommen können." Rolling Thunder, ein großer indianischer Medizinmann (in: Boyd, Doug: Rolling Thunder)

Um zum Anfang meines Referates zurückzukehren: Die großen Religionen, die in unserer Kultur nun seit vielen Jahrhunderten dieses spirituelle Erbe verwalten, haben durch ihre Bürokratisierung und Verknöcherung sehr an Einfluß verloren. Eugen Drewermann, ein katholischer Theologe aus Deutschland, der von der Kirchenleitung wegen seiner aufgeschlossenen Linie entlassen wurde, zitiert in seinem Buch "Glauben in Freiheit - Untertitel: Tiefenpsychologie und Dogmatik" den deutschen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch.

Anfang Oktober 1992, am Ende eines Fernsehabends, gab der Kabarettist HANNS DIETER HÜSCH die folgende Geschichte zum besten:

"Als die Nachricht um die Erde lief
Gott sei aus der Kirche ausgetreten
Wollten viele das nicht glauben
Lüge Propaganda und Legende
Sagten sie
Bis die Oberen und Mächtigen der
Kirche sich erklärten
Und in einem sogenannten Hirtenbrief folgendes erzählten:
Wir die Kirche haben Gott dem Herrn
In aller Freundschaft nahegelegt
Doch das Weite aufzusuchen
Aus der Kirche auszutreten
Und gleich alles mitzunehmen
Was die Kirche immer schon gestört:
Nämlich seine wolkenlose Musikalität
Seine Leichtigkeit
Und vor allem Liebe Hoffnung und Geduld
Seine alte Krankheit
Alle Menschen gleich zu lieben
Seine Nachsicht seine fassungslose Milde
Seine gottverdammte Art und Weise
Alles zu verzeihen und zu helfen
Sogar denen, die ihn stets verspottet
Großzügig bis zur Selbstaufgabe
Seine Heiterkeit seine Komik
Sein utopisches Gehabe
Seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben
Seine Virtuosität des Geistes überall und allenthalben
Auch sein Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit
Seine unberechenbare Größe
Und vor allen seine Anarchie des Herzens und so weiter
Darum haben wir, die Kirche,
Ihn und seine große Güte unter Hausarrest gestellt
Äußerst weit entlegen
Daß er keinen Unsinn macht
Und fast kaum zu finden ist.

Viele Menschen
Als sie davon hörten
Sagten
Ist doch gar nicht möglich
Kirche ohne Gott
Gott ist doch die Kirche
Ist doch eigentlich gar nicht möglich
Gott ist doch die Liebe
Und die Kirche ist die Macht
Und es heißt die Macht der Liebe
Andere sprachen
Auch nicht schlecht
Kirche ohne Gott
Warum nicht Kirche ohne Gott
Ist doch gar nichts Neues
Gott kann sowieso nichts machen
Heute läuft doch alles anders
Gott ist out
War als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen
Und die Kirche hat zur richtigen Zeit
Das Steuer rumgeworfen
Kirche ohne Gott, das ist der Slogan

Doch den größten Teil der Menschen
Sah man hin und her durch alle Kontinente ziehen
Und die Menschen sagten:
Gott sei dank
Endlich ist ER frei
Kommt
Wir suchen ihn."

Im Gegensatz zu Hüsch bin ich davon überzeugt, daß Gott gerade auf Grund seiner großen Güte und fassungslosen Milde die Kirchen nicht verlassen hat. Und: warum sollte die Kirche als Ansammlung von Menschen weniger fehlerhaft sein als der einzelne Mensch?

Der Geist weht, wo er will. Und ich bin davon überzeugt, daß die Wirklichkeit, die wir den Großen Geist, Chi oder Prana oder Pneuma, den Heiligen Geist Gottes nennen, das eigentliche Agens jeder Heilung ist, ob sie nach westlicher Medizin, psychotherapeutisch, christlich oder schamanisch erfolgt.

Wie es in einem Spruch des griechischen Orakels in Delphi heißt - vor mehr als 2000 Jahren -, den sich C.G. Jung über seinen Türstock meißeln ließ: "Vocatus atque non vocatus deus aderit." - Gerufen und nicht gerufen: Gott wird da sein.

August Thalhamer, Wien, im Juli 1996

Dieses Referat wurde gehalten beim 1. Weltkongreß für Psychotherapie "THE WORLD OF PSYCHOTHERAPY".

Zurück zum Seitenanfang

WAR JESUS EIN SCHAMANE ?

Ich finde: Nein. Er sieht sich zwar in der Nachfolge der Propheten (die ich übrigens auch nicht einfach als Schamanen bezeichnen würde), versteht sich aber als der von ihnen verheißene "Menschensohn", also als der in viel höherem Maße gottdurchflutete Höhepunkt der Geschichte, von dem auch Johannes, der Täufer, sagt (Mt 3), daß er nicht wert sei, ihm seine Sandalen zu tragen. Selbstverständlich ist der Schamanismus - in irdischen Zeit-Termini gesprochen - Jahrtausende älter, was auch verständlich macht, daß nicht nur z.B. der tibetische Buddhismus, sondern auch das Judentum und in der Folge das Christentum schamanische Elemente ganz selbstverständlich mit eingebaut hat: Dazu zählen nicht nur verschiedene Mythen wie z.B. über die Entstehung der Welt oder eine Sintflut, die weithin über den Erdkreis in verschiedenen Bildern verbreitet waren und sind, sondern auch Elemente der "Ausbildung" z.B.das 40 -tägige Fasten in der Wüste, das inkl.Versuchung bei vielen Indianerstämmen sicher als "Vision Quest" bezeichnet würde. Auch daß Träume als Botschaften und Aufträge von Geistwesen aufgefaßt werden z.B. auch die Berufung 1 Sam 3 oder Mt 1. Körperliche Heilungen spielen auch im "Reich Gottes" nicht die alleinige Rolle, sondern die Eingliederung des einzelnen in einen größeren Zusammenhang, wenngleich diese bei den Hochreligionen sicher nicht identisch ist mit der Eingliederung in die natürliche Ordnung bei den Stammeskulturen. Heilungen sind aber Hauptmerkmal des Messias. Jesus zitiert auf die Frage des Johannes Isaias 35 etc: "Blinde sehen wieder, Lahme gehen..." Mt 11 Auch Jesus schickte seine Schülerschar aus zu heilen "und gab ihnen Macht und Vollmacht über alle Dämonen und Krankheiten zu heilen." Lk 9 Was jedem Schamanen in gleicher Weise vertraut ist. Auch mache Heilungsrituale werden von manchen Schamanen in der gleichen Weise durchgeführt. Z.B. Jo 9: "Er spuckte auf den Boden, machte einen Teig aus dem Speichel, strich den Teig auf die Augen des Blinden..."

Andererseits gehen die "Hochreligionen" wie auch der Buddhismus weit über schamanistische Auffassungen hinaus: Während meines Wissens Schamanen zwar öfters vom Großen Geist o.ä sprechen, normalerweise aber vorwiegend mit Hilfe der Spirits heilen, ist der Eingottglaube gerade ein Kennzeichen der großen Religionen und die Heilungen werden durch Gottes Geist gewirkt, nicht primär durch seine Engel etc. Jesus erlebt sich vor allem eins mit dem Vater (was v.a. Johannes, der Mystiker unter den Evangelisten, immer wieder betont z.B. Jo 5) und muß auf Grund seiner Vollendung dazu nicht einmal "reisen". Es geht auch nicht nur um Heilung, sondern um Heil, um das Leben in Fülle Jo 4. Nicht curatio ist das Ziel, sondern salvatio. Dazu genügt auch das eine Opfer: wir sind erlöst und müssen nicht aus Angst vor Dämonen oder Ahnen usw. immerwährend Opfer darbringen. Es reichte das eine von Jesus, der in der Bibel auch als einziger mit dem griechischen Wort für Priester bezeichnet wird ("hiereus"), wogegen "presbyter", von dem wohl das deutsche Wort "Priester" abgeleitet wurde, nur "Älterer" bedeutet, also "Gemeindevorsteher". Die Ideale der Bergpredigt Mt 5 gehören mit ähnlichen mystischen Überlieferungen anderer Religionen zu den höchsten (und schwer erreichbaren) Zielen der Menschheit; sie gehen m.W. weit über die ethischen Vorstellungen der meisten Naturvölker hinaus. War doch z.B. schon das "Aug um Aug" der Juden, also Rache 1:1 ein großer Fortschritt gewesen. Aber jetzt heißt es Lk 6: "Liebet eure Feinde! Tut Gutes denen, die euch hassen!" Demgemäß wird natürlich auch Schwarze Magie im Gegensatz zu einigen schamanischen Richtungen als Sünde aufgefaßt, die sich gegen den Sender richtet. (Daß die Grundgesetze des Himmelreiches freilich in der Geschichte der real existierenden Kirche häufig nicht nur nicht verwirklicht wurden, sondern sogar furchtbare Verbrechen ausgerechnet im Namen Jesu verübt wurden, steht auf einem anderen Blatt.)

August Thalhamer, April 1998

Zurück zum Seitenanfang

DER TRAUM DES SCHAMANEN

Schamanischer Traum- und Trance-Techniken und ihr Bezug zu westlicher Psychotherapie und christlicher Heil-Tradition.

Zusammenfassung: Alexander, der Große, ließ sich wie René Descartes und viele Könige und Weise von Träumen leiten. Auch in einigen westlichen Psychotherapierichtungen spielen Traum- und Trance-Inhalte für Heilung und Problemlösung eine wichtige Rolle: als Wegweisung und Erkenntnisquelle, als präzises Zustandsbild der Seele und als Hinweis, was fehlt, um heil und ganz zu werden, als Offenbarung verdrängter, unerfüllter Wünsche, als Hinweis auf alte Traumata, als Zukunftsahnung oder als Manifestation des kollektiven Unbewußten. In vielen Völkern galten und gelten Träume wie Trance-Inhalte als Botschaften Gottes oder von Geistwesen, als Quelle der Weisheit für das Wachleben. Sie beinhalten Berufungen, Warnungen und Verhaltensanweisungen. Innere Bilder als Kommunikationswege zwischen den Welten, zwischen "Diesseits" und "Jenseits", den Dimensionen unseres Lebens, zwischen verschiedenen Wirklichkeiten. Im Talmud, einem Hauptwerk des Judentums, wird ein ungedeuteter Traum mit einem ungelesenen Brief an das Selbst gleichgesetzt. Wer ist der Absender? Ein Engel Gottes, das Unbewußte oder der Geist eines Vorfahren? Die Antworten erscheinen vielleicht unterschiedlicher als sie es sind. Die reichste Erfahrung im Einsatz nächtlicher und induzierter Träume haben die Schamanen der Naturvölker: zur Heilung und Problemlösung, um für das Wohl des Stammes zu sorgen und die Verbindung zu den Ahnen und anderen Welten aufrecht zu erhalten. Schon Jahrtausende vor C.Rogers, F.Perls, S.Freud und unseren Hypnotherapeuten sind sie Meister, den Reichtum und die Weisheit des Unbewußten zur Problemlösung zu aktivieren. Geleitet durch Überlieferung, Begabung und Übung. "Po, der innere Traum, bringt das Äußere hervor, das únurú eine Manifestation des Inneren darstellt" sagt S.Kahili King, ein hawaianischer Schamane. Radikaler Konstruktivismus seit Jahrtausenden. "Alles träumt, nicht nur die Menschen, und man kann auch auf Träume anderer wie auf die eigenen Einfluß nehmen." Einige dieser alten Techniken werden in diesem Workshop vorgestellt und es wird modellhaft gezeigt, wie man sie für sich und Patienten einsetzen kann.

August Thalhamer, Wien, Juli 1999
Abstract des Workshops am 2. Weltkongreß für Psychotherapie "MYTHOS, TRAUM, WIRKLICHKEIT"

Zurück zum Seitenanfang

SHAMANIC COUNSELING UND AUTOGENES TRAINING

Ein Vergleich.

Vielleicht gehören Sie auch zu denen, die es beim Wort "Schamanismus" rümpfend an der Nase kriegen. In der Tat ist alle Skepsis angemessen. Nix G´wiß waß ma ja net. Also stelle ich Ihnen eine der vielen möglichen Formen schamanischer Arbeit vor und warum ich keine Berührungsängste (mehr) habe und seit Jahren auch schamanische Verfahren in mein psychotherapeutisches Repertoire (Verhaltenstherapie, Personenzentrierte, Gestalt, Systemische usw.) aufgenommen habe.

Shamanic Counseling nach Michael Harner

Die Methode fällt mir öfters bei KlientInnen ein, bei denen die Erhöhung der Eigenständigkeit, der Eigenverantwortung und das Nützen der eigenen Ressourcen besonders indiziert erscheint.

Bei Einverständnis führe ich den Klienten zunächst kurz in schamanische Wirklichkeitskonstruktionen ein. Vor allem, daß sich schon seit Urzeiten Menschen für fähig gehalten haben, die Zentren ihrer Kraft und Weisheit aufzusuchen, um sich dort Stärkung und Antworten zu holen.

Ich erkläre, daß man als (humanistischer) Psychologe diese Ressourcen in der eigenen Persönlichkeit, vornehmlich im großen Reich des Unbewußten, ansiedeln würde, in den Stammeskulturen diese Ressourcen hingegen als helfende Geistwesen außerhalb der eigenen Persönlichkeit erlebt werden. Wobei - ähnlich wie mit dem Schutzengel in der christlichen Tradition - für jeden Menschen ganz bestimmte Spirits als zuständig angesehen werden.

Ich überlasse es den KlientInnen, ob sie sich der psychologischen oder der schamanischen Sprache und Bilderwelt bedienen wollen. Meiner Erfahrung nach macht es für die Wirkung keinerlei Unterschied.

In jedem Fall muß man, um diese Ressourcen kontaktieren zu können, das Getöse des Denkens loslassen und still werden. Durch Augenschluß und eintönige Musik tritt man in einen entspannten Bewußtheitszustand, in dem man dann Bilder aufsteigen läßt. In der schamanischen Vorstellungswelt reist man von dieser Welt in die Welt der Krafttiere und spirituellen Führer und Lehrer, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Eines der üblichen Entspannungs- bzw. Reisehilfsmittel ist Musik, bei vielen Naturvölkern Trommelmusik.

Wenn der Klient sich ausreichend informiert fühlt und bereit ist, lasse ich ihn die Augen schließen. Über Kopfhörer vernimmt er die gleichmäßigen Trommelschläge und wie ich ihn vorher eingeführt habe, läßt er vor seinem inneren Auge einen guten Platz in der Natur erscheinen, von dem er sich nach einem Weilchen so weit nach unten begibt, bis er in der unteren Welt angelangt ist. Üblicherweise begegnet er dort seinem (für ihn zuständigen) Kraft-Tier, dem er auch wesentliche Fragen stellen kann.

Beim Rückholsignal (Veränderung des Trommelrhythmus) bedankt und verabschiedet er sich, kehrt auf den wohligen Platz in der Natur zurück und von dort in den Praxisraum.

Die Erlebnisse werden vom Klienten während der Trance / der Schamanischen Reise laut ausgesprochen und auf Tonband aufgenommen (zweites Gerät). Anschließend hören wir das Tonband gemeinsam ab und sprechen über die Vision in der von Harner vorgeschlagenen nondirektive Vorgehensweise, die von der personenzentrierten Psychotherapie nach Rogers ja vertraut ist. Dort gelten

Der Unterschied besteht vorwiegend darin, daß beim Shamanic Counseling der Klient seine Mitteilungen aus einem anderen Bewußtheitszustand heraus macht.

Eine zweite weit über den Erdball verbreitete Form der Schamanischen Reise ist die zum spirituellen Führer/ Lehrerin, der/die meist in der oberen Welt vorgestellt wird.

Diese Technik des Reisens, vielleicht entdeckt durch Träume, die Problemlösungen enthielten und später bewußt induziert wurden, wurde Jahrtausende lang mehr oder weniger ausschließlich von den Schamanen der Naturvölker angewandt: zur Heilung und Problemlösung, um für das Wohl des Stammes zu sorgen und die Verbindung zu den Ahnen und anderen Welten aufrecht zu erhalten. Schon Jahrtausende vor C.Rogers, F.Perls, S.Freud und modernen Hypnotherapeuten sind sie Meister, den Reichtum und die Weisheit des Unbewußten zur Problemlösung zu aktivieren.

Der Anthropologe Michael Harner, Gründer und Leiter der Foundation for Shamanic Studies, hat - mit den zwei Tonbandgeräten - diese zeitgemäße Form der autonomen Lösungsfindung für heutige Problembesitzer entwickelt.

Autogenes Training nach I. H. Schultz

Daß Tiere sprechen können etc. kennen wir aus der Welt der Träume, der Märchen und auch der Tages-Imaginationen, mit denen z.B. auch in der Katathymen Imaginativen Psychotherapie (bisher bekannt unter "Katathymes Bilderleben"), einer Weiterentwicklung des Freien Assoziierens bei Siegmund Freud, gearbeitet wird. Üblicherweise wird auch hier aus einem Entspannungszustand heraus gebildert, die Erlebnisse werden laut ausgesprochen und der Therapeut begleitet den Klienten während der Arbeit durch Hinweise und Rückmeldungen.

Am ähnlichsten im psychotherapeutischen Behandlungsspektrum kommt dem schamanischen Reisen die Oberstufe des Autogenen Trainings, begründet in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts von dem deutschen Psychiater Johannes Heinrich Schultz. Dieser psychoanalytisch orientierte Forscher und Praktiker, er lebte von 1884 bis 1970, kam auf einem ganz anderen Weg, nämlich der Hypnose, zu verblüffend ähnlichen Erfahrungen wie sie Schamanen seit Jahrtausenden machen.

Insbesondere die grundlegenden hypnotischen Studien (1893 - 1900) von Oskar Vogt brachten Schultz auf die Idee, "die Umschaltung in den hypnotischen Ausnahmezustand der Selbstentscheidung der Versuchspersonen zu unterstellen".

Diese "allgemeine Umschaltung" erreicht der Klient in der Selbsthypnose des Autogenen Trainings durch bestimmte physiologisch-rationale Übungen mit Augenschluß und in entspannter Körperhaltung: der "Ruhetönung", der Vorstellung von Schwere und Wärme in den Extremitäten, was erwiesenermaßen den Muskeltonus reduziert und die Blutgefäße entspannt, weiters durch Beobachtung des Atem- und des Herzrhythmus, durch wohlig warme Konzentration auf das Körperzentrum sowie die Vorstellung angenehmer Stirnkühle.

Man zwingt diese Zustände nicht herbei, sondern läßt sie im Sinne der Bezeichnung autogen (von selbst) entstehen. Wie beim Schamanischen Reisen macht sich Üben (Training) bezahlt, weil die "Umschaltung" und die Schau der induzierten Bilder immer schneller möglich wird.

Kann man diesen Entspannungszustand bereits autogen herbeiführen (das Unterstufenziel), wobei man störende Gedanken, Bilder oder Geräusche loslassen gelernt hat, ist man fähig für die Bilderschau der Oberstufe.

Und zwar verwendet Schultz diese "Selbstruhigstellung" einerseits - in der Tradition der steuernden Hypnose - durch "Formelhafte Vorsatzbildung" und/ oder Visualisierung zur Selbstprogrammierung, was heute üblicherweise als "Mentales Training" bezeichnet wird und auch von mir erfolgreich zur Heilbehandlung eingesetzt wird, vgl. die interessanten Arbeiten zur Krebsbehandlung von Simonton & Simonton.

Andererseits regt Schultz - in der Tradition der aufdeckenden Hypnose - durch "Fragen an das Unbewußte" zur Selbstwahrnehmung an, um unbewußte Zusammenhänge über sich selbst, das Leben und die Welt zu entdecken und Problemlösungen zu finden. Die selben Fragen, die der schamanisch Reisende an seine Verbündeten in den anderen Welten stellt.

So machte er die Erfahrung, daß auch durch Selbsthypnose nicht nur frühere traumatisierende Erlebnisse wachzurufen waren, die dann besprochen werden konnten, sondern daß viele in den Trancezuständen auch Einsiedlern, weisen Männern oder Frauen, Engeln oder Gott begegneten, die sich als bleibende Helfer, Führer und Lehrer der Behandelten erwiesen.

Auch in meiner persönlichen inzwischen dreißigjährigen Erfahrung mit dem Autogenen Training sowie in meiner fast ebenso langen Funktion als Trainer habe ich immer wieder die Entdeckung verborgener Problemwurzeln und Ihrer Lösung erlebt z.B. mit Hilfe des Übungseinstieges "Der Weg auf den Meeresgrund" als auch die Begegnung mit weisen Führern, die wie in der Schamanischen Reise zeitlebens immer wieder kontaktiert und gefragt werden können, vor allem mit Hilfe des Übungseinstieges "Der Weg auf die Bergeshöhe".

J.H.Schultz in seinem Standardwerk "Das autogene Training. Konzentrative Selbstentspannung. Versuch einer klinisch-praktischen Darstellung: "Ein so allgemeines und so vielfache Probleme des Seelenlebens berührendes Verfahren wie das autogene Training enthält seinem Wesen nach eine Fülle von Beziehungen zu den allerverschiedensten Erscheinungen der Ethnologie und Religionspsychologie."

Er findet in den "Monotonie- und Ruheverfahren mit mehr oder weniger deutlich autohypnotischem Einschlage" im altgriechischen orphischen Kult oder bei den altchristlichen Hesychasten frühe Vorläufer. Vor den mystischen Versenkungserfahrungen in den Religionen, Yoga etc nennt er aber als erstes schamanische "Maßnahmen zur Erzeugung von Ausnahmezuständen zu magischen Zwecken bei den Bewohnern der ganzen Erde zu allen Zeiten" und beruft sich hierbei auf Stoll´s "Suggestion in der Völkerpsychologie".

Interessanterweise hat sich übrigens beim Autogenen Training darüber hinaus noch eingebürgert, daß man etwaigen Horrorszenen, die man unter Umständen erleben kann, unbedingt geschützt gegenübertritt, und zwar nicht nur während der Ausbildung durch den Trainer oder dadurch, daß man ja jederzeit aus der Trance aussteigen kann (im Gegensatz zur Verwendung halluzinogener Drogen) oder eben durch den weisen Einsiedler, sondern auch - angepaßt der Sprache von Träumen und Märchen - durch einen Zauberstab, den man gegebenenfalls in Waffen verwandeln kann oder mit dem man einen verläßlichen Schutz herstellt, durch den geschützt man dennoch die schlimmen Szenen betrachten und ihre Botschaft aufnehmen kann. Mit dem Stab kann man auch auftauchende Elemente verwandeln, sie z.B. durch Berührung dazu zu bringen, ihr wahres Gesicht zu zeigen - wodurch sich öfters allegorische Erscheinungen in bekannte Personen oder real erlebte Situationen verwandeln, die dann vielleicht besser zu verstehen sind.

Wie beim Shamanic Counseling macht der begleitende Trainer keine Therapie im engen Sinn des Wortes, sondern hilft dem Klienten vielleicht durch Fragen das Erlebte besser verstehen und annehmen zu können.

Wider Erwarten hat mich (und eine Reihe von Klienten) das Anhören der während der Trance aufgenommenen Erfahrungen der eigenen Reise sehr beeindruckt, was auch bei der personenzentrierten Arbeit öfters empfohlen wird. Beim Katathymen Bilderleben wird üblicherweise auch während des Bilderns das Erlebte geschildert, aber nicht auf Band aufgenommen. Beim Autogenen Training wird überhaupt erst anschließend berichtet.

Manche Patienten fanden es beim Erlernen des Bilderns erschwerend, die Reiseerlebnisse laut aussprechen zu sollen. Das anschließende Abhören und Besprechen dient aber hervorragend der Verankerung der Mitteilungen und Erkenntnisse.

Meist machen die Klienten - gelegentlich wie beim Autogenen Training erst nach mehreren Übungsversuchen - berührende und wesentliche Erfahrungen mit erstaunlich großen Auswirkungen auf ihr Leben und Erleben, ihre Einstellungen und ihr Verhalten. Oft wurde dadurch die weitere psychotherapeutische Behandlung wirksamer. Mehrere KlientInnen begannen, regelmäßig auf ihre innere Führung zu horchen, ihr zu vertrauen und zu folgen.

Für mich stellt die schamanische Form der Meditation eine wesentliche Bereicherung und Erweiterung meiner bisherigen Möglichkeiten dar, sowohl für mich persönlich, als auch in meiner Arbeit für meine Klienten - als wirksame Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung oder als Therapeutikum, das man sich dann jederzeit ohne zusätzliche Kosten oder mögliche Abhängigkeiten selbst applizieren kann.

In diesen Zeilen habe ich den Bezug zu drei verwandten Verfahren hergestellt, die in unserer Kultur bereits üblich und in Österreich anerkannte Psychotherapierichtungen sind. Sie werden vielleicht verstehen, daß es mir kein Problem ist, psychotherapeutische und schamanische Heilmethoden zu mischen oder hintereinander zu verwenden.

Literatur:

Gagan, Jeanette M.: Journeying. Where Shamanism and Psychology Meet.- Santa Fe, 1998, Rio Chama Publications

Harner, Michael: Der Weg des Schamanen. Ein praktische Führer zu innerer Heilkraft.- Genf, 1994, Ariston-V. Originalausgabe: The Way of the Shaman.- San Francisco, 1992, Harper Collins

Schultz, I.H.: Das autogene Training. Konzentrative Selbstentspannung. Versuch einer klinisch-praktischen Darstellung.- Stuttgart, 1970, 13.bearb.u.erg.Aufl., (Erstauflage 1932) Georg Thieme V.

Uccusic , Paul: Der Schamane in uns. Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung.- Genf, 1991, Ariston-Verlag

Walsh, Roger N.: Der Geist des Schamanismus.- Olten, 1992, Walter-Verlag Originalausgabe: The Spirit of Shamanism.- Los Angeles, 1990, Jeremy P. Tarcher

"Außer dem Denker
gibt es aber noch andere Freunde des Wissens,
die dem Hervorbringen durch Denken nicht vorzüglich zugetan
und also ohne Beruf zu dieser Kunst
lieber Schüler der Natur werden,
ihre Freude am Lernen nicht im Lehren,
im Erfahren nicht im Machen,
im Empfangen nicht im Geben
finden"

Die Lehrlinge zu Sais

Novalis

August Thalhamer, Oktober 1999

Zurück zum Seitenanfang

SEIN ODER NICHT SEIN

Die Toten in der Familienaufstellung vs. beim schamanischen Heilritual

Zusammenfassung: Handelt es sich bei Aufstellungen um die realen Verstorbenen resp. ihre Seelen, wie man es schamanisch erklären würde, oder um die Darstellungen innerer Bilder? Meine These: für die Praxis spielt es keine Rolle, wie die Frage beantwortet wird, die ohnehin seriöserweise nicht beantwortet werden kann. Offensichtlich kann man die selben Phänomene so oder so beschreiben, wie in zwei Beispielen aus der Praxis aufgezeigt wird.

In der ganzen Philosophiegeschichte hat man sich immer wieder die Frage gestellt: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? In neuerer Zeit hat Siegmund Freud mit seinem Konzept der "Projektion" uns, die wir gern wüßten, was wirklich ist, arg verärgert. Vollends verunsichert nun der konstruktivistische Ansatz mit seinem Begriff der "Autopoiese" (siehe Maturana/Varela: Der Baum der Erkenntnis.- 1987). Wenn sogar die materielle Wirklichkeit durch innere Bilder / Gedanken / Vorstellungen beeinflußt/ erzeugt werden kann, und zwar nicht nur z.B. Kniezittern durch Angst sondern auch Vorgänge außerhalb der eigenen Person z.B. die Ergebnisse eines Zufallsgenerators, wie gut belegte Versuche von H. Schmidt zeigen (zitiert in Eysenk/Sargent: Explaining the Unexplained.- 1982), kommen ärgerlicherweise gewohnte Kausalitäten und die Newtonsche Mechanik ins Wanken.

Für die ältesten Vorfahren von uns Psychotherapeuten, die Schamanen der Naturvölker, ist es selbstverständlich, daß sie mit Hilfe realer Wesen aus den anderen Welten reale Seelen behandeln, sowohl von Lebenden, für die sie z.B. Heilrituale veranstalten als von Verstorbenen z.B. um sie nach dem Tod in die Anderswelt hinüberzugeleiten (siehe Paul Uccusic: Der Schamane in uns.- 1991) Der Zugang zu dieser Nicht-alltäglichen-Wirklichkeit wird hergestellt im Trancezustand.

Auch in den meisten Hochreligionen geht man von der Selbstverständlichkeit einer real existierenden Seele des Einzelmenschen aus, für die man ebenfalls von seiten der Lebenden etwas tun kann.

Wir Psycho-logen müßten eigentlich als Seelenkundige über den Atem des Lebens (ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes "psyche") besonders gut Bescheid wissen, aber wir sind uns nur einig, daß es (zur Unterscheidung z.B. von körperlichen) seelische Phänomene gibt, nicht aber, ob es überhaupt eine Seele gibt und reden lieber von Persönlichkeit etc.

Viele Menschen interessiert aber, ob es ein individuelles Seelendasein, das den Körper überdauert, gibt. Und man möchte da sicher sein und Projektionen, Konstruktionen eindeutig von der Wirklichkeit unterscheiden. Und schon gar nicht möchte man als FamilienaufstellerIn z.B. mit SchamanInnen in einen Topf geworfen werden, die nicht nur solche Wirklichkeiten für bare Münze halten, sondern behaupten, mit Seelen Verstorbener Kontakt aufnehmen zu können und von der Möglichkeit der gegenseitigen Beeinflussung ausgehen.

Ist diese Frage überhaupt beantwortbar?

Abgesehen davon, daß wesentliche Glaubenssätze der Naturwissenschaft, so wie sie bei uns aufgefaßt wird, betroffen sind, würde es, zugegeben, auch meine intellektuelle Neugier befriedigen zu wissen, ob es sich bei Aufstellungen um äußere Entitäten oder "nur" um innere Repräsentationen handelt.

Bloß: Wer könnte seriöserweise behaupten, daß es sich in Familienaufstellungen um die real Verstorbenen oder ihre Seelen handelt? Und: Wer könnte dies seriöserweise bestreiten? Wir wissen es nicht, obwohl wir zB. in der Gestalttherapie oder bei Familienrekonstruktionen seit vielen Jahren damit arbeiten. Wir können ja mit den derzeitigen wissenschaftlichen Methoden nicht einmal für viele von uns so selbstverständliche transpersonale Vorgänge erklären, zB. wieso ein Gruppenmitglied, sobald es einer Rolle zustimmt, stimmige Aussagen machen kann, oft dieselben Formulierungen verwendet wie der Dargestellte und ansatzweise die Symptome der dargestellten Person spürt, ohne vorher davon gewußt zu haben.

Darüberhinaus gab es immer Richtungen, die alles getrennt Existierende, auch das menschliche Individuum, als Emanation eines großen Ganzen, von Plato als "Weltseele" bezeichnet, ansahen und ohnehin jedes einzelne als nur scheinbar einzeln betrachten. Oder als etwas aus der Einheit ins Individuelle Tretende und mit dem Tod wieder ins Einssein Zurückkehrende. Für manche ist die Individuation nicht nur scheinbar, sondern die Ursünde des Menschen, durch dieses Ich sein zu wollen wie Gott (Willigis Jäger: Suche nach dem Sinn des Lebens.- 1997).

Interessanterweise erzählen die Mystiker verschiedener Religionen, daß sie in ihren Visionen und spirituellen Erfahrungen ebenfalls die Auflösung des Individuums im Göttlichen erleben und sie halten dieses für die eigentliche Realität, den"Grund", wie z.B.Tauler im 14.Jhd. sie nennt.

Bei aller Neugier zu wissen, was wirklich ist: für die Heilpraxis scheint die Unterscheidung unerheblich zu sein. Interessanterweise hat es die gleiche Wirkung, ob jemand bei Aufstellungen die Verstorbenen real oder als Teile innerer Bilder auffaßt, ja überhaupt welches Gedankengebäude benützt wird.

Was den Skeptiker in mir unruhig macht, stört meine Heilpraxis überhaupt nicht, weil ich mich auf das verlasse, was wirkt. Hat nicht das Wort "Wirklichkeit" ohnehin mit "Wirken" zu tun? Bestärkt werde ich immer wieder durch unerwartete Erfahrungen, von denen ich hier zwei berichten will:

1.) Familienaufstellung bei schamanischer Reise

Vor einiger Zeit hatte ich ein erstaunliches Erlebnis bei einer Shamanic Counseling Sitzung, einer Methode, die von Michael Harner vorgeschlagen wurde: Hierbei sprechen die Klienten bei einer Schamanischen Reise (das ist die schamanische Meditationsform) ihre Erlebnisse während der Trance laut aus und werden auf Tonband aufgenommen. Der Berater hört mit und führt anschließend ein kurzes klientenzentriertes Nachgespräch, ohne zu deuten etc.

Ich arbeite öfters in dieser Form, besonders dann, wenn mir die Erhöhung von Eigenverantwortung und das Nützen der eigenen Ressourcen als nächst wichtiger Entwicklungsschritt erscheint. Ich mache die Klienten darauf aufmerksam, daß die Sprache in diesen anderen Bewußtheitszuständen der entspricht, die sie aus Träumen und Märchen kennen. So sind sie dann weniger darüber verwundert daß z.B. Tiere sprechen können etc.

Diesmal aber erlebte eine Klientin in Trance eine richtige Familienaufstellung, obwohl sie vorher noch nie davon gehört oder gelesen hatte. Ullas Ziel der Reise war: "Ich möchte Frieden in meiner Kernfamilie, besonders zwischen meinem Vater und meiner Schwester."

Ulla reiste in die "Obere Welt", d.h. nach weit verbreiteter schamanischer Auffassung in den Bereich der spirituellen Welten, wo man von seinen spezifischen Geistwesen geführt und gelehrt wird. In der Sprache und Vorstellungswelt der humanistischen Psychotherapie-Richtungen würde man von der Weisheit und dem Potential des Unbewußten sprechen, zu dem man meditativ oder unter Anleitung des Therapeuten Kontakt aufnehmen kann. Im NLP ist dies bekannt als Quellentrance bzw. als Reise zum inneren Führer. In der Oberstufe des Autogenen Trainings als Weg auf die Bergeshöhe, wo es sich eingebürgert hat, die/den weise/n Einsiedler/in aufzusuchen und um Rat zu fragen. In der Silva Mind Control- Technik entspricht es der Arbeit im Labor.

Macht man es in Anlehnung an die Tradition der Schamanen, folgt man den Trommelschlägen (hier über Kopfhörer), begibt sich in der Vorstellung auf einen guten Platz in der freien Natur und von dort hinauf in die Obere Welt.

Kaum war Ulla in ihrer Vision oben angelangt, sah sie alle Mitglieder ihrer Herkunftsfamilie und sich selbst in einer bestimmten Konstellation je auf Podesten stehen. Wie wir es bei Aufstellungen machen, wies ihre spirituelle Führerin die jetzige Partnerin ihres Vaters an, sich vor dessen erster Frau (der Mutter der Klientin) leicht zu verneigen, worauf diese erfreut zurücklächelte - für die Klientin eine besonders bewegende Szene.

Daraufhin sollte die Schwester der Klientin ihrem Vater die Ehre geben und sich bei ihm entschuldigen. Interessanterweise hatte sich Ulla beim Vorgespräch versprochen, als sie berichtete: "Meine Schwester sagt: 'Warum soll er sich ändern?' "

Nachdem die Schwester den Vater geehrt und sein Wohlwollen erhalten hatte, wurde durch die spirituelle Führerin eine Umgruppierung vorgenommen, indem alle Familienmitglieder von ihren Plätzen gehoben, ins Wasser geworfen und heftig durcheinandergewirbelt wurden.

Die Turbulenzen dauerten eine Zeit lang und wurden von Ulla als recht bedrohlich erlebt. Hernach standen alle Familienmitglieder und die neue Partnerin des Vaters einander in anderer Konstellation gegenüber, Ulla freundlich und in Verbundenheit neben ihrer Schwester. Jede/r hatte seinen/ihren guten Platz gefunden. Wie es sich ziemt, bedankte sich Ulla bei ihrer spirituellen Führerin, verabschiedete sich und kehrte mit diesem guten Bild auf ihren Naturplatz und dann in den Behandlungsraum zurück. -

Man könnte das Phänomen vielleicht so erklären, daß ich danebensaß, mir dachte, da wäre eine Familienaufstellung indiziert und vor jedem Schritt, der gemacht wurde, spürte, daß jetzt dieser gut passen würde. So ähnlich, wie Klienten von Freudianern Freud´sche Elemente träumen, bei Jungianern archetypische etc. Allerdings hatten wir vorher nicht davon gesprochen.

Vielleicht zeigt sich in dieser Erfahrung die Allgemeingültigkeit der Aufstellungsprinzipien, sodaß sie auch ohne stellvertretende Personen durch die Weisheit des Unbewußten (bzw. schamanisch gesprochen: durch verbündete Wesen in den anderen Welten) ans Licht gebracht werden können. Vielleicht ein Hinweis auf die Verbindung von Aufstellungs- und spiritueller, in diesem Fall schamanischer Arbeit, die ja auch von Bert Hellinger betont und von vielen Aufstellern erlebt wird.

Stammeskulturen sind diese systemischen Zusammenhänge ohnehin selbstverständlich, wie ich bei einer Familienaufstellung, die ich mit einer tuvinischen Familie in Kyzyl, Sibirien, hielt, selbst erleben konnte.

2.) Schamanische Psychopomposarbeit bei Familienaufstellung

Als zweites Beispiel möchte ich eine interessante Aufstellungsarbeit meiner Frau Rita Haase berichten und wie diese Vorgänge schamanisch zu erklären sind:

Eine fünfzigjährige Lehrerin erzählt im Vorgespräch, daß sie im Vorjahr die Photos ihrer mit 4 Jahren verstorbenen Tante, der Schwester ihres Vaters, verbrannt hatte. Ausgemistet, wie sie sagte. Als ihr Vater als junger Mann im Krieg fällt, kommt die Patientin, sie ist vier Jahre alt, zu den Großeltern, denen sie offensichtlich ihre in diesem Alter verstorbene Tochter ersetzt.

Wie üblich werden die Patientin und ihre Familienmitglieder durch andere Gruppenteilnehmer dargestellt. Da passiert das Interessante, daß sich die Patientin und die Tante als eins erleben. Die Stellvertreterin der Patientin sagt: "Ich und die Tante sind eins." Als Rita, die die Aufstellung leitet, darauf die Darstellerin der Tante fragt: "Ist Dir das recht?", antwortet diese: "Ja, das ist mir recht. Ich bin so lebendig, ich bin gar nicht tot!" Die Darstellerin der Patientin hustet und spuckt währenddessen und spürt einen starken Druck auf der Brust. Die Tante war vermutlich an Lungenentzündung gestorben.

Die Frau war dermaßen mit ihrer Tante identifiziert (psychologisch ausgedrückt) bzw. (in der schamanischen Ausdrucksweise) von ihrer Tante besetzt, daß sie ihre Großeltern, also die Eltern der Tante, immer wieder als ihre Eltern bezeichnete. Von Rita mehrmals darauf angesprochen, sagt sie: "Witzig, aber ich habe das Gefühl: das sind meine Eltern."

Im Verlauf der Sitzung will die Tante ihre Nichte lange nicht loslassen und tut dies erst, als sie selbst von ihren Eltern als Kind geliebt und ihr früher Tod gewürdigt wird. Daraufhin ist sie erlöst, zieht sich zurück und die anwesende Patientin ist frei.

Nach Hellinger handelt es sich um eine unbewußte Verstrickung, die durch Achtung vor dem Schicksal der Verstorbenen aufgelöst wird und indem die Tante erhält, was sie dringend brauchte.

Das selbe Phänomen ist aber auch aus der schamanischen Heilarbeit bekannt, nur würde man hier die Identifizierung der Patientin als Besessenheit durch ihre Tante bezeichnen. Als Schamane würde man dies in Trance sehen, mit der Tante verhandeln, daß sie die Seele ihrer Nichte frei gibt und sie in die anderen Welten hinübergeleiten. Das Phänomen, daß Verstorbene noch gar nicht wissen, daß sie tot sind, ist in der schamanischen Tradition wohlbekannt. Man faßt das so auf, daß sie in dieser Welt hängen geblieben sind, die häufig als die mittlere zwischen der oberen und der unteren Welt beschrieben wird. In der schamanischen "Psychopomposarbeit" werden sie dann liebevoll in die Welt der Toten hinübergeleitet, wodurch dann eine allenfalls besetzte Seele eines Lebenden wieder frei wird.

Welche Erklärung stimmt nun?

Müssen unsere Erklärungen stimmen?

Ich selbst lasse die Frage offen. Ich selbst arbeite sowohl mit religiösen wie mit schamanischen und psychotherapeutischen Behandlungsformen und vertrete die Sichtweise, daß sich dieselben Phänomene in verschiedenen Sprachen ausdrücken lassen - inkl. der Traditionen, der damit verbundenen Bilderwelten, gedanklichen Konstruktionen und Gefühle. Ich könnte nicht sagen, welche stimmt oder ob überhaupt eine stimmt. Das stört aber meine Heilpraxis nicht, weil ich mich auf das verlasse, was wirkt.

Es ist seriöser, die eigene Nomenklatur und das dazugehörige Gedankengebäude und die Wirklichkeitskonstruktionen anderer zu respektieren und sie allesamt kritisch zu bezweifeln. Was sicherlich eine gewisse Demut verlangt.

Was ist so schlimm daran, daß wir die Wirksamkeit unserer Methoden nur zum Teil erklären können? Grawe et al. ( Psychotherapie im Wandel.- 1995) haben interessanterweise herausgefunden, daß bestimmte Psychotherapietechniken hochwirksam sind, aber ihre Wirksamkeit nur zum Teil auf die Erklärungen der Psychotherapierichtungsbegründer zurückzuführen sind.

Ich kann auch Auto fahren, ohne ganz genau erklären zu können, wie mein Motor funktioniert. Andere können es. In fünfzig oder fünfhundert Jahren können andere vielleicht auch unsere heutigen Fragen beantworten. Bis dahin können wir gelassen forschen und mit unserem bescheidenen Wissen demütig weiterarbeiten.

"Die aber,
die durch das wissende Nichtwissen
vom Hören (auf festgelegte Traditionen) zur Schau des Geistes gebracht werden,
freuen sich darüber,
das Wissen des Nichtwissens
durch sichere Erfahrung
erlangt zu haben."

Nikolaus von Kues

August Thalhamer, Februar 2000

Zurück zum Seitenanfang

SCHAMANISMUS UND FAMILIENSTELLEN

Übereinstimmungen und Unterschiede aus der Sicht eines Therapeuten, der beides praktiziert.

Zusammenfassung: Schamanismus ist die älteste Form der Medizin und Psychotherapie. Als ich mich das erste Mal intensiver mit Schamanismus befaßte, entdeckte ich verwundert, daß ich die wesentlichen Heilungspraktiken bereits seit vielen Jahren kannte und (wenn auch nicht in identischer Form) praktizierte. Auch mit dem Familienstellen nach Bert Hellinger gibt es neben Unterschieden eine Menge bekannter und geheimer Übereinstimmungen: v.a. die systemischen Sichtweise mit der Möglichkeit einer Verstrickung und die Annahme einer vorgegebenen Ordnung etc. Die Konzepte sind ähnlicher als sie auf den ersten Blick erscheinen. Meine These: zum Tragen kommen in beiden Richtungen Fähigkeiten, die (in unterschiedlichem Ausmaß) jedem Menschen eigen sind, sodaß sie einerseits von Generation zu Generation weitertradiert wurden, andererseits immer wieder neu entdeckt worden sind (und werden können): zu spüren, was in einer anderen Person vor sich geht und es u.U. rituell in Ordnung zu bringen. Für viele von uns so selbstverständliche transpersonale Vorgänge zB. wieso ein Gruppenmitglied, sobald es einer Rolle zustimmt, stimmige Aussagen machen kann, oft dieselben Formulierungen verwendet wie der Dargestellte und ansatzweise die Symptome der dargestellten Person spürt, ohne vorher davon gewußt zu haben, sind mit den derzeitigen wissenschaftlichen Methoden (noch) nicht erklärbar, wohl aber aus dem schamanischen Weltbild. Manchmal wird das gleiche von der anderen Seite gesehen. Ob z.B. ein Verstorbener einen Lebenden besetzt, ihm die Seele raubt oder ihn in den Tod lockt oder ob der Lebende ihm aus Liebe in Krankheit oder in den Tod folgt, ist m.E. nur eine Frage des Standpunktes. Auch der Volksmund kennt beides: wenn etwa Vater und Sohn kurz hintereinander sterben, sagt man: "Den hat er sich jetzt geholt." Aber auch: "Er ist ihm nachgegangen." Sowohl die westliche Therapeutin wie die Schamanin beachten die verbalen und nonverbalen Signale des Klienten und der Umstehenden und beurteilen sie auf Basis der bisherigen Erfahrungen. Die Aufstellerin läßt sich aber hierbei "aus der leeren Mitte" (B.Hellinger) von ihrer Intuition führen, die Schamanin hingegen von helfenden Geistwesen in den anderen Welten, die sie in Trance kontaktiert. Schaut aus wie zweierlei. Ist es dies auch?

Summary: SHAMANISM and FAMILY CONSTELLATIONS
Differences and correspondences from the point of view of a practitioner of both methods

This texts is nearly equal to my lecture WHERE SHAMANISM AND PSYCHOTHERAPY MEET I gave at the 2nd International Symposium on Shamanic Studies in August 2003 in Kyzyl, Tuva/ Siberia/ Russia. The main difference is, that in Europe I introduced especially Shamanic healing methods and to the Shamans in Siberia especially constellation work.

WIE KANN EINE PERSON VON EINER ANDEREN ETWAS SPÜREN UND WISSEN, WAS SIE GAR NICHT WISSEN KANN?

Das läßt den, der zum ersten Mal an einer schamanischen Behandlung oder einer Familienaufstellung bzw. Bewegung der Seele beiwohnt, ergriffen, aber verwundert den Kopf schütteln. Ob in Gestaltarbeit, Psychodrama, in der Familienrekonstruktion, der Part´s Party, bei Familien- oder Strukturaufstellungen - wer mit diesen Methoden arbeitet, hat die Erfahrung gemacht, daß man sich auf die wesentlichen Aussagen der Darsteller/Rollenspieler (von seltenen Ausnahmen abgesehen) verlassen kann. Es kommt vor, daß vom Spieler sogar dieselben Formulierungen gebraucht werden, die der Fallbringer vom Dargestellten kennt, und dessen Symptome ansatzweise spürt. Immer wieder kommt es vor, daß ein Teilnehmer durch einen Darsteller auf ein bisher unbekanntes weil verschwiegenes Geschwister aufmerksam gemacht wird. Zum Beispiel auf ein uneheliches Kind des Vaters, was nach der Aufstellung dann verifiziert wird.

Nicht allen Aufstellern ist bewußt, daß es sich hier um transpersonale Vorgänge handelt. Was unsere Naturwissenschaft vor ein (noch) ungelöstes Rätsel stellt, ist aus der schamanischen Weltsicht selbstverständlich und leicht erklärbar. Unsere Kultur ist nämlich die einzige auf der Welt und in der Geschichte die die Individualität in nie gekanntem Maße betont. Wir sind es gewohnt, uns als Einzelwesen, getrennt von allem anderen zu sehen. Aus schamanischer Sicht wird die Einzelausformung und Unterscheidbarkeit des einzelnen vom anderen nicht geleugnet, so wie sich ein Finger vom anderen unterscheidet und sogar eigene Namen hat: Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger ... Was aber unsere Kultur aus den Augen verlor, ist, daß

ALLES TEIL EINES GANZEN

ist. Wenn ein Finger verletzt wird, spürt dies auch der andere, denn es gibt Verbindungen: Haut, Gewebe, Blut- und Nervenbahnen ... Sehe ich mich also als Teil EINES Körpers, gibt mir das nicht nur Kraft durch die Erfahrung des Verbundenseins, sondern ich kann die Verbindung auch nützen und wahrnehmen, was in einem anderen Teil des EINEN los ist. Ich brauche also keinem eine Ohrfeige zu geben, da kann ich mir ja gleich selbst eine runterhauen und wenn ich einem anderen Liebes antue, dann beschenke ich mich dadurch selbst. Aus schamanischer Sicht umfaßt diese Verbundenheit nicht nur alle Menschen, sondern alles was existiert: auch Tiere, Pflanzen, Materie, den ganzen Kosmos, alles was existiert hat und existieren wird, vom Anfang bis zum Ende der Zeit. "I am old, I am young, I know what was told" heißt es in einem keltischen Lied. Wer länger meditiert, kennt diese Erfahrung, die einen fasziniert und erschüttert. Aus dieser ganzheitlichen Sichtweise werden viele Phänomene verständlich bis hin zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen.

Der Zusammenhang des Individuums mit dem Ganzen wird schön beschrieben in der taoistischen Geschichte vom Regenmacher:

In einem Dorf in China herrschte eine furchtbare Dürre. Als alle üblichen Methoden nichts fruchteten, holte man den berühmten Regenmacher aus dem fernen Dorfe. Er erbat sich ein kleines Haus am Dorfrand, die Mahlzeiten sollte man außen hinlegen und ihn auch sonst nicht stören. Als es nach Tagen noch immer nicht regnete und die Leute bereits ungeduldig wurden, ging die Tür auf und er trat heraus. Da zogen Wolken auf und ein herrlicher Regen erfrischte das Land. Die Menschen fielen auf die Knie und bewunderten den großen Regenmacher. "Ich bin gar keiner" antwortete der Fremde. "Aber ich sah, als ich ins Dorf kam, daß alle Leute außer sich und nicht im Tao waren. Auch ich wurde gleich davon ergriffen. So habe ich mich zurückgezogen, die Balance in mir wieder herzustellen. Und als ich soweit war, begann es zu regnen. Man kann den Regen nicht herbeizwingen. Aber ist man mit sich im reinen, kommt das Wetter, wie es soll."

In der Psychoszene hat als erster C.G.Jung jeden Menschen als "unbewußt vermischt mit anderen Individuen" beschrieben und das Konzept des "kollektiven Unbewußten" entwickelt. Sein wertgeschätztes Ziel war aber die Individuation.

Der Biochemiker Rupert Sheldrake (er hat mit einem Theologen sogar ein Buch über Engel geschrieben) stellte die These strukturierender und organisierender Felder auf, die er "morphogenetisch" nennt, um die Entwicklung und die Zusammenhänge lebendiger Organismen zu erklären.

Bert Hellinger spricht von der "großen Seele". "Was ich in meiner Arbeit versuche, ist, jemand in den Einklang zu bringen mit dieser Kraft. Ich selbst füge mich dieser Kraft, bin mit ihr im Einklang, und so arbeite ich also mit etwas, das durch mich nur hindurchgeht."(S. 485f)

Insa Sparrer (S. 212f): "In den Systemischen Strukturaufstellungen zeigt sich das Wissen zwischen uns. Alle wesentlichen Gedanken fließen letztendlich aus der Quelle dieses Wissens. Wir sind nur Gefäße dafür."

"Es gibt einen Traum, der uns träumt" sagt man bei den Buschleuten in der Kalahari.

In der Tradition des indianischen Medizinrades nach Swift Deer und HyemeyohstsStorm bedeutet die Position 15 im östlichen Zentrum "die Seele aller Menschen", wo alles gespeichert ist, was je auf der Welt gedacht und getan wurde.

In den letzten Jahren entdeckten Neurowissenschafter wie Rizzolatti als physischen Beleg für Intersubjektivität im Gehirn sogenannte Spiegelneuronen, die vermutlich die Einfühlung in andere ermöglichen. (Bei Schizophrenen, die fremde und eigene Regungen oft nicht mehr unterscheiden können, sind diese ebenso gestört wie bei Autisten, die sich kaum in andere hineinversetzen können.)

So verschieden die Wurzeln und Ausprägungen dieser Auffassungen auch sein mögen: diese systemische bzw. transpersonale Sichtweise ist Grundlage sowohl schamanischen Handelns wie jeder Aufstellungsarbeit.

Im folgenden seien die beiden Methoden kurz skizziert:

o Schamanische Problemlösung: die Schamanin geht in Trance, meist mit Hilfe von Musik oder Tanz, und bittet ihre verbündeten Geistwesen in den anderen Welten um die Diagnose und die Lösung, die zum Teil von diesen selbst, zum Teil von der Schamanin als deren Medium durchgeführt wird.

o Problemlösung durch Aufstellung: durch Gruppenmitglieder repräsentiert werden relevante Personen/Teile des Problemsystems vom Fallbringer im Raum aufgestellt. Der Aufstellungsleiter versucht etwaige Verstrickungen aufzuspüren, Ressourcen bei den Ahnen zu entdecken und die Teile des Systems einer Lösung näherzubringen, indem er sich von seiner Intuition und den eigenen Körpersignalen sowie denen der Stellvertreter und deren Äußerungen führen läßt. Es gibt übrigens auch Kollegen, die bei schwierigen Aufstellungen Schamanen beiziehen, um sonst nicht Wahrgenommenes mit einbeziehen zu können. Andere - wie ich - machen manchmal beides in einem, ohne daß die Klienten es merken müssen.

WIRD NUN GEHEILT MIT HILFE VON GEISTWESEN ODER VON PERSÖNLICHKEITSANTEILEN, DER WEISHEIT DES UNBEWUSSTEN ODER DER GROßEN SEELE?

Interessanterweise haben auch manche Schamanen kein Problem, diese auf den ersten Blick so verschieden anmutenden Sichtweisen zu verbinden. Wenn z.B. Papa Eli aus Burkina Faso oder der von den mexikanischen Huichol initiierte Brant Secunda übereinstimmend sagen, daß ja die Geister IN UNS sind.
Aus der Tiefenpsychologie kennen wir das Konzept der "Internalisierung", nach dem real erlebte Personen z.B. Vater, Mutter oder Erzieher regelrecht zu Teilen der eigenen Persönlichkeit werden, sodaß es für die Praxis unerheblich ist, ob man es therapeutisch z.B. mit dem vorgestellten Vater oder dem Über-Ich zu tun hat. Zu ähnlichen Konsequenzen führen auch die Auffassungen des Konstruktivismus.

Das ist vermutlich einer der Gründe, warum eine Einzeltherapie genauso möglich und wirksam ist wie eine Familientherapie, weil ohnehin alle relevanten Personen, schon tot oder noch am Leben, in mir sind. Vielleicht bezieht sich die Internalisierung aber nicht nur auf die Personen, die ich z.B. als Kind erlebt habe, sondern - unbewußt - auf alle meine Vorfahren, wie ich ja auch körperlich/ genetisch von allen meinen Vorfahren etwas in mir habe und sie bin. So sind die Ahnen zugleich außerhalb von uns und in uns und es gibt vielleicht die klare Trennung zwischen "intrapsychisch" und "interpersonal", wie wir sie gewohnt sind, gar nicht. D.h. aber auch, daß sich die Schamanin nicht über die "Psychologisierung" ihrer als außen erlebten Vorgänge ärgern muß und die Therapeutin nicht über die "esoterische" Erklärung ihrer Erfahrungen mit der Psyche. Jede kann bei ihrer Wirklichkeitskonstruktion bleiben und hervorragend damit arbeiten, denn: das Reich der Seele und der Geistwesen ist eins.

So gesehen sind dann Familienaufstellungen zugleich Darstellungen des Beziehungsgefüges eines Klienten wie der Konstellation seiner Teile. Wie wohl auch die einzelnen Elemente einer Systemaufstellung zugleich real lebende und/oder tote Verwandte repräsentieren. Diese Auffassung vertrete ich seit über zwanzig Jahren und finde sie durch meine Erfahrungen gedeckt.

Wenn ich also den Begriff der Persönlichkeit bzw. der Seele (hier synonym verwendet) so weit fasse, ist es gleich (im wahren Sinne des Wortes), ob die Toten bei einer Aufstellung anwesend sind oder nicht. Für die Praxis macht es ohnehin keinen Unterschied, wie ich schon in meinem Aufsatz "Sein oder nicht Sein" an Hand von Beispielen ausgeführt habe. (Darin geht es um die Frage, ob es sich bei Aufstellungen um die Verstorbenen resp. ihre Seelen oder um Darstellungen innerer Bilder handelt. Siehe dazu auch die Diskussion in der Zeitschrift "Praxis der Systemaufstellung, wo 1/99 ein Artikel von Albrecht Mahr zum Thema "Wie Lebende und Tote einander heilen können" eine lebhafte Diskussion in den nächsten Nummern auslöste). Aus dieser Sicht ist es selbstverständlich, daß nicht nur ich, sondern auch manche bereits Verstorbene, wenn sie noch mit den Lebenden verstrickt sind, der Erlösung bedürfen, sodaß wieder Frieden und Klarheit in mir und/oder in den Beziehungen hergestellt wird. (Auch in den religiösen Auffassungen ist gegenseitige Beeinflussung selbstverständlich). Auf die schamanische "Psychopomposarbeit" komme ich unten (Pt. 6) noch zu sprechen.

WELTBILD

Ich habe schon in meinem Aufsatz "Sind Schamanismus, christliche Mystik und westliche Psychotherapie kompatibel?" vertreten, daß zwischen der materiellen Welt (die im Westen meist als die einzig existierende aufgefaßt wird) und dem Unnennbaren (das in unserer Kultur meist mit dem Wort "Gott" bezeichnet wird) eine Zwischenwelt angenommen werden kann: die Welt der Seele = der Geister, zu der wir gehören und deren Teil wir sind, auch in den Tagen unserer Materialisierung auf der Erde. Der Begriff "Das Unbewußte" eignet sich m.E. für diesen seelischen Bereich besonders gut, weil er ja nichts über sich aussagt, sondern nur, daß seine Inhalte und Vorgänge nicht bewußt sind - die aber durch schamanische oder Aufstellungsarbeit und auch durch andere Methoden ans Licht des Bewußtseins gebracht werden können.

1.) So könnte man im innersten von konzentrischen Kreisen, (Welten in Welten in Welten - wobei der jeweils innere ein Teil des äußeren ist und von diesem geformt wird) die Materie sehen, das Körperliche, die Alltagswirklichkeit mit Raum und Zeit. Die Welt des Bewußten, des eigenen Willens und Denkens. Was wir oft "das Ich" nennen. Das Objekt unserer Naturwissenschaften und auch der psychologischen Forschung. In vielen Stammeskulturen als die "Mittlere Welt" bezeichnet, oben und unten umgeben von der Anderswelt, wobei alle drei zusammengehalten und verbunden werden durch die Weltenachse, den Weltenbaum, der alle drei durchwächst.

2.) Im Kreis darum die Anderswelt. Das Reich der Geistwesen, der Instanzen zwischen Gott und Mensch, die z.B. in der Bibel als Mächte und Gewalten, Engel und Dämonen bezeichnet werden, in manchen Kulturen als Götter. Das Reich der Toten und der Ahnen. Das Reich der Seele und des Unbewußten. Die Nicht-alltägliche-Wirklichkeit. Auch Traumzeit genannt. In vielen Stammeskulturen in die "Obere Welt", wo oft die weisen, uns lehrenden Geistwesen und die "Untere Welt", wo oft die "Krafttiere" erlebt werden, unterteilt.

Wie von den späteren Hochreligionen übernommen, werden Hierarchien angenommen, an oberster Stelle oft die beeindruckendsten Naturgewalten wie Großvater Sonne usw., an unterster Stelle lokale Naturgeister wie Elfen usw. Obwohl ich dies früher eigenartig fand, erlebe auch ich in Trance verschiedene Instanzen, die auch für Verschiedenes zuständig sind. In die höchste Ebene gelange ich z.B. nur, wenn ich absolut nichts will, auch nicht die Heilung des Klienten. Sonst komme ich gar nicht durch die äußerste Pforte, die ich als meine verstorbene Mutter erlebe, durch die ich - völlig absichtslos - hindurchgehen muß.

3.) Die Wirklichkeit, die wir "Gott" nennen, wäre im dem grenzenlosen Kreis drum herum, alles durchdringend und umfassend. Sie ist per definitionem nicht definierbar = begrenzbar, sonst wäre sie ja nicht die Wirklichkeit, von der wir reden. Vermutlich auch deshalb denken Schamanen zwar ehrfurchtsvoll daran, heilen aber selten mit Hilfe dieses Großen. Es wundert, daß manche so gut über ihre Eigenschaften Bescheid zu wissen scheinen, kann man doch nur verläßlich sagen, was sie nicht ist, wie es in der "negativen Theologie" vertreten wird. Alles andere Reden ist nur Annäherung, Versuch etwas Unfaßbares in Worte zu fassen: der Allerhöchste, der Große Geist, der Schöpfer, das Eine, das Zusammenfallen der Gegensätze, das Unnennbare, die alles umfassende Liebe, der Seinsgrund, Wakan Tanka...

Interessanterweise kommen auch Anthropologen zu dieser Dreiteilung, indem sie das Reich der Seele mit dem der Geistwesen gleichsetzen. So beschreibt z.B. Holger Kalweit diese (in Scharfetter/Rätsch S. 170ff) als: reinen Geist, Plasmapsyche und Körper.

Diese Sichtweise ist wie jede andere ein Versuch, die Welt zu erklären und zu verstehen. Erklärungen geben uns mehr Sicherheit, uns in der Welt zu bewegen, sind aber (wie z.B. auch das Konzept von Raum und Zeit) "bloß" hilfreiche Konstruktionen. Z.B. wird in dem oben genannten Modell leicht übersehen, daß die Welt in Wirklichkeit EINS ist. Auf jeden Fall erleben wir in tiefen Meditationen diese und alle Grenzen aufgehoben, was freilich mit unserer digitalen Sprache zu beschreiben sehr schwer fällt. Woher wollen wir wissen, daß diese inneren Augen weniger genau sehen als unsere äußeren, die ja auch "nur" konstruieren? "Schau, da drüben steht ein Baum.!" Heinz von Foerster darauf: "Woher weißt Du das?"

ÄHNLICHKEITEN und UNTERSCHIEDE

Die äußere Form von schamanischer und Aufstellungsarbeit ist ziemlich unterschiedlich. Ist es auch das Wesentliche des Vorganges? Hier einige Punkte unter die Lupe genommen:

1. Die systemische Sichtweise bezieht bei beiden Methoden lebende und tote Menschen mit ein. Ganz ähnlich, sogar in der Vorgangsweise, ist das "Ritual der Schilde" eine der Möglichkeiten, mit dem Medizinrad zu arbeiten. In der schamanischen Sichtweise werden (wie bei der Strukturaufstellung und ähnlichen Methoden, wo z.B. auch ein depressives Haus dargestellt werden kann) auch andere Elemente mit einbezogen. Es wird z.B. eine Heilpflanze gefragt: "Was kannst Du für mich tun?", aber auch: "Was kann ich für Dich tun?" Es sind ja alles Verwandte.

Galsan Tschinag, ein Tuvinier aus der Mongolei (in: Scharfetter/Rätsch S. 210f): "Die Geister meiner Urahnen habe ich überall um mich herum, es ist der Wind , es ist der Sonnenstrahl, es ist die Erde, es sind die Steine, die Bäume, die Menschen, die Tiere, alles, was mich umgibt, ist jeweils Teil der Geister meiner Urahnen . . Bei uns ist die bekannteste Behandlungsmethode eigentlich die Berührung mit der Mutter Erde, die Berührung mit den Brüdern Bäumen, die Berührung mit den Freunden Steinen, die Berührung mit den Schwestern Gewässern. Wenn ich auf der Erde sitze oder liege, spüre ich eine Strömung durch mich hindurchgehen, und ich halte dies für die Kräfte der Geister."

2. Sowohl die Schamanin wie die Aufstellerin greifen auf verborgenes Wissen zurück und verstehen sich, ihre Klienten und Mitspieler als Teil eines "wissenden Feldes". (Albrecht Mahr) Zugang dazu erhält man nach Hellinger durch "Sammlung", in den schamanischen Traditionen durch Trance, in der man sich vorübergehend von guten Mächten besetzen läßt und als ihr irdischer Arm agiert (darüber hinaus gehören zu den schamanischen Problemlösungstechniken auch verschiedenste Formen von Orakel usw.) In ähnlicher Weise wird auch die Klientin von den Geistwesen bzw. der Großen Seele geführt, wenn sie die Darsteller auswählt und aufstellt. Dies ist keine Denk-, sondern ein Spürarbeit und kann sogar mit geschlossenen Augen durchgeführt werden.

Bei der Gelegenheit: Ich vertrete die Sichtweise, daß sowohl wir von den Naturvölkern viel lernen können (zum Wesentlichsten gehört, daß wir durch den Kontakt mit ihnen wieder an unsere eigenen alten Fähigkeiten erinnert wurden), aber auch sie von uns:

Ist es nicht frappierend schnell und einfach: ein Gruppenteilnehmer wird gefragt, eine Rolle zu übernehmen und ab dem Augenblick seiner Zustimmung sind seine Aussagen schon ernst zu nehmen als Aussagen des Dargestellten (selbst wenn sie noch schnell und im Spaß gemacht werden). Keine aufwendige Trancetechnik, keine angeleitete Meditation, nicht mal Autogenes Training oder Entspannung nach Jacobson ist notwendig.. M.E. wären viele über Jahrtausende tradierte Formen der Trance-Induktion, z.B. die Einnahme furchtbarer Säfte, die einen tagelang den Kopf brummen lassen, die Zufügung von Schmerzen usw. vielleicht durch einfachere Formen, sein Denken loszulassen und empfänglich für die Botschaften der Spirits zu werden, ersetzbar.

Umgekehrt wären die Methoden der Aufstellungs- und Trancearbeit in viel mehr Bereichen anwendbar, als wir es im Westen tun. In indigenen Kulturen sucht der Schamane auch saftige Weideplätze, den richtigen Ort für´s Winterquartier, er nimmt Kontakt auf mit dem Tier, das für das Überleben der Großfamilie sein Leben hingeben wird, er spürt, welche Pflanze auf welchem Boden besonders gut gedeiht, er ist auch zuständig für den Zusammenhalt in der Sippe usw. Wir könnten diese Techniken auch anwenden zur Lösung wirtschaftlicher Fragen, bei der Suche nach technischen Lösungen, zur Förderung des Zusammenhaltes innerhalb der Gesellschaft und zwischen den Völkern usw. (Wir von Alpha Consulting in Wien machen z.B. Organisations- und Unternehmensberatung auch unter Zuhilfenahme dieser alten Techniken.)

3. In beiden Richtungen werden verborgene Kraftfelder wahrnehmbar gemacht und durch Rituale wieder in Ordnung gebracht, wobei in der Aufstellungsarbeit üblicherweise eine Unordnung der menschliche Beziehungen diagnostiziert wird, in der schamanischen Heilbehandlung (s.o.) aber auch die fehlende Harmonie mit der übrigen Natur als Ursache für Probleme/Krankheiten/Störungen erkannt wird. Die generelle Kritik Hoimar von Ditfurth´s an den philippinischen Heilern, sie seien Scharlatane, weil das "herausoperierte" Gewebe sich als Hühnerleber entpuppte, zeigt, daß er einen wesentlichen Aspekt schamanischer Heilung nicht verstanden hat: es geht um Show = um Sichtbarmachung unsichtbarer Vorgänge. (Ebenso könnte man Priester als Schwindler bezeichnen, weil sie Brot als den Leib Christi ausgeben.)

4. Daß der Rollenspieler stimmige Aussagen über den Dargestellten machen kann, würde man schamanisch als Durchsagen der Geister sehen, als vorübergehende Besetzung - durch Aktivierung der Verbindungskanäle mit der betroffenen lebenden oder toten Person. Der Stellvertreter stellt sich wie der Schamane für eine fremde Seele zur Verfügung.

Eine differenziertere schamanische Erklärung wäre das Seelen-Konzept, wie ich es bei den sibirischen Tuviniern kennengelernt habe. Hier geht man davon aus, daß jeder Mensch mehrere Seelen hat (vergleichbar mit dem Konzept mehrerer Körper des Menschen, wie es in manchen spirituellen Richtungen vertreten wird), körpernähere und körperfernere, die sich z.B. im Schlaf oder in der Arbeit der Schamanin woanders hinbegeben können. So könnte eine der Seelen des Dargestellten sich auch vorübergehend mit der Seele eines Stellvertreters bei Aufstellungen verbinden.

Aus schamanischer Sicht können aber nicht nur Personen mit einer bestimmten Energie geladen werden, sondern im Prinzip alles, z.B. Kristalle, die Trommel usw. (Christen kennen diese schamanische Technik der Wandlung, wenn Brot und Wein aufgeladen werden und dann Leib und Blut Christi sind). Ähnliches passiert auch, wenn wir Systemiker Personen durch einen Stuhl, Puppen, andere Gegenstände oder am Familienbrett durch Holzmännchen darstellen lassen.

Man könnte die Frage, wieso verläßliche Aussagen über Fremde(s) gemacht werden können, auch so beantworten: Wenn jeder Mensch alle seine Vorfahren = alle(s) mögliche in sich hat (s.o.), kann auch alles mögliche und alle möglichen in ihm sozusagen aktiviert und von ihm verkörpert werden. (So wird es manchmal ja auch von bekannten Schauspielern beschrieben.)

Meiner Erfahrung nach wählt zudem der Fallbringer häufig eine Person aus, die das jeweilige Thema in ähnlicher Form aus ihrem eigenen Leben kennt und der durch die Rollenübernahme erhöhte Selbsterkenntnis und manchmal auch ein eigener Heilungsschritt geschenkt wird. Wird z.B. eine Teilnehmerin auf einmal nicht mehr für immer die selbe Rolle einer auf Tote Orientierten gewählt, ist dies für mich ein Beleg, daß in der Darstellerin selbst eine heilende Verwandlung stattgefunden hat und dies von den anderen Gruppenmitgliedern bereits instinktiv wahrgenommen wurde.

Wie kann man sicher sein, daß ein Rollenspieler nicht sich selbst darstellt? Man spürt, daß jemand vorwiegend mit Denken und Erklärungen beschäftigt ist, statt zu spüren und sich von den inneren Impulsen bzw. den anwesenden Geistern leiten zu lassen. Wenngleich immer auch eine persönliche Färbung der stimmigen Inhalte stattfindet: Wie man eine bestimmte Melodie auf verschiedenen Instrumenten spielen kann, diese z.B. auf einem Klavier und auf einer Flöte nicht gleich, aber doch klar erkennbar klingt. So wird auch die Botschaft aus der Anderswelt vom Rollenspieler (wie auch vom Schamanen) auf seine eigene Art und Weise und oft in Bildern aus dem eigenen Erfahrungsschatz ausgedrückt, bleibt aber doch das Fremde, das nach Sitzungsende auch wieder abgelegt werden muß.

Ich habe vor Jahren mit Familienrekonstruktionen experimentiert: das selbe Familiensystem wurde zu einem anderen Zeitpunkt von völlig neuen Spielern in fast identischer Weise dargestellt und es wurden zu meiner Verwunderung mehrmals sogar die selben Sätze wie bei der früheren Rekonstruktion gebraucht. Einmal wollte uns ein Gruppenteilnehmer einen Streich spielen und sagte bei einer Rekonstruktion genau das Gegenteil dessen, was er gespürt hatte. Es stellte sich dann heraus, daß dies nachweislich auch die dargestellte Person getan hatte, was dem Fallbringer bekannt war. Meiner Erfahrung nach ist ein Abwesender auch dann schon da, wenn sein Name ausgesprochen wird, erst recht, wenn intensiv an ihn gedacht oder seine Person durch einen anderen Menschen, eine Maske oder einen Gegenstand verkörpert wird.

Es muß über die verbale und nonverbale Kommunikation hinaus noch andere Informationswege zwischen allem, was existiert, geben, von denen ich ausgehe, daß sie in späteren Jahren/Jahrhunderten auch physikalisch nachgewiesen werden können. Interessante Fall- und erste empirische Studien dazu finden sich bei Larry Dossey.

In beiden Richtungen ist freilich manmal nicht sicher, für welche Zeit die Informationen aus der Anderswelt gelten. Z.B. muß ein in einer Aufstellung wahrgenommener sexueller Mißbrauch nicht unbedingt in dieser Generation stattgefunden haben. Das "Daß" und v.a. die Wirksamkeit für die anwesende Klientin halte ich für gesichert, weil die wesentlichen Gefühlslinien meiner Erfahrung nach immer stimmen, die Details von Ereignissen aber unverläßlich sind. Es ist in diesem Zusammenhang zu erinnern, daß es hier ohnehin nicht darum geht, Wissen zu erhalten, sondern einen Heilungsprozeß in Gang zu setzen bzw. zu unterstützen. Z.B. wird mir - im Gegensatz zu Kollegen - meist nicht mitgeteilt, in welchem Alter und aus welchem Anlaß sich ein Seelenteil abgespalten hat. Vielleicht bin ich zu neugierig oder würde sonst überheblich werden. Auf jeden Fall erhielt ich oft die Antwort: "Das brauchst Du nicht zu wissen." Seitdem frage ich auch gar nicht mehr und wenn es für die Klientin notwendig ist, wird es mir ohnehin gezeigt. Würde man den Botschaften der Geistwesen nicht vertrauen, würden sie vielleicht eine Zeit lang nichts mehr mitteilen. Ich kenne ähnliche Erfahrung aus der Oberstufe des Autogenen Trainings.

5. Viele Therapeutenvariablen sind in beiden Traditionen gleich:

o Anamnese/Befragung ist üblich, aber in beiden Formen nicht Voraussetzung (es gibt auch "verdecktes" Arbeiten und man kann auch zu viel informiert werden, wodurch dann Worte und Denken das Spüren und Hören erschweren).

o Auch das erklärende Gespräch nachher, eventuell mit Handlungsanweisungen, die sich aus der Sitzung ergeben, ist in beiden Richtungen nicht notwendig, wird aber häufig praktiziert.

o Beobachtung der verbalen und nonverbalen Äußerungen. Im Schamanischen sind darüber hinaus auch Fernbehandlungen möglich. Allerdings kennen wir Fernwirkungen auch aus der therapeutischen Arbeit: daß jemand sein Thema intensiv bearbeitet und bei der Heimkehr in seine gewohnte Umgebung diese als verändert erlebt, was als Folge der Veränderung seiner inneren Bilder zu verstehen ist, als sich selbst erfüllende Prophezeihung, immer wieder aber auch "objektiv" belegbar ist z.B. wenn ein Vater nach vielen Jahren seiner Tochter brieflich mitteilt, daß ihm sehr leid tut, was er ihr angetan hat - nachweislich geschrieben nach der Sitzung der Tochter, ohne mit ihr persönlich oder telefonisch Kontakt gehabt zu haben.

o Die Verbindung mit den Ressourcen wird durch "Sammlung" hergestellt, durch "Nichtwissen" (Varga von Kibed), durch "die leere Mitte" (Hellinger) oder "the hollow bone" den hohlen Knochen (Lakota).

o Beide lassen sich führen von ihrer Intuition bzw. den verbündeten Geistwesen

o und wechseln zwischen aktivem Eingreifen und Entwickeln-Lassen.

6. Wenn wir die Toten würdigen, blicken sie freundlich auf uns. Wir sind verbunden und gesegnet. Die Ehrung der Ahnen ist in allen Stammeskulturen eine Selbstverständlichkeit, wobei (s.o.) nicht nur die menschlichen, sondern auch die tierischen, pflanzlichen und materiellen Ahnen Verehrung erhalten.

Trotz der Verbindung ("Du behältst einen Platz in meinem Herzen") wird in beiden Richtungen darauf geachtet, daß die Toten wirklich tot sein dürfen und nicht mehr ihr Augenmerk auf die Lebenden richten, damit die Lebenden sich der Fülle des Lebens zuwenden und es wirklich "nehmen" können. In der Aufstellungsarbeit durch liebevolles Achten der Ahnen, durch Beenden der Verstrickung und Rückgabe der übernommenen Lasten: "Ich lebe noch ein bißchen, dann komme ich auch."

Für den Schamanen ist die "Psychopompos-Arbeit" eine seiner wesentlichen Aufgaben: Er muß die Seelen der Verstorbenen hinübergeleiten und ihnen helfen, daß sie in den anderen Welten auch wirklich gut ankommen z.B. indem er die Seele des Verstorbenen rituell auf eine Ziege bindet und diese in die Wildnis hinausjagt (Nepal). Bleiben die Seelen der Verstorbenen in dieser Welt hängen, sind sie selbst nicht erlöst und stören die Lebenden.

Eine schwere Krankheit oder ein Nah-Todes-Erlebnis wird in vielen Stammeskulturen als Kennzeichen für eine Berufung zur Schamanin angesehen, weil dermaßen die spätere Schamanin sozusagen den Weg schon kennt, wie man zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hin und her reisen kann. Diese Fähigkeit ist ja Voraussetzung, will man Verstorbene hinübergeleiten, die z.B. auf Grund eines plötzlichen Todes bei einem Unglück zunächst gar nicht wissen, daß sie schon gestorben sind. Üblicherweise überzeugt man sie dann und übergibt sie ihren schon früher verstorbenen Ahnen oder einer höheren Macht.

7. Manchmal wird das gleiche von der anderen Seite gesehen. Ob z.B. ein Verstorbener einen Lebenden besetzt, ihm die Seele raubt oder ihn in den Tod lockt oder ob der Lebende ihm aus Liebe in Krankheit oder in den Tod folgt, ist m.E. nur eine Frage des Standpunktes. Auch der Volksmund kennt beides: wenn etwa Vater und Sohn kurz hintereinander sterben, sagt man: "Den hat er sich jetzt geholt." Aber auch: "Er ist ihm nachgegangen."

Der Schamane wird üblicherweise eher den Verstorbenen bitten und mit ihm verhandeln, den Lebenden wieder loszulassen, wodurch auch der Tote befreit wird; dieser braucht dazu oft selbst eine Behandlung: meist muß man ihm helfen, machmal auch zwingen, sich in die Ordnung der Natur einzufügen. Wie in der Familienaufstellung kommt es auch vor, daß jemand seine Schuld eingestehen und auf sich nehmen muß oder daß er bloß gesehen werden muß von seinen Nachkommen und Achtung braucht, um sich in die Geisterwelt zurückziehen zu können.

Ähnliches kennen wir aus der therapeutischen Rekonstruktion der Realität der Wünsche der Vorfahren: erhalten z.B. meine Großeltern die Fülle von Zuneigung und Wertschätzung von ihren Eltern, können sie die Fülle ihres Glücks auf meine Eltern überfließen lassen, sodaß der Strom des Glücks dann zu mir fließt. Auch hier werden die Vorfahren behandelt, damit ich frei leben kann.

Der Aufsteller wird vorwiegend mit dem Lebenden arbeiten, die Verstrickung aufzulösen z.B. "Ich lasse die Schuld und die Folgen bei Dir". In hartnäckigen Fällen muß aber auch der Darsteller des Toten gedrängt werden, dem Nachfahren in die Augen zu blicken, ob er denn diesem sein Unglück wirklich weiterreichen wolle.

8. Sowohl in der Medizin, wie in der Psychotherapie und nach schamanischer Auffassung besteht das Problem eines Menschen darin, daß er entweder etwas zu viel hat, z.B. Streß, Virus, fremde Lasten oder daß einem etwas fehlt, z.B. Vitamine, abgespaltene Seelenteile usw. Auch die Heilung passiert ähnlich: das Fehlende wird gesucht und integriert. Aus schamanischer Sicht z.B. das Krafttier oder ein Seelenteil, der sich etwa anläßlich einer traumatischen Situation zur Sicherheit zurückgezogen hatte. In der Aufstellungsarbeit z.B. Verzeihung oder Ressourcen, die man etwa von einem wiederentdeckten und jetzt geachteten, bisher ausgeschlossenen Sippenmitglied erhält.

Wie im gestalttherapeutischen Konzept der "offenen Gestalt" geht es um die Reintegration abgespaltener Seelenteile. Die Schamanin reist dann, geführt von ihren Hilfsgeistern, in das Land der geraubten oder verlorenen Seelen oder Krafttiere, lädt sie ein, zurückzukommen (was sie aus Angst zunächst oft nicht wollen) und haucht sie z.B. rituell wieder in den Körper des Patienten (oder des Feldes, des Hauses oder des Werkzeugs etc.) ein.

In allen Richtungen kennt man das Phänomen der Erstverschlimmerung - schamanisch z.B. so erklärt, daß nach Rückkehr des Seelenteils vorübergehend in der Klientin wieder die Gefühle aus der traumatischen Situation z.B. eines sexuellen Mißbrauchs wach werden, deretwegen sich die Seele ja zurückgezogen hatte. (vgl. Sandra Ingerman Seite 154) Das störende Zuviel wird in der schamanischen Heilarbeit oft als Material im Körper gesehen, das nicht hineingehört, z.B. als Nagel oder als Gift, das zur Heilung z.B. durch Heraussaugen extrahiert und dann rituell z.B. in ein Gewässer oder in die Erde abgeführt wird. In der Aufstellungsarbeit wird z.B. die bedrückende Last zurückgegeben, sodaß man wieder frei ist.

9. Selbst in einzelnen Methoden habe ich Ähnlichkeiten festgestellt: Es gibt in manchen schamanischen Traditionen das "Word Doctoring", das Heilen durch Worte: Der Schamane geht in Trance und bittet seine Verbündeten z.B. um Heilungsworte für den Klienten, ein Heillied (oder auch einen Heiltanz), die er ihm dann mitteilt, vorsingt, nachsprechen läßt und verankert. Es kommt auch vor, daß für bestimmte Probleme immer bestimmte Worte zur Heilung eingesetzt werden.

Das erinnert an Bert Hellinger´s "Worte der Kraft". Interessanterweise war bei unseren Vorfahren, den Kelten, die Ausbildung der Barden (Dichter und Sänger), der Schamanen und der Harfenspieler praktisch gleich.

10. Auch in den schamanischen Kulturen kennt man meist die Anerkennung des Früheren, ähnlich wie in Hellinger´s Rangordnung. Andererseits hat die Berufung zum Schamanen absoluten Vorrang. Z.B. berichtet Galsang Tschinag, daß eine tuvinische 19-Jährige von ihrer Mutter die üblichen Ehrenbezeichnungen und selbst "Mutter" bzw. "Großmutter" genannt zu werden verlangte, nachdem sie in Visionen vom Geist ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter zu deren Nachfolgerin als Schamanin berufen worden war. (Scharfetter/Rätsch Seite 193ff)

11. Bei einer meiner Visionen, durch die ich initiiert wurde, erhielt ich u.a. die Gabe der "Leidensübernahme". Etwas, das ich in dem Ausmaß als Psychotherapeut - wegen der Gefahr des Helfersyndroms - immer für sehr bedenklich gehalten hatte, obwohl "Empathie" nach Carl Rogers ja ähnliches meint. Faktum ist, daß ich bei etwa dreiviertel der schamanischen Behandlungen meist gleich nach dem Augenschluß, mit dem ich die Trance beginne, die Symptome des Behandelten am eigenen Leib und in meiner Seele spüre - mit dem Auftrag, daß das Problem gelöst sein wird, wenn ich es bei mir lösen (lassen) kann.

Nicht nur der Schamane, auch andere Teilnehmer z.B. in einer indianischen Schwitzhütte, können vorübergehend das Leiden des Patienten auf sich nehmen und nachher wieder in die eigene Haut zurückkehren, wie dies auch die Stellvertreter bei Aufstellungen tun, wo manchmal erst das Erleben des tiefen Schmerzes der Darsteller eine Wandlung beim Klienten auslöst. Auch hier geht der Spieler anschließend wieder aus der Rolle, was aus gesundheitlichen und psychohygienischen Gründen notwendig ist.

Wird während der Aufstellung eine gute Lösung gefunden, geschieht die Entrollung meist von selbst. Wenn nicht, kann man kleine Rituale durchführen z.B. sich abstreifen, abschütteln, waschen und bewegen. Man kann sich wie ein Schauspieler nach der Vorstellung vor dem Publikum unter Applaus verneigen, sich dann (pantomimisch) in der Garderobe umziehen und abschminken, bis man im Spiegel wieder eindeutig sich selbst erkennt. Oder man verneigt sich tief vor der dargestellten Person und fordert sie auf, jetzt wieder zu gehen. Mir hilft nach einer schamanischen Behandlung wieder ganz in diese Welt zurück zu kommen, wenn ich etwas Natürliches z.B. einen Baum, eine Wiese oder die Maserung eines Holzes genau betrachte. Aufstellungsarbeit lasse ich meist durch Musik ausklingen.

12. Einen wesentlichen Unterschied sehe ich darin, daß in etlichen Stammeskulturen auch "schwarze Magie" praktiziert wird, u.zw. nicht nur gegen Feinde, gegen die häufig auch mit spirituellen Methoden gekämpft wird z.B. durch Seelenentzug, sondern es wird auch bei den vergleichsweise besonders friedlichen Buschleuten in der Kalahari z.B. jemand (auf Grund des kargen Nahrungsangebotes verständlich) aus der Gruppe verstoßen, wenn er andere bestohlen hatte. (Eibl-Eibesfeldt, Seite 42ff) Auch beim Familienstellen kann jemand seine Zugehörigkeit verspielt haben, wobei der Angehörige diese Person dann "ziehen lassen muß". Aber in letzter Zeit setzt sich z.B. auch im Umgang mit Tätern schwerster Verbrechen der sonst selten praktizierte biblische Auftrag durch: "Liebet Eure Feinde, tut Gutes denen, die Euch hassen und betet für die, die Euch verfolgen!" (Matthäus 5, 44)

Nach der oben beschriebenen Auffassung sind ja auch sie Teile von uns, die auch ihren Frieden brauchen und dazu verwandelt werden müssen - auch, damit wir Frieden finden können. Und unglaublicherweise können Täter und Opfer im Tod friedlich zusammenfinden, was zu den berührendsten Erfahrungen gehört, die wir in Aufstellungen machen.

13. In beiden Richtungen gibt es keine Erfolgsgarantie. Manchmal führt die Behandlung zu einer Lösung, manchmal nicht. In Aufstellungskreisen wird davor gewarnt, sie unbedingt anstreben zu wollen. Im Schamanismus darf man überhaupt nur heilend aktiv werden, wenn man dazu von seinen verbündeten Geistwesen beauftragt wird und die Erlaubnis erhält.

In beiden Richtungen kennt man die Erfahrung, daß der Klient augenscheinlich not-wendigen Schritt jetzt nicht tun kann (auf jeden Fall nicht sichtbar) oder den bei der Sitzung vollzogenen Heilungsschritt anschließend wieder rückgängig macht z.B. weil die neue Erfahrung seiner bisherigen Sichtweise so entgegengesetzt ist, daß er sie nicht annehmen kann. Es ist nicht einfach, wenn jemand, der sich zeitlebens zusammen mit der Mutter auf den "bösen" Vater eingeschossen hat, nun entdeckt, wie sehr er von ihm geliebt worden war. "Wir erhalten lieber den Status quo aufrecht: lieber im Status quo einer mittelmäßigen Ehe ... einer mittelmäßigen Lebendigkeit bleiben, als durch diesen Engpaß hindurchgehen." (Frederick S. Perls, Seite 47) "Leiden ist leichter" sagt Bert Hellinger manchmal.

Immerhin erhielt der Klient eine neue Sichtmöglichkeit, die er vorher nicht hatte und die er nun wählen kann oder auch nicht. Meiner Erfahrung nach macht es des öfteren Sinn, den Integrationsprozeß durch weitere Sitzungen zu fördern. In schamanischen Behandlungen erhalte ich manchmal den Auftrag, der Patientin mitzuteilen, daß sie - zumindest in der nächsten Zeit - weiter ihre Krankheit behalten muß, weil es zu ihren Lernaufgaben in diesem Leben gehört, dieses Problem anzunehmen und mit ihm leben zu lernen.

Bert Hellinger, der mit Recht davor warnt, zu viel auf die Wirkungen zu starren, geht davon aus, daß der Verarbeitungsprozeß bis zu zwei Jahre dauern kann. "Ich vertraue das Deinem guten Herzen an" sagt er öfters, wenn der Klient jetzt eben nicht mitkommt. Oft bleiben tatsächlich die Bilder einer schamanischen oder Aufstellungs-Sitzung jahrelang lebendig und fallen einem immer wieder ein. Ich gehe davon aus, daß alles Gute, das einem Menschen getan wird, in irgendeiner Weise bei ihm ankommt und wirksam wird.

14. Zum Schluß ein Punkt, den man nicht vergessen sollte: Aufsteller wie Schamanen halten sich nicht für allmächtig, sondern als Diener eines Größeren, über sie Hinausgehenden. Beim Schamanen geht dies so weit, daß er sich im Gegensatz zum Therapeuten normalerweise nicht einfach für den Beruf entscheiden kann, wenn er nicht von den Geistern dafür ausgewählt wurde.

Man sollte sich nicht leichtfertig ans Schamanisieren oder ans Familienstellen ranmachen, denn man kriegt es hier mit gewaltigen Kräften zu tun. Als Bote des Allerhöchsten, der Schutzgeister bzw. der großen Seele - kann man sich aber ohne Gefährdung auch den schlimmsten Situationen aussetzen. Man ist immer geschützt.

Das eigentliche therapeutische Agens ist ja in beiden Formen weder der Klient, noch der Therapeut sondern ein Tertium, wie immer man sich dieses Dritte vorstellt. So ist es richtig, daß Varga von Kibèd (S. 155) Nichtwissen, Hilflosigkeit und Verwirrung als die drei großen Helfer für die Aufstellungsarbeit bezeichnet, die einen davor bewahren, die Führung zu übernehmen und eigenmächtig einzugreifen. Entgegen der im Westen oft verbreiteten Sichtweise handelt es sich auch beim Schamanismus nicht um Zauberei, sondern es geht auch hier darum, demütig sich führen zu lassen.

SCHLUSS

So sehe ich also trotz der unterschiedlichen äußeren Formen der Rituale sehr viel mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede. Zum Schluß möchte ich noch auf das bekannte Paradoxon hinweisen: ausgerechnet, wenn ich mich nicht überhebe, sondern meinen mir gemäßen Platz einnehme z.B. als jüngstes Kind einer Familie, erfahre ich dadurch Stärke, Sicherheit und Größe.

Ähnlich passiert es, wenn ich als Therapeut den demütigen, kleinen Platz einnehme, der mir gegenüber dem über mich Hinausgehenden gemäß ist. Dies stärkt das Bewußtsein meiner Würde und macht mir meine Größe bewußt, an diesem Großen teilzuhaben, das durch mich heilend wirkt.

"Unsere größte Angst ist nicht, daß wir unzulänglich sein könnten. Unsere größte Angst ist, daß wir grenzenlos mächtig sind. Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, ängstigt uns am meisten. Wir fragen uns: Wer bin ich, um so brillant zu sein? Aber wer bist Du, es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes. Es dient der Welt nicht, wenn Du Dich klein machst. Sich zu beschränken, nur damit andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen, hat nichts Erleuchtendes. Wir wurden geboren, um den Ruhm Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen. Und wenn wir unser Licht scheinen lassen, geben wir damit anderen die Erlaubnis, es auch zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere."

Eröffnungsrede von Nelson Mandela, im Jahre 1994 vor UNO-Delegierten.

Literatur:

Boller, F.G./ Rizzolatti, G./ Graffman, J./ Grafman J.: Handbook of Neuropsychology, 2nd Edition : Section 1: Introduction Section 2: Attention.- 2000, Elsevier Science Ltd

Dossey , Larry: Heilende Worte. Die Kraft der Gebete und die Macht der Medizin.- Südergellersen, 1995, Martin Originalausgabe: Healing Words - The Power of Prayer and the Power of Medicine.- San Francisco, 1993, Harper

Eibl-Eibesfeldt. Irenäus: Das verbindende Erbe. Expeditionen zu den Wurzeln unseres Verhaltens.- München, 1993, W.Heyne Verlag

Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk.- Frankfurt am M., 1977, Fischer-TB.Verlag

Hellinger, Bert: Ordnungen der Liebe. Ein Kursbuch.- Heidelberg, 1994, Carl-Auer Verlag

Ingerman, Sandra: Auf der Suche nach der verlorenen Seele. Der schamanische Weg zu innerer Ganzheit.- Kreuzlingen, 1998, Ariston-V. Originalausgabe: Soul Retrieval. Mending the Fragmented Self.- San Francisco/New York, 1991, Harper Collins

Mahr, Albrecht: Wie Lebende und Tote einander heilen können. in: Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger/: Praxis der Systemaufstellung. Beiträge, Austausch, Information,- Wiesloch, Nr.1/99 Seite 8ff

Perls, Frederick S.: Gestalttherapie in Aktion,- Stuttgart, 1974, Klett-Verlag Originalausgabe: Gestalt Therapy Verbatim.- Lafayette, 1969, Real People Press

Scharfetter, Christian & Rätsch, Christian (Hrsg.): Religion - Mystik - Schamanismus. Welten des Bewußtseins. Band 9.- Berlin, 1998, VMB - Verlag für Wissenschaft und Bildung

Sheldrake, Rupert: Das Gedächtnis der Natur. Das Geheimnis der Entstehung der Formen in der Natur.- Bern, 2000, Scherz Verlag. Originalausgabe: The Presence of the Past.- 1988

Sparrer, Insa/ Varga von Kibèd, Matthias: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen - für Querdenker und solche, die es werden wollen.- Heidelberg, 20002, Carl-Auer Verlag

Thalhamer, August: Sind Schamanismus, christliche Mystik und westliche Psychotherapie kompatibel? Übereinstimmungen und Unterschiede aufgezeigt an konkreten Beispielen.- Linz, 1996, http://www.thalhamer-haase.at/texte.htm

Thalhamer, August: Sein oder Nicht Sein. Die Toten in der Familienaufstellung vs. beim schamanischen Heilritual.- Linz, 2000, http://www.thalhamer-haase.at/texte.htm

Von Foerster, Heinz: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker.- Heidelberg, 2001, Carl-Auer Verlag

Von Ditfurth, Hoimar: Das Erbe des Neandertalers. Weltbild zwischen Wissenschaft und Glaube.- München, 1994, DTV

Inzwischen zum selben Thema erschienen:

Van Kampenhout, Daan: Die Heilung kommt von außerhalb. Schamanismus und Familien-Stellen.- Heidelberg, 2001, Carl-Auer Verlag

August Thalhamer
Dieses Referat wurde gehalten bei der 3. Internationalen Arbeitstagung zu Systemaufstellungen "Konfliktfelder-Wissende Felder" in Würzburg, Mai 2001 und beim Symposion "Das weite Land der Aufstellungsarbeit" in Gmunden, Oktober 2001

Zurück zum Seitenanfang

DIE GLOBALISIERUNG DES SCHAMANEN

Die gängige Praxis der Globalisierung im Gegensatz zu schamanischer Weltsicht und - Behandlung.

Zusammenfassung: Die Erde ist unsere Mutter, von der wir abstammen. Wir können sie nicht besitzen, sondern werden von ihr beschenkt (und auch bedroht). Es gilt, uns gut mit ihr zu stellen, sie zu ehren und ihr dankbar zu sein. Unserer Kultur blieb es vorbehalten, sie ohne Seele und als Besitz zu betrachten. Und die "Besitzer" streiten sich um jedes Stück von ihr. Es gilt das Recht des Stärkeren. Die Folgen kennen wir.
In der Geschichte der Psychotherapie wurde nicht immer nur in der Seele des Menschen gewühlt: siehe die Faschismuskritik der Psychoanalyse, den lerntheoretischen Ansatz einer Steuerung der Gesellschaft von B.F.Skinner bis hin zu den Arbeiten von H.E.Richter und den Versuchen, die Prinzipien der Familienaufstellung zur Lösung von ethnischen Konflikten einzusetzen.
Der Schamane dachte schon vor tausenden Jahren nicht nur an die Heilung des einzelnen Menschen, er hielt sie ohne globales, ja kosmisches Denken gar nicht für durchführbar - da ja alles Existierende WIE DIE TEILE EINES KÖRPERS miteinander in Verbindung gesehen wird, der durch Herstellung der Verbindung grundsätzlich als beeinflußbar gilt. Wie die Krankheit eines Leidenden lassen sich schamanisch/ spirituell - psychologisch würden wir sagen: mit Hilfe der Weisheit des Unbewußten - genau so technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen angehen. Eine Möglichkeit, die von Ausnahmen wie M.Gandhi, M.L.King, N.Mandela usw. abgesehen in der Politik m.W. kaum genützt wird. Vielleicht auch deshalb, weil aus einer religiösen Glaubenshaltung bzw. von den Geistwesen bzw. aus der Tiefe unseres Unbewußten oft Botschaften kommen, die wir nicht gerne hören z.B. daß man den Gegner nicht hassen, sondern ihm die besten Wünsche schicken soll.
Der Workshop soll eine Übersicht geben über die aktuelle Form der Globalisierung und einführen in Spiritualität und Praxis der schamanischen Weltbehandlung. MitÜbungsanleitungen.

Die Abschnitte:

1. Wie wird Globalisierung real praktiziert?
2. Was leistet hierzu die Psychotherapie?
3. Die schamanische Sicht des Globus
4. Ritual für die Erde

THE GLOBALISATION OF THE SHAMAN

Globalisation as it really is and the global way of thinking in the theory and practice of Shamanic philosophy and healing.

Summary: Earth is our mother from where we are descended. We cannot own her, but are blessed with presents by her (and also threatened). It is wise to be on good terms with her, to honour her and be grateful to her. It has been reserved for our culture to regard her as having no soul, and as a possession, and the "ownersÓ are fighting for every piece of her. The law of the strongest is effective, and the consequences are well known.
In the history of psychotherapy, not only the human soul has been rummaged through: see psychoanalytic criticism of fascism, B.F. SkinnerÕs thoughts on how to control society, based on learning theory, the works of H.E. Richter, and the application of the principles of family constellations in order to solve ethnic conflicts.
For thousands of years the shamans have had in mind the healing not only of individual people; a shaman would not even consider this practicable without global, even cosmic thinking, because everything that exists is seen as being linked together LIKE THE PARTS OF A BODY, of which the shaman believes that on principle it can be influenced by establishing contact. Just like the disease of a suffering person, technical, economic and social problems can also be tackled in a Shamanic way ­ or, as we would put it: with help from the unconscious. To my knowledge, this method has rarely been applied in politics, apart from M. Gandhi, M.L. King, N. Mandela, etc. A reason for this may be that messages sent by spirits often do not serve self-interest but the whole.
The workshop will give an overall view of the actual globalisation and an introduction into spirituality and practice of Shamanic healing of the world, and will include practical work.
Abstract of a workshop at the 3rd World Congress for Psychotherapy "ANIMA MUNDI ­ The Challenge of Globalisation", Vienna, July 2002

1. Wie wird Globalisierung z.Z. real praktiziert?

Die Welt wächst zusammen zu einem"Global Village". Wirtschaftliche Beziehungen gehen zunehmend weit über Ländergrenzen hinaus. Durch verbesserte Kommunikationssysteme (Flugzeuge, Fernsehen, Videokonferenzen, Internet...) werden wir immer mehr zu EINER Erde. Man könnte sehr glücklich sein über das Zusammenrücken der bisher einander fremden Kulturen. Globalisierung ist m.E. auf jeden Fall zu begrüßen. Die technischen und kommunikativen Errungenschaften geben uns eine traumhafte Gelegenheit für das freundliche, solidarische Zusammenwachsen der Welt und für eine fruchtbare Auseinandersetzung und ein friedliches Ausstreiten gegensätzlicher Interessen - meine Vision von Globalisierung.

Ernüchternd ist freilich die real existierende Globalisierung. Auf dem Weg hierher habe ich auf einem Plakat den Satz gesehen: "Ich habe nicht geteilt!" Mit diesem Satz wird heutzutage für Produkte geworben. Dies ist zugleich der (nicht immer offen deklarierte) Leitsatz der derzeitigen Form der Globalisierung. Sie geht an den Bedürfnissen der meisten Menschen vorbei. Einer kleinen Gruppe von GewinnerInnen steht eine große Mehrheit von VerliererInnen gegenüber. Die "Freiheit" der Investoren geht zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit, Gesundheit, Umwelt, der kulturellen Eigenständigkeit und zu Lasten der Frauen.

So entstanden Gegenbewegungen für eine menschenfreundlichere Globalisierung z.B. ATTAC: Unter dem Eindruck der durch massive Spekulation ausgelösten Finanzkrise in Südostasien, die weite Teile Südostasiens in eine tiefe Rezession riß und die Stabilität der Weltwirtschaft bedrohte, publizierte der Chefredakteur der in acht Sprachen erscheinenden "Le Monde diplomatique", Ignacio Ramonet, im Dezember 1997 einen Aufruf zur Kontrolle der Finanzmärkte. "Warum gründen wir nicht eine weltweite Organisation, die sich für die Einhebung einer Tobinsteuer zugunsten der Menschen einsetzt?" Schon in den Siebzigerjahren hatte James Tobin, Ökonom und Nobelpreisträger, USA, eine Besteuerung der Devisentransaktionen von 1% gefordert, um den Spekulationsfluß zu reduzieren, was Vorteile für die Realwirtschaft brächte, weil ja die chaotischen Kursausschläge der materiellen Wirtschaft schaden.

Ramonet's Aufruf trug Früchte und aus der französischen "Association pour une Taxation des Transactions financières pour l´Aide aux Citoyens" entstand das Kürzel ATTAC. 5 Jahre nach diesem Aufruf ist ATTAC als Basisbewegung bereits in 50 Ländern Afrikas, Amerikas und Europas aktiv. Siehe: www.attac-austria.org An Hand von Grefe et al: Was wollen die Globalisierungskritiker? sei im folgenden die z.Z. praktizierte Globalisierung skizziert: De facto führt der Glaube an das Wirtschaftswachstum und an den freien Markt zum Recht des Stärkeren. Wir sind über das Faustrecht noch nicht weit hinausgekommen.

DER GLAUBE AN DAS WIRTSCHAFTSWACHSTUM

(Grefe et al 92f)"Wenn die Flut steigt, steigen mit ihr alle Boote auf dem Wasser." Dieses Bild brachte John F. Kennedy für den Zusammenhang zwischen Wachstum und Wohlstand. "Wer gegen Freihandel ist, ist gegen die Armen" sagte George W:Bush im Juli 2001 an die Adresse der DemonstrantInnen in Genua. Aber gerade in den USA war das Einkommen der unteren Hälfte 1999 geringer (!) als 25 Jahre zuvor - und dies, obwohl die Wirtschaftsleistung pro Einwohner im gleichen Zeitraum um fast 70% zulegte. Wirtschaftswachstum ist gut. Aber für wen? Für alle? De facto führt die derzeitige Form der Globalisierung zu einer weiteren Umverteilung von unten nach oben. Es stimmt nicht, daß alle Boote auf dem Wasser steigen. Das ganze Bild stimmt nicht. Es gibt Gewinner und es gibt Verlierer. "Ich habe nicht geteilt!"

Es müßte nicht so sein. Bei den Buschleuten in der Kalahari z.B. gilt: "Wenn einer ißt, essen alle. Wenn einer hungrig ist, sind alle hungrig." Das gejagte Wild wird auf alle in der Sippe aufgeteilt, wenn auch der Jäger das größere Stück wählen darf. (Eibl-Eibesfeldt, 55f) Interessant, daß das Wort "Ökonomie" aus dem griechischen Wort Oikos = Haus und nemo = teilen zusammengesetzt ist.

DER GLAUBE AN DEN FREIEN MARKT "Und staatliche Eingriffe sind schlecht."
Einige Beispiele über Ausdrucksformen und Konsequenzen.

Produktion:

Verlagerung in Länder mit niedrigen sozialen oder Umweltstandards. z.B. (Grefe et al 19f) kaufte der Reifenkonzern Continental mit enormer staatlicher Subvention das Semperit-Werk Traiskirchen in Österreich und lagerte bald darauf die Reifenroduktion in Niedriglohnländer aus. Was betriebswirtschaftlich vollkommen in Ordnung ist. Aber die Beschäftigten werden zum reinen Spielball der Wirtschaftsinteressen.

Finanzmärkte:

(Grefe et al 27ff) 1944 sollte durch das Bretton Woods Abkommen (Mentor: Keynes) eine Wirtschaftskrise wie in den Neuzehnhundertdreißigerjahren verhindert werden. Mit der Freigabe des Kapitalverkehrs und der Wechselkurse Anfang der Siebzigerjahre kam es erneut zu großen Finanzkrisen mit verheerenden Auswirkungen. Der Internationale Währungsfonds (IWF), gegründet, gefährdete Länder zu stützen, wurde zum Schuldeneintreiber der westlichen Großbanken und Anleger. z.B. (Grefe et al 42ff) gedieh die Industrie Indonesiens, Malaysias, Thailands und Südkoreas im Schutz hoher Einfuhrzölle sehr gut. Da die westliche Finanzindustrie an dem Boom nicht beteiligt war, drängte das US-Finanzministerium und der von dort gesteuerte IWF massiv auf die Öffnung der Kapitalmärkte. Der damalige US-Handelsminister Cantor: "Wenn die Länder die Hilfe des IWF suchen, dann sollten Europa und Amerika den IWF wie einen Rammbock benutzen, um Vorteile zu gewinnen."

Als dann Südkorea durch Spekulanten mangels Liquidität dem Bankrott nahe war, verweigerte der IWF ein vorübergehndes Zahlungsmoratorium und forderte Hochzinspolitik, Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen, Streichung aller Importbeschränkungen, den freien Unternehmens- und Landkauf für Ausländer, die Aufhebung des Kündigungsschutzes für Arbeitnehmer. Erst nach sechs Wochen bewilligten die "Geldkrieger" eine Umschuldung, was sofort zu einer Erholung führte. Allein die deutschen Banken holten bei der ersten Umschuldungsrunde 100 Millionen Mark mehr als sie ohne Krise verdient hätten.

Allein in Indonesien wurden nach Berechnungen der Weltbank 20 Millionen Menschen zurück in die Armut gestürzt.

Nur Malaysia weigerte sich, das IWF-Programm durchzuführen, sondern verhängte über Nacht Kapitalsverkehrskontrollen, erhob Steuern auf Kapitalausfuhr und legte ein milliardenschweres Investitionsprogramm auf, um den Rückgang der Nachfrage und den Ausfall der privaten Investitionen zu kompensieren. Der IWF klagte, Kontrollen seien ineffizient und würden ausländische Investoren abschrecken. Aber Malaysia blieben auf diesem Weg Rezession und Massenarbeitslosigkeit erspart, Infrastruktur und Bildungssystem wurden sogar ausgebaut und schon drei Monate nach Einsetzung der Kontrollen betrugen die ausländischen Investitionen über eine Milliarde US-Dollar pro Quartal.

Handel:

(Grefe et al 84ff) Freier Handel ohne Zollschranken ist theoretisch wirklich wünschenswert, de facto aber begünstigt er enorm die Starken. Es ist so, wie wenn Mäuse und Elephanten vereinbaren, daß sich jeder im Bereich des anderen frei bewegen kann. So waren nur die Nationen erfolgreich, die sich den Spielraum erhalten konnten, die Bedingungen ihrer Entwicklung selbst zu steuern und sich gegen spekulative Angriffe aus den globalen Finanzmärkten zu schützen.

z.B. (Grefe et al 87) Mexiko folgte allen Vorgaben des IWF und stieg sogar in das Freihandelsabkommen NAFTA mit den USA und Kanada ein. Das bescherte über 12 Milliarden Dollar Direktinvestitionen, aber wegen der Konkurrenz der Agrarimporte von den US-Großfarmen ging ein großer Teil der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in die Knie. Auch die regionale Kleinindustrie blieb auf de Strecke. Nach zehn Jahren lebte zwei Drittel der Mexikaner von weniger als drei Dollar pro Tag, vorher war es knapp die Hälfte der Mexikaner gewesen.

Umwelt:

Das Gewinnstreben, ein wichtiges Element der menschlichen Psyche, zerstört, wird es absolut gesetzt, langfristig unsere Lebensgrundlagen. z.B. werden wegen kurzfristiger Gewinne ganze Meeresteile leergefischt und z.B. durch Pestizide ganze Landstriche verseucht, ganz abgesehen von den bei den Arbeiterinnen ausgelösten Fehlgeburten etc.

Sozialpolitik:

Die großen sozialen Errungenschaften, ohnehin mühsam erkämpft, erscheinen ausgerechnet in unserer Zeit eines hohen Wohlstandes nicht mehr finanzierbar. z.B. wird durch die Forderung nach Selbstbehalten das Solidaritätsprinzip der Versicherungen ausgehöhlt, weil vor allem die Kranken selbst die Krankenkassen finanziell sanieren sollen. Da aber nachgewiesenermaßen Einkommensschwache vergleichsweise viel öfter krank sind, soll ausgerechnet den Ärmeren die Hauptlast aufgehalst werden. z.B. ist betriebswirtschaftlich eine Rationalisierung oft von Vorteil, etwa eine Gruppe von Beschäftigten durch eine Maschine zu ersetzen. Anstatt daß dann die Arbeitslosen als Helden des Wirtschaftswachstums bedankt, gefeiert und entsprechend belohnt werden, gelten sie als arbeitsscheue Sozialschmarotzer.

Kriege:

Wenn die üblichen Mittel, politischen und wirtschaftlichen Druck auszuüben zu wenig fruchten, greifen die mächtigen Nationen gerne zu militärischen Mitteln, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen.

Genaueres finden Sie auf www.attac-austria.org oder in der umfangreichen Literatur (ein paar Bücher zum Thema finden Sie am Ende dieses Textes angegeben)

Statt des Rechts des Stärkeren brauchen wir die Stärke des Rechts. Und den Primat der Politik, die dem freien Fließen des Marktes soziale und ökologische Grenzpfähle setzt, sodaß unsere schöne Erde auch für unsere Kinder und Kindeskinder ein Ort ist, wo es sich gut leben läßt.

2. Was leistet hierzu die Psychotherapie?

Anima mundi. Was ist los mit der Seele der Welt? Was ist los mit unseren Seelen? Peter Matthiesen schreibt: "Wir haben uns selbst ausgetrickst wie gierige Affen und jetzt hocken wir da mit unserer Angst." ( in "Auf der Spur des Schneeleoparden") Als ich kürzlich ein schamanisches Ritual für verschmutzte Gewässer machte, erhielt ich die Botschaft: Behandelt lieber Euch selbst! Von Euch geht doch unsere Vergiftung aus.

DER GLAUBE AN DIE PROJEKTION

Von vielen Beiträgen, die die Psychotherapie liefern kann (und z.T. liefert) möchte ich einen für mich sehr wichtigen herausgreifen: In mehreren therapeutischen Richtungen geht man davon aus, daß die Ereignisse, die mich besonders freuen und glücklich machen und auch die mich besonders stören, ängstigen oder wütend machen, mit mir, meiner Persönlichkeit und Lebensgeschichte zu tun haben. Ja, daß sie regelrecht meine innere Landschaft abbilden (Projektion), wie auch umgekehrt mein Inneres ein Abbild äußerer Vorgänge und Konstellationen ist (Internalisierung). So gesehen entspricht die von Gestalt und Psychoanalyse herkommenden Erfahrungen dem alten esoterischen Prinzip von "Außen = innen".

Wenn also Globalisierung nicht solidarisch und achtungsvoll sondern gruppenegoistisch und rücksichtslos verläuft, ist sie so gesehen "bloß" die Materialisierung des Zustandes unserer Seelen. Autopoiese (Erzeugung von Wirklichkeit) global, wie man es konstruktivistisch ausdrücken würde. Dies widerspricht freilich dem, was üblicherweise - unreflektiert - geglaubt wird:Wenn man etwas als unethisch kritisiert, ist man nämlich der sicheren Ansicht, daß die Kritisierten die Bösen sind und man selbst zu den Guten gehört, die so etwas nie täten.

ÜBUNG:
So gesehen zahlt es sich aus, außer der politischen Aktion (z.B. im Rahmen von ATTAC), auch die Konstellation in unseren Seelen zu beackern, zu schauen, wo IN MIR die brutalen, über Leichen gehenden Wirtschaftsführer und Politiker und ihre vielen Opfer mit ihrer Ohnmacht, ihrem Haß und ihren Rachegefühlen wohnen. Meist ist mir nur eine meiner Seiten bewußt, die andere unbekannt. Wenn ich beide in mir wahrgenommen und identifiziert habe, könnte ich z.B. entdecken, daß meine Wut über das herrschende Faustrecht in der Welt und meine Tendenz den Tätern alles Schlimme zu wünschen, das sie anderen antun, schon der Regel folgt: WIR WERDEN ZU DEM, WOGEGEN WIR KÄMFEN. Denn dann unterscheide ich mich nur mehr im Ausmaß sowohl von den Global Playern wie von Terroristen, die gegen dieses unmenschliche System mit Unmenschlichkeit kämpfen wollen. In der spirituellen Tradition wird dafür meist der Ausdruck "Schwarze Magie" verwendet.

Das erste ist also die oft beschämende Erkenntnis, daß ich auch so und nicht sehr viel anders bin. Und es fallen mir dann aus der eigenen Lebensgeschichte sowohl Situationen ein, wo ich Täter war/bin wie solche, wo ich Opfer war/bin. Man erkennt u.U. den geheimen Zusammenhang, daß dem Täterdasein immer ein Opferdasein vorausgegangen ist. Wenn dies einem gelingt, wird man dann nachsichtiger, liebe- und verständnisvoller: sich selbst gegenüber - und in der Folge auch der aktuellen Weltsituation gegenüber. Dabei geht es (wie es meiner Ansicht nach auch bei einem politischen Engagement geschehen sollte) zunächst darum, einfach wahrzunehmen, daß es jetzt so ist und wenn es einem möglich ist, beide Persönlichkeitsanteile liebevoll anzublicken. Wenn dies einem nicht möglich ist, dieses jetztige Nicht-Können liebvoll anzublicken.

Und wie man ja auch aus der Eigentherapie weiß, ist die Herstellung eines inneren Friedens und des zärtlichen Umgehens mit mir selber ein langer, für viele lebenslanger Prozeß. Denn: wie im Politisch/Wirtschftlichen ist auch im Persönlichen nicht alles Wünschenswerte einfach machbar. Nach Ansicht vieler spiritueller Traditionen sind auch hier auf der Erde ja ganz andere, über uns und unsere kümmerlichen Möglichkeiten weit hinausgehende Kräfte am Werk und man kann um vieles nur bitten (sich frei und bereit machen) und sich beschenken lassen.

3. Die schamanische Sicht des Globus

Eine besonders schöne Anleitung, wie wir mit spirituellen Methoden eine Transformation unterstützen können, finden Sie in Sandra Ingerman's Buch "Heilung für Mutter Erde"

Die einzelnen Formen, alles Individuelle, das einzelne ist nur scheinbar getrennt vom anderen. Wir könnten gar nicht existieren, wenn nicht fortwährend Tiere und Pflanzen ihr Leben für uns hingäben. Das ist in Ordnung, sie tun es vielleicht gerne, wenn sie von uns dafür geehrt und bedankt werden.

DER GLAUBE, DASS ALLES MITEINANDER VERBUNDEN IST

ÜBUNG
Stell Dir vor, daß alles was Du im Augenblick rund um Dich siehst, hörst und wahrnimmst, zu Dir gehört, ein Teil von Dir ist, daß alles um Dich sozusagen zu Deinem Leib gehört und Du zu ihrem - wie die verschiedenen Finger einer Hand EINZELN sind UND doch Teile EINES GANZEN. Wenn man von dieser Verbundenheit von allem ausgeht, gibt es natürlich Verbindungs-, Kommunikations- und Informationswege zwischen den einzelnen Teilen der Realität. Das erklärt auch, warum ein Mensch wissen/ spüren kann, was in einem anderen Menschen (aber auch z.B. in Tieren oder Steinen) vor sich geht. Ähnlich wie diese wissen/ spüren, was mit uns los ist. In den Stammeskulturen ist es v.a. der Schamane, der diese Verbindungswege kennt und immer wieder zum Wohle seines Stammes betritt. Das erinnert an das Gedicht von Joseph Freiherr von Eichendorff:

"Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort."

ÜBUNG
Immer, wenn Du an einem Prozeß der Veränderung arbeiten willst, sollte erst eine Übung der Dankbarkeit erfolgen: Was in Deinem Leben und in der Welt verdient, von Dir geschätzt, bedankt und nicht für selbstverständlich genommen zu werden? Ingerman (208): "Wollen Sie alles Schlechte an Ihrem Leben ändern, müssen Sie Ihr Leben schätzen."

DER GLAUBE AN DIE EINBETTUNG IN EINE KOSMISCHE ORDNUNG

Aus schamanischer Sicht wird (wie in allen Religionen) die sichtbare, meß- und zählbare Welt nur als ein Teil der Wirklichkeit angesehen und darüber hinaus noch andere Realitäten angenommen, die in den schamanischen Traditionen meist als obere und untere Welten bezeichnet und erlebt werden, zu denen auch das Reich der Toten gehört. Diese werden ebenso wie die mittlere als bevölkert erlebt u.zw. von unseren Vorfahren und einer Fülle von Geistwesen, die teilweise höchst an unserem Wohlbefinden während unserer Erdentage interessiert sind und sich um das Schicksal der Welt sorgen. Sie können aber nur eingreifen, wenn wir sie lassen. In den Stammeskulturen ist es wiederum v.a. der Schamane, der in die anderen Welten zu reisen versteht und als Medium für die guten Geister zum Wohle des Stammes und der Erde fungiert.

Aus der Sicht der Hochreligionen könnten diese Geistwesen als Engel, als Mittler zwischen der Erde und dem Unnennbaren aufgefaßt werden, das bei uns meist mit der Chiffre "Gott" bezeichnet wird. In der psychologischen Sprache (besonders in den humanistischen Psychotherapie-Richtungen) würde man diese Wirklichkeiten als in uns wohnende Ressourcen bezeichnen, die oft tief im Unbewußten verborgen liegen, aber real zu heben und anzuzapfen sind.

ÜBUNG
Wie immer Du diese Realitäten für Dich nennst, nimm mit diesen immensen Potenzen jetzt Kontakt auf und versetze Dich so hinein, daß Du jetzt mit ihnen verschmilzt. (Eine ausführliche Anleitung findest Du bei Ingerman 186ff) "Wenn Sie die Erde durch den Weg der Wandlung heilen wollen, müssen Sie sich daran erinnern, daß das Gefühl des Getrenntsein vom Göttlichen und von anderen Wesen reine Illusion ist." Ingerman (201)

4. Ritual für die Erde

ÜBUNG
Aus dieser soeben hergestellten Verbindung mit den guten Mächten stellst Du Dich nun auf die Erde ein, auf die aktuelle Form der Globalisierung und die Menschen, die sie auf diese Art vollziehen. Nimm Kontakt auf mit dem Göttlichen auch in diesen Menschen und rühre ihr Herz, indem Du ihnen die besten Wünsche schickst - was aus der göttlichen Verbindung heraus leicht möglich ist, da hier nur absolutes Wohlwollen zu allem Existierenden herrscht - wie Du es ja vielleicht schon öfters erlebt hast.. Du kannst Erkenntnisse und Botschaften erhalten, die nur auf diesem Wege des Loslassens des Denkens, der Gefühle, kurz des Ego zu erhalten sind, was die SchamanInnen schon seit vielen Jahrtausenden praktizieren.

Das ist der Beitrag, den (zusammen mit den Religionen und der Psychologie) der Schamanismus für eine Verwandlung in Richtung einer solidarischen und friedlichen Globalisierung leisten kann (und muß).

Willigis Jäger: "Der Mensch der Zukunft wird Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein."

BÜCHERLISTE - LIST OF TITLES

Dossey , Larry: Heilende Worte. Die Kraft der Gebete und die Macht der Medizin.- Südergellersen, 1995, Martin
Originalausgabe: Healing Words - The Power of Prayer and the Power of Medicine.- San Francisco, 1993, Harper

Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Das verbindende Erbe.Expeditionen zu den Wurzeln unseres Verhaltens.- München, 1993, Wilhelm Heyne V.

Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.- Zürich, 1954, Rascher
Originalausgabe: Shamanims: Archaic Techniques of Ecstasy.- Princeton, 1974, Princeton University Press

Emoto, Masaru: Die Botschaft des Wassers. Sensationelle Bilder von gefrorenen Wasserkristallen.- Burgrain, 2002, Koha
Originalausgabe: Messages from Water. World's first pictures of frozen water crystals. Japanese-English.- 2001, Hado Kyoikusha

Grefe, Christiane/ Greffath, Mathias/ Schumann, Harald: attac. Was wollen die Globalisierungskritiker?- Berlin, 2002, Rowohlt Berlin www.attac.org

Harner, Michael: Der Weg des Schamanen. Ein praktischer Führer zu innerer Heilkraft.- Genf, 1994, Ariston
Originalausgabe: The Way of the Shaman.- San Francisco, 1992, Harper Collins

Ingermann, Sandra: Heilung für Mutter Erde. Wie wir uns und unsere Umwelt verwandeln können. München, 2002, Econ
Originalausgabe: Medicine for the Earth.How to Transform Personal and Environmental Toxins.- 2000, Three Rivers Press www.shamanicvisions.com/ingerman.html

Martin, Hans-Peter/ Schumann, Harald: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlsatnd.- Reinbek, 1996, Rowohlt

Mindell, Arnold: Den Pfad des Herzens gehen. Traumkörperarbeit - Schamanische Praktiken und moderne Psychologie.- Petersberg, 1996, Via Nova
Originalausgabe: The Shaman`s body.- San Francisco, 1993, Harper

Morgan, Marlo: Traumfänger. Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines.- München, 1995, Goldmann-V.
Originalausgabe: Mutant Message Down Under.- New York, 1994, Harper Collins

Oxfam International: Eight broken Promises. Why the WTO isn't working for the world's poor.- London, 2001 www.oxfam.org.uk

Uccusic, Paul: Der Schamane in uns. Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung.- Genf, 1991, Ariston Ltd.

Walsh, Roger N. & Vaughan, Francis (Hrsg.): Psychologie in der Wende. Grundlagen, Methoden und Ziele der Transpersonalen Psychologie. Eine Einführung in die Psychologie des Neuen Bewusstseins.- Reinbek bei Hamburg, 1988, Rowohlt

Workshop beim 3. Weltkongreß für Psychotherapie "ANIMA MUNDI - Globalisierung als Herausforderung" in Wien im Juli 2002

Zurück zum Seitenanfang

BRAUCHE ICH DROGEN ZUR EKSTASE?
Eine schamanische Alternative.

Öde schleicht das Leben dahin. Nichts als Schwierigkeiten. Da hilft als Ausweg einmal ein Joint, einmal dies, einmal das. Dazu kommt Neugierde, Forschungslust, Gelegenheit, Gruppenzugehörigkeit etc. Nicht erst seit der 60er-Jahre-Psychedelia kennt und benützt man psychotrope Substanzen zur Ekstase - um aus sich herauszutreten. Wer möchte das nicht?

Vielleicht auch durch den Wegfall der aufregenden Übergangsrituale, z.B. zum Erwachsenwerden, sind manche geneigt, durch Rauschmittel außergewöhnliche Erlebnisse zu erzielen. Hatte in den Stammeskulturen die Drogeneinnahme die Funktion, aus der Anderswelt Kraft, Weisheit und Antworten für das alltägliche Leben zu holen, nehmen die Junkies unserer Tage Drogen meist zur Flucht aus der Alltagswelt. Wie bei den meisten Fluchtmitteln wird dann dieses selbst zum Problem, z.B. durch körperliche und/oder psychische Abhängigkeit, das zu dem ursprünglichen Problemen noch hinzu kommt.

Alternative: "Schamanische Reise"

Arbeiten, essen, schlafen kann doch nicht alles sein. Um ein Leben zu führen, das sich nicht in Routineabläufen erschöpft, braucht man den Ausstieg aus der Alltagswirklichkeit: durch die Liebe, die Kunst, Naturerlebnisse, Musik, Tanzen, Reisen, Sport, Hobbys . . . oder durch den Eintritt in andere Bewußtseinswelten. Der Verlust des Kontaktes zu diesen anderen Welten und ihr Ersatz durch Streben nach Konsum und Gewinnmaximierung ist m.E. ein Hauptgrund dafür, daß vielen in unserer Industriegesellschaft das Leben so langweilig, einsam und problematisch erscheint.

Außerhalb unserer Kultur und zu allen Zeiten vorher wußte sich der Mensch eingebunden in größere kosmische Zusammenhänge und sah das Sicht-, Meß- und Zählbare (das die meisten von uns für das einzige Existierende halten) nur als einen kleinen Teil der Realität an. Sie wußten um die Existenz anderer Welten - in die man auch zu reisen lernte. Als Psychologe würde ich sagen, daß man z.B. mit Hilfe von Trommelmusik in Trance ging, um in einem veränderten Bewußtheitszustand die unendlichen Räume des (kollektiven) Unbewußten auszuloten und mit seinen gewaltigen Ressourcen in Kontakt zu treten. In einigen Weltgegenden werden dazu auch Drogen verwendet, interessanterweise meist dort, wo es so feucht ist, daß eine Trommel nicht bis zum Ende des Rituals ausreichend gespannt bliebe. Wie auch immer, der Schamane hält mit Hilfe der Ekstase die Welt der Menschen, der übrigen Natur und der Geistwelt im Gleichgewicht und er hat erlebt, daß sie trotz ihrer unterschiedlichen Erscheinungsformen eins sind.

Drei Unterschiede

Drogenkonsum heute als Versuch, die alten Fähigkeiten und das alte Wissen wiederaufleben zu lassen? Die Erfahrungen Drogenabhängiger (übrigens auch von Schizophrenen) und von Schamanen sind auf jeden Fall ähnlich. Jeder bereist die Anderswelt. Es gibt aber mindestens drei wesentliche Unterschiede (sonst müßte ja jeder Drogenkonsument ein Schamane sein):

1. Bei der schamanischen Reise mit Hilfe von Musik lege ich selbst fest, wann ich hinübertrete und ich bestimme auch, wann ich zurückkehre. Ich muß nicht das Wirken der Drogen bzw. die abnehmende Wirkung abwarten.

2. Ich lasse mich nicht irgendwo hintreiben, sodaß ich etwas x-beliebiges Schönes oder irgendeinen Horrortrip erlebe, sondern ich kontaktiere gezielt meine Krafttiere und Geistführer, mit deren Hilfe und Schutz ich dann die aufregendsten Erfahrungen machen kann. Ich kriege so viel von ihnen, daß ich nicht nur selbst bereichert zurückkehre, sondern sogar andere auf ihrem Weg unterstützen oder sie heilen kann.

3. Ich gehe nicht in die anderen Welten zur Flucht, z.B. weil ich das Alltagsleben nicht für lebenswert halte, sondern reise hin und her wie ein Importeur, der laufend die tollsten Waren ins Land bringt: das Ziel ist, DIESE Welt (die in der schamanischen Diktion meist als die "mittlere" bezeichnet wird) so bunt, lebendig, erfüllt und lebenswert zu machen, daß ich gar nicht mehr flüchten muß.

Drogeneinnahme - ein Versuch der Transzendenz

Mit Hilfe der Substanzen wechsle ich von der Ebene des Alltagsbewußtseins auf die Ebene des Transzendenten/ Göttlichen. Bedauerlicherweise bleibt dabei die berauschende und unglaubliche Kreativität und die Weitung des Bewußtseins meist auf den Trance-Zustand beschränkt und wird nicht fruchtbar für die Entwicklung meiner Persönlichkeit, für meine Beziehungen und meine Arbeit. Im Gegenteil, der Zwangsgedanke an das nächste Mal und wie ich an den Stoff rankomme und wie ich ihn bezahlen kann, engt mein Leben mehr und mehr ein. Es ist erwiesen, daß man mit Hilfe von Trommeln, Rasseln etc. (wie mit Hilfe von Hyperventilation u.ä.) ähnliche Bewußtseinsveränderungen hervorrufen kann wie durch die Einnahme psychedelischer Drogen - aber ohne die gefährlichen Auswirkungen. Zudem lassen sich die Erlebnisse erfahrungsgemäß leichter ins Alltagsleben integrieren - auf jeden Fall unter Anleitung eines Erfahrenen.

So können schamanische und andere Meditationsformen geradezu der Heilung der genannten Unfreiheit dienen. Ich höre, daß ein Teil der nordamerikanischen Schamanen ursprünglich von Alkohol oder Drogen abhängig oder schizophren waren, aber diesen hilflosen Zustand, der sie zum Opfer machte, mit therapeutischer/ schamanischer Unterstützung überwinden konnten und dadurch zum Schamanen wurden. Ihre Fluchtkrankheit war schon ein Hinweis auf ihre Fähigkeiten und ihre Berufung.

Ich möchte ein Leben führen, daß sich auszahlt gelebt zu werden - und dazu gehören auch ekstatische Erlebnisse. Warum aber einen Ersatz wählen, wenn ich das Original haben kann?

"Die Seele sehnt sich nach Ekstase und Freiheit,
aber sie kann sie nur erreichen, wenn sie ihre Verhaftung an begrenzte Selbstbilder losläßt.
Für den ekstatischen Flug, die Reise ins Unbekannte,
braucht die Schamanin einen Geistführer."

Aus einer Vision von Rowena Pattee, in: Doore, Gary (Hrsg.): Opfer und Ekstase. Wege der neuen Schamanen.- Freiburg i.Br., 1989, Verlag Hermann Bauer

Zurück zum Seitenanfang

JESUS HEILTE. UND WIR?
Heilungen aus dem Glauben - ein neues - altes Angebot der Pfarren?

Nicht daran gedacht

Priesterseminar Linz, an einem Sonntag im Jahr 1962. "Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus!" wird gerade aus dem Evangelium (Matth 10) vorgelesen. So hatte Jesus die Zwölf hinausgeschickt zu verkünden "Das Himmelreich ist nahe!". Wir Studenten hören es und denken an unsere Berufung, in die Welt hinauszugehen. Aber keiner denkt dabei z.B. an reale körperliche Heilungen. Auch die Professoren nicht.

Wir hören begeistert die vielen biblischen Geschichten über Heilungen durch Jesus und seine Schüler, aber fühlen uns nicht gemeint. Schon gar nicht, wenn Jesus (Joh 14) sagt: "Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun."

Die Wende

Ich wurde ganz aufgeregt, als ich zwanzig Jahre später überlegte, ob dieser Auftrag zu heilen und die "Vollmacht über alle Dämonen und Krankheiten zu heilen" nicht doch wörtlich zu nehmen sei. Als Psychotherapeut hatte ich bereits eine Menge unglaublicher psychischer und körperlicher Verwandlungen miterleben dürfen. Zusätzlich hatte ich mich für andere Heilmethoden interessiert und u.a. eine Reiki-Ausbildung begonnen. Als wir gerade japanische Symbole lernten und übten, kam mir der Gedanke: es müßte doch auch möglich sein, unsere vertrauten christlichen Zeichen zur Heilung zu verwenden und so die Heiltradition von Jesus und seinem Schülerkreis wieder aufzunehmen, wie es auch charismatische Bewegungen tun. Was wäre, wenn Heilungen in unseren Pfarren genauso selbstverständlich praktiziert würden wie z.B. Caritas und Jugendarbeit? So war es ja wohl in den ersten Christengemeinden gewesen, die offensichtlich dafür bekannt waren, daß man hier ganzheitlich heil/ geheilt werden konnte.

 Kennzeichen des Messias

Körperliche Heilungen spielen zwar im "Reich Gottes" nicht die Hauptrolle: es geht um die Eingliederung des einzelnen in einen größeren guten Zusammenhang. Jesus hat nicht alle Kranken seiner Zeit geheilt, auch nicht alle im damaligen Israel. Aber Heilungen werden als das Hauptmerkmal des Messias beschrieben. Als Johannes, der Täufer, im Gefängnis zu zweifeln beginnt und die bange Frage an Jesus rausschmuggeln kann: "Bist du der, der da kommen soll oder müssen wir auf einen anderen warten?" zitiert Jesus als Antwort Jesaja 35 etc: "Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, und Taube hören. Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet." (Mt 11)

Dabei geht es eben nicht nur um psychische/ spirituelle Heilungen wie z.B. des Zachhäus von seiner Habsucht (Lk 19), des Verwirrten aus Gerasa (Mk 5) oder der Ehebrecherin (Jo 8) sondern auch um körperliche Heilungen z.B. Simon's Schwiegermutter vom Fieber (Lk 4), von Leprakranken (Lk 5), von Gelähmten (Lk 5) und Blinden (Mt 20). Darüber hinaus beeinflußte Jesus z.B. auch das Wetter (Mt 8) oder den Fischfang (Lk 5) und trieb immer wieder böse Geister aus -

Phänomene, wie sie (belegt) auch immer wieder von SchamanInnen berichtet werden und wie ich sie z.T. auch selbst erlebt habe. Das ließ mich zweifeln, ob die biblischen Heilungen wirklich nur allegorisch, im übertragenen Sinn zu verstehen sind, wie ich viele Jahre angenommen hatte.

Nicht immer gelingt die Heilung: z.B. beim reichen jungen Mann, von dem es heißt, daß er traurig von dannen ging (Mt 19) und die Zwölf werden angewiesen, ihren Staub von den Füßen zu schütteln, wenn man sie nicht aufnimmt. Dann gibt es schwere Fälle, denen die Jünger (noch?) nicht gewachsen sind (Mk 9). Auch dies entspricht meiner persönlichen Erfahrung. Wer sich vertrauensvoll auf den Heilungsprozeß einläßt, macht immer einen wesentlichen Schritt, der ja z.B. auch darin bestehen kann, liebevoller mit sich und seinem Körper umzugehen, sich besser in der Welt verankert zu fühlen oder friedvoller als bisher mit der Krankheit leben zu können. Aber es gibt keine Garantie, daß auch die Symptome verschwinden.

Heilungen finden in den biblischen Erzählungen nicht aus Sensationslust oder zur Steigerung des Renommees statt (siehe die Versuchung Jesu Mt 4), sondern dienen wie die Geschichten vom guten Vater, der den verlorenen Sohn nicht aufgibt, oder vom guten Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht (Lk 15), dazu, die Qualität des Himmelreiches zu demonstrieren, in das alle eingeladen sind, die mühselig und beladen sind, um erquickt zu werden (Mt 11).

Nachfolge

Jesus auf dem Weg des Heilens zu folgen ist allerdings nicht nur erquicklich: sicher erlebt man immer wieder ekstatische Augenblicke, in denen man von Glück und Rührung überwältigt ist wie die drei Jünger am Verklärungsberg (Mt 17), aber man erlebt - wie Jesus - auch Stunden der Verzweiflung und die "die dunkle Nacht der Seele", wie diese Phasen von manchen Mystikern genannt wurden.

Es geht darum, zu werden wie die Kinder, durchlässig für die heilende göttliche Energie zu werden und sich führen zu lassen. Es geht darum, fremde Leiden auf sich zu nehmen und sich selbst zu verleugnen, was in der fernöstlichen Mystik üblicherweise als die Aufgabe des Ego/ des Ich's bezeichnet wird. Und man muß sich vielleicht wie Jesus vorwerfen lassen, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Dazu trifft man allenthalben auf herablassendes Grinsen - dem gerade in unserer Kultur alles anheim fällt, was man naturwissenschaftlich (noch) nicht erklären kann. "Jetzt is er spinnert worden" sagte eine Kollegin, als sie erfuhr, daß ich außer Psychotherapie nun auch begonnen hatte, spirituelle Heilseminare anzubieten. Die Kritiker von Jesus, so lautet ein Witz, sagen ja, daß Jesus nur deshalb auf dem Wasser gegangen sei, weil er nicht schwimmen konnte.

Als Mahnung - auch an die Helfersyndrom-Besitzer - warnt Jesus vor ängstlicher Sorge. D.h. man solle sich nicht so wichtig nehmen, wie wenn die eigenen Fähigkeiten und Qualitäten über einen Heilerfolg entschieden. "Denn nicht ihr seid es ja, die da reden, sondern der Geist eures Vaters redet in euch" sagt Jesus in einem anderen Zusammenhang (Mt 10). Verlangt ist eine eindeutige Entscheidung. "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." (Mt 6)

Wie heilt Jesus?

Entscheidend ist für ihn offensichtlich die Verbindung mit dem Vater, wie er die unfaßbare göttliche Energie bezeichnet. "Ich und der Vater sind eins." Offensichtlich, um in diesem Bewußtsein zu bleiben, zieht er sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten (was er zusammen mit Fasten auch für die Behandlung besonders schwieriger Fälle empfiehlt). Aus diesem Einssein, aus dem Geist des Vaters heraus, berührt er den Patienten, macht ein kleines Ritual oder eine Fernheilung für Abwesende.

Der Beitrag des Patienten besteht in der Hingabe, im Vertrauen: "Dein Glaube hat Dir geholfen." Es reicht, voll Zuversicht die Quasten seines Gewandes zu berühren (Mt 14). Es geht um Einordnung in die göttliche Ordnung. Dazu ist oft metanoia nötig, Umdenken und Umkehren.

Heil zu werden geht laut Jesus weit über das Symptom hinaus. Das Körperliche, Psychische und Geistliche wird von ihm offensichtlich als eng zusammenhängend aufgefaßt. Es geht immer um den ganzen Menschen. Und nicht nur der Mensch, die ganze Schöpfung seufzt, sagt Paulus.

Wie heilen andere?

Ganz ähnlich wird es auch in vielen anderen spirituellen Richtungen gesehen. Ich war tiefst berührt, als ich entdeckte, wie viel Ähnlichkeiten die mystischen und Heilungserfahrungen der verschiedenen Religionen aufweisen, so verschieden die äußeren religiösen Abläufe und Auffassungen auch sein mögen: es scheint, daß der Mensch, der still wird, den Lärm der Gedanken hinter sich läßt und sich bereit und offen macht für das Wesentliche, ganz ähnliche Erfahrungen macht - über Kontinente und Weltanschauungen hinweg. Diese Erlebnisse sind im übrigen meist schwer in Worte zu fassen.

Ein solcher Versuch wird aber Ende April in Puchberg bei Wels gewagt bei der transpersonalen Tagung mit dem Thema "Heimkehr der Seele", wo Vertreter verschiedener Religionen und spiritueller Richtungen ihr Wissen, ihre Methoden und ihre Erfahrungen zur Heilung der Seele miteinander austauschen, einander zuhören und voneinander lernen möchten. Auch Sie sind eingeladen, teilzuhaben und Ihre eigenen geistlichen Erfahrungen mit einzubringen.

Vielleicht finden es manche einfältig, die Heilungsberichte aus der Heiligen Schrift wörtlich zu nehmen. Auch bei mir meldet sich noch immer von Zeit zu Zeit die Skepsis. Aber dagegen steht eine Fülle ähnlicher eigener Erlebnisse, die meine vorgefaßten kritischen Gedanken Lügen strafen. So geht es darum, Vertrauen zu lernen, daß der Glaube wirklich Berge versetzen kann, was auch psychologische Untersuchungen belegen z.B. über den Placebo-Effekt, der, wie man weiß, für einen großen Teil aller Heilungen verantwortlich ist, gleich, ob westlich-medizinische, psychotherapeutische oder spirituelle.

Warum sollten wir nicht beten mit Petrus und Johannes nach ihrer Freilassung (Apg 4) - sie waren nach der Heilung eines Lahmgeborenen gefangen genommen worden:

"Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!"
Heißt es doch weiter:
"Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes."

Erschienen in der Linzer Kirchenzeitung am 14.4.2003

Zurück zum Seitenanfang

POLITIK & SPIRITUALITÄT
Über Projektion und andere Unannehmlichkeiten. Eine persönliche Anmerkung zur aktuellen Weltlage.

Summary: POLITICS AND SPIRITUALITY
About "projection" and other embarrassing discoveries. A comment on the contemporary state of the world.
The psychology destroys the ridiculous speech of the "Axle of evil". Freud's term "projection" means that the evil in us is projected outside to other persons or groups with the goal to be able to see one self as one of the good ones. Its embarrassing that not only G.W.Bush, Saddam and Bin Laden are doing so, but also we project in our fight against them: we too ARE the persons we are fighting against. Should we so better end to fight for a peaceful living together and a respectful dispute about the different interests in the world? I say no. But remembering the good AND evil inside us we will look knowing at the warlords and our fight will be more efficient estimating the divine in Bush and the other criminals. You know how Indians say hallo? Namaste! That means:The divine in me is greeting the divine in You.

"Fühle mit allem Leid der Welt,
aber richte Deine Kräfte nicht dorthin, wo Du machtlos bist!"
Hermann Hesse.

Bagdad im April 2003. Ein Spital wird geplündert. Die Besatzer schauen zu. Aber das Öl-Ministerium wird von ihnen beschützt. Damit alle Welt weiß, worum es geht.

Die Berichte über die vielen Opfer gehen mir sehr zu Herzen. Die dreisten Lügen der Kriegsherren reizen mich zur Wut. Klammheimlich freute ich mich, wenn die "Koalition der (zur Bluttat) Willigen" durch irakischen Widerstand aufgehalten wurde. Wider alle Vernunft, da dies nur noch mehr Opfer forderte. Aber was müssen sie in ein fremdes Land einfallen! Sie töten Tausende und zerstören das Land mit Einsatz von Milliarden und wir sollen mit unseren Spenden humanitäre Hilfe leisten und den Wideraufbau mitbezahlen, dessen Gewinne wiederum die Kriegstreiber einstreifen - abgesehen davon, was auch wir bis jetzt schon durch höhere Ölpreise etc. an Kriegslasten zu tragen hatten.

Dann bedenke ich, daß immerhin wie in Afghanistan ein brutales Regime zu Fall gebracht wurde. Doch das bringt mir keine große Erleichterung. Es ist wie ein Krieg unter Mafia-Banden. Soll man sich über den Sieg der stärkeren Bande freuen? Um ihr Imperium politisch, wirtschaftlich und militärisch abzusichern, denken sie bereits daran, Syrien und den Iran als nächste zu überfallen. Und ich spüre den Haß, den sie in vielen Teilen der Welt auslösen. Auch bei mir: Ohnmacht, Verzweiflung und Wut.

"Das Ärgerliche am Ärger ist,
daß man sich schadet, ohne anderen zu nützen."
Kurt Tucholsky

Die Psychologie

zerstört die lächerliche Rede von der "Achse des Bösen". Wir wissen, und das gibt uns ein gutes, überlegenes Gefühl, daß diese Blödiane noch nie von PROJEKTION gehört haben. Sie wissen nicht, daß man das Böse, das man in sich trägt, auf andere projeziert, damit man sich selbst gut vorkommt. Man braucht die Bösewichte dringend und ist regelrecht erleichtert, daß es sie gibt. Wenn nicht, erfindet man sie eben.

Während ich so mit wohltuender Verachtung beschäftigt bin, fällt mir plötzlich beschämender Weise ein, daß dies natürlich auch für mich selbst gilt. Echt peinlich, denn auch ich brauche die Feindfiguren, damit ich den Rumsfeld und seine über Leichen gehenden Kumpane, deren Bild ich im Fernsehen kaum aushalte, nicht IN MIR, als Teil von mir selbst, meiner doch integren Persönlichkeit wahrnehmen muß. Die Getöteten UND ihre Mörder sind Teile von mir selbst, sonst würde ich mich auch gar nicht so aufregen, sagt der Psychologe in mir. Gilt ein Teil der ohnmächtigen Wut vielleicht gar nicht den US-Aggressoren, sondern meiner dominanten Mutter und den Erziehern, denen ich mich im Internat als Kind ausgeliefert fühlte? Und ist etwa das "über Leichen Gehen" auch mir selbst vertraut? Das muß man erst mal verdauen.

Ärgerlich, diese Psychologie! Die Welt war so einfach und klar: dort die Bösen, hier (wo ich bin) die Guten. Nicht nur im Weißen, auch in meinem Haus denkt man so. Demnach unterscheide ich mich höchstens graduell und hinsichtlich meiner Möglichkeiten und Methoden von den Verbrechern in der US-Administration und den furchtbaren Terroristen, die sich ebenfalls auf die gute Sache bei ihren Morden berufen.

Ja, ich entdecke: warum sollte denn die Außenwelt anders sein als jeder einzelne von uns? Ich spüre, wie die furchtbare Weltlage den schlimmen Zustand unserer Seelen abbildet. Sie ist "bloß" deren Materialisierung. Wir WERDEN nicht nur (wie ein Spruch sagt), wogegen wir kämpfen: wir SIND, wogegen wir kämpfen. Wenn ausgerechnet einige Friedensdemonstranten etwas kaputt machen und zuschlagen, wenn ich den Terroristen und Staatsterroristen wünsche, daß sie einmal am eigenen Leib spüren müssen, was sie anderen antun und ihnen die Pest an den Hals wünsche, wodurch unterscheide ich mich dann überhaupt noch von ihnen? Das ist eine schlimme Erkenntnis: ich bin nicht anders als sie. Ich bin auch so.

"Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie."
Johannes 8

Was tun mit dieser Erkenntnis?
Aufhören, sich einzusetzen für das freundliche, solidarische Zusammenwachsen der Welt, für eine fruchtbare Auseinandersetzung und ein friedliches Ausstreiten gegensätzlicher Interessen?
Nein!
Aber ich muß neu anfangen. Auch in meinem Denken. Wenn nicht, setze ich bloß den bisherigen schlimmen Kampf der sogenannten "Guten" gegen die sogenannten "Bösen" fort.
Wie?

"Es gibt keinen Weg zum Frieden.
Der Frieden ist der Weg."
Mahatma Gandhi

Wenn ich mich also (hoffentlich weiterhin) politisch engagiere, dann mit dieser Einstellung. Auch angesichts des erfreulicherweise weltweiten Widerstandes gegen die brutale Durchsetzung imperialer Interessen möchte ich in diesen Zeilen nicht auf mögliche Methoden des politischen Kampfes eingehen, sondern auf spirituelle Methoden, die m.E. von gleicher Bedeutung sind.

1.) Namaste!

So begrüßen sich viele Inder, falten die Hände und verbeugen sich voreinander. Warum diese Ehrbezeugungen? "Namaste" bedeutet sinngemäß: DAS GÖTTLICHE IN MIR GRÜßT DAS GÖTTLICHE IN DIR.

Wie Sandra Ingerman es für die schamanische Behandlung kontaminierten Wassers vorschlägt, wo man sich auf die Göttlichkeit des vergifteten Wassers konzentrieren und es würdigen soll, so sollte man sich bei aller Ablehnung der verbrecherischen Taten auf das Göttliche in den Übeltätern konzentrieren und mit diesen Persönlichkeitsanteilen Kontakt aufnehmen. Also die Sünde hassen, aber den Sünder lieben, wie Augustinus es ausgedrückt hat.

Hellsichtige Kinder nützten ihre Sensibilität und machten Ende März d.J. auf Hawai vor sechshundert Zuhörern folgenden Aufruf zur Weltlage:
Sie schlugen vor, ein Gebet für George W. Bush abzuhalten. Ihre Erklärung dafür war, daß Präsident Bush derzeit so viel schlechte Energie abbekommt, daß wir ihm damit keinen guten Dienst erweisen und ihm auf diese Weise nicht helfen, seine Entscheidungen im Sinne des höchsten Gutes jeder einzelnen Person auf der Erde zu treffen. In der schamanischen Tradition werden schlechte Wünsche als schwarze Magie bezeichnet, die nicht nur dem Adressaten, sondern auch dem Absender schadet. Je mehr wir unseren Fokus auf das richten, was wir nicht wollen, umso mehr unterstützen wir es.
Die Kinder schlugen vor, Bush so zu sehen, wie Gott ihn sieht, also das Licht in ihm zu erkennen und damit sein eigenes Licht zu verstärken.

Es liegt auf der Hand, daß im Sinne der obigen Zeilen über "Projektion" so zugleich auch der Friede und das Wohlwollen zwischen den Kriegsparteien IN MIR selbst gefördert wird. Kinderkram? Nein, diese Hellsichtigen haben eben auch Zugang zu dem alten Wissen.

2.) Allumfassendes Wohlwollen

Es stimmt, daß das Übel offensichtlich auch zur Ordnung des Kosmos gehört und wir lernen sollen, es zu akzeptieren, es als Illusion zu erkennen (wie alle Erscheinungen), loszulassen und die Hingabe an das Ganze zu üben - in dem Vertrauen , daß alles gut ist.

"... und die sich mit der Welt befassen, als machten sie keinen Gebrauch von ihr.
Denn die Gestalt dieser Welt vergeht."
1. Brief des Paulus an die Kolosser 7

Nichts in der Welt ist es wert, mein Herz dran zu hängen.
Andererseits drückt sich die unnennbare, unfaßbare Wirklichkeit, die Leere bzw. Fülle, die bei uns üblicherweise mit der Chiffre "Gott" bezeichnet wird, in allem Existierenden aus. Als sich der Asket während der Meditation von einer Maus gestört fühlte, fuhr er sie an: "Wie kannst Du mich stören, wo ich gerade dabei bin, mich mit Gott zu vereinigen!" Sie antwortete: "Wie kannst Du Dich mit Gott vereinigen, wenn Du nicht mit mir einig wirst?" Nach Dethlefsen/ Dahlke.

Während unserer Erdentage ist die Welt, unser Alltag, die einzige Möglichkeit, das Wesen und den Urgrund von allem wahrzunehmen. Als Konsequenz daraus ergibt sich dieses eigenartige Loslassen UND Hinwenden zur Welt, ihrer Schönheit und ihren dunklen Seiten. Es scheint, daß es notwendig ist, immer wieder Abstand zu nehmen, um nicht anzuhaften und sich nicht zu verlieren UND sich dann mit liebevollem Blick wieder zuzuwenden und zu agieren.

Wie in der Geschichte von Willigis Jäger, wo dem Mann vom Einsiedler geraten wurde, tiefer in den Wald hineinzugehen. Er tat es und entdeckte fernab vom Lärm des Marktplatzes kostbarste Edelsteine. "Geh tiefer in den Wald!" sagte der Einsiedler erneut. So tat er, bis er eines Morgens aus dem Wald herauskam und wieder auf dem Marktplatz landete.

Es entspricht meiner Erfahrung, daß ausgerechnet das Loslassen von allem und nichts mehr wichtig Nehmen zu einer rundum liebevollen Hinwendung zu allem führt. Alles wird gleich-gültig. Man könnte auch sagen: wenn man auf die Ebene des reinen Seins vordringt, des puren Bewußtseins, tritt an die Stelle von Verstand und Gefühlen das Gewahr-Sein und das (von selbst hervorkommende) Annehmen von allem, was ist. Man ist sozusagen am Grundwasser angelangt. Oder in dem Bild von Matthäus 5 bei der Sonne und dem Regen, die Gute und Böse gleichermaßen wärmen und tränken.

So ist es auch bei einer Familienaufstellung, wo ein Übeltäter und seine Opfer in gleicher Weise mit meinem Wohlwollen rechnen können, wo ich die Zusammenhänge spüre und auch den Täter als Opfer (z.B. früherer Täter) wahrnehme und wo es immer nur darum gehen kann, daß das ganze Beziehungssystem, mit allen seinen Teilen, der Heilung einen Schritt näher kommt. Oft weine ich mit den Opfern und beweine auch die Täter und das furchtbare Schicksal, das beide verbindet. Oft wird ein berührender Friede möglich - mit schmerzender Erkenntnis und Offenlegung der Schuld, mit Verzeihen und Zustimmung aller zum Schicksal.

Dann sehe ich vor mir die im Irak Getöteten, die Verwüstungen der Städte und vor allem in den Herzen der Menschen. Aber ich sehe auch die Verwüstungen, die die amerikanischen Kriegstreiber in sich selbst anrichten und in den Herzen ihrer eigenen Bevölkerung. Dann bin ich berührt von ihrem schlimmen Schicksalen und trauere um alle. Und werde ruhig und stimme zu.

Selbst wenn man klare und harte Worte aussprechen muß z.B. ein himmelschreiendes Verbrechen als solches bezeichnet und die Schuldigen beim Namen nennt oder wenn man Witze machend das Ventil der Ohnmächtigen benützt - das umfassende Wohlwollen, das aus der Stille des Loslassens von selbst entsteht, sollte den Streit für eine gerechtere Welt prägen. Der Weg des Herzens ist die Anerkennung von allem, was ist.

"Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!
Betrachte es ganz tief:
Jede Sekunde komme ich an,
sei es als Knospe in einem Frühlingszweig
oder als winziger Vogel mit noch zarten Flügeln,
der im neuen Nest erst singen lernt.
Ich komme an als Raupe im Herzen der Blume
oder als Juwel, verborgen im Stein.

Ich komme stets gerade erst an,
um zu lachen und zu weinen,
mich zu fürchten und zu hoffen.
Der Schlag meines Herzens ist Geburt und Tod
von allem, was lebt.
Ich bin die Eintagsfliege,
die an der Wasseroberfläche des Flusses schlüpft.
Und ich bin auch der Vogel, der herabstürzt, um sie zu schnappen.
Ich bin der Frosch, der vergnüglich im klaren Wasser eines Teiches schwimmt.
Und ich bin die Ringelnatter,
die in der Stille den Frosch verspeist.
Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen,
mit Beinchen so dünn wie Bambusstöcke.
Und ich bin der Waffenhändler,
der todbringende Waffen nach Uganda verkauft.
Ich bin das zwölfjährige Mädchen, Flüchtling in einem kleinen Boot,
das von Piraten vergewaltigt wurde
und nur noch den Tod im Ozean sucht.
Und ich bin auch der Pirat,
mein Herz ist noch nicht fähig, zu erkennen und zu lieben.
Ich bin ein Mitglied des Politbüros
mit reichlich Macht in meinen Händen.
Und ich bin der Mann, der seine Blutschuld an sein Volk zu zahlen hat
und langsam in einem Arbeitslager stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling.
So warm, daß sie die Blumen auf der ganzen Erde erblühen läßt.
Mein Schmerz ist wie ein Tränenstrom.
So mächtig, daß er alle vier Meere ausfüllt.
Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!
Damit ich all mein Weinen und Lachen zugleich hören kann.
Damit ich sehe, daß meine Freude und mein Schmerz eins sind.
Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!
Damit ich erwache!
Damit das Tor meines Herzens von nun an offen steht,
das Tor des Mitgefühls."

Thich Nhat Hanh

3.) Zwischen Fatalismus und Fanatismus

Leider wurde in der Vergangenheit politisches Engagement und Spiritualität oft gegeneinander ausgespielt. Dabei liegt auf der Hand, daß eines ohne das andere schnell in Fallen geht: entweder in Richtung eines blinden, haßwütigen Aktionismus und Fanatismus oder in Richtung eines weltabgehobenen "Wenn sich nur alle lieben, gibt es keine Probleme mehr auf der Welt", wo vergessen wird, "daß "Liebe" auch strukturelle und wirtschaftliche Formen annehmen muß, die von jemandem politisch erstritten werden müssen.

Schlimmes ist wirklich schlimm und es sollte nicht in esoterischem Kurzschluß umbenannt oder übermalt werden. Offensichtlich, damit ich nicht so leichtfertig d a r ü b e r schreibe, kriegte ich entsetzliche Zahnschmerzen, als ich diese Zeilen zu schreiben begann. Einen geliebten Menschen zerfetzt und seine Wohnung zerbombt ansehen zu müssen, ist furchtbar und alle Worte versagen. Genau so wie die tiefen Verletzungen der Seelen und derer der Nachkommen Traumen sind, an denen noch Generationen von Psychotherapeuten mühsam arbeiten werden.

"Umso wichtiger scheint es, in einem solchen Moment des tiefen Schmerzes nach den Quellen der Hoffnung und der Unbeugsamkeit zu fragen, die heute rund um den Globus zutage treten. Nie zuvor in der Geschichte hat ein Krieg einen derart weltumspannenden und spontanen Widerstand ausgelöst." sagte Desmond Tutu vor kurzem.

"I have a dream!" rief Martin Luther King beschwörend immer wieder ins Mikro. Lassen wir uns auch in dieser dunklen Zeit nicht abbringen von unserem Traum von einer solidarischen, friedlichen Welt, in der Gerechtigkeit herrscht! Der südafrikanische Sieg über die Apartheit und andere können uns Mut machen, nicht aufzugeben.
Es geht aber darum, - auch im politischen Kampf, der dadurch effizienter wird - Täter und Opfer und uns selbst verbunden zu sehen, eins in unserem Menschsein, in der uns gemeinsamen gemischten Existenz von "gut" und "böse". Es geht darum, das Göttliche in uns allen nicht aus den Augen zu verlieren, wodurch Angst und Wut zu reduziert und die Herzensliebe aktiviert wird.

"Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ,himmlischen Mächte', der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten."
Siegmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, 1930

Literatur

Bonhoeffer, Dietrich (Bethge, Eberhard, Hrsg.): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.- München, 1951, Chr. Kaiser

Girtler, Roland: Bösewichte - Strategien der Niedertracht.- Wien, 1999, Böhlau

Ingerman, Sandra: Heilung für Mutter Erde. Wie wir uns und unsere Umwelt verwandeln können. München, 2002, Econ Originalausgabe: Medicine for the Earth.How to Transform Personal and Environmental Toxins.- 2000, Three Rivers Press www.shamanicvisions.com/ingerman.html

Sölle, Dorothee: Mystik und Widerstand. 'Du stilles Geschrei'.- 2000, Piper

Thalhamer, August: Die Globalisierung des Schamanen. Die gängige Praxis der Globalisierung im Gegensatz zu schamanischer Weltsicht und - Behandlung.- 2002, www.thalhamer-haase.at

"Ohne Gerechtigkeit ist Frieden nichts als ein wohlklingendes Wort."
Dom Helder Camara

August Thalhamer, im April 2003
Veröffentlicht in der Zeitschrift WEGE 3/ 2004

Zurück zum Seitenanfang

WHERE SHAMANISM AND PSYCHOTHERAPY MEET

Differences and correspondences, illustrated by examples from family constellation work, from the point of view of a practitioner of both methods.

Summary: Shamans practise the most ancient form of medicine and psychotherapy. Bert Hellinger's method of working with family constellations shows not only differences, but also a number of obvious as well as hidden correspondences with shamanism. Transpersonal processes, - e.g., when a group member, once he agrees to take a role of an absent or dead person, makes correct statements and often uses the same words as the represented person and to some degree even feels his symptoms, without prior knowledge, - cannot (yet) be explained by scientific methods, but very well by the shamanic conception of the world. Albrecht Mahr assumes that there is a "knowing field" where one can get information. Maybe this is just a different way to describe the shamanic conception that everything that exists is interconnected?

Sometimes the same things are seen from different sides. Whether a deceased person occupies a living person, steals his soul and lures him into death, or the living person out of love follows the deceased into illness and death ­ this, in my opinion, is only a matter of point of view. Popular sayings in Europe also know both attitudes: when a father and a son die one after the other, it is said that "he has fetched him", but also that "he has gone after him". Both the psychotherapist and the shaman consider the verbal and nonverbal signals and evaluate them in the light their previous experiences. The therapist in constellation work lets himself be guided by intuition out of the "blank centre" (Bert Hellinger) or "non-knowledge" (Varga von Kibèd), the shaman tries to become a "hollow bone" (Lakota), so that he can be guided by the spirits he contacts in shamanic journeying.
Seems different, but is it really?

Zusammenfassung: Dieses Referat entspricht weitgehend SCHAMANISMUS UND FAMILIENSTELLEN , das ich 2001in Würzburg und Gmunden gehalten habe. Der Unterschied besteht im Schwerpunkt, daß ich bei den Aufstellungskongressen in Europa vor allem schamanische Sicht- und Vorgehensweisen, denSchamanen beim Symposium in Sibirien vor allem das Familienstellen vorstellen wollte.

Since 1961 at the latest, when Yuri Alekseyevich Gagarin circled our globe, we have known how small the earth is. And modern communication media bring us even closer together. And thus, the manifold traditions of healing and problem solving also approach each other more and more. I am honoured to point out to you today possible connections between ancient shamanism and young psychotherapy.

I am doing so because I feel the vocation to build bridges between psychotherapy, shamanism, and the Christian mystic and healing tradition. I am doing research in this field for personal reasons, too, as I am a Catholic theologian as well as a psychologist, but I also work with shamanic healing methods. So I had to harmonize the different theories and practices within myself.

Today I would like to compare shamanism and "systemic solutions for family constellations", a method developed about 20 years ago by the German Bert Hellinger. That's a special form of role-playing: the patient chooses out of the group representatives for the relevant persons or other elements relating to the client´s problem. The therapist tries to bring in a good order all parts of the system.

Let me give you an example first:

BIRGIT

tells me her problem: she is 20 years old, a borderliner, and has already made an attempt on suicide. "I can't find a good place in life", she says: intimate relationships broke up, she started several professional trainings and didn't finish any of them. She feels week and restless, and has got a couple of symptoms, like rashes and frequent headaches.

I invite her to a group therapy.

When she begins to set up her family, I learn the following: Birgit is the sixth of eight children of her parents. Two of them were aborted, two were born dead. Birgit was born at the end of six months of pregnancy, had already been given up, and hardly survived.

I ask Birgit to choose representatives for her parents and for the four surviving children, and to set them up in space according to her inner image. I make the representatives of her four dead sisters and brothers lie down in the middle. The representative of the mother cannot stand looking at the dead and would rather lie down with them. The representative of the father tries hard, but awkwardly and ineffectively, to help the children.

There, Birgit´s head begins to twitch like mad, and she starts screaming. I can prevent her from taking refuge in insanity, but it takes her a long time to face pain. Finally she begins to weep heartrendingly. She can also release her anger about the dire circumstances of her start into life.

Finally, upon my invitation, she gives back the terrible burden of responsibility to her parents. She honours the fate of her dead brothers and sisters, and gets their permission to stay alive, instead of following them into death by being half dead, half alive, half insane, or attempting suicide. With great relief she finally states: "Now I´ll stay."

This example shows one of the many applications and forms of constellation work.

THE PLACE OF FAMILY CONSTELLATIONS WITHIN PSYCHOTHERAPY

The vast range of psychotherapeutic techniques and theories can be classified into five major schools:

In-depth therapy with Sigmund Freud´s (my compatriot´s) psychoanalysis. According to him, the roots of diseases and disorders are mainly hidden in the unconscious. Other representatives and founders of similar methods are, e.g., C.G. Jung and Alfred Adler.

Second, behaviour therapy deals mainly with the analysis of symptoms, their trigger mechanisms and effects. Prominent representatives are, e.g., Skinner and the Russian Pavlov.

The third important line of psychotherapy, called humanistic psychology, sees the unconscious as the infinite potential of man, as an abundant reservoir of wisdom that everybody has within himself, and that can be dug up gradual-ly. Representatives of this school were namely Maslow, Rogers, Perls, etc.

In the fourth main school of psychotherapy, systemic psychotherapy, the function of a person´s disease is regarded within the system of relationships that he lives or lived in. Important representatives are, e.g., Satir, Minuchin, Jackson. Bert Hellinger´s systemic solutions for family constellations also belong to systemic therapy.

The shamanic views on healing are most concurrent with transpersonal psychology, a recently developed school, where healing takes place mainly in altered states of awareness, but usually of the client only. Early forerunners were to some extent the Austrian Rudolf Steiner, and first of all the Swiss C.G. Jung, a famous disciple of FreudÕs.

Within the more than hundred different psychotherapeutic methods Bert HellingerÕs family constellations can be classed as mainly belonging to systemic therapy.

WHO IS BERT HELLINGER?

Bert, who is now 77 years old, studied Catholic theology - like myself - and philosophy, and after that worked as a priest in South Africa for several years. Upon return to Germany, his home country, he completed several psychotherapeutic trainings: in psychoanalysis, gestalt therapy, and transactional analysis. I first heard of him, when he gave therapeutic sessions according to Janov in a neighboring city. Through systemic therapy he discovered the importance of the multi-generation aspect, especially through Hungarian psychologist Boszormenyi-Nagy. Now he calls his constellation system "phenomenological", which means that he is oriented towards phenomena without interpreting them.

Now I would like to outline Bert HellingerÕs basic ideas.

BERT HELLINGERÕS PHENOMENOLOGY OF INTIMATE RELATIONSHIP SYSTEMS

Hellinger speaks of three basic needs in relationships (not to be mistaken with the general basic needs described by Abraham Maslow): I quote from Hellinger's book "Love's hidden symmetry"

In all our various relationships, fundamental needs interact in a complex way:

1. The need to belong, that is, for BONDING. Konrad Lorenz described the phenomenon of imprinting among animals. John Bowlby and his students have described the bonding that occurs between a mother and her children. Bert Hellinger has recognized the importance of the bonding between sexual partners, which ties them together quite independently of the love they may feel for each other. However, the bonding referred to here is primarily a social bond that ties an individual to his or her group of reference.

2. The need to maintain a BALANCE of giving and taking, that is, for equilibrium. The importance of balanced giving and taking in family dynamics, as well as the importance of the hidden bonds and loyalties operating in family systems, has been described by Ivan Boszormenyi-Nagy.

3. The need for the safety of social convention and predictability, that is, for ORDER. We feel these three different needs with the urgency of drives and instinctual reactions, and they subject us to forces that challenge us and demand compliance, that coerce and control us. They limit our choices and commit us, whether we like it or not, to objectives that conflict with our personal wishes and pleasures.

When our actions endanger or damage our relationships, we feel guilt, and we feel freedom from guilt, or innocence, when our actions serve them. Thus, our feelings of guilt and innocence are primarily social phenomena that do not necessarily orient us toward higher more values. On the contrary, by binding us so firmly to the groups that are necessary for our survival, our feelings of guilt and innocence often blind us to what is good and evil. Persons who prefer to maintain their feeling of entitlement rather than to allow others to give to them freely, say, in effect, "It's better for you to feel obligated to me than for me to feel obligated to you." Many idealists hold this posture, and it's widely known as the "helper syndrome".

A little story: A Gift of Love A missionary in Africa was transferred to a new area. On the morning of his departure, he was visited by a man who had walked several hours to give him a small amount of money as a going-away gift. The value of the money was about 30 cents. It was clear to the missionary that the man was thanking him, because when the man was ill, the missionary had been concerned and had visited him several times. He understood that 30 cents was a huge sum of money for this man. He was tempted to give the money back, perhaps even to add a bit to it, but upon reflection, he accepted the money and thanked the man. Having given in love, he was obliged to take in love as well.

Our needs for belonging, the equilibrium of giving and taking, and social convention work together to maintain the social groups to which we belong, but each need strives toward its own goals with its own particular feelings of guilt and innocence, and so we experience guilt and innocence differently according to the need and the goal being served.

1. Guilt feels like exclusion and alienation when our belonging is endangered. When it is well served, we feel innocence as intimate inclusion and closeness.

2. Guilt feels like indebtedness and obligation when our giving and taking are not balanced. When they are well served, we feel innocence as entitlement and freedom.

3. Guilt feels like transgression, and as fear of consequences or punishment when we deviate from a social order. We feel innocence with respect to social order as conscientiousness and loyalty. Conscience can demand in the service of one need what it forbids in the service of another.

THE SYSTEMIC CONSCIENCE

In addition to the feelings of guilt and innocence that we consciously feel in the service of bonding, the balance of giving and taking, and social convention, there's also a hidden conscience operating in our relationships that we do not feel. It's a systemic conscience that has priority over our personal feelings of guilt and innocence and which serves other orders.

These orders are the hidden natural laws that shape and constrain the behavior of human relationship systems. They are, in part, the natural forces of biology and evolution; in part, the general dynamics of complex systems becoming manifest in our intimacy; and in part, the forces of Love's Hidden Symmetry operating within the soul. Although we are not directly aware of it, we can recognize the orders of this hidden conscience by their effect, by the suffering that results from their being violated, and by the rich and stable love they support." Unquote.

HOW DO FAMILY CONSTELLATIONS AND SHAMANISM GO TOGETHER?

I would like to explain this, starting from the following question:

How can a person sense something in another person and know something she cannot know at all?
For science, this is a mystery.

The phenomenon is well known: in gestalt therapy as well as in psychodrama, family reconstruction, parts party, family and structure constellations ­ whoever works with these methods has experienced the fact that you can rely on the essential statements of the representatives or role players (apart from very rare exceptions). It sometimes happens that the role player even uses the very same words that the therapist knows from the represented person, and that he to some extent feels his symptoms. It happens over and over again that a group member learns about an unknown because concealed brother or sister, e.g., an illegitimate child of his father, and this fact is later confirmed.

Why this works, cannot be explained scientifically. Not yet. We know verbal communication, which has been thoroughly studied. Nonverbal communication as well. But ways of communication beyond that could not be proved or explained until now. Some scientists even deny the existence of these phenomena. Not even all therapists working with family constellations are aware of the fact that these are transpersonal processes.

Where does this come from?

In the Western world we are convinced to be isolated individuals, so to speak alone in our world. In Europe this began in the Middle Ages, when many people, mostly women, who were still able to be in connection with the whole cosmos and with the otherworlds, were accused of being witches and burned at the stake. It was not by accident that this happened at the time when the first universities were founded, and when empiric science took a first upswing.

At the time of the Renaissance, beginning around 1500 AD, man was more and more seen to be most important, especially his capacity for thinking. "Cogito, ergo sum", said René Descartes, "I think, therefore I exist". The connection with the spiritual worlds was finally cut off in the second half of the 18th century, in the of so-called age of Enlightenment.

This age brought a number of advantages: the golden age of empiric studies, an enormous specialization of sciences, and, as a consequence, a great degree of scientific, technical, and economic development.

However, at a very great price: disregard of the world of feelings and drives, and of the spiritual and religious dimension of man, which, up to our days, in industrialized societies produced a widespread feeling of senselessness. During the last century, many people cut off their remaining ties with religion (which literally means connectedness).

Another great price to be paid was imperialistic subjugation as well as economic exploitation of peoples and cultures, and of natural resources.

Thus, western people command of very advanced technologies, and most of us live in comparatively great material wealth, but many people are lonely, and their hearts are empty.

But there is also a number of counter-movements, in science, too. I would like zu mention a few of them.

In the psychological field, C.G. Jung was the first to decribe man as being "unconsciously mixed up with other individuals", and he developed the conception of the "collective unconscious". But his highly esteemed goal was individuation.

The British biochemist Rupert Sheldrake (he, together with a theologian, even wrote a book on angels) put forward his theory of structurizing and organizing fields, which he calls "morphogenetic", in order to decribe the development and connection of living organisms.

The German Bert Hellinger speaks of the "great soul". "What I try to do in my work, is to try to harmonize people with this great force. I myself fall into line with this force, harmonize with it, and like that I work with something that only passes through me."

And the German Insa Sparrer, an other founder of constellation work, says, "In systemic structure constellations the knowledge existing between us becomes apparent. All essential thoughts flow from the source of this knowledge. We are only recipients for it."

In recent years, neuroscientists like Rizzolatti discovered so-called mirror neurons in the brain, which possibly represent a physical proof of interpersonal subjectivity, and are supposed to make empathy possible (in schizophrenics, who sometimes cannot distinguish between their own and other peopleÕs feelings, these neurons are out of order, just like in autistic people, who can hardly put themselves in the position of another person).

The origin as well as the expression of these concepts may differ, but they all start from the idea that, apart from individual people, there is something that interconnects everything. This systemic or transpersonal view is the basis of shamanic acting as well as of any constellation work: Apart from the healer and the patient, there is a third thing that connects us all.

What to natural science (still) appears as an unsolved mystery, is natural and easy to explain in the shamanic view.

"There is a dream that is dreaming us", the San, the bush people of the Kalahari say.

In the tradition of the Native American Medicine Wheel according to Swift Deer and Hyemeyohsts Storm, position no. 15 in the Eastern centre means "the soul of all people", where everything is recorded what ever has been thought and done in the world.

From the shamanic point of view, the specific form and distinction of an individual from others is not being denied, just like a finger is different from the others and even has its own name: index finger, middle finger, ring finger... But our Western world has lost the sight of the fact that

EVERYTHING IS PART OF A WHOLE:

When one finger is injured, the other finger also feels it, for there are connections: skin, tissues, bloodvessels and nerves ÉIf I see myself as part of ONE body, this not onely gives me power through the experience of connectedness, but I can also make use of this connection and sense what is going on in another part of this ONE body. So I needn´t box anybody´s ears, I could just as well give myself a box on the ears; and when I treat somebody with love, then I treat myself.

If you believe this connection to exist, then it is natural that a person can make correct statements about another person, even if he is already dead. From a shamanic point of view, this connectedness comprises not only all people, but also everything that exists: animals, plants, matter, the whole cosmos, everything that has existed and will exist, from the beginning to the end of time. "I am old, I am young, I know what was told", a celtic [keltik] song says. Those who meditate may know this fascinating and overwhelming experience. From this holistic point of view, many phenomena can be understood, up to economic and societal processes.

DOES HEALING TAKE PLACE WITH THE AID OF SPIRITS, BEINGS OUTSIDE OF ME OR OF PARTS OF THE PERSONALITY, THE WISDOM OF THE UNCONSCIOUS OR THE GREAT SOUL?

Interestingly enough, many shamans don´t have a problem to reconcile these seemingly diverging points of view. When, e.g., Papa Eli from Burkina Faso and Brant Secunda, who was initiated by Mexican Huichol people, share the view that the spirits are WITHIN US.

From in-depth psychology we know the concept of "internalization", according to which real people, like father, mother, or caretaker, become parts of one´s own personality, so that it is practically irrelevant, wether in therapy you are, e.g., dealing with an imagined father or with the superego. Constructivistic conceptions draw similar consequences.

This seems to be one of the reasons why individual therapy is also possible, and just as effective as family therapy, because all relevant persons, be they dead or alive, are within me. Maybe, internalization relates not only to the persons I experienced as a child, but, - unconsciously ­ to all my ancestors, just as, physically and genetically, I have got something of them within myself. In this way, our ancestors are at the same time outside of us and within us, and maybe the usual dividing line between "intrapsychic" and "interpersonal" doesn´t exist. But this also means that the shaman needn´t be angry about the psychological interpretation of processes experienced to be external, and the psychologist neednÕt be angry about "esoteric" explanations of his or her experiences with the psyche. Each of them can stick to his concept of reality and work with it very well, beause ­ this is my theory:

THE REALMS OF THE SOUL AND OF THE SPIRITS ARE ONE

From this point of view, family constellations represent not only the structure of a client´s relationships, real other persons, but ALSO the constellation of his inner parts. (By the way: the same constellation can be found inside the body too). Just as the different elements of a system constellation not only represent the members of an organisation, but often at the same time living and/or dead relatives and the client´s parts of his soul. I have supported this view for 25 years, and it was confirmed by experience.

However I think about, that makes no difference as far as the effect of the therapy is concerned. If I use the term of personality or soul (used synonymously here) in this broad sense, it is the same (in the literal sense of the word), whether the dead are present in a constellation or not. In practice, there is no difference anyway, as I already explained with examples in my article called "To be or not to be".

From this point of view, it is understandable that not only I, but also already deceased people, if they are still entangled with the living, are in need of redemption, so that peace and clarity are restored within me and/or in relationships (in religious conceptions, too, mutual influencing is regarded as a matter of course). I´m going to talk about shamanic psychopomp work later (in point 6).

CONCLUSION: From a psychological point of view, shamanic treatment can be called healing in trance with the aid of the wisdom of the unconscious. And, from a shamanic point of view, systemic solutions for family constellations can be called healing with the aid of the spirits.

My friend Carlo Zumstein, a Swiss psychologist, who also works with shamanic methods, would certainly object here, stating that the goal of psychotherapy is to build up one´s identity, to enter into relationships, and to take a good journey through life. On the other hand, the goal of shamanism is, according to Zumstein, to connect man with everything, transcending his ego.

My response is: the experience of connectedness is not an end in itself, the goal is - just as for meditative immersion in all-unity - to take a good journey through this (!) life, which in many tribal cultures is called the middle world, that is every-day reality.

The main difference between some psychotherapeutic methods and shamanic healing is that the helping elements, the resources we are connected with, are on the one hand seen as parts of the personality, on the other hand as spirit beings outside of one´s own personality.

I maintain that the same processes are concerned. I myself experience them sometimes in one way, sometimes in the other way, depending on the method I am working with and on the client I am dealing with, whose "language" I assume. Although both theoretical explanations and rituals and the images involved are very different, I experience them as

THE SAME CONTENTS IN DIFFERENT LANGUAGES.

IÕll give you an example: In my opinion, shamanic soul retrieval corresponds with gestalt reintegration of disconnected parts of the personality. The shaman journeys to the realm of the souls, maybe negotiates with the possessing forces there, or asks the piece of soul that maybe was lost because of a shock, wether it wishes to return, and then brings it back; whereas in gestalt therapy the client imagines the disconnected, usually unloved or unknown part of his personality as sitting opposite to himself, and talks to it until he is able to integrate it.

Or, in psychoanalysis, the client experiences the trauma once again, whereby tied-up energies are set free and become available again.

Whether a dead person possesses a living person, steals his soul and lures him into death, or whether the living person out of love follows him into disease or death, in my opinion, is only a question of point of view. In family constellations according to Hellinger, (conscious or unconschious) love for an excluded, devalued ancestor can be expressed in a more productive way: instead of continuing to live an unhappy life out of love for the disregarded ancestor, his fate is acknowledged and life is taken in abundance out of love for him and to his honour.

In Autogenic training, the journey to the spiritual leader/theacher is part of the advanced form of this method.

The stone oracle corresponds with the projective methods in psychology. In shamanism, experiences are seen as feedback, of a stone, e.g., whereas in projective tests they are seen as projections of the client, of which he becomes aware looking at the stone.

In guided affective imagery, or in dream work of various kinds, the images showing up are seen as an expression of the momentary condition of the soul, which give clues for the healing process. Shamans through their experiences during journeys as well as in dreams, also receive information in concrete terms about the diagnosis and the suitable healing method for the patient.

When I learned about shamanic healing methods and conceptions, I was fascinated by the fact that I already knew most of the techniques from psychotherapy, and had practiced them for years, without knowing about their shamanic origin. The fact that Western psychotherapy (like Christianity) contains a variety of shamanic elements, can be explained in the following way: first, many things have been discovered anew, because they belong to human constitution; on the other hand, several founders of psychotherapeutic schools, like Perls, Jung, etc., didn´t only read about other cultures, but were also influenced by personal contacts.

How can we unite both points of views into a single conception of the world?

CONCEPTION OF THE WORLD

In my essay "Are shamanism, Christian mysticism, and Western psychotherapy compatible?" I already stated that, between the material world (which in the West is usually seen as the only one existing) and the Unnameable (which in our culture is usually called by the word "God"), there can be assumed to exist an intermediary world: the realm of the soul (or of the spirits), to which we belong and part of which we are, even in the time of our materialized existence on the earth.

The term "the unconscious" in my opinion is particularly well suited for this sphere of the soul, because it doesn´t say anything about itself, but expresses only that its contents and processes are not conscious ­ but they can be brought to the light of consciousness by means of shamanic or constellation work, as well as with other techniques.

So you could imagine concentric circles ­ worlds in worlds in worlds ­ where each inner circle is part of the outer one and is shaped by it:

In the innermost of the concentric circles there is matter, the physical world, everyday reality with space and time; the world of the conscious, of oneÕs own will, and of thinking; the subject of our natural sciences; in many tribal cultures called "middle world", surrounded above and below by the otherworld.

Surrounding it, the otherworld; the realm of spirits, those beings between God and man that, e.g., in the Bible are called forces and powers, angels and demons, and in some cultures are called gods; the realm of the dead and of the ancestors; in psychological language: the realm of the soul and of the unconscious; non-ordinary reality; also called dream-time; in some tribal cultures it is divided into the "upper world", where often wise spirit beings or teachers can be experienced, and into the "lower world", where often "power animals" can be met.

The reality that in monotheistic religions usually is called "God" would exist in the unlimited space surrounding the circles, penetrating and including everything else. By definition it cannot be defined (which means limited), otherwise it wouldn´t be the reality we are talking of. That´s presumably why shamans, although they revere it, seldom heal in the name of this reality. In reliable terms it can only be said what it is not, as "negative theology" says. All rhetoric can only be an approach, an attempt to put something incomprehensible into words: the Most High, the Great Spirit, the Creator, the One, the coinciding of opposites, the Unnameable, all-embracing love, the foundation of existence, Wakan Tanka É

Interestingly enough, anthropologists also arrive at this division into three parts, equating the realm of the soul with that of the spirits. Holger Kalweit, e.g., calls them body, plasmapsyche, and pure mind (in Scharfetter/Rätsch, pp. 170ff).

But here I´ve got to modify: this point of view is, like all the others, only an attempt to explain and to understand the world. Explanations give us more confidence, they are, however, - like space and time ­ just helpful constructions. The above-mentioned model of the different worlds, e.g., makes us easily overlook the fact that these worlds in reality are ONE.

In most tribal cultures, it is also experienced as ONE world, held together and connected by the axis of the world, or by the world tree that grows through all the worlds. In psychological terms, God as well as the world of the spirits could be called personifications of parts of the personality, or projections according to Sigmund Freud. The German Graf Dürckheim calls them "reflections of the inner experience". Not in a devaluing sense, since man, experiencing transcendence, is at one with everything existing, and with the essence of all beingness, and only what exists "inside" can be projected "outwards". Whether I experience my existence extending to and comprising everything, or dissolving, no longer existing and merging in the ALL-ONE: in any case, in deep meditation we can experience that these and all other limitations have been lifted, an experience, however, that in our digital language is very difficult to describe.

How should we know that our inner eyes can see less clearly than our outer eyes, if both "onlyÓ construct things? "Look, there is a tree over there!" And the constructivist Heinz von Foerster replies, "How do you know that?"

CORRESPONDENCES and DIFFERENCES in detail

The outer form of shamanic healing vs. family constellations is rather different. But does this apply to the essence of the two processes as well? Let us discuss a few points:

1. The systemic method deals with living as well as dead persons. In a very similar way, even in the proceeding, the "ritual of the shields" is a possibility to work with the Medicine Wheel, a native American method. The shamanic view takes into consideration not only people, but also other elements, just as in structure constellations and similar methods a "depressive" house can be represented. Thus, in a shamanic healing work, a medicinal plant may be asked, "What can you do for me?, but also, "What can I do for you?" They are indeed all relatives of us.

As Galsan Cheenag, a Tuvan from Mongolia, puts it: "The spirits of my ancestors are all around me, it´s the wind, it´s the sunbeam, it´s the earth, itÕs the stones, the trees, the people, the animals, all that surrounds me is part of the spirits of my ancestorsÉActually, the best known healing method here is touching Mother Earth, touching Brother Tree, touching our friends the stones, touching Sister Water. When I sit or lie on the ground, I feel a stream passing through myself, and I believe this to be the powers of the spirits." (quot. from Scharfetter/Rätsch, pp. 210f)

2. The shaman as well as the practitioner of systemic solutions falls back on hidden knowledge and sees himself, his clients or representatives as part of a "kwowing field" (Albrecht Mahr). Access can, according to Hellinger, be reached by means of concentration, and in the shamanic traditions by means of trance, where a person lets himself temporarily be possessed by good powers, and acts as their earthly instrument (in addition, many and diverse forms of divination, etc., are also part of the shamanic techniques of problem solving). In a similar way, the client is also led by the spirits (in the shamanic language) or by the the clan transcending great soul ("die große Seele" in Bert Hellinger´s term), when he selects representatives and sets them up. This is a matter not of thinking, but of sensing, and can even be done with closed eyes.

Here I would like to state that, in my opinion, we can learn a lot from indigenous peoples (one of the most important things is that they remind us of our own ancient capacities), but they can also learn from us: isn´t it remarkably quick and easy: a group member is asked to take over a role, and from the very moment of his consent, his statements must be taken seriously as statements of the represented person (even if they are given casually and for fun): no drumming or rattling, no complicated trance technique, no guided meditation, not even Autogenic Training or Jacobson´s progressive relaxation are necessary. In my opinion, thousands of years old traditional forms of trance induction, like drinking horrible juices that give you a thick head for days, or inflicting pain, etc., could maybe be replaced by simpler ways of letting go of oneÕs thinking and of becoming more susceptible to the spirits messages.

On the other hand, systemic solutions and trance methods could be applied in many more ways than we do in the western world. In indigenous cultures, the shaman also often finds good pastures and the right place for the winter camp, he contacts the animal that will give his life for the survival of the clan, he senses which plant will grow especially well in which soil, he is also responsible that the family clan stick together. We, too, could use these methods in order to solve economic problems, to find technical solutions, to further the sense of belonging together within societies or among peoples (in our "Alpha Consulting" company in Vienna, we advise organizations and companies with the aid of these ancient techniques).

3. Both methods make hidden fields of power perceptible and put them in order by means of rituals. In constellation work usually a disorder of human relationships is diagnosed, whereas in shamanic healing (see above) a lack of harmony with nature is also perceived as cause of problems/ diseases/ disorders. Hoimar von DitfurthÕs overall critique of the philippine healers ­ that they were charlatans since the extracted tissues turned out to be chicken livers ­ shows that he did not understand an essential aspect of shamanic healing: that it is a matter of show, which means to make invisible processes perceptible (in the same way, priests could be called swindlers as they claim bread to be the body of Christ).

4) The fact that a role player can make true statements about a represented person, would in shamanic thinking be seen as messages from the spirits, as temporary possession ­ by way of activating the connecting channels to the living or dead person concerned. The representative, just like the shaman, volunteers his services for a human soul. A more complex explanation is presented by the soul concept of the Tuvan people of Siberia. There it is believed that every human being has got several souls (this can be compared with the concept of man having several bodies, a view held in a number of spiritual methods), souls nearer to the body and souls more distant, which can, e.g., go somewhere else while the shaman is asleep or working. In this way, one of the souls of the represented person could temporarily join forces with the soul of his representative during constellation work.

From a shamanic point of view, not only people can be charged with a certain energy, but also anything else, like for example crystals, the drum, etc. (Christians know this shamanic technique of transubstantiation, when bread and wine are charged and thus become the body and the blood of Christ). Something similar happens when, in systemic work, people are represented by a chair, a doll, or another object, or by wooden pieces on the so-called family-board.

The question why trustworthy statements about other persons or things can be made, could be answered in the following way: If every human being contains all his ancestors, even everything (as stated above) within himself, then everything and everybody can, so to speak, be activated within himself and personified by him (so this fact it is sometimes described by professional actors too).

From experience I can say that the person setting up a constellation frequently chooses a representative who knows the problem concerned in a similar form in his own life. And he or she, by taking the role, obtains increased self-knowledge, and sometimes can even make a step in the direction of his own healing. When, e.g., a group member suddenly is no longer chosen for the role of a person oriented towards the dead, this for me proves that this representative herself has undergone a healing transformation and that this has already been observed instinctively by the group members.

How can we be sure that a role player does not represent himself? You can sense it, if somebody is mainly busy with thinking and explaining instead of sensing and letting himself be led by inner impulses or the present spirits.

The information given by the actor always contains a personal tint, exactly as a melody can be played on different instruments; e.g., it sounds different on a piano compared to a flute, but it is still easily recognizable. In the same way, the message from the otherworld is expressed by the role player (as by the shaman) in his own way, and often with images from his own experience, but still it remains a message of others. The actor has to take distance at the end of the session and to go back into his/her own soul.

Years ago I experimented with family reconstructions: at different times, the same family system was represented in a nearly identical way by completely different role players, and, to my great surprise, in several instances the same sentences were used as in the earlier reconstruction. In a reconstruction session, a group member wanted to play a trick on us, saying just the opposite of what he felt. It then turned out that the person represented by him had also done this, a fact that was known to the client.

In my experience, an absent person is already present in the very moment his name is pronounced, and even more so, when he is intensively thought of, or when he is represented by another person, a mask, or some other object.

Besides verbal and nonverbal communication, there must be more ways of information between everything that exists, and I think that physical prove of this will be given in later years or centuries. Interesting case studies and first empiric studies on this issue were presented by Larry Dossey.

In either method, it sometimes is not clear what time the information from the otherworld is valid for. For example, sexual abuse made out in constellation work need not necessarily have taken place in the generation concerned. In my opinion, the fact and especially the effect on the attending client appears evident, since in my experience the essential feelings are always right, although details of events may be incorrect.

Let us not overlook the fact that the main thing is not to achieve knowledge, but to set in motion or support a healing process. For example, I (unlike some colleagues) am usually not told at what age or why a piece of soul was disconnected. Maybe I am too curious, or I would otherwise become too arrogant. In any case, I often got the answer, "You needn´t know that". Therefore I don´t ask any more, but if it is essential for the client, I am shown the answer anyway.

If you don´t trust in the messages of the spirits, then they may not tell you anything for a while. I know this kind of experience from the advanced form of Autogenic Training.

5. Many variables of the therapist´s proceeding are the same in both traditions:

- First interview/questioning are frequent, but not a prerequisite ("coveredÓ work is also possible, and there can be an excess of information, where words and thinking make sensing and hearing more difficult).

- An explanatory talk and instructions after the session are not necessary in either method, but are often practised.

- Observation of verbal and nonverbal manifestations. In shamanic work, long distance healing is also possible. But we know long-range effects of therapeutic work, too: If somebody, after intensively processing his issue, upon return to his familiar surroundings experiences them differently. This can be seen as a consequence of the change of his inner images, as a self-fulfilling prophecy, but often there is also some "objective" proof of this change. E.g., when a father after many years tells his daughter in a letter that he is very sorry for all harm he has done her, a letter that was proved to have been written after the daughter´s session, without prior personal or telephone contact with her.

- The connection with the resources is provided by means of "concentrationÓ, "not knowing" (Varga von Kibéd), "the blank centre" (Hellinger) or "the hollow bone" (Lakota). - Both are guided by their intuition or the spirits respectively - Both alternate between active intervention and letting things develop.

6. When we honour the dead, they look friendly upon us, we are connected and blessed. To honour the ancestors is a matter of course in any tribal society, where (see above) not only human, but also animal, vegetable and inorganic ancestors are revered. In spite of the connection ("you have a place in my heart"), it is made sure that the dead can really be dead and need no longer fix their attention on the living, so that the living can turn towards the abundance of life and can really "take" it ­ in constellation work this is achieved through loving respect for the ancestors, disentanglement, and giving back the burdens: " I´ll live for a while, and then I´ll come, too."

For the shaman, "psychopomp work" is an essential task: he must conduct the souls of the deceased and make sure that they safely arrive in the otherworlds, e.g. by ritually attaching the soul of a deceased person onto a goat and driving it into the wilderness (Nepal). When the souls of the deceased get stuck in this world, they are not redeemed and irritate the living.

In many tribal societies, a serious illness or a near-death experience are thought to be characteristic for a shaman´s vocation, because in this way the future shaman already knows the way how to journey between the worlds of the living and the dead; this capacity is a prerequisite for conducting deceased people to the other world, who, e.g., due to sudden death in an accident donÕt know they are already dead. Usually, the shaman makes sure they understand this and hands them over to their ancestors or to a higher force.

7. Sometimes, the same things are seen from different sides. Whether, e.g., a dead person possesses a living person, steals his soul and lures him into death, or the living person out of love follows him into illness or death ­ this, in my opinion, is only a matter of point of view. Popular tradition also knows this: if, e.g., a father and a son die one after the other, it is stated, that "he has fetched him", but also that "he has followed him". Traditionally, the shaman will rather ask the dead and persuade him to let the living person free, which also frees the dead, who often needs healing himself: usually he must be helped, sometimes forced, to fit in with the order of nature. Just like in family constellations, it sometimes happens that an ancester first has to confess his guilt and accept responsibility for it, or that he just needs to be seen by his offspring and to get respect in oder to be able to retire to the realm of the spirits.

We know similar issues from therapeutic reconstruction of the reality of the ancestors wishes: if, e.g., my grandparents receive the abundance of affection and appreciation from their parents, then they can let the abundance of their happiness overflow onto my parents, and the stream of happiness then flows onto me. In this case, the ancestors are healed, too, so that I can live freely. The therapist mainly works with the living person, in order to achieve disentanglement, as for example, "I´ll leave guilt and its consequences with you". But in difficult cases the representative of the dead must also be obliged to look into the descendantÕs eyes and to tell him whether he really wants to pass his unhappiness onto him.

8. In medicine as well as in psychotherapy and the shamanic concept, a person´s problem consists either in having too much of something (e.g. stress, virus, or other people´s burdens) or in lacking something (e.g. vitamins, disconnected pieces of his soul, etc.).

Healing also happens in a similar way: the missing thing is searched for and integrated: in the shamanic tradition, a power animal, e.g., or the piece of soul that for safety´s sake has withdrawn from a traumatic situation; and, in constellation work, forgiveness, e.g., or resources that a person gets from a newly discovered and honoured family member that up to then had been excluded.

Just like in the gestalt therapy concept of the "open gestalt", the point is the reintegration of disconnected pieces of soul. The shaman, guided by his spirit helpers, journeys into the land of the stolen or lost souls or power animals, invites them to come back (out of fear they often don´t want this) and breathes them into the clientÕs body (or the field, house, tool, etc.) in a ritual way.

In each method, the phenomenon of initial aggravation is well known ­ a fact that in the shamanic tradition can be explained in the following way: after the retrieval of the soul, feelings stemming from the traumatic situation ­ for instance from sexual abuse ­ awaken in the client, the very feelings that caused the disconnection of the soul (see Ingerman, p. 154).

In shamanic healing, the disturbing excess is often seen as some matter in the body that doesnÕt belong there, e.g. as a nail or as some poison, which is, e.g., sucked out in the healing session and then discharged into water or soil. In constellation work, the heavy burden is given back in order to be free again.

9. IÕve even found correspondances in several approaches: In some shamanic traditions, "word doctoring" is applied, that is healing through words: The shaman enters into a state of trance and asks his helpers, e.g., to tell him healing words for his client, or a healing song (or maybe a healing dance). This he then tells the client, or he sings it, makes the client repeat it und thus anchors (or embodies) it. It can be found that certain words are always used for healing certain problems.

This reminds us of Bert HellingerÕs "words of powerÓ. In fact, in the times of the celts (who are our ancestors) the training of the bards (who were poets and singers), and of the shamans and the harp players was nearly identical.

10. Most shamanic societies have the concept of "acknowledging the prior", just like Hellinger´s order of precedence. On the other hand, the shaman´s calling has absolute priority, e.g., Galsang Cheenag reports that a 19-year-old Tuvan demanded that her mother pay her the traditional honours and call her "mother" or "grandmother", after the spirit of her recently deceased grandmother in visions had called her to be her successor as a shaman (Scharfetter/Rätsch, pp.193ff).

11. During one of my visions, in which I was initiated, I received among other things the gift for taking over suffering ­ as a psychotherapist I had always thought this questionable because of the danger to get a "helper syndrome", although "empathy" according to Rogers has something similar in view. In fact, during two thirds of the shamanic healing sessions I give, immediately after starting trance by closing my eyes, I feel the symptoms of the patient in my body and my soul, the task being that the problem will be solved, if I can solve it (or let it be solved) within myself.

Not only the shaman, but also other people, such as, e.g., attendants of a Native American sweat lodge, can temporarily take over the suffering of the patient and after that return to themselves, just as representatives do in constellations, where the experience of the roleplayers great pain sometimes triggers change in the client.

Here, too, the actor detaches himself from his role afterwards, which is necessary for health and psychohygiene. If a good solution is found during the constellation, detachment happens automatically in most cases. If not, little rituals can be done, like taking it off, shaking it of, washing or moving. You can, like an actor after performing, bow to the audience´s applause, then mime getting changed and taking your make-up off in the cloakroom, until you definitely recognize yourself again in the mirror. Or you bow deeply in front of the represented person and ask him to leave now. In order to completely return into this world after a shamanic healing session, it is helpful for me to regard attentively something natural, like a tree, a meadow, or the veining of wood. Constellation work I usually end with music.

12. I see one essential difference in the fact that in several tribal cultures black magic is practised as well, not only against enemies, but sometimes even against their own kind, like the bush people in the Kalahari cast those out who steal from group members ­ an attitude that may be understood if you think of the poor food supply there (Eibl-Eibesfeldt, pp. 42ff). In family constellations, too, a person can have forfeited his belonging to the family, in which case the relative "must let him goÓ. But recently, in dealing with perpetrators of severe crimes, the rarely practiced biblical saying seems to gain more acceptance: "Love your enemies: do good to them that hate you: and pray for them that persecute and calumniate youÓ (Matthew 5,44).

According to the conception described above, these perpetrators, too, are parts of us that also need peace and therefore must be transformed, and thus, we, too, can find peace. And, incredibly, perpetrators and victims can peacefully come together in death, a most touching experience during constellation work.

13. Success cannot be guaranteed in either method. Sometimes a solution can be found, sometimes not. Psychotherapists using constellation work often warn against trying to reach a solution under any circumstances. In shamanic work, you may act as a healer only if you are entrusted and allowed to do so by your spirit helpers.

Both methods are aware of the fact that a client may not be able to take the necessary step at the given moment (or this may not be obvious), or that after the session he may break off a step already taken towards healing, e.g., if the new experience is so much opposed to his former point of view that he cannot accept it. It is not easy, if someone, who all his life together with his mother has acted against his "badÓ father, discovers how much his father loved him. "We rather maintain the status quo: rather stay in the status quo of an average marriage É an average vitality, than pass this bottle-neck.Ó(Frederick S. Perls, p.47). "ItÕs easier to sufferÓ, Bert Hellinger says sometimes.

At least the client has obtained a new point of view, which he has not had before, and he can now accept it or not. In my opinion, it sometimes makes sense to support the process of integration with additional sessions. In shamanic healing sessions, I sometimes get the order to tell the patient that she has to keep her disease ­ at least in the near future ­ as it is one of her tasks in this life to accept this problem and to learn to live up to it.

Bert Hellinger, who is right to warn against staring too much at results, assumes that processing can take up to two years. He sometimes says, "I entrust this to your good heart,Ó when a client canÕt keep up at the moment. In fact, the images from a shamanic session or a constellation session often stay alive for years and come to oneÕs mind over and over again. I am sure that all the good that is done to a person will somehow reach him and become effective.

14. Finally, one thing that should not be forgotten: therapists just like shamans donÕt think they are almighty, but believe to be servants of something greater, which transcends them. As a rule, the shaman, unlike the therapist, cannot simply decide to tak up this profession, unless he has been chosen to do so by the spirits.

Shamanic healing or family constellations should not be approached in an irresponsible manner, because youÕll have to deal with enormous forces. But as a messenger of the Most High, of guardian spirits, or the Great Soul, you can without risk expose yourself to the worst of situations, you are always protected.

In fact, in both methods the active therapeutic force is neither the patient nor the therapist, but a third party, however you may imagine it. Thus, Varga von Kibèd (p.155) is right, when he calls not-knowing, helplessness and confusion the three great helpers in constellation work, which warn you against taking charge and interfering without authority.

CONCLUSION

In this way, I see a lot more correspondencies than differences, in spite of the different outer form of the rituals, where often the same phenomenon is given a different name and is experienced in a different way.

Finally, I would like to tell you a story
(which was inspired by the Dutch-British colleague Van Deurzen-Smith):

Once upon a time there was a high mountain, and on top of the mountain there was a wonderful, big precious stone. Around the mountain, various clans had set up their tents in all directions, and each clan went by the name of the stone. One clan said, "We are the family of the red stoneÓ, another one, "We are those of the blue stoneÓ. A third one said, "We are the family of the stone, and it is green!Ó Whenever they met, they quarrelled about who was right and which family was the only one to bear the right name. What is the truth? Who is right?

One summer evening, they were again quarrelling fiercely, and just about to draw their daggers, when an old man raised his voice and suggested to examine the stone more closely. So young men from each clan set out, and the following evening they returned silently and thoughtfully, having gained new knowledge. "The stone is precious and very beautifulÓ, they reported, "and it is ­ white. It reflects the light that falls onto it. ThatÕs why we all see the same stone in different colours.Ó

The clans continued to call themselves by the colour the stone had shown to them for gererations, but they knew: on the other side of the mountain, people saw the stone ­ their stone ­ in completely different colours. And when they met, they all took pleasure in the beauty of the precious stone, and told each other of the wonderful colour they saw it in. Instead of quarrelling, they henceforth were united in reverence of the miracle of the Stone.

LITERATUR:

Boller, F.G./ Rizzolatti, G./ Graffman, J./ Grafman J.: Handbook of Neuropsychology, 2nd Edition : Section 1: Introduction Section 2: Attention.- 2000, Elsevier Science Ltd

Dossey , Larry: Healing Words - The Power of Prayer and the Power of Medicine.- San Francisco, 1993, Harper

Eibl-Eibesfeldt. Irenäus: Das verbindende Erbe. Expeditionen zu den Wurzeln unseres Verhaltens.- München, 1993, W.Heyne Verlag

Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk.- Frankfurt am M., 1977, Fischer-TB.Verlag

Harner, Michael: The Way of the Shaman.- San Francisco, 1992, Harper Collins

Hellinger, Bert/ Weber, Gunthard/ Beaumont, Hunter: Love's hidden symmetry. What makes love work in relationships.- Phoenix, 1998, Zeig Tucker
(Translation and reworking of: Weber, Gunthard (Hrsg.): Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers.- Heidelberg 1993, Carl Auer V.)

Ingerman, Sandra: Soul Retrieval. Mending the Fragmented Self.- San Francisco/New York, 1991, Harper Collins

Mahr, Albrecht: Wie Lebende und Tote einander heilen können. in: Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger/: Praxis der Systemaufstellung. Beiträge, Austausch, Information,- Wiesloch, Nr.1/99 Seite 8ff

Perls, Frederick S.: Gestalt Therapy Verbatim.- Lafayette, 1969, Real People Press

Scharfetter, Christian & Rätsch, Christian (Hrsg.): Religion - Mystik - Schamanismus. Welten des Bewußtseins. Band 9.- Berlin, 1998, VMB - Verlag für Wissenschaft und Bildung

Sheldrake, Rupert: The Presence of the Past.- 1988

Sparrer, Insa/ Varga von Kibèd, Matthias: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen - für Querdenker und solche, die es werden wollen.- Heidelberg, 20002, Carl-Auer Verlag

Von Foerster, Heinz: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker.- Heidelberg, 2001, Carl-Auer Verlag

Van Alpen, Jan/ Ethnographic Museum Antwerp (editor): Spellboundby the Shaman, Shamanism in Tuva. - Antwerpen, 1997

Van Kampenhout, Daan: Images of the Soul. The Workings of the Soul in Shamanic Rituals and Family Constellations.- Heidelberg, 2001, Carl-Auer Verlag

Von Ditfurth, Hoimar: Das Erbe des Neandertalers. Weltbild zwischen Wissenschaft und Glaube.- München, 1994, DTV

This was a lecture at the 2nd International Symposium on Shamanic Studies in August 2003 in Kyzyl/ Tuva/ Siberia/ Russia by August Thalhamer. I am a catholic theologian, psychologist and urban shaman and work as a psychotherapist in my free-lance practice in Linz on the Danube /Austria. For several years I have been researching into common features as well as differences between Christian, psychotherapeutic and Shamanic healing methods and their explanations.

Zurück zum Seitenanfang

DIE EINSTELLUNG DES THERAPEUTEN ZUM KLIENTEN
Persönliche Betrachtungen über die Therapeutenvariablen

"PRIMUM VIVERE, DEINDE PHILOSOPHARE" Dieser alte lateinische Spruch besagt: Zuerst muß man leben, dann kann man erst philosophieren. Man könnte ihn aber auch so deuten: Zuerst kommt das Leben und dem folgt die Philosophie. Wie Du lebst, das bestimmt auch Deine Philosophie. So hängt auch die Therapierichtung, die man bevorzugt, wie die Berufswahl selbst, mit dem Leben zusammen, das man geführt hat und führt. Also mit dem Lebensthema, das man hat.

Bei meiner Lebensgeschichte ist es also kein Zufall, daß ich mich als erstes in die VERHALTENSTHERAPIE vertiefte, eine Methode, die nüchtern und sehr zielstrebig auf die Problemlösung losmarschiert. So, wie wir es damals gelernt haben, v.a. durch Anleitung zur schrittweisen Veränderung der Verhaltensgewohnheiten. Man wühlt also nicht in der Vergangenheit, sondern erstellt mit dem Klienten Verhaltenspläne, die man dann mit ihm kontrolliert. Eine vergleichsweise direktive Methode, deren Hauptproblem der Widerstand des Klienten ist.

Widerstand gegen die Anordnungen meiner autoritären Erzieher in Familie und Internat war ein Hauptkennzeichen meiner Kindheit und Jugend. So hatte ich als erstes eine Therapiemethode gewählt, die dem Stil meiner Erzieher nahe kam: man bewahrt ja bekanntlich nicht nur die Eigenschaften, Einstellungen und Gefühle, die man als Kind hatte, sondern übernimmt auch die seiner Umgebung und internalisiert sie. Sodaß man auf diesem Weg als Erwachsener z.B. sowohl Opfer ist wie Täter wird.

I Bald darauf lernte ich eine Therapiemethode kennen, die mich sofort faszinierte und die ich als die Mutter aller Therapien bezeichnen möchte. Das ist zwar nicht historisch so, aber die Therapeutenvariablen gelten m.E. für jedwegliche Therapie. Die Richtung nannte sich ursprünglich

DIE NON-DIREKTIVE THERAPIE (Rogers,1942)

War die Verhaltenstherapie sozusagen von den Eltern in mir gewählt worden (ich schätze diese lerntheoretisch begründete Richtung übrigens nach wie vor und arbeite auch immer wieder darnach), war das Kind in mir begeistert von der KLIENTENZENTRIERTEN THERAPIE (Rogers,1951), wie sie sich später nannte. Die Therapieform mit der größtmöglichen positiven Wertschätzung - meinem Kindertraum. Zudem lag diese Tendenz zur Zeit der 68er Bewegung, in der ich politisch aktiv engagiert war, in der Luft. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, angefangen von Truax (1967), die aufzeigten, daß jene Gespräche und Therapien besonders erfolgreich waren, in denen die Psychotherapeuten die drei wesentlichen Verhaltensvariablen der GESPRÄCHSPSYCHOTHERAPIE (das ist der Name, der von Tausch/ Tausch 1960 im deutschen Sprachraum eingeführt wurde) praktiziert wurden. Was sind nun die aus meiner Sicht unerläßlichen Grundhaltungen des Psychotherapeuten (nach Rogers,1957):

o VERSTEHEN (durch Empathie schrittweise Annäherung an die inneren Gefühle des Klienten)

o WERTSCHÄTZUNG (Bedingungslose Akzeptanz, Achtung, Wärme, unabhängig davon, welche Gefühle der Klient zum Ausdruck bringt)

o ECHTHEIT (Kongruenz, Übereinstimmung der Äußerungen des Therapeuten mit seinem Fühlen und Denken)

Natürlich kann beim real existierenden Therapeuten die Echtheit gelegentlich in Konflikt mit der unbedingten Wertschätzung und vor allem der Einfühlung kommen. In dem Fall plädiere ich - als kleineres Übel - für die Stimmigkeit, daß ich z.B. einen Ärger äußere, den ich gerade spüre, und nicht verständnisvoll tue.

Diese drei Kernvariablen werden inzwischen als Wirkfaktoren jeder Psychotherapie anerkannt. (Biermann-Rajtjen et al, 1997) Die jüngere Psychotherapieforschung (Elliott et al, 1993, Beutler et al, 2003) fand Hinweise, daß sich die Art der Beziehung zwischen Therapeut und Klient wesentlich mehr auf die Effizienz auswirkt als die angewandte Therapierichtung (das Äquivalenzparadox). Selbst Grawe nannte in einem Vortrag 1994 die therapeutische Beziehung als erste der drei Haupt-Wirkkriterien (neben der Überzeugung des Therapeuten von seiner eigenen Richtung und dem Glauben des Klienten an die Wirksamkeit der Therapie).

Der Hintergrund der klientenzentrierten wie auch der anderen Richtungen der sogenannten HUMANISTISCHEN PSYCHOLOGIE wie der Gestalttherapie nach Perls ist ein Menschenbild, das mich besonders fasziniert. Kurz ausgedrückt könnte man sagen:

Wer ein Problem hat, trägt auch die Lösung schon in sich.

Das Unbewußte wird als unerschöpfliches Potential des Menschen aufgefaßt, als die Fülle der Weisheit, die jeder in sich trägt und die schrittweise gehoben werden kann. Der Mensch ist einzigartig, prinzipiell gut und wachstumsfähig und entwickelt sich durch Interaktionen mit anderen Menschen.

Dieses Menschenbild hat eine Menge Konsequenzen für das Verhalten des Therapeuten: Ich bin nicht der Oberlehrer, der die Lösung in den Klienten einpflanzen muß, sondern ich bin nur behilflich, daß er die bereits vorhandene Lösung auspackt, ent-wickelt. Und das geschieht in der personenzentrierten Richtung hauptsächlich durch einfühlendes Reverbalisieren der Äußerungen des Klienten.

Seit Jahrzehnten weiß man, wie sehr Einstellung und Erwartung des Leiters die Ergebnisse von einzelnen und Gruppen (sogar von Ratten) beeinflußt. Wenn ich als Therapeut dem Klienten wenig zutraue, wird er meist auch weniger schaffen.

Nun gibt es aber in jedem Menschen innere Konflikte und jeder Klient, der zur Therapie kommt, kommt deswegen, 1.) weil er was verändern will UND 2.) weil es in ihm einen (vielleicht unbewußten) Teil gibt, der nichts verändern will. Das erste ist klar: man wendet ja nicht Zeit, Geld und emotionelle Aufregung auf, wenn man nichts Neues wollte. Das zweite erkennt man u.a. daran: hätte er was verändern wollen, hätte er's ja schon getan. Den Begriff "Widerstand", den Freud dafür verwendet, finde ich bedenklich, weil er impliziert, daß der Therapeut wisse, was das Richtige und das Bessere für den Klienten wäre, dem dieser eben widerstände.

Ich halte es für eine Falle, als Therapeut z.B. für die Veränderung Partei zu ergreifen. Denn ich mache dadurch den anderen Teil des Klienten zu meinem Gegner. Und so wird aus dem internen Konflikt des Klienten einer zwischen mir und dem von mir nicht so geschätzten Teil des Patienten. Und statt daß der Klient sich bewußt wird, daß die Gegensätze in ihm selbst liegen, und selbst an deren Lösung arbeitet, arbeite nun ich gegen den Widerstand (eines Teiles) von ihm. Vergeblich. Denn der einzige, der den inneren Konflikt lösen könnte, ist der Klient selbst.

Dabei allerdings begleite ich ihn aktiv, WENN er dies wünscht. Ich frage also immer wieder mal vor Interventionen, ob er zustimmt. Die Tatsache, daß er ja zum mir gekommen ist, reicht m.E. nicht aus. Wenn ja, (was nicht immer der Fall ist!), leite ich ihn an, mache auch Vorschläge etc., wobei ich mich sowohl von den verbalen wie nichtsprachlichen Mitteilungen des Klienten wie von meiner eigenen Intuition und meinen Körpersignalen als Meßinstrument leiten lasse.

So vertrete ich ein therapeutisches Vorgehen, wo man eine Atmosphäre von Vertrauen schafft, in der jemand wachsen und u.a. mit Hilfe der therapeutischen Interventionen Schritte machen kann, WENN er will. Wenn nicht, ist es auch recht. Ich mache Angebote und er hat die Freiheit, etwas zu nehmen, wenn er es brauchen kann oder nicht, wenn es nicht in sein System paßt.

"Do'nt push the river!" sagt Perls (1974), denn der Fluß rinnt ohnehin. Und als Warnung an uns Kümmeranten: "Jeder Therapeut, der nun hilfreich sein will, ist von allem Anfang an verloren. Der Patient wird alles Mögliche tun, um dem Therapeuten das Gefühl zu geben, daß er unzureichend ist; denn der Patient muß ja seinen Ausgleich dafür haben, daß er den Therapeuten braucht. Also verlangt der Patient immer mehr Hilfe vom Therapeuten, er treibt ihn immer mehr in die Enge, bis er entweder Erfolg damit hat - was ein weiteres Mittel der Manipulation ist - oder aber, wenn ihm der Therapeut den Gefallen nicht tut, ihm wenigstens das Gefühl gibt, unzureichend zu sein. Er wird den Therapeuten immer mehr in seine Neurose hineinziehen, und der Therapie wird kein Ende sein."

Vor dieser Bevormundung warnt auch das vorzügliche (und amüsant geschriebene) "Triffst du Buddha unterwegs..." von Kopp (1976), wobei in der englischen Originalausgabe der Titelsatz zu Ende geführt wird: "Kill him!" Will heißen: wenn Du einen triffst auf der Straße, der besser weiß als Du, was für Dich gut ist, dann töte ihn!

Er betont: "Deshalb beginne ich meine Arbeit immer mit zwei Vorsätzen: Ich will auf mich selbst achten und es soll mir Vergnügen machen. Die treibende Kraft unserer Interaktion muß der Patient sein. Es ist, als stünde ich im Türrahmen meiner Praxis und wartete. Der Patient kommt herein, stürzt auf mich los und versucht verzweifelt, mich in sein Hirngespinst, daß ich mich um ihn kümmern muß, hineinzuziehen. Ich trete zur Seite. Der Patient fällt hin, enttäuscht und verwirrt. Jetzt hat er die Möglichkeit, aufzustehen und etwas Neues zu versuchen. Wenn ich bei diesem psychotherapeutischen Judo geschickt genug bin, und er mutig und ausdauernd genug ist, wird er vielleicht neugierig auf sich selbst, lernt, mich zu sehen, wie ich bin, und fängt an, seine Probleme selbst zu lösen."

Ich schätze die von Cöllen entwickelte Paarsynthese sehr. Sollte aber sein Aufruf "Laß uns für die Liebe kämpfen!" (1984) bedeuten, daß auch der Therapeut kämpfen solle, dann entspricht die Verwendung der Mehrheitsform der berühmten Frage des Arztes an den Patienten: "Haben wir heute schon einen Stuhl gehabt?"

Mir fällt auf, daß gerade die avancierten Therapeuten, die auf Grund ihrer mehrfachen Ausbildung und langen Erfahrung sicherer sind und schnell spüren, worumÕs beim Klienten geht, ihm dies direkt vor die Nase knallen, statt achtungsvoll den Klienten die Lösung selbst erarbeiten zu lassen., was zwar länger dauert, dafür aber viel besser verankert ist.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich bei einer kürzlich durchgeführten Untersuchung zeigte, daß die Therapien bei Anfängern ähnlich gute Ergebnisse brachten wie die bei erfahrenen Psychotherapeuten: weil die Jungen noch unsicherer und dadurch vorsichtiger sind und vielleicht achtungsvoller mit den Klienten umgehen als die Erfahrenen?

M.E. ist es richtig, auch in der Psychotherapie das SUBSIDIARITÄTSPRINZIP anzuwenden: das ist ein zentraler Begriff aus der katholischen Soziallehre, der aus der römischen Kriegsführung kommt und besagt, daß z.B. die Reiterei das und nur das erledigen soll, was die Fußkämpfer nicht schaffen, kurz: daß die übergeordnete Instanz nur bei dem hilfreich eingreifen und dafür die Verantwortung übernehmen soll, was der untergeordneten zu viel ist.

Letzten Endes hängt freilich alles (s.o.) vom Menschenbild ab: betrachte ich meine Klienten als arme Hunde, die ohne meine Hilfe (sei es durch freundliches Zureden, durch tatkräftiges Aufheben oder auch durch Tritte) nicht auf die Beine kommen, dann wäre es unverantwortlich und zynisch, es nicht zu tun.

Meiner Erfahrung nach ist eine dermaßen defizitorientierte Sicht des Menschen unrealistisch und die daraus folgende Fürsorge und Verantwortungsübernahme wird, obwohl gut gemeint, oft als beleidigend, geringschätzend und bevormundend erlebt.

Eine Kollege hatte während einer Ausbildung folgenden Traum: "Ich reite auf einem wilden Hengst. Obwohl es schwierig ist, ihn zu führen, ein tolles Gefühl! Da kommt von hinten ein Pferdehändler und bietet mir an, mein feuriges Pferd durch einen sanften Esel einzutauschen. Ich kriege eine ungeheure Wut, zeige ihm den Finger, schreie ihn an: âHau ab, Du Wichser!!Ô und galoppiere davon. Zurück bleibt verständnislos der Händler: ÔIch wollte ja nur helfen.Ô" Als die Trainerin darauf fürsorglich antwortet: "Wir werden Dich schon auf das stolze Pferd setzen" erhält sie die Antwort: "Nein! Da nehme ich schon selber Platz!"

Auf das entschuldigende "ICH WILL JA NUR DEIN BESTES" folgt verständlicher Weise oft die Antwort: "ABER DAS GEBE ICH DIR NICHT!"

Immer wieder einmal erzählt mir jemand seine Entrüstung, daß eine wohlmeinende Gruppe ungefragt für ihn gebetet habe. Zur Liebe gehört auch die Achtung, sonst wird sie bevormundend.

Man spricht ja auch vom "Helfersyndrom" und nicht "-Symptom", weil immer mindestens zwei Vorgänge passieren: Ich gebe, das liegt offen - um zu kriegen: das ist dem Helfer meistens verborgen. Aber der Empfänger merkt es und ist verstimmt.

Aufdringliche Helfer haben selbst eine Not: sie brauchen das Helfen z.B. zur Förderung ihres Selbstwertes etc. Nach außen schaut es so aus, daß sie selbstlos alles für die anderen tun, aber sie helfen anderen, statt sich selber zu helfen. Sie spüren (meist seit Kindesbeinen) sehr schnell die Not von anderen und werden aktiv. Sie fragen sich aber selten, wieÕs ihnen selber geht und was sie selbst gerade brauchen. Ich weiß davon ein Lied zu singen: der Helfertick ist m.E. ja einer der Hauptgründe, warum jemand einen helfenden Beruf ergreift und sich den ganzen Tag Probleme anderer anhört. Was vielen "Normalen" ohnehin eigenartig vorkommt, daß man darauf scharf ist. Wenn die Ausbildung gut ist, wird man lernen, dies in den Griff zu kriegen. Aber die Tendenz, zu bevormunden, bleibt immer eine Gefahr.

Es stimmt, daß viele zum Psychotherapeuten kommen wie üblicherweise zum Arzt: "Hier ist mein Problem. Machen Sie etwas damit!" Das ist eine Falle.

Murphy jr. schreibt 1960 über den Therapeuten: "Er ist nur Beobachter und Katalysator; es liegt nicht in seiner Macht, den Patienten zu 'heilen'. Er kann dessen angeborener Fähigkeit, von sich aus gesund zu werden, nichts hinzufügen. Wenn er es versucht, stößt er auf hartnäckigen Widerstand, der die Behandlung nur verzögert. Der Patient hat bereits alles, was er braucht, um gesund zu werden...Da er (der Therapeut) nicht für die Heilung 'verantwortlich' ist, kann er sich in aller Ruhe an dem Schauspiel der fortschreitenden Gesundung erfreuen."

Es ist eine Falle, wenn der Klient "nichts tut", selber aktiv zu werden. Er wird immer weniger tun und ich immer mehr. Abgesehen vom Umgang mit Bewußtlosen und Nicht-Zurechnungsfähigen: ein Teufelskreis.

Selbst in der Arbeit mit Klienten, die zur Therapie (gegen ihren Willen) verpflichtet wurden - ich habe darin jahrelange Erfahrung - ist es nicht zielführend, zu pushen. Wohl wird man hier aktiv werben, die Möglichkeiten und Chancen ins Felde führen, um sie zu einem Entwicklungsschritt zu bewegen. Ein aktives Angebot, mehr nicht. Selbst einem Kleinkind, das gehen lernt, ist nicht geholfen, wenn ich es trage. Es muß die Schritte selber tun. Man kann nur wohlwollend zur Seite stehen.

Kopp schreibt über den Zaddik, den geistigen Führer der Chassidim: "Er verlangte von den Schülern nicht, daß sie ihm ähnlich würden, sondern sich selbst ...Was der Guru dem Suchenden an Wissen voraus hat, ist, daß wir alle Pilger sind. Es gibt keine Schüler und Lehrer."

Das ist natürlich vergleichsweise eine recht bescheidene Position des Therapeuten, hauptsächlich als Facilitater, der nicht vergessen hat, daß er selbst auch ein Lernender, unterwegs und in Entwicklung ist.

Für den Klienten hat das den Vorteil, frei wählen zu können und keinem Druck ausgesetzt zu sein. Jahrelang stellte sich bei jeder Supervision heraus, wenn ich ermitteln wollte, warum der Fortgang einer Therapie stockte, daß mir der Fortgang so wichtig war, z.B. weil ich das Leiden des Patienten schwer mitanschauen konnte etc., und ich dadurch selbst den natürlichen Fluß behinderte - natürlich, ohne daß ich dies wollte.

Es ist also effizienter für den Klienten, wenn man sich nicht in das Tempo der Entwicklung einmischt, und die Arbeit wird zudem leichter für den Therapeuten. Durch Nichteinmischung und Nichtparteinahme sorgt und ärgert man sich weniger, wenn Klienten nicht die Richtung einschlagen, die man selbst wählen würde, und ist dadurch weniger belastet. Burnouts von Kollegen, die ich öfters behandle, haben immer diesen Hintergrund.

Siehe dazu auch "Helfersyndrom und Burnoutgefahr" von Schmidbauer (2002). Burish (1988) empfiehlt ein distanziertes Engagement und Schulz von Thun (1989) die Fähigkeit zu üben, sich abzugrenzen.

Es geht hier um eine Auseinandersetzung, die sich durch die ganze Ideengeschichte zieht: In der Erziehung, in der Gruppendynamik, in der Politik, im Zusammenleben: Führen und Lenken vs. Sein Lassen und Annehmen, z.B. Persönlichkeits-BILDUNG vs. Persönlichkeits-ENTFALTUNG. Es liegt auf der Hand, daß wir in unserer Kultur seit der Renaissance einseitig das Lenken kultiviert und in gewisser Weise zu einer Hochblüte gebracht haben - mit einer Fülle von Vorteilen. Aber auch mit einer gewaltigen Schlagseite. Daß nur durch nichtstuendes, absichtsloses, wohlwollendes Da-Sein etwas bei sich selbst oder bei einem anderen verändert werden könnte, wird bei uns im Westen für unmöglich gehalten und belächelt.

Das könnte man nun vielleicht mißverstehen, als ob die Interventionen des Therapeuten unwichtig und unerheblich wären. Es gibt nämlich kein wirklich "non-direktives" Verhalten. Deshalb hat ja die personenzentrierte Richtung nicht nur ihren Namen gewechselt, sondern sich auch sonst in erheblichem Maße weiterentwickelt. Wenn sogar ein freundliches "Hm" , vom Zuhörer nach jedem Hauptwort ausgesprochen, die Anzahl der daraufhin verwendeten Hauptwörter signifikant erhöht, wird klar, daß Interventionen sehr wohl Gefühle, Denken und Verhalten des Klienten steuern können.

Antwortet z.B. der Therapeut auf den Satz des Klienten "Meine Frau ist ein Scheusal" mit: "Na, na, so schlimm wird es wohl auch nicht sein!" zwingt er ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit, dem Therapeuten zu beweisen, wie schlimm sie ist - was einer Problemlösung nicht besonders dienlich ist. Reagiert der Therapeut aber nicht mit Gefühlsverneinung, sondern z.B. mit der Einfühlung "Sie haben jetzt eine ganz schlimme Zeit mit Ihrer Frau?", atmet der Klient vielleicht erleichtert auf, fühlt sich verstanden (ohne daß ich ihm zugestimmt hätte), wird erfahrungsgemäß in der Folge zunehmend konkreter und bereiter, seinen eigenen Anteil an dem Problem wahrzunehmen und so fähiger, das Problem zu lösen. Wenn mein Einfühlungsversuch nicht zutreffen sollte, wird mich der Klient schon aufklären.

Ich gestehe, daß ich dem Steuern schon viel abgewinnen kann, es liegt mir auch sehr (s.o.), aber beim Therapieren bevorzuge ich nun seit langem das oben beschriebene Menschenbild und das daraus resultierende therapeutische Verhalten - soweit ich es überhaupt fertig bringe. In meinen ersten Jahren als Trainer verging kaum eine Gruppentherapiewoche, in der ich nicht wütend geworden war: Jetzt kommt er extra her und macht dann den Schritt nicht, der ihn aus dem Problem herausführen würde!

In den letzten Jahren bemühe ich mich, mich nicht einzumischen, ob jemand jetzt einen Schritt macht oder nicht und wenn ja, wie groß er sein soll und wie lange er dazu braucht - auch eingedenk der Tatsache, wie lange ich selbst für meine eigenen Entwicklungsschritte brauche und wie gut es mir tut, wenn mein momentaner Zustand vom Therapeuten nicht als furchtbares Defizit definiert und mein eigenes Entwicklungstempo respektiert wird.

II Bestärkt wurde ich auf dem Weg, als ich die Erkenntnistheorie des

KONSTRUKTIVISMUS

näher kennen lernte. Nie werde ich jene Nacht vergessen, in der ich mit Faszination u n d Widerstreben Maturana / Varela's eben erschienene deutschsprachige Übersetzung ihres Buches "Der Baum der Erkenntnis. Wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmung erschaffen - die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens" (1987) zu verstehen suchte. Im Gegensatz zur bisherigen Auffassung, daß unsere Sinne die Außenwelt abbilden, zeigen die radikalen Konstruktivisten, daß, was wir wahrnehmen und erkennen, von unserem Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparat abhängt, ja konstruiert wird.

"Die Wiese ist grün" sagen wir. Ein Farbenblinder: "Nein, rot!" Und ein Hund, wie die Biologen sagen, sieht sie grau. Wer hat recht? Wie ist sie nun wirklich? Wir wissen es nicht. Das jeweilige Auge entscheidet, konstruiert die Wirklichkeit: Autopoiese, Selbstmachung. "Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden." schreibt Von Foerster 1993.

Auch diese Zeilen sind selbst nur eine von vielen möglichen Wirklichkeitskonstruktionen. Und was Sie von diesem Aufsatz lesen, aufnehmen, für sich verarbeiten und mit Ihrem bisherigen Wissen verknüpfen oder ob nicht, liegt völlig außerhalb meiner Kontrolle. Würde man verschiedene Leser fragen, würde man erkennen, daß jeder seinen eigenen Text erzeugt hat. Vgl. wenn Sie die Verfilmung eines Buches sehen, das Sie gelesen haben. Der Sprachwissenschafter Von Glasersfeld (1987) begründet sein "Heranwachsen zum Konstruktivismus" so, daß er es als Kind mit mehreren Sprachen zu tun hatte und schon in der Schule verstand, daß "das Eindringen in eine fremde Sprache nicht nur andere Wörter und andere Grammatik mit sich brachte, sondern auch eine neue Art des Sehens, Fühlens und somit eine neue Art, Erfahrung begrifflich zu fassen."

Damit kam er (so Prieb 2000) an den Kern der Sapir-Whorf-Hypothese, die inhaltsgemäß besagt, die Struktur der Welt werde durch die Muttersprache geprägt. Menschen müssen also die Welt so sehen und beschreiben, wie es die Muttersprache festlegt und jede Sprache bedeutet eine andere begriffliche Welt. "Die Befreiung von einer einzigen Muttersprache erleichtert in vieler Hinsicht das unmittelbare Verständnis bestimmter Aspekte des Konstruktivismus, die all jenen sehr viel Mühe bereiten, deren Weltanschauung durch eine einzige Sprache begrenzt wird".

Watzlawick hatte schon 1976 gefragt: "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?"Zu der Zeit arbeitete ich als Paartherapeut nach Mandel et al (1971), indem ich die Kommunikationsregeln der personenzentrierten mit der Verhaltenstherapie verband. Beginnend 1977 hatte ich die mich nach wie vor faszinierende und praktizierte Gestalttherapie in mich aufgenommen und dann eine systemtherapeutische Ausbildung nach Satir absolviert.

Aber die Erkenntnisse der Konstruktivisten revolutionierten vieles und waren natürlich ein Fressen für uns Paar- und Familientherapeuten. Warum? Häufig geht es in problematischen Beziehungen ja um die Frage: Wer hat Recht? Aber ausgerechnet diese Frage erscheint aus konstruktivistischer Sicht absolut sinnlos und nicht beantwortbar, weil jeder eben seine eigene Wirklichkeitskonstruktion hat. Und von vornherein ist keine besser oder wahrer als die andere, weil man ja sowieso nicht weiß, was wirklich ist. Das entspannt meist enorm: jede Sichtweise ist legitim und gleichwertig.

Watzlawick sagt, "daß der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste aller Selbsttäuschungen ist; daß es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, ... von denen naiv angenommen wird, daß sie der 'wirklichen' Wirklichkeit entsprechen, ... obwohl die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind."

Therapieziel nach Watzlawick: "Der Konstruktivismus ... legt nahe, daß die leidvollen Auswirkungen einer bestimmten gegenwärtigen Als-ob-Fiktion (die ihren Ursprung natürlich irgendwann in der Vergangenheit hatte) durch jene einer anderen Als-ob-Fiktion ersetzt werden müssen, die eine erträgliche Wirklichkeit erschaffen. An die Stelle von Wirklichkeitsanpassung im Sinne einer besseren Anpassung an die vermeintliche 'wirkliche' Wirklichkeit tritt also die bessere Anpassung der jeweiligen Wirklichkeitsfiktion an die zu erreichenden konkreten Ziele." Also Wirklichkeitskonstruktionen, Denk- und Verhaltensweisen zu entwickeln, die weniger Leiden oder Unannehmlichkeiten erzeugen.

Das geht sicher in die Nähe des Witzes vom Bettnässer, der auf die Frage, warum er denn auf einmal so fröhlich sei, ob denn die Psychotherapie bewirkt habe, daß er nicht mehr ins Bett mache, antwortete: "O ja, schon noch. Aber es macht mir nichts mehr." Ich glaube freilich, daß ein Großteil der Therapie-Erfolge (auch der physischen Beseitigung von Symptomen) nach diesem Muster zu erklären sind und durch neue Beliefs, Erklärungsmuster und Einstellungen zustande kommen. Eine Patientin: "So, wie ich die Lage sah, war es ein Problem. Nun sehe ich sie anders und es ist kein Problem mehr." Autopoiesis passiert eben auch dadurch, daß die "nachweisbare Wirklichkeit" der Konstruktion von ihr folgt.

Wenn nun jeder selbst seine Wirklichkeit konstruiert, liegt auf der Hand, daß ein Mensch einen anderen nicht verändern kann, auch der Therapeut den Klienten nicht. Auch er kann nicht feststellen, was richtig ist. Und der Konstruktivismus lehrt, wie bescheiden unsere Eingreifmöglichkeiten sind: man kann sich auf den Kopf stellen, zart vorgehen, hart rückmelden oder wütend werden - der Klient nimmt ohnehin nur das auf, was er zu dem Zeitpunkt gerade brauchen kann. Für den Klienten ist dies angenehmer (und m.E. effizienter), wenn er zwar verläßlich begleitet wird, Hinweise und Rückmeldungen erhält, aber seine Autonomie und Würde nicht angetastet wird.

"Mischen's Ihnen nicht in andere hinein, mischen's Ihnen lieber in sich selber hinein!" sagte Karl Valentin.

Das heißt aber auch: der Therapeut ist in der Regel nicht dafür verantwortlich, wenn die Therapie nichts bringt. In den ersten Jahren zweifelt man ja unentwegt an sich und fragt sich dauernd, was man hätte besser machen sollen. Und denkt, ein anderer - und da fallen einem auch Namen von Kollegen ein - die hätten's richtig gemacht und sicher mehr erreicht.

Und: man darf sich auch den Erfolg nicht an seine Kappe heften. In der Individualpsychologie (Adler,1911), in der ebenfalls die Selbstregulation besonders betont wird und die Überwindung von Minderwertigkeitsgefühlen ein wichtiges Thema ist, wurde vorgeschlagen, eine Therapiesitzungsserie vorzeitig zu beenden, damit durch das alleinige Vollziehen des letzten Schrittes das Selbstbewußtsein des Klienten gefördert wird. Der Klient soll direkt erleben, daß ER die Heilung/ Problemlösung herbeigeführt hat und nicht der Therapeut, der ihm dabei lediglich zur Seite stand.

Therapeutisches Vorgehen ist also auch nach konstruktivistischen Erkenntnissen sinnvoller Weise nicht direktiv und bevormundend, sondern respektiert ebenso wie die humanistischen Therapierichtungen die Selbständigkeit und Problemlösungskapazität des einzelnen resp. des Paares/ der Familie. Ja nach einer Reihe von Therapierichtungen sind die Symptome und sogenannten Probleme selbst ja bereits Lösungsversuche und als solche zu würdigen, auch wenn sie das Wohlbefinden nicht verbessert haben sollten.

Es empfiehlt sich auch von da her, einen Klienten nicht mit der Einstellung zu empfangen "Was bist Du nur für ein unfähiger Tropf, daß Du dies noch nicht geschafft hast!", sondern zu würdigen, was er bisher alles geschafft hat, ihn darauf hinzuweisen, daß er in Ordnung ist und daß das Problem nur einen (vielleicht kleinen) Teil seines Lebens ausmacht, wenn es auch z.Z. sein ganzes Gesichtsfeld einnehmen sollte und ihn auf seine natürlich in ihm wohnende Fähigkeit hinzuweisen, mit diesem Thema fertig zu werden. Wobei er vom Therapeuten dienend begleitet wird. Die erste Bedeutung des griechischen Wortes "therapeutes" heißt ja nicht "Heiler", sondern "Diener"!

Interessanterweise werden diese Sichtweisen auch von Gehirnforschern und NEUROBIOLOGEN bestätigt. Z.B. schreibt Roth (1994): "Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verläßlichen Informationen über die Umwelt. Vielmehr muß das Gehirn über den Vergleich und die Kombination von sensorischen Elementarereignissen Bedeutungen erzeugen und diese Bedeutungen anhand interner Kriterien überprüfen. Dies sind die Bausteine der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist damit ein Konstrukt des Gehirns".

Der Biophysiker Von Foerster, einer der Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus, schildert (1993) mehrere Situationen, in denen deutlich wird, daß wir sehen oder hören, was nicht da ist z.B. konstruiert unser Gehirn, was wir wegen des blinden Flecks des Auges nicht sehen. Er schreibt, daß die Sinneszellen, seien es die Geschmacksknospen der Zunge, die Tastsinneszellen oder all die anderen Rezeptoren, die mit einer Empfindung wie Geruch, Wärme und Kälte, Schall oder anderem verknüpft sind, sämtlich "blind" für die Qualität der Reize seien und lediglich auf deren Quantität ansprächen.

"Das mag erstaunlich sein," schreibt er, "sollte aber nicht überraschen, denn tatsächlich gibt es ja 'da draußen' weder Licht noch Farbe, es gibt lediglich elektromagnetische Wellen; es gibt 'da draußen' weder Schall noch Musik, es gibt nur periodische Schwankungen des Luftdrucks; 'da draußen' gibt es weder Wärme noch Kälte, es gibt nur Moleküle, die sich mit mehr oder minder großer mittlerer kinetischer Energie bewegen, usw. ... Schließlich gibt es 'da draußen' ganz gewiß keinen Schmerz".

Eine Wurzel des Radikalen Konstruktivismus liegt also in der gegenwärtigen Gehirnforschung und der Neurophysiologie, einem Gebiet, in dem ich nicht zu Hause bin, von dem ich aber interessiert lese: "Die wichtigste Eigenschaft des Gehirns ist es, die eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Dafür nimmt es über 90 Prozent der Informationen aus dem eigenen Fundus und nicht über die Sinnesorgane von außen auf. Also muss das, was für wahr gehalten wird, bei jedem etwas anderes sein. Das Gehirn weist den an sich bedeutungsfreien neuronalen Prozessen die Bedeutung erst zu. Auch Raum und Zeit sind notwendige kognitive Ideen, aber keine erfahrbare Wirklichkeit. Die Unterscheidung von Innen und Außen existiert nur im Gehirn; ein Ich ist im Gehirn nicht nachzuweisen. Das separate Ich ist nur Einbildung."

III A propos "Ich". Wer länger meditiert, kennt diese Erfahrung, die einen fasziniert und erschüttert: die Auflösung des Ich, das Aufgehen in der All-Einheit. Unsere Kultur ist die einzige auf der Welt und in der Geschichte, die die Individualität in nie gekanntem Maße betont. Wir sind es gewohnt, uns als Einzelwesen, getrennt von allem anderen zu sehen.

Aus schamanischer Sicht ist dagegen alles Teil eines Ganzen. Diese Verbundenheit schließt nicht nur alle Menschen ein, sondern alles was existiert: auch Tiere, Pflanzen, Materie, den ganzen Kosmos, alles was existiert hat und existieren wird, vom Anfang bis zum Ende der Zeit.

Das reduziert meine Wichtigkeit als Therapeut. Auch weil davon ausgegangen wird, daß Heilung nicht mein Werk ist, sondern von ganz anderen Faktoren abhängt, deren Medium ich bin.

In allen Religionen und spirituellen Richtungen geht man ja bekannter Weise davon aus, daß das Meß- und Zähl- und Wiegbare nur ein Teil der Wirklichkeit ist und daß es darüber hinaus noch ganz andere Welten, andere Dimensionen gibt, die Einstellungen und Verhalten, Gesundheit und Krankheit, kurz den Lebensweg und das Schicksal jedes Menschen wesentlich mit beeinflussen.

SPIRITUALITÄT oder die TRANSPERSONALE PSYCHOLOGIE,

wie ihre therapeutische Seite in Psychologenkreisen genannt wird, läßt also das Gesagte nochmals in einem neuen Licht erscheinen. (Da ich die Berufung erhielt, Brücken zwischen religiösen, spirituellen Richtungen und westlicher Psychologie zu bauen, habe ich darüber auch ein wenig publiziert. Siehe die Aufsätze auf meiner Website www.thalhamer-haase.at)

In vielen spirituellen Weltbildern wird z.B. die fehlende Harmonie mit der übrigen Natur oder der göttlichen Ordnung als Ursache für Probleme/ Krankheiten/Störungen gesehen und bei der Behandlung häufig durch Rituale wieder in Ordnung gebracht.

Diese für uns zunächst schwer nachvollziehbaren Zusammenhänge werden schön beschrieben in der taoistischen Geschichte vom Regenmacher: In einem Dorf in China herrschte eine furchtbare Dürre. Als alle üblichen Methoden nichts fruchteten, holte man den berühmten Regenmacher aus dem fernen Dorfe. Er erbat sich ein kleines Haus am Dorfrand, die Mahlzeiten sollte man außen hinlegen und ihn auch sonst nicht stören. Als es nach Tagen noch immer nicht regnete und die Leute bereits ungeduldig wurden, ging die Tür auf und er trat heraus. Da zogen Wolken auf und ein herrlicher Regen erfrischte das Land. Die Menschen fielen auf die Knie und bewunderten den großen Regenmacher. "Ich bin gar keiner" antwortete der Fremde. "Aber ich sah, als ich ins Dorf kam, daß alle Leute außer sich und nicht im Tao waren. Auch ich wurde gleich davon ergriffen. So habe ich mich zurückgezogen, die Balance in mir wieder herzustellen. Und als ich soweit war, begann es zu regnen. Man kann den Regen nicht herbeizwingen. Aber ist man mit sich im reinen, kommt das Wetter, wie es soll."

Im Schamanismus, der ältesten, seit 30.000 Jahren praktizierten Heil- und Problemlösungsform, besteht die Aufgabe des Schamanen, als Mittler zu fungieren, als Medium dieser gewaltigen Energien, die in der Bibel z.B. als "Mächte und Gewalten" bezeichnet werden. Sie, nicht der Therapeut, bewirken die Heilungsschritte. Jesus v.N. heilte aus der Verbindung mit dem "Vater" heraus.

Das eigentliche therapeutische Agens ist in den verschiedenen spirituellen Heilungsformen weder der Klient, noch der Therapeut sondern ein TERTIUM, wie immer man sich dieses Dritte vorstellt:

Haben Schamanen seit Jahrtausenden mit Hilfe ihrer verbündeteten Geister erstaunliche Problemlösungen und Heilerfolge hervorgebracht, so wurde noch im 18. Jhd. Pfarrer Gassner als erfolgreicher Heiler mit Hilfe des Hl.Geistes bekannt. Mesmer nannte kurz darauf - gemäß der Aufklärung - dieses wirksame Dritte nicht mehr göttlich, sondern den "animalischen Magnetismus". In den humanistischen Psychotherapierichtungen wird diese Heilkraft als im Menschen liegendes riesiges, nur teilbewußtes Potential gesehen, das auch gehoben werden kann. Auch im Konstruktivismus betont man die in einem liegende Problemlösungskapazität.

M.E. ist es unerheblich, ob dieses Dritte in oder außerhalb von mir lokalisiert wird, und nur eine Frage seiner Wirklichkeitskonstruktion. Vermutlich handelt es sich um das selbe in verschiedenen "Sprachen".

Viele Phänomene werden zudem ganz anders, als wir es gewohnt sind, gesehen. Aus schamanischer Sicht ist es z.B. möglich, daß ein Verstorbener einen Lebenden besetzt, ihm die Seele raubt oder ihn in den Tod lockt. In Familienaufstellungsarbeit kommt es öfters vor, daß ein Teilnehmer einem Verstorbenen aus Liebe in Krankheit oder in den Tod folgt. M.E. ist der Unterschied nur eine Frage des Standpunktes und es kommt aufs Gleiche hinaus. Auch der Volksmund kennt beides: wenn etwa Vater und Sohn kurz hintereinander sterben, sagt man: "Den hat sich der Vater jetzt geholt." Aber auch: "Der Sohn ist ihm nachgegangen."

Der Schamane wird üblicherweise mit Hilfe seiner Guten Mächte den Verstorbenen bitten und mit ihm verhandeln, den Lebenden wieder loszulassen, wodurch auch der Tote befreit wird; dieser braucht dazu oft selbst eine Behandlung: meist muß man ihm helfen, machmal auch zwingen, sich in die Ordnung der Natur einzufügen.

Geheilt wird also mit Hilfe der Ressourcen, die in der Humanistischen Psychologie oft als die in uns innewohnende Fülle der Weisheit bezeichnet wird. Im Schamanismus werden sie als mächtige Geistwesen in den anderen Welten erlebt, die unser Bestes wollen.

Die Verbindung zu ihnen wird hergestellt durch Reduzierung des Denkens, durch Leer-werden, "the hollow bone", den hohlen Knochen, wie die Lakota in Nordamerika diesen Zustand nennen. Man tritt also mittels psychotroper Substanzen, meist aber lediglich mit Hilfe von Musik und Tanz in einen Trancezustand ein, indem man die verbündeten Geister um die Diagnose fragt und ob und wenn ja, wie man das Problem behandeln darf. Es kommt immer wieder vor, daß mir in Trance gezeigt wird, daß es bei diesem Patienten um etwas ganz anderes geht, als ich mir im Wachzustand gedacht hatte.

Bei einer meiner Visionen, durch die ich initiiert wurde, erhielt ich u.a. die Gabe der "Leidensübernahme". Etwas, das ich in dem Ausmaß als Psychotherapeut - wegen der Gefahr des Helfersyndroms - immer für sehr bedenklich gehalten hatte, obwohl "Empathie" (s.o.) ja ähnliches meint. Faktum ist, daß ich bei mehr als der Hälfte der schamanischen Behandlungen meist gleich nach dem Augenschluß, mit dem ich die Trance beginne, die Symptome des Behandelten am eigenen Leib und in meiner Seele spüre - mit dem Auftrag, daß das Problem gelöst sein wird, wenn ich es bei mir lösen (lassen) kann. Man richtet sich dabei streng nach den Aufträgen, die man erhält. Z.B. kommt es auch vor, daß man jetzt gar nichts für den Patienten machen darf.

Auch Teilnehmer in einer indianischen Schwitzhütte, können vorübergehend das Leiden des Patienten auf sich nehmen und nachher wieder in die eigene Haut zurückkehren, wie dies auch die Stellvertreter bei Aufstellungen tun, wo manchmal erst das Erleben des tiefen Schmerzes der Darsteller eine Wandlung beim Klienten auslöst.

Es ist eine Begabung, zu spüren, was in anderen los ist. Sie gehört meiner Ansicht nach aber (s.o.) gezähmt und geleitet: es ist sehr hilfreich, während der Behandlung genau zu spüren, wo das Thema sitzt. Aber am Ende läßt man alles wieder los, was am besten und am leichtesten durch Achtung geschieht. D.h. man respektiert, daß der Klient dieses Problem hatte oder hat und mischt sich in keiner Weise ein, ob er die Behandlung annimmt, ob er beim Problem bleibt und die Behandlung wieder rückgängig macht oder einen wesentlichen Schritt nach vorn tut. Man würde sich sonst überheben.

Fällt einem dies auf Grund seines eigenen Helfersyndroms schwer und hält man die Symptome des Patienten auch nach der Sitzung noch fest, ist es vielleicht notwendig, am Ende jeder Sitzung ein entsprechendes Ritual durchzuführen, wo man sich dafür bedankt, daß heilende Energien durch einen geflossen sind und man den Patienten achtungsvoll losläßt und ev. sich rituell reinigt. Normalerweise, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt, ist man nachher nicht nur nicht erschöpft, sondern merkt, daß man von der Heilkraft, die einen erfaßte, auch nach der Sitzung noch etwas in sich spürt. Wie ein Wasserleitungsrohr (das sich ja nicht einbildet, das Wasser selbst zu erzeugen - dieses kommt ja ganz wo anders her) Wasser nicht nur weitergibt, sondern auch selbst dabei naß wird, also etwas bekommt.

Nach einer schamanischen oder Reiki-Behandlung spüre ich normalerweise immer etwas von dieser Energetisierung - was mich bewogen hat, mich auch bei den Psychotherapien mehr herauszuhalten, wodurch sie natürlich wesentlich weniger anstrengend werden, weil man ja "nur" als Medium für die göttlichen Heilkräfte fungiert. Das gilt aus meiner Sicht aber für jede Form der Heilarbeit.

Es stimmt: viel Schlimmes nimmt Platz in meinem Herzen und erschüttert und berührt mich zutiefst. Aber nach der Behandlung fühle ich mich selbst wie gereinigt und durchgeputzt, auch wenn ich in Tränen und Schreie ausbrach über das furchtbare Schicksal, das ich spürte und aufgenommen hatte. Eher kommen mir aber die Tränen, weil ich gerührt bin, daß solch gewaltige Energien durch mich hindurchfließen.

Die spirituellen Erfahrungen bestärkten mich also nochmals, meine Rolle als Therapeut und meine Absichten nicht so wichtig zu nehmen. Z.B. zu meinen höchsten Instanzen in der schamanischen Arbeit komme ich nur, wenn ich ABSOLUT ABSICHTSLOS bin, auch nicht die Problemlösung oder Heilung des Patienten will(!). Sonst kann ich das Tor dorthin nicht durchschreiten.

Es waren also vorwiegend diese drei Einflüsse, die für meine Einstellung und mein Verhalten als Therapeut entscheidend wurden;

o die personenzentrierte Richtung nach Rogers o der Konstruktivismus nach Glasersfeld und o der Schamanismus und die christliche Spiritualität.

Weil es ja de facto um eine entscheidende Zurückstellung des eigenen Ego geht, bringe ich diese Einstellungen im Alltag bei weitem nicht in der selben Weise fertig, wie mir das im therapeutischen Setting inzwischen meist gut gelingt.

Jede dieser Richtungen lehrt auf ihre Weise den Therapeuten die Hochachtung vor dem Klienten und warnt davor, ihn in eine bestimmte Richtung zu treiben. So ist es richtig, daß Varga von Kibèd Nichtwissen, Hilflosigkeit und Verwirrung als die drei großen Helfer für die Aufstellungsarbeit bezeichnet, die einen davor bewahren, die Führung zu übernehmen und eigenmächtig einzugreifen.

Entgegen der im Westen oft verbreiteten Sichtweise handelt es sich auch beim Schamanismus nicht um Zauberei, sondern es geht auch hier darum, demütig sich führen zu lassen. Schamanen verstehen sich als Diener eines Größeren, über sie Hinausgehenden. Dies geht so weit, daß man sich im Gegensatz zum Therapeuten nicht einfach für den Beruf entscheiden kann, wenn man nicht von den Geistern dafür gerufen und ausgewählt wurde.

Ich glaube ohnehin, daß das Entwicklungstempo wie sonst in der Natur auch beim Menschen vorgegeben ist. Ich muß meinem Kirschbaum im Dezember nicht sagen, daß er furchtbar ausschaut und jetzt endlich Blüten machen soll. Alles Pushen hilft nicht , ja es ist sogar kontraproduktiv, wenn ich an einem Pflänzchen anreiße, weil es mir zu langsam wächst.

Es reicht, wenn ich ihm Gutes will z.B. als Therapeut , daß ich für gute Wachstumsbedingungen sorge. Man kann es zwar behindern, das ist wahr, aber das Wachsen selber brauche und kann ich nicht erzeugen. Wir können gar nicht anders als wachsen. Das ist vorgegeben. Wir sind so. Und es wächst alles zu seiner Zeit.

Linz, im März 2004

Zurück zum Seitenanfang

INHALT und REZENSIONEN

Gerda Mehta/ Erik Zika (Hrsg.): Systemische Grenzgänge Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen.- 350 Seiten; ¤ 29,50 ISBN 3 901811 20 6 Krammer-Verlag, Wien

I Inhalt
AutorInnen und Themen:

Traude Tauber: Zum Begriff des Systemischen /

Imre Remenyi: Der Mensch im Mittelpunkt Systemischer Therapie. Systemische Psychotherapie ohne System /

Michaela Mühl: Auch das kann Familie seinÉ

Monika Fenz: Systemisches im Alltag ­ Alltag im Systemischen

Eva Gruber: Die Neugier in der systemischen Psychotherapie

Eva Kriechbaum-Tritthart: Von der Feldkompetenz zur Kontextsensibilität. Felderkundung in der Supervision

Kurt Ludewig: Ist systemisch an sich ethisch? Vom Sinn und Unsinn dieser Frage

Guido Strunk: Über den Berg oder mitten hindurch?

Gudrun Perko, Leah Carola Czollek: Eine Reise hinter das SichtbareÉ. Diversity-Ansätze in Queer-Theorien und ihrer Bedeutung für die systemische (Familien)therapie

Peter F. Herdina: Das Konzept der dritten Lösungen oder: der analytische Patch zur Systemischen Familientherapie

Harry Merl: Systeme schaffen Lebenswelten

Manfred Wiesner, Margit K. Epstein, Eugene Epstein: Von der Manipulation zur Kooperation, von der Moderne zur Postmoderne

Elektra Tselikas: Wir sind aus dem Stoff, aus dem Träume sind...

August Thalhamer: Jenseits von Luhmann: über den Systembegriff unserer Vorfahren und seine mögliche Anwendung heute

Dietmar Golth: Forschungsergebnisse als Grundlage für die Entwicklung einer systemisch-integrativen Psychoonkologie

Petra Pribil: Nach dem Winkelmaß gerecht. Von angepaßten und unangepaßten Kindern

Clemens Stieger: Organisationen beraten ­ Versuch einer Überlebensstrategie

Theresia Gabriel: Mobbing: Übertriebenes Modethema? Inhumane Personalstrategie? Therapeutisches Arbeitsfeld?

Helga Fasching: Systemische Gruppentherapie mit Jugendlichen im Rahmen einer Qualifizierungsmaßnahme ­ erweitete Perspektiven für die Integrative Pädagogik

Sabine Schmid-Sipka: Resilienz und Familienresilienz

Ruth Kronsteiner: Systemische Therapie und Ethnopsychoanalyse - die Ressourcen des methodenübergreifenden, interdisziplinären Denkens in migrations-, trauma- und kulturspezifischer Psychotherapie

Waltraud Horeth: Gestalten wir unsere Umwelt ­ oder bestimmt sie uns? Im Fluß des Lebens und der Geschichte. Die Interdependenz zwischen Individuum und Umwelt

Christian Reininger: Jeder ist seines Glückes Konstrukteur! -Oder war da noch mehr? Ein Plädoyer für den Blick auf die Systemumwelt

Christoph Mandl: Und auf einmal waren Personen da, die das übernommen haben. Dialogisches Interview mit Wanda Moser-Heindl und Friedrich Moser

Carmen Unterholzer: Gegen Dogmen und Tabus

II Rezensionen und Statements

Joseph Duss-von Werdt

Wer systemisch denkt und handelt, trennt nicht, sondern verbindet zuerst die Gegensätze in der eigenen Person selber. Handeln beginnt und endet in Menschen zwischen Menschen. Wir sind Zwischen-menschen, bezogene Wesen, die durcheinander zu dem geworden sind und ständig werden, was sie sind.

Sophie Freud

Im Namen von uns alten Menschen, die die systemische Perspektive gefunden, erfunden und gestaltet haben, gratuliere ich den Heraus-gebern. Mit Zufriedenheit sehe ich in diesen vielfältigen und anre-genden Beiträgen, dass unsere Weltanschauung ihre theoretischen und praktischen Flügel weit ausgebreitet hat, mit der wohl berech-tigten Hoffnung in diesem neuen schwierigen Jahrhundert einen positiven Unterschied zu machen.

Jürgen Hargens

Ich wünsche diesem Buch eine große Verbreitung, hoffe, dass es einen regen Austausch in Gang setzt und dazu beiträgt, die Relativität allen Wissens zu würdigen...

Andrea Brandl-Nebehay

Grenzüberschreitungen, Gratwanderungen mit Sichtung der vielfältigen systemischen Territorien ãdiesseits und jenseitsÒ sind die Leitmetaphern dieses Sammelbandes, der anlässlich des 20jährigen Bestehens der ÖAS (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und Systemische Studien) erschien. Überschritten wird auch die übliche Trennlinie zwischen Schreibenden und KonsumentInnen der Fachliteratur. Gerahmt durch Geleitworte  von Corina Ahlers, Joseph Duss-von Werdt, Jürgen Hargens und Tom Levold breiten neben etablierten Autoren (u.a. Kurt Ludewig, Harry Merl) vor allem erfahrene PraktikerInnen aus unterschiedlichsten Arbeitsfeldern sowie Studierende in verschiedenen Stadien systemischer Ausbildung eine farbenfrohe Landkarte ihrer jeweils eigenen Zugänge zum ãSystemischenÒ aus.

In einem ersten Abschnitt werden unter der treffenden Überschrift ãSystemisches ist immer wieder neu zu definieren und konkretisierenÒ Grundpfeiler systemischer Weltsicht aktualisiert und kritisch differenziert. Hier finden sich anschauliche Beiträge über Einzeltherapie (wo bleibt das System?), Familiensysteme weit jenseits bürgerlicher Vorstellungen (ãAuch das kann Familie sein...Ò) und Reflexionen zum Thema ãSystemisch im Alltag und Alltag im SystemischenÒ.

Das nächste Kapitel beleuchtet ausgewählte systemischen Leitideen (Neugier), setzt sich mit ethischen Fragen auseinander, erläutert den Bezug zur Chaostheorie und zeichnet im Feld der Supervision den Entwicklungsweg vom Begriff der Feldkompetenz zur Kontextsensibilität und Felderkundung nach.

Völliges Neuland eröffnete sich für mich mit dem Beitrag ãEine Reise hinter das SichtbareÒ, in dem Diversity-Ansätze in Queer-Theorien und ihre Bedeutung für die politische Positionierung systemischer Therapie dargestellt werden. Wer an klinischen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten systemischen Handelns interessiert ist, wird in den nächsten beiden Kapiteln fündig. Sie zirkulieren um Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen, wie der Untertitel des Buches verspricht und spätestens hier einlöst; in bunter Reihe geht es um genuin systemische wie auch die Grenzen zu anderen Heilverfahren (bis hin zum Schamanismus) überschreitende Referenzmodelle und methodische Zugänge, inhaltlich um Paartherapie, Träume und deren Performance, um Psychoonkologie, Resilienz und das sich Einlassen mit Kindern. GrenzgängerInnen zwischen therapeutischen und wirtschaftlichen bzw. pädagogischem Gefilden berichten über Organisationsberatung und Mobbing, über Gruppentherapie mit Jugendlichen und die kultursensitive Arbeit mit MigrantInnen. ãHerausforderungen der und durch SystemumweltenÒ ist der letzte Abschnitt betitelt und wirft aus der Adlerperspektive einen kritischem Blick auf gesellschaftliche Institutionen, auf sozialarbeiterische Praktiken und Traditionen der Systemtheorie. ãGegen Dogmen und TabusÒ wendet sich der letzte Beitrag, eigentlich aber das gesamte Buch, das sich auch als Plädoyer für ein unerschrocken schöpferisches Gestalten des Zwischen-Menschlichen in- und außerhalb des Therapieraums lesen lässt.

Es ist kein Band, den ich systematisch von der ersten bis zur letzten Seite lesen würde. Der Reiz liegt für mich darin, mich von den poetischen Titeln der einzelnen Beiträge verführen zu lassen, zu blättern, zu schmökern, mich über das zu freuen was ich zu kennen und verstehen meine, um dann wieder auf ganz neue, unvertraute Erweiterungsmöglichkeiten des systemischen Denken und Handelns zu stoßen.  Meine warme Empfehlung dieses vielschichtigen, gehaltvollen, ungewöhnlichen Buches möchte ich mit Sophie Freud´s Kommentar unterstreichen, der sich am Klappentext findet: ãMit Zufriedenheit sehe ich in diesen vielfältigen und anregenden Beiträgen, dass unsere Weltanschauung ihre theoretischen und praktischen Flügel weit ausgebreitet hat, mit der wohl berechtigten Hoffnung in diesem neuen schwierigen Jahrhundert einen positiven Unterschied zu machen."

Kent Canzoneri 

Eine sehr ehrliche, direkte,kreative Lektüre. Die Zusammenstellung vieler verschiedener Beiträge bildet Vielfalt ab. Nicht ein Weg, sondern viele Möglichkeiten, sind den Herausgebern wichtig aufzuzeigen. Das Buch stellt die systemischen Anwendungsmöglichkeiten in ihrer Vielfalt dar. Die 28 AutorInnen schreiben, was sich für sie über viele Jahre in der Praxis als nützlich erwiesen hat. Nicht nur Systematik und Wissenschaft, sondern auch Intuition und Bodenständigkeit sind Leitideen. Das macht das Buch anregend für Menschen, die sich für die Praxis und für sich selber inspirieren lassen wollen. Systemisch ist einfach. Es ist nicht barock, verschnörkselt. Es konzentriert sich auf das, was geht, was möglich ist, und was sein kann. Allerdings: dieses Einfache zu finden ist die Herausforderung! Wie dieses Einfache immer wieder zu (er)finden ist - dazu regt das Buch an. Denn es hinterfragt übliche Konzepte, wie: was ist eine Familie, Mobbing, Resilienz, Neugier, Lösungen erster Ordnung, Kategorien von Gesund und Krank, von Geschlechtern, usw. Sie werden beim Lesen eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet und auch noch bedeuten kann, Mensch unter Menschen zu sein! Und dieses ab und zu in den Griff - oder zumindest in den Blick - zu bekommen, lohnt sich!

Zurück zum Seitenanfang

DER HEILUNGSWEG DES SCHAMANEN
- IM LICHTE WESTLICHER PSYCHOTHERAPIE
UND CHRISTLICHER ÜBERLIEFERUNG

Das Buch ist eine Einführung in die älteste Heilform der Menschheit und macht deutlich, daß diese Fähigkeiten grundsätzlich in jedem Menschen schlummern. Ich berichte darin von meinen persönlichen schamanischen Erfahrungen und zeige auf, wie sie aus psychologischer und christlicher Sicht erklärt werden könnten. Das neue an diesem Buch ist der Versuch einer Zusammenschau dreier scheinbar unvereinbarer Richtungen. Auch wenn die äußeren Formen schamanischer Rituale exotisch erscheinen: ihre Behandlungsprinzipien entsprechen erstaunlicher Weise in hohem Ausmaß den Ergebnissen psychologischer Forschung sowie den Erfahrungen psychotherapeutischer Praxis und sind m.E. auch mit theologischen Auffassungen vereinbar. Einerseits wollte ich das Buch persönlich und verständlich schreiben, andererseits sollte es auch wissenschaftlichen Kriterien genügen.
Hier können Sie das Buch bestellen.

Inhaltsverzeichnis

Einleitungvon Carlo Zumstein (siehe unten)
Prolog

SCHAMANISMUS

Meine Frauen
1. Grundannahme: Außer der sichtbaren gibt es noch andere Welten
Wie entstand der Schamanismus? Wie wird man SchamanIn?
Schamanische Berufung heute
Die Foundation for Shamanic Studies
Albert Einstein: "Ich vertraue auf Intuition."
Wie kann eine Person von einer anderen etwas spüren und wissen, was sie gar nicht wissen kann?
2. Grundannahme: Alles ist Teil eines Ganzen
Auch die Wissenschaft entdeckt die Vernetztheit
Wie geht man auf die schamanische Reise? Beispiele
Wozu schamanisch reisen?
Ist das nicht Regression?
Wie heilt man schamanisch andere? Beispiele
Wo kommen diese Bilder her?
Absolutheitsanspruch? Ist ein Schamane im Besitz der Wahrheit?
Das Dritte
Kontraindikationen

SCHAMANISMUS UND CHRISTENTUM

Ist Schamanismus eine Religion?
"Du sollst Dir kein Bild machen von Gott!
Eine leidvolle Geschichte
Am Anfang jeder Religion steht die Erfahrung des Mysteriums
"Jahwe trägt den Namen 'der Eifersüchtige' " Ex 34
Die Männer Jahwes sind Schamanen mit Konzession
Der Wind weht, wo er will (Joh 3,8)
Jesus heilte. Und wir?
Wie heilte Jesus?
Magier und Hexen
Exorzismus
Schamanische Elemente im Christentum
Die Initiation des Jesuiten
Mein persönlicher schamanischer Weg

SCHAMANISMUS UND PSYCHOTHERAPIE

Wie passen Schamanismus und Psychotherapie zusammen?
Schamanische Behandlung ist Heilung in Trance mit Hilfe der Weisheit des Unbewussten Beispiele
Wird nun geheilt mit Hilfe von Geistwesen oder der Weisheit des Unbewussten?
Das Reich der Seele und der Geistwesen ist eins
Wunderheilung statt eines mühsamen Heilungsprozesses?
Ist Heil(ung) Geschenk oder zu erarbeiten?
Heilung für Mutter Erde
Scharlatanerie?
Schwarze Magie und Schadenszauber
Schamanismus und Naturwissenschaft
Probleme der Effizienzmessung
Kann man als PsychotherapeutIn schamanische Heilarbeit in die Praxis integrieren?
Neo-Schamanismus?

Literatur

Hier können Sie das Buch bestellen.

Einleitung von Carlo Zumstein

August Thalhamer und ich sind uns vor über zehn Jahren anlässlich einer Expedition zu den Schamanen in Tuva, Sibirien, das erste mal begegnet. Eine Erfahrung, die uns beide nachhaltig verändert hat. August erzählt in diesem Buch von seiner tiefen Verbindung mit dem Schamanen Saryglar Borbak Ool. Damals bereits auf den langen Fahrten durch die Steppe und den nie ganz dunklen sibirischen Nächten begann zwischen uns ein Dialog über unseren unterschiedlichen Weg auf der Suche nach einem Schamanismus, der sich in unserer westlichen Zivilisation neben Medizin und Psychotherapie gemeinsam mit anderen spirituellen Heilmethoden wirkungsvoll einsetzen lässt. Seither haben wir diesen Gedankenaustausch in lockerer Folge fortgesetzt. Ich liebe schamanisch Tätige, die nicht nur alte Heilrituale anwenden, um wundersame Heilungen zu erwirken, sondern auch verstehend nach den Hintergründen dieses archaischen Heilwissens forschen - in Respekt vor dem Wissen unserer Kultur, das unser Denken, Fühlen und Handeln seit Geburt geprägt hat. August Thalhmer ist ein solcher Heiler, Denker, Forscher, Philosoph und Lehrer. Ich habe sein Buch mit grossem Interesse gelesen.

August Thalhamer, ausgebildeter Priester, Psychotherapeut, seit Jahren auf eigenem spirituellen Weg, verwebt seine reichen beruflichen und persönlichen Erfahrungen und sein weit gespanntes Wissen zu einem Teppich von Grundformen des psychospirituellen Heilens. Dabei betitelt der Autor sein Buch Der Heilungsweg des Schamanen. Der Weg des Schamanen ist kein Weg in unserem Sinn. Weder erfolgt die Ausbildung der Schamaninnen und Schamanen in vorgegebenen Stufen noch lässt sich ihr heilendes Wirken in eine kausale Abfolge von Handlungsschritten ordnen. Auch die Rituale lassen sich nicht in Gebrauchsanweisungen vereinfachen.

Ausserdem betrachtet August Thalhamer den Schamanen im Licht der westlichen Psychotherapie und christlicher Überlieferung. Die Psychotherapie mit ihrer Vielfalt methodischer Ansätze wirft ein vielfarbiges Streulicht auf die noch eruierbaren Spuren der Schamanen und Schamaninnen in den verschiedensten Naturvölkern und Kontinenten. Zudem ist Schamanismus ein mündlich weitergegebenes Erfahrungswissen. Was wir darüber heute wissen, haben wir meist aus zweiter Hand von Ethnologen und Anthropologen. Die christliche Überlieferung aus dem Mund von Aposteln, Kirchenvätern, Philosophen, Päpsten ist unendlich fassettenreich.

Darum begegnet mir der Heilungsweg des Schamanen wie ein Teppich, der sich jedes Mal vor uns ausbreitet, wo immer wir selbst unterwegs sind und in diesem Buch lesen wird dabei zu einem eigenen Kraftplatz, der heilend und klärend in uns wirkt. Oder müsste ich gar sagen, August Thalhamer legt einen Boden, der in den Tiefen des archaischen schamanischen Wissens gründet, die Grundmusterung des Christentums ausbreitet und dazwischen ein vielfarbiges Mosaik der verschiedensten psychologischen und spirituellen Modelle auslegt. Eigentlich ist alles bekannt, was Thalhamer im Laufe seines Weges zusammengetragen hat über den Schamanismus der verschiedensten indigenen Traditionen, bei den Philosophen von der Antike bis zu den heutigen Konstruktivisten, über die psychologischen Schulen von Freud über Jung, die humanistische und transpersonale Psychologie und das Christentum vom Alten Testament bis zu modernen Spirituellen. Doch der Autor gestaltet daraus Muster, die gewollt ineinander übergehen. Dadurch entstehen neue Ansichten und Einsichten des Heilens. Das ist die Herausforderung dieses Buches. Man muss immer seine eigenen Wege über diese Muster gehen, sie nachzeichnen, sie bedenken, in sich aufnehmen. Dann wirken sie auf geheimnisvolle Weise.

Das mutige Bekenntnis zum Schamanen ist die zweite Herausforderung. August Thalhamer nimmt uns mit dem Buch Der Heilungsweg des Schamanen auf seinen Heilungsweg mit, seinen Weg als verwundeter Heiler, wie Schamanen auch bezeichnet werden. Weil sie durch ihr Leiden und ihre Heilung selbst Heilkräfte geschenkt bekommen. Das Leiden ist Durchgang durch Sterben, Tod und Wiedergeburt, ist Initiation, Berufung für ein zweites Leben als Heiler und Schamane. Der Autor beginnt sein Buch denn auch mit seiner magischen Heilung von jahrelangen Rückenbeschwerden durch ãMeine FrauenÒ. Ein ganzes Kapitel widmet er seinem persönlichen schamanischen Weg. Er gewährt uns immer wieder Einblicke in sein eigenes Wirken als Heiler anhand vieler Beispiele. Er wagt es, sich selbst als Schamanen und als Botschafter eines ewigen Wissens zu bekennen, wenn auch mit einem sensiblen Zögern, unser eigenes Zögern erfühlend, von einem aufgeklärten Menschen heute zu hören, daß er von Wesenheiten einer Anderen Welt zu ihrem ewigen Botschafter vergessenen Wissens berufen wurde.

Ich mag dieses Zögern nicht als Grund dafür nehmen, daß August auf seinem Weg so viele lebende Weggefährten und Ahnen um sich schart. Da finden wir alle grossen Namen der Psychologie, viele Religiöse und Philosophen aber auch heutige Weggefährten wie Bert Hellinger, Stanislav Grof, Serge Kahilli King, Willigis Jäger, Anselm Grün, Sylvester Walsch, Roger Walsh. August Thalhamer würdigt das Wirken anderer, verbindet sie zu einem sich immer weiter spannenden Netz von Menschen. Nur so kann sich immer mehr heiles Wissen und Wirken kristallisieren und so können sich heraufbeschworene Achsen des Bösen aufweichen.

Die dritte Herausforderung dieses Buches ist Thalhamers Leidenschaft fürs Heilen. Heilen ist für ihn Erlösung von Krankheit, Leiden und Schmerz. Fürs Heilen wendet er die Rituale der alten Schamanen an, fürs Heilen weint er, er betet und bittet magische Wesenheiten genauso um Heilkraft wie den christlichen Gott. Er versteht sie alle als Kräfte eines grösseren Ganzen. Dadurch gelingt ihm eine Art Transzendenz der Begrifflichkeit. Er findet sich wieder als Schamane, der letztlich nur mit der Kraft des All-Einen Heilung anstösst, unabhängig davon, welche Namen diese Kraft im Dienste von Religionen, Philosophien und Psychologien trägt. Thalhamer durchschlägt gleichsam mit Begriffen, die diese als Mauern gegen die archaischen Heilkräfte der Natur erreichtet haben, diese Mauern wieder. Dadurch kann die ursprüngliche Kraft des Lebens wieder wirken. Das sind Herausforderung und Geschenk dieses Buches. Möge es viele Menschen erreichen.

29. März 2007
Dr. Carlo Zumstein
Psychologe, Psychotherapeut, Gründer und Leiter der Foundation for Living Shamanism and Spirituality, Schweiz

Hier können Sie das Buch bestellen.

Zurück zum Seitenanfang

THE SHAMAN'S ART OF HEALING
IN THE LIGHT OF WESTERN PSYCHOTHERAPY AND CHRISTIAN TRADITION

Linz 2007, edition pro mente, 300 pages ISBN 10: 3-901409-85-8 ISBN 13: 978-3-901409-85-1

Summary:

The book introduces the reader to the most ancient healing tradition of humanity and makes it clear that these skills definitely lie dormant in every human being. The author reports on his personal shamanic experience and shows how it can be explained from a psychological and Christian view. What is new in this book is the attempt to view three seemingly incompatible methods as a whole.

Is shamanic healing really as different from psychological treatment as it seems to be at first glance? The book singles out one essential point: While shamans (in trance) contact demons and good spirits, psychotherapists work with destructive parts as well as resources of the personality. In spite of all differences in the view of life and in external forms, the book postulate that we deal with the same processes, which on the one hand are explained and felt within the psyche and on the other hand outside. Whether I use the wisdom of the (collective) Unconscious to solve a problem or am inspired by good powers, which from a psychological viewpoint are entities projected outside: for the effectiveness of the process it seems to be irrelevant in which way we think about it.

On balance of the results, the author states that surprisingly enough the healing principles of shamanic rituals - in spite of their exotic form - correspond to a great extent with the results of psychological research as well as psychotherapeutic practice. They are also compatible with theological conceptions, especially with the experience of the mystics.

Although the book has been written in a personal, understandable and easily readable style, it should on the other hand satisfy scientific criteria.

Contents:

Preface by Carlo Zumstein, the leader of the Foundation for Living Shamanism and Spirituality, Switzerland

Prologue

SHAMANISM

My women

1st basic assumption: Apart from the visible world, there are otherworlds

How did shamanism arise? How to become a shaman?

Shamanic calling today

The Foundation for Shamanic Studies

Albert Einstein: I rely on intuition

How can a person sense or know something of another person that he cannot possibly know?

2nd basic assumption: Everything is part of a whole

Science also discovers interlinking

How to do shamanic journeying

Examples Why do shamanic journeying?

Isn't that regression?

How to heal people in a shamanic way

Examples

Where do these images come from?

Claiming absoluteness? Does a shaman possess the truth?

The third element

Contraindications

SHAMANISM AND CHRISTIANITY

Is shamanism a religion?

You shall not make for yourself an idol!

A story full of suffering

At the beginning of every religion there is the experience of mystery

Jahweh's name is JEALOUS (Ex 34)

Jahweh's men are shamans with a licence

The wind blows where it wishes (John 3:8)

Jesus healed people. What do we do?

How does Jesus heal?

Magicians and witches

Exorcism

Shamanic elements in Christianity

The initiation of the Jesuit

My personal shamanic approach

SHAMANISM AND PSYCHOTHERAPY

How do shamanism and psychotherapy go together?

Shamanic treatment is healing in trance with the aid of the wisdom of the Unconscious

Examples

Does healing take place with the aid of spirits or the wisdom of the Unconscious?

The realm of the soul and of the spirits is one

Faith-healing versus laborious healing processes

Is healing a gift, or must it be worked for?

Healing for Mother Earth

Charlatanism?

Black and evil magic

Shamanism and science The problems of measuring efficiency

Can a psychotherapist integrate shamanic healing into his practice?

Neo-shamanism?

Literature

The author

Dr. August Thalhamer (* 1943) is a Roman Catholic theologian. He worked as a priest for five years and then studied psychology. Since 1974 he has worked as a free-lance psychotherapist and economic psychologist. He completed a number of post-graduate trainings in psychotherapeutic methods as well as team-building and organisational development. Soon he also became interested in traditional healing methods and acquired several of them. In order to evade inner conflicts (among other reasons), he has been studying the question how the often astonishing success of spiritual methods can be explained in terms of psychology as well as theology. He regularly reports on this subject at international conferences. His latest publication was the article BEYOND LUHMANN: ON OUR ANCESTORS' IDEA OF 'SYSTEM' AND ITS POSSIBLE APPLICATION TODAY, in: Gerda Mehta/ Erik Zika (eds.): Systemic borderland. The effective element in interpersonal relations. Vienna, 2006, Krammer publishing house.

Zurück zum Seitenanfang

LE CHEMIN SHAMANIQUE DE GUÉRISON
À LA LUMIÈRE DE LA PSYCHOTHÉRAPIE OCCIDENTALE ET LA TRADITION CHRÉTIENNE
Linz, 2007, édition pro mente, 300 pages ISBN 10: 3-901409-85-8 ISBN 13: 978-3-901409-85-1

Résumé:

Ce livre représente une introduction à la plus ancienne méthode de guérison de l'humanité et montre que ces capacités se trouvent en principe dans chaque homme et femme. L'auteur informe de ses propres expériences shamaniques et indique comme elles peuvent être expliquées d'un point de vue psychologique ou chrétien. Ce qui est nouveau dans ce livre, c'est la tentative de regarder dans l'ensemble trois méthodes apparemment incompatibles.

Le bilan de l'auteur: Bien que les formes des rituels shamaniques nous semblent exotiques, il est étonnant que leurs principes de traitement correspondent à un haut degré aux résultats de la recherche en psychologie et aux expériences psychothérapeutiques; en outre ils sont compatibles avec des conceptions théologiques, particulièrement avec les expériences des mystiques. D'une part le livre est écrit dans un style personnel, facile à comprendre et lisible, d'autre part il devrait satisfaire aux critères scientifiques.

Tables de matières:

Préface par Carlo Zumstein, Initiant de la Foundation for Living Shamanism and Spirituality, Suisse

Prologue

SHAMANISME

Mes femmes

1ère hypothèse fondamentale: hors du monde visible, il y a des autres mondes

Comment le shamanisme est-il né? Comment est-ce qu'on devient shaman?

La vocation shamanique aujourd'hui

La «Foundation for Shamanic Studies»

Albert Einstein: JE ME FIE À L'INTUITION

Comment est-ce qu'une personne peut apercevoir et savoir quelque chose d'une autre personne, qu'elle ne pourrait savoir pas du tout?

2ème hypothèse fondamentale: Tout fait partie d'un ensemble

La science aussi découvre l'interdépendance

Comment est-ce qu'on fait un voyage shamanique?

Quelques exemples

Pour quoi faire des voyages shamaniques?

Ne s'agit-il pas de la régression?

Comment guérir quelqu'un de manière shamanique?

Quelques exemples

D'où ces images viennent-ils?

Prétention absolue? Est-ce qu'un shaman est en possession de la vérité?

Le troisième élément

Contrindications

SHAMANISME ET CHRISTIANISME

Est-ce que le shamanisme est une religion?

Tu ne te feras pas d'idole

Une histoire pleine de douleur

Au début de chaque religion il y a l'expérience du mystère

Jahvé porte le nom de JALOUX (Ex 34)

Les hommes de Jahvé sont des shamans avec une concession

Le vent souffle où il veut (Jean 3:8)

Jésus guérissait. Et nous?

Comment guérit Jésus?

Magiciens et sorcières

Exorcisme

Eléments shamaniques du christianisme

L'initiation du jésuite

Mon chemin shamanique personnel

SHAMANISME ET PSYCHOTHERAPIE

Comment est-ce que le shamanisme et la psychothérapie s'accordent?

Traitement shamanique - c'est guérison en transe à l'aide de la sagesse de l'inconscient

Quelques exemples

Est-ce qu'on guérit à l'aide des esprits ou de la sagesse de l'inconscient?

Le règne de l'âme et celui des esprits reviennent au même

Guérison miracle au lieu d'un processus de guérison difficile?

La guérison - est-elle donnée ou faut-il l'acquérir à la sueur de son front?

Guérison pour notre Mère Terre

Charlatanerie?

Magie noire et sorcellerie

Shamanisme et sciences naturelles

Problèmes de mesurage de l'efficacité

Le psychothérapeute peut-il intégrer le traitement shamanique dans son travail?

Néo-shamanisme?

Bibliographie

L'auteur,

né en 1943, théologien catholique romain, a travaillé pendant cinq ans comme prêtre et puis a étudié psychologie. Depuis 1974 il travaille comme psychothérapeute et psychologue économique en consultation privée. A part d'un nombre de formations à la psychothérapie et la psychologie du travail et des organisations, il s'est bientôt intéressé de procédés thérapeutiques traditionnels et en a appris quelques-uns.

Non seulement pour éviter des conflits dans son for intérieur, il s'occupe depuis quelque temps de la question comment on peut expliquer en termes psychologiques et aussi théologiques le succès souvent étonnant des méthodes spirituelles. Il en fait rapport régulièrement aux congrès internationaux.

La dernière publication était l'article JENSEITS VON LUHMANN; ÜBER DEN SYSTEMBEGRIFF UNSERER VORFAHREN UND SEINE MÖGLICHE ANWENDUNG HEUTE ( AU-DELÀ DE LUHMANN; SUR LA NOTION DE 'SYSTÈME' DE NOS ANCÊTRES ET SON EVENTUELLE APPLICATION AUJOURD'HUI ), dans: Gerda Mehta / Erik Zika (eds.): Systemische Grenzgänge. Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen. - Wien, 2006, édition Krammer.

Zurück zum Seitenanfang


Ist Schamanismus mit dem Christentum kompatibel?
Bei achtungsvoller Betrachtung entdeckt man unerwartete Übereinstimmungen

Außerhalb der Kirche kein Heil?

Es hat Tradition in der Kirche, alles, was nicht aus eigener Provenienz stammt, abzuwerten oder als teuflisch zu verurteilen. (Vgl. Apg 8, 5 ff , 13,6 ff oder 16,16 ff) Aufbauend auf den Lehren des energischen Kirchenvaters Tertullian (+ ca. 220) prägte Cyprian von Karthago (+ 258 ) den verhängnisvollen Satz: "Extra ecclesiam salus non est. (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.) Unter "HeilÒ verstand er vor allem die rechte Lehre und rechtmäßige Sakramente, was nur innerhalb der mit dem rechtmäßigen Bischof verbundenen Gemeinde zu finden wäre. Der Satz wurde freilich bald als das "Seelenheil" des Menschen betreffend verstanden und erst beim 2. Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) zurückgenommen. In Verbindung mit dem Missionsbefehl aus dem Matthäus-Evangelium 28,19f ãGeht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" hatte er verheerende Folgen. Ganz abgesehen davon, dass es wie bei der "Evangelisierung" Lateinamerikas vor allem um Mehrung von Besitz und Macht ging, strömten nun mutige Missionare aus, die verlorenen Seelen zu retten. Wollten sich die Heiden aber nicht retten lassen, sondern bei ihrer bisherigen Weltanschauung und ihrer Form zu glauben bleiben, setzte man nicht selten Gewalt ein, um aus den "Wilden" "ordentliche Christenmenschen" zu machen - oft in guter Absicht, ähnlich wie man einen Selbstmörder massiv zurückhält, um ihn vor dem Tod zu retten. Und aus dieser Doktrin heraus ging es ja um die Rettung vor dem ewigen Tod! Da fand man Gewalt schon angemessen. Die seriösen unter den "Gottesmännern" suchten also Gott in alle Welt zu bringen, damit die fremden Völker gerettet würden. Sie waren in der Regel gar nicht auf die Idee gekommen, dass Gott schon längst dort sein könnte und - wenn auch unter anderen Namen und mit unbekannten Riten - dort längst verehrt wurde. So konnten sie ihn auch nicht entdecken und die fremden Formen seiner Verehrung würdigen.

Der Geist weht, wo er will

Dabei hatten einst, die sich Jesuaner nannten, ihre jüdischen Landsleute mit der Geschichte schockiert, dass ausgerechnet drei dahergelaufene Magier (Schamanen?) aus fremden Kulturen auf Grund ihrer Horoskope den neugeborenen Sohn Gottes als erste begrüßten und Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenke überreichten, wogegen die einheimischen Theologen und die Machthaber in der Hauptstadt keine Ahnung hatten. (Matth 2) Gottes Geist, heißt ihre befreiende Botschaft, macht nicht halt an Grenzen von Völkern oder Religionen. Die ganze Welt und jeder Mensch zu allen Zeiten und auf allen Erdteilen ist von vornherein willkommen und bedingungslos angenommen, hieß das "Euangelion", die gute Botschaft. "Ich gieße meinen Geist aus über alle Menschen. Dann werden eure Söhne und Töchter prophetisch begabt sein, eure Greise werden wahre Träume haben, eure Jungmänner Gesichte schauen"

heißt es schon beim Propheten Joel 3. Schaut man nun mit offenem Herzen auf die schamanische Tradition: Was entdeckt man?

Die älteste Weltanschauung

Schamanismus ist die Basis aller späteren Hochreligionen, auch des Judentums und Christentums - an Alter mit seinen mehr als 30.000 Jahren allen anderen an Erfahrung voraus. Wie von den späteren Religionen übernommen, geht man von einem Schöpfergott aus, der alles Existierende ins Leben ruft und am Leben erhält. Und von Wesenheiten, die zwischen Gott und der Welt vermitteln. In den späteren Hochreligionen werden diese Geistwesen oft als "Engel" bezeichnet, was wörtlich "Botschafter" bedeutet, also Kommunikatoren zwischen dem unfassbaren Urgrund des Seins und dem Menschen.

Ist Schamanismus eine Religion? Darüber ist man sich uneinig. Meist wird er als Teil des "Animismus" (weil alles Existierende als beseelt aufgefasst wird) oder unter "Naturreligion" geführt. Auf jeden Fall ist "re-ligio", die Rückverbindung des Irdischen mit dem Übernatürlichen, zentral in der schamanischen Weltanschauung und Praxis. Allerdings fehlt eine Institution mit Leitung etc. Und es gibt eine Nähe zur späteren Mystik der Hochreligionen: die Reduktion von Denken und Wollen, die Einübung des Loslassens und der Hingabe, kurz der Hintanstellung des Ego macht den Schamanen zum Vorläufer und wohl auch zum Vorbild der späteren Propheten, Gottesmänner und Mystikerinnen.

Der Schamane

Das Wort kommt aus dem Tungusischen, es ist auch dort ein Fremdwort, kommt wahrscheinlich aus dem Sanskrit und bedeutet "der Erregte, Bewegte, Feurige" - die exakte Bedeutung ist nicht eindeutig eruierbar. Es wurde von den Anthropologen als Begriff für alle Heiler in den Stammeskulturen eingeführt, die in Trance mit Hilfe von Geistwesen im Dienst der Gemeinschaft Probleme lösen. Eine gute Einführung findet sich in Mircea ELIADE's " Schamanismus und archaische Ekstasetechnik". Sie haben auch priesterliche Funktionen, die an den Schnittstellen des Lebens wie Geburt, Erwachsenwerden, Heirat und Tod auf den Plan treten; sie sind Propheten und Schicksalskundige, geistliche Führer und Berater des Häuptlings und des Stammes. Sie beschwören Jagdglück, Wetter und die Fruchtbarkeit der Erde und begleiten ihr Volk durch die Jahreszeiten-Rituale. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Verbindung ihres Volkes mit der übrigen Natur und den transzendentalen Welten aufrecht und in Harmonie zu halten.

Wie heilt ein Schamane?

Zur Lösung von Problemen oder zur Heilung von Krankheiten wird nicht nur - wie in unserer Kultur fast ausschließlich - der Verstand und das Gespräch genützt, sondern im Gegenteil das Denken reduziert, das Ego und die eigenen Wünsche und Absichten zurückgestellt: Man geht in einen Trancezustand und erhält so Antworten auf Fragen - als Psychologe würde ich sagen: aus der Fülle und Weisheit des Unbewussten. So wie dies auch in mehreren bei uns üblichen Psychotherapierichtungen praktiziert wird, z.B. in der Hypnotherapie oder anderen Richtungen der "Humanistsichen Psychologie". Die Schamanin redet aber nicht vom Unbewussten, sondern erlebt diese Ressourcen außerhalb von sich: in mächtigen guten Geistwesen (Engeln, Ahnen ...), von denen sie sich belehren und führen lässt.

Wie heilte Jesus?

Vergleicht man dies mit der Heilpraxis von Jesus, wie sie in der Heiligen Schrift berichtet wird, stellt man fest, dass er weder aus der unbewussten Weisheit noch mit Hilfe von Engeln die Kranken behandelt, sondern aus der Verbundenheit mit Gott heraus: "Ich und der Vater sind eins." Offensichtlich, um in diesem Bewusstsein zu bleiben, zieht er sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten - was er zusammen mit Fasten auch für die Behandlung besonders schwieriger Fälle empfiehlt. Aus diesem Einssein mit dem Vater heraus berührt er den Patienten, macht ein kleines Ritual oder eine Fernheilung für Abwesende. Der Beitrag des Patienten besteht in der Hingabe, im Vertrauen: "Dein Glaube hat Dir geholfen."

Heilungen in der Bibel: nur eine Metapher?

Wir hören im Evangelium immer wieder die vielen Geschichten über Heilungen durch Jesus und seine Schüler. "Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus!" (Matth 10) So hatte Jesus die Zwölf hinausgeschickt zu verkünden: "Das Himmelreich ist nahe!" Wir hören es und erinnern uns vielleicht an unsere Berufung, in die Welt hinauszugehen. Aber keiner denkt dabei z.B. auch an reale körperliche Heilungen. Wir fühlen uns nicht gemeint. Schon gar nicht, wenn Jesus (Joh 14) sagt: "Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun."

Ich wurde ganz aufgeregt, als ich zwanzig Jahre nach meinem Theologiestudium überlegte, ob dieser Auftrag zu heilen und die "Vollmacht über alle Dämonen und Krankheiten zu heilen", nicht doch wörtlich zu nehmen sei. Als Psychotherapeut hatte ich bereits eine Menge unglaublicher psychischer und körperlicher Verwandlungen miterleben dürfen.

Wird nun geheilt mit Hilfe des Unbewussten, der guten Geister oder Gottes?

Könnte es sein, dass das nur drei verschiedene Erklärungen für das selbe sind? Wie drei Sprachen mit unterschiedlichen Traditionen und äußeren Formen? Ich fühle mich als Theologe, Psychologe und Schamane in allen drei Feldern beheimatet und biete sowohl psychotherapeutische wie christliche und schamanische Heilbehandlungen an. Bemerkenswerter Weise stelle stelle ich keinen Unterschied in der Wirkung fest, ob ich z.B. als Gestalttherapeut etwa abgespaltene Persönlichkeitsanteile zu reintegrieren helfe oder als Schamane verlorene Seelenteile zurückhole.

Ich überlasse es den KlientInnen, ob sie sich der psychologischen oder der schamanischen oder einer religiösen Sprache und Bilderwelt bedienen wollen. Meiner Erfahrung nach macht es für die Wirkung wie gesagt ohnehin keinen Unterschied.

Vielleicht ist der Streit, wer im Besitz der Wahrheit ist, ohnehin lächerlich. "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!" Das Wort "Wirklichkeit" bedeutet ohnehin nicht "Wahrheit", sondern offensichtlich etwas, das wirkt. Und das ist für mich als professionellen Problemlöser das Entscheidende.

Durch die Begegnung mit anderen Kulturen und Weltanschauungen entdeckt man oft wieder neu, welche Schätze es in der eigenen Richtung gibt. So sind schon mehrere TeilnehmerInnen nach einem schamanischen (!) Seminar wieder in die Kirche eingetreten oder haben begonnen, wieder ihren israelitischen Glauben zu praktizieren.

August Thalhamer, Jhg. 1943, hat fünf Jahre als katholischer Priester gearbeitet, dann Psychologie studiert und arbeitet seit 1974 als freiberuflicher Psychotherapeut und Wirtschaftspsychologe. Er erlernte mehrere spirituelle Behandlungsformen und veröffentlichte kürzlich in der edition pro mente das Buch: "Der Heilungsweg des Schamanen - im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung" ISBN 10: 3-901409-85-8 ISBN 13: 978-3-901409-85-1

Erschienen in KIRCHE IN Dezember 2007

Zurück zum Seitenanfang

WO SICH SCHAMANISMUS UND PSYCHOLOGIE TREFFEN
Where Shamanism and Psychology Meet

Zusammenfassung

Sind schamanische und psychologische Behandlungen wirklich so verschieden, wie sie auf den ersten Blick ausschauen? In dem Artikel wird ein wesentlicher Punkt herausgegriffen: Während SchamanInnen (in Trance) Dämonen und gute Geister kontaktieren, arbeiten PsychotherapeutInnen mit destruktiven Persönlichkeitsanteilen und Ressourcen. Bei allen Unterschieden in den Weltbildern und den äußeren Formen - meine These: es handelt sich um dieselben Vorgänge, die einmal intrapsychisch und einmal extrapsychisch gedeutet und erlebt werden. Ob ich "die Weisheit des (kollektiven) Unbewußten" zur Problemlösung nütze oder mich von "guten Mächten" inspirieren lasse, die psychologisch gesehen als Entitäten außerhalb projeziert werden: Was die Wirkung betrifft, scheint es unerheblich zu sein, wie man darüber denkt.

Summary

Is shamanic healing really as different from psychological treatment as it seems to be at first glance? The article singles out one essential point: While shamans (in trance) contact demons and good spirits, psychotherapists work with destructive parts as well as resources of the personality. In spite of all differences in the view of life and in external forms, I postulate that we deal with the same processes, which on the one hand are explained and felt within the psyche and on the other hand outside. Whether I use Òthe wisdom of the (collective) UnconsciousÓ to solve a problem or am inspired by Ògood powersÓ, which from a psychological viewpoint are entities projected outside: for the effectiveness of the process it seems to be irrelevant in which way we think about it.

"Es hat in der westlichen Psychiatrie Tradition, Mystiker als Irre, Heilige als Psychotiker und Weise als Schizophrene zu betrachten, und dies ungeachtet der Tatsache, dass die großen Heiligen und Weisen möglicherweise den Gipfel menschlicher Entwicklung repräsentieren und den stärksten Einfluss auf die menschliche Geschichte gehabt haben." Roger N. WALSH

Da ich sowohl psychologische wie schamanische Heilverfahren anwende, musste ich diese doch sehr unterschiedlich erscheinenden Richtungen auf Kompatibilität prüfen - schon, um innere Konflikte zu vermeiden.

Der Völkerkundler und Psychologe Holger KALWEIT (1999) meint: "Die schamanische Kenntnis des Psychischen ist verquickt mit einer Kosmologie und Metaphysik, die die moderne Psychologie so weit hinter sich gelassen hat, dass ein Dialog kaum mehr möglich ist." Ich glaube aber schon an eine fruchtbringende Auseinandersetzung und finde sie wichtig für beide Seiten.

Als ich mich das erste Mal intensiver mit Schamanismus befasste, war ich fasziniert von der Tatsache, dass ich wesentliche Heilungspraktiken (unter anderen Namen) bereits seit vielen Jahren kannte und (wenn auch nicht in identischer Form) praktizierte. Kein Wunder: Schamanismus ist ja mit einem wahrscheinlichen Alter von über 30.000 Jahren nicht nur die älteste Form der Medizin, sondern auch der Psychotherapie. Dass die westliche Psychotherapie von vielen schamanischen Elementen durchdrungen ist, erklärt sich auch dadurch, dass viele Gründer und Vertreter von Therapierichtungen, wie C.G. Jung (+ 1961), Fritz Perls (+ 1971) usw. nicht nur über andere Kulturen gelesen haben, sondern auch durch persönliche Kontakte beeinflusst wurden Andererseits dringt spirituelle Heilarbeit in Bereiche vor, die durch westliche Medizin und Psychotherapie oft nicht berührt werden. Auch die Ziele sind nicht identisch, wie Andreas REIMERS (2005) betont, der sich als Nervenarzt und Psychotherapeut wissenschaftlich auch mit dem Schamanismus bei den Bergvölkern Nepals befasst: "Während in den modernen Psychotherapien ... die Entwicklung einer angemessenen Ich-Stärke und sozialen Kompetenz sowie eines positiven Selbstbildes als Ziel angesehen wird, betonen traditionelle, schamanische Heilsysteme eher die Rückgewinnung des Platzes in der sozialen Gemeinschaft und in der kosmischen Ordnung. Anders als in der Gestalttherapie, dem Psychodrama und anderen erlebnisorientierten Therapieformen übernimmt nicht der Patient, sondern vorwiegend der Schamane selbst die Rolle, Gefühle, Träume und Konflikte darzustellen, zu verkörpern und zu personifizieren. Der Patient partizipiert aktiv an der Musik, dem Tanz und den kulturell vorgegebenen Imaginationen des Schamanen und überlässt sich damit dem Therapieprozess, wodurch das Lernen am Modell sowie eine direkte Kraftübertragung stärker in den Vordergrund rückt."

Die Unterschiede

Es gibt im schamanischen Weltbild zwei Grundannahmen, die so in der modernen Psychologie nicht vorkommen:

1. Grundannahme: Außer der sichtbaren gibt es noch andere Welten

Diese werden als bevölkert erlebt: nicht nur von den Toten, sondern auch von Dämonen und von mächtigen Geistwesen, die man kontaktieren und um Schutz und Hilfe, um Kraft, Heilung und Erkenntnis bitten kann. SchamanInnen lassen sich - in Trance - von guten Mächten lehren und führen: bei der Lösung von Problemen und der Behandlung von Krankheiten etc. Oft werden dazu besondere Kraftplätze genützt und es gibt auch bestimmte Zeiten, in denen das Tor zur Geisterwelt offener ist als sonst z.B. die Nächte beim Wechsel der Jahreszeiten.

2. Grundannahme: Alles ist Teil eines Ganzen Wir sind es gewohnt, uns als Einzelwesen, getrennt von allen anderen, zu sehen. Aus schamanischer Sicht wird die Einzelausformung und Unterscheidbarkeit des Einzelnen vom Anderen nicht geleugnet, so wie auch ein Finger sich vom anderen unterscheidet. Was unsere Kultur aber trotz der Entwicklung der Systemtheorie nicht sehr ernst nimmt, ist, dass Alles mit Allem verbunden ist. Schamanisch werden nicht nur wie in Jung's Konzept vom "Kollektiven Unbewußten" alle Menschen als verbunden erlebt, sondern der ganze Kosmos wie ein einziger Organismus gesehen. Galsan Tschinag, ein Tuvinier aus der Mongolei drückt es (in: Amélie SCHENK, 1998) so aus: "Die Geister meiner Urahnen habe ich überall um mich herum, es ist der Wind, es ist der Sonnenstrahl, es ist die Erde, es sind die Steine, die Bäume, die Menschen, die Tiere, alles, was mich umgibt, ist jeweils Teil der Geister meiner Urahnen ... Bei uns ist die bekannteste Behandlungsmethode eigentlich die Berührung mit der Mutter Erde, die Berührung mit den Brüdern Bäumen, die Berührung mit den Freunden Steinen, die Berührung mit den Schwestern Gewässern. Wenn ich auf der Erde sitze oder liege, spüre ich eine Strömung durch mich hindurchgehen, und ich halte dies für die Kräfte der Geister." Beide Grundannahmen klingen aus wissenschaftlicher Sicht in der Form unhaltbar und wurden seit dem Beginn der Neuzeit zunehmend in Frage gestellt.

Am Ende des Mittelalters: Trennung von Spiritualität und Heilung Bis ins Hochmittelalter hielt man Medizin, Mathematik, Astronomie und Astrologie, Philosophie, Theologie, Musik, Kunst und Mystik nicht für wirklich getrennte Disziplinen, sondern für verschiedene Ausprägungen der Grundprinzipien des Seins. Besonders die Denker der griechischen Antike vor Sokrates sahen dies so. Die Trennung und Spezialisierung, wie wir sie heute kennen, als ob die einzelnen Bereiche miteinander nichts zu tun hätten, begann erst im ausgehenden Mittelalter. Von nun an waren z.B. die - an den neu gegründeten Universitäten ausgebildeten - Ärzte für das Heil des Körpers und die Kirche für das Heil der Seelen zuständig. Die Trennung von Spiritualität und Heilung war vollzogen. Die Wissenschaft löste sich aus der Vormachtstellung der Theologie. Dass die universitäre Medizin und Wissenschaft dem Schamanismus skeptisch gegenübersteht, hat also auch historische Wurzeln: Sind sie doch entstanden aus einer Abgrenzung von einem "abergläubischen" Krankheits- und Heilungsverständnis und aus der Distanzierung vom magischen Weltbild - was meiner Ansicht nach ein Fortschritt war. Aber man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Bis ins Mittelalter war auch in ganz Europa die schamanische Tradition noch verbreitet und nicht fremd. Die Kirche verfolgte ihre VertreterInnen grausam und mit Hilfe des weltlichen Armes wurden viele Sensitive auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sodass heute nur noch Reste aufzufinden sind wie die Wenderinnen, Chiromanten, Magnetisten, Handaufleger usw. Die darauf folgende Renaissancezeit sah im Menschen das Maß aller Dinge und wertete den menschlichen Verstand als oberstes Prinzip. In der sogenannten Aufklärung (18. Jhd.) setzte sich dieses Denken endgültig durch. Dies führte zu einem sehr hohen Grad an naturwissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Allerdings zu einem sehr hohen Preis: nämlich der Abwertung der Gefühls- und Triebwelt und der spirituellen/ religiösen Dimension des Menschen, die in unseren Tagen zu einer gewaltigen Sinnleere in den Industriegesellschaften geführt hat. Der zweite hohe Preis war die imperialistische Unterwerfung und wirtschaftliche Ausbeutung der anderen Völker und Kulturen und der natürlichen Ressourcen in einem nie da gewesenen Ausmaß. Haben Schamanen seit Jahrtausenden mit Hilfe ihrer verbündeten Geister erstaunliche Problemlösungen und Heilerfolge hervorgebracht, so wurde noch im 18. Jhd. Pfarrer Johann Joseph Gassner (+1779) als erfolgreicher Teufelsbanner und Wunderheiler bekannt, weil er im Namen Jesu böse Geister austrieb. Franz Anton Mesmer (+1815) nannte kurz darauf - gemäß der Aufklärung - dieses wirksame Dritte (neben der bewußten Aktivität des Therapeuten und des Patienten) nun nicht mehr göttlich, sondern den "animalischen Magnetismus". Durch Berühren der Patienten oder durch Zeichen, die er mit den Händen gab, wird berichtet, gelang es ihm, bei Kranken, beispielsweise bei Epileptikern, die üblichen Krankheitserscheinungen - Schwindel, Zittern, Ohnmachtsanfälle und Ähnliches - hervorzurufen oder abebben zu lassen. Auch aus der Entfernung.

Uraltes in neuer - säkularisierter - Form? In der beginnenden Tradition der Hypnose wird nun dieses uns steuernde Dritte -endgültig säkularisiert - als "Unterbewusstsein" bezeichnet. Besonders Sigmund Freuds (+1939) Psychoanalyse hat es unter großen Widerständen salonfähig gemacht. Die Widerstände waren aus verschiedenen Gründen verständlich: er stellte ja nicht nur wesentliche Teile der Medizin auf den Kopf, sondern machte deutlich, dass wir Menschen Vieles nicht unter Kontrolle haben. Und das ist für den aufgeklärten Verstand schwer zu ertragen. Meinte man doch seit René Descartes (+1650), mit Hilfe der Ratio eines Tages alle Probleme lösen zu können. Freud sah im Unbewussten freilich vorwiegend die Wurzel von Krankheiten und Störungen. In der "Humanistischen Psychologie" wird nun das Unbewusste als unerschöpfliches Potential des Menschen aufgefasst, als die Fülle der Weisheit, die jeder in sich trägt und die schrittweise gehoben werden kann. Abraham MASLOW (1982): "Es ist, als hätte Freud uns die kranke Hälfte der Psychologie geliefert, die wir jetzt mit der gesunden Hälfte ergänzen müssen." Er stellte auf seiner Bedürfnishierarchie nach Grundbedürfnissen, Sicherheit, sozialen Bedürfnissen und sozialer Anerkennung an die oberste Stelle die Selbstverwirklichung, zu der er später auch mystische Erfahrungen zählt: "Die emotionale Reaktion bei Grenzerfahrungen hat einen besonderen Beigeschmack des Wunders, der Scheu, der Ehrfurcht, der Bescheidenheit und der Auslieferung an die Erfahrung als an etwas Großes." Das kommt der schamanischen Sichtweise (wenn auch in einer anderen Sprache) schon sehr nahe. Auch in der Generationen übergreifenden systemischen Therapie wie z.B. bei Familienrekonstruktionen und -aufstellungen, gibt es große Ähnlichkeiten zur schamanischen Sichtweise (siehe August THALHAMER, 2001). Patrice Malidoma SOMÉ (2006), Schamane der Dagara in Burkina Faso und Wissenschafter, über Rituale und Systemaufstellungen: "Offensichtlich verfolgen beide - mit erstaunlich ähnlicher Absicht und auf ähnlich unvorhersagbare Weise - das gleiche Ziel. Beide öffnen in tief verborgene Seiten der individuellen Geschichte, die heilende Aufmerksamkeit benötigt. Beide vermitteln eine Energiezufuhr, durch die das Leben wieder ins Fließen kommen kann." In der "Transpersonalen Psychologie" wird die Reifung der Persönlichkeit ohne Aktualisierung der spirituellen Dimension nicht für vollständig gehalten. Im "Weg des Mystikers" (vgl. Ken WILBER: "Das Atman Projekt" 2001) geht es nicht primär um Ich-Stärke, die Beseitigung von Krankheiten oder die Bewältigung der täglichen Anforderungen des Lebens, sondern um die Erfahrung der Einheit des Seins und die Einordnung des Ich in das große Ganze. Geheilt wird vorwiegend in anderen Bewusstseinszuständen - meist allerdings nur des Klienten. Die Reduktion des Denkens, des Steuerns und das Zurückstellen des eigenen Ichs wird für eine ganzheitliche Heilung als wesentlich angesehen. Gewissermaßen frühe Vorläufer davon waren der österreichische Anthroposoph Rudolf Steiner (+1925), und auch der Schweizer C.G. Jung (+ 1961). In der psychologischen Behandlungspraxis, soweit ich sie überblicke, wird die Weisheit des Unbewussten (die schamanisch in der Anderswelt visualisiert wird) in vielen im Westen entwickelten Therapiemethoden und in einzelnen Behandlungstechniken wie in der "Arbeit mit dem inneren Kind", im "sicheren Ort der Geborgenheit" in der Traumatherapie oder auch im "Kontakt mit sich als weisem alten Menschen" u.v.a. geschätzt und zur Heilung von Problemen genutzt. In vielen Psychotherapierichtungen wird nicht nur verstandesmäßig an die Lösung der Probleme herangegangen, sondern verschiedenste Formen veränderter Bewusstheitszustände (üblicherweise des Klienten) genützt (siehe dazu Dirk REVENSTORF, 2000, über "Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin"). Auch schamanisch wird nicht nur das Denken als Quelle von Erkenntnis genutzt, sondern - in anderen Bewusstheitszuständen (v.a. des Behhandlers) - in uns wohnendes Wissen gehoben. Meine These:

Schamanische Behandlung ist Heilung in Trance mit Hilfe der Weisheit des Unbewussten Der Begriff "Das Unbewusste" eignet sich m.E. besonders gut, weil er ja nichts über sich aussagt, sondern nur, dass seine Inhalte und Vorgänge nicht bewusst sind - die aber durch schamanische und auch durch andere Methoden ans Licht des Bewusstseins gebracht werden können. Auch in der Hypnotherapie wird "Das Unbewusste" als geeignete Metapher für sonst schwer definierbare Ressourcen begrüßt, aber auch in Frage gestellt; z.B. macht sich Gunther Schmidt über die "Verdinglichung" lustig: "Wenn Sie Ihr Unbewusstes treffen, grüßen Sie es von mir!" (MILTON ERICKSON GESELLSCHAFT FÜR KLINISCHE HYPNOSE, 1989) Die Botschaften aus diesen Ressourcen können, wie von Stanislav GROF (1978) in seiner "Topographie des Unbewussten" beschrieben, die gegenwärtige Lebenssituation oder die frühere Lebensgeschichte, die frühe Kindheit, die perinatale Periode oder die embryonale und fötale Existenz betreffen, aber auch aus transindividuellen, transpersonalen und transhumanen Quellen stammen. Ist man als PsychologIn von den riesigen Ressourcen überzeugt, die im Menschen liegen, und wird man therapeutisch oder beratend immer wieder darin bestätigt, kommt einem die schamanische Auffassung nicht mehr so fremd vor. Es stellt sich aber immer noch die Frage:

Wird nun geheilt mit Hilfe von Geistwesen oder der Weisheit des Unbewussten? Interessanterweise haben auch manche indigenen Schamanen kein Problem, diese auf den ersten Blick so verschieden anmutenden Sichtweisen zu verbinden, wenn z.B. Papa Eli aus Burkina Faso oder der von den mexikanischen Huichol initiierte Brant Secunda und andere, die ich traf, übereinstimmend sagen, dass ja die Geister in uns sind. Aus der Tiefenpsychologie kennen wir das Konzept der "Internalisierung", nach dem real erlebte Personen - z.B. Vater, Mutter oder Erzieher - regelrecht zu Teilen der eigenen Persönlichkeit werden, sodass es für die Praxis unerheblich ist, ob man es therapeutisch z.B. mit dem vorgestellten Vater oder dem Über-Ich zu tun hat. Zu ähnlichen Konsequenzen führen auch die Auffassungen des Konstruktivismus. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum eine Einzeltherapie genauso möglich und wirksam ist wie eine Familientherapie, weil ohnehin alle relevanten Personen, schon tot oder noch am Leben, in mir sind. Vielleicht bezieht sich die Internalisierung aber nicht nur auf die Personen, die ich z.B. als Kind erlebt habe, sondern - unbewusst - auf alle meine Vorfahren, wie ich ja auch körperlich/ genetisch von allen meinen Vorfahren etwas in mir habe und sie bin. Umgekehrt ist es z.B. in der Gestalttherapie, in der Familienaufstellung und anderen Methoden üblich, nicht nur z.B. mit Körperteilen, sondern auch mit Ressourcen oder mit Symptomen z.B. einer Panik zu kommunizieren, indem man sie erst nach außen projiziert und personalisiert und mit ihnen (z.B. in der Vorstellung am "heißen Stuhl" oder durch GruppenteilnehmerInnen dargestellt) Kontakt aufnimmt. Man beginnt damit, dass man den Pa¬tien¬ten fragt, wie er¬ die Panik er¬lebt. Dar¬auf¬hin be¬schreibt er sie z.B. als Un¬ge¬heu¬er, das sich auf ihn stürzt. Man kann dann so¬gar Grö¬ße, Kon¬si¬stenz und Farbe etc. er¬fra¬gen. Durch die Tren¬nung von "Ich" und "Pa¬nik" ist es dem Pa¬tien¬ten nun mög¬lich, mit der Pa¬nik zu kom¬mu¬ni¬zie¬ren, zu ver¬han¬deln, ihr mit¬zu¬tei¬len, wie es ihm mit ihr geht, sie zu bit¬ten oder For¬de¬run¬gen zu stel¬len und sie in die Schran¬ken zu wei¬sen. Meist hat das Symp¬tom ei¬ne gu¬te Ab¬sicht, die auf die¬sem Weg schnell zu¬ta¬ge tritt. Häu¬fig lässt man den Klien¬ten auch in¬ die Rol¬le des Symp¬toms tre¬ten, da¬mit er sich sel¬ber auch ein¬mal von der an¬de¬ren Sei¬te sieht und auch die Qua¬li¬tä¬ten der an¬de¬ren Sei¬te als sei¬ne ei¬ge¬nen er¬fah¬ren kann, die ihm zur Ver¬fü¬gung ste¬hen. Nor¬ma¬ler¬wei¬se fühlt man sich be¬reits nach ei¬ner Sit¬zung nicht mehr in dem Ma¬ße aus¬ge¬lie¬fert wie vor¬her. In der schamanischen Tradition geht man damit auf ähnliche Weise um, nur daß die "Panik" als Wesenheit außerhalb von mir - als Dämon - aufgefaßt wird. "Vom WAS zum WER", schlägt Reinhard WALTER (2004) vor: Wenn jemand sein Problem beschreibt "Es bedrückt mich etwas, etwas schnürt mir den Hals zu, etwas macht mich traurig, etwas lässt mich nicht zur Ruhe kommen, etwas lähmt mich, etwas macht mich wütend", kann es hilfreich sein, nicht zu fragen: "Was ist es?", sondern: "Wer ist es?" In der schamanischen Tradition ist die Projektion von Persönlichkeitsanteilen etc. nach außen üblich. Man wäre keineswegs einverstanden, das als Projektion zu bezeichnen, sondern fragt von vornherein "Wer?" und denkt dabei an Vorfahren oder Dämonen, die den Patienten belasten oder belästigen. Und man denkt an Ahnen oder gute Mächte, die einen beschützen. Die Schamanin versucht dann im Ritual, die Dämonen des Patienten zu bekämpfen, zu besänftigen, im Zaum zu halten oder zu verwandeln, und schöpft umgekehrt aus den Ressourcen, die als gute Geister visualisiert werden. "Mir scheint, wir sind nicht nur auf dem Wege, falsche Trennungen zwischen Lebenden und Toten aufzuheben, sondern auch zwischen Geschichte und Vorgeschichte", betont der Pädagoge, Körper- und Systemtherapeut Heinz STARK (2000). So sind die Ahnen wohl zugleich außerhalb von uns und in uns und es gibt vielleicht die klare Trennung zwischen "intrapsychisch" und "interpersonal", wie wir sie gewohnt sind, gar nicht. D.h. aber auch, dass sich die Schamanin nicht über die "Psychologisierung" ihrer als außen erlebten Entitäten und die Therapeutin nicht über die "esoterische" Erklärung ihrer Erfahrungen mit der Psyche ärgern muss. Jede kann bei ihrer Wirklichkeitskonstruktion bleiben und hervorragend damit arbeiten, denn, das ist meine These:

Das Reich der Seele und der Geistwesen ist eins So gesehen sind dann z.B. auch Familienaufstellungen zugleich Darstellungen des (äußeren) Beziehungsgefüges eines Klienten wie der Konstellation seiner inneren Teile. Ähnlich wie in Virginia Satir's (+ 1988) "Parts Party". Diese Auffassung vertrete ich seit dreißig Jahren und finde sie durch meine Erfahrungen gedeckt. Ich stimme der amerikanischen Psychotherapeutin Jeannette M.GAGAN (2000), die wie ich auch schamanische Heilmethoden anwendet, zu: "Die Welt der Geistwesen, mit denen man während des Reisens in Kontakt kommt, ist nichts Anderes als die Landschaft des kollektiven Unbewussten." Und wer die oft spektakulären schamanischen Phänomene unserem Unbewussten nicht zutraut, der hat es eben unterschätzt. Auch Amy SMITH, Schamanismusforscherin, ausgebildet in Psychologischer Anthropologie (1999) schreibt über "The Shamanic Archetypal Complex": "The cross-cultural similarities between the characteristics of this transcendent experience are due to the witnessing the structure of our human collective consciousness, which is none other than the universe itself." Wenn ich also den Begriff der Persönlichkeit bzw. der Seele (hier synonym verwendet) so weit fasse, ist es gleich, ob etwa die Toten bei einer Rekonstruktion, Aufstellung oder schamanischen Behandlung anwesend sind oder nicht. Die Erlebnisse sind - wie auch immer - tief beeindruckend. Der Forscher und Priester Eric DE ROSNY (1999) beschreibt, wie sich der verstorbene Heiler Loe offensichtlich bei in Trance befindlichen Ritualteilnehmerinnen hörbar manifestierte: "Dass die Gegenwart eines Toten so spürbar wurde, hatte ich noch nie erlebt. Da nützt es nichts, sich gegen derartige Manifestationen, die unserem Empfindungsvermögen fremd sind, zu wehren, sie sind ansteckend, sie überwältigen einen." Ich bin schon früher (August THALHAMER, 2000) der Frage nachgegangen, ob es sich bei Aufstellungen um die Anwesenheit der Seelen der Verstorbenen oder um Darstellungen innerer Bilder handelt. (Siehe dazu auch die Zeitschrift "Praxis der Systemaufstellung", wo ein Artikel von Albrecht MAHR, 1999, zum Thema "Wie Lebende und Tote einander heilen können" eine lebhafte Diskussion in den nächsten Nummern auslöste.) Für die Praxis macht es meiner Erfahrung nach keinen Unterschied, wie man es auffasst. Der Hauptunterschied zwischen den meisten Psychotherapierichtungen und schamanischer Heilbehandlung ist also, dass die helfenden Elemente im einen Fall als Persönlichkeitsanteile, im anderen als Geistwesen außerhalb der eigenen Person gesehen werden. Roger N. WALSH (1992), der Psychiatrie, Philosophie und Anthropologie lehrt, deutet die Geister, die sich als wertvolle Quelle von Wissen, Orientierung und Weisheit entpuppen, "einmal als normale Subpersönlichkeiten, wie die traditionelle Psychologie, zum andern aber auch als transzendente Aspekte der Psyche 'über und jenseits' des Ego ... Beispiele aus dem Westen wären etwa das höhere Selbst, der transpersonale Zeuge, das Jungianische Selbst, das der Kern der Psyche ist, und der innere Selbsthelfer, eine hilfreiche und offenbar transpersonale Persönlichkeit, die bei 'multipler Persönlichkeit' vorkommt." Und er berichtet von S. Malkin, der sich mit dem Channeling befaßte: "Einige Channeler empfinden denn auch im Lauf der Zeit ihre Geister nicht mehr als separate Wesenheiten, sondern als Aspekte ihrer eigenen Psyche, als eigene unerschlossene Weisheiten."

Das selbe - in verschiedenen Sprachen ausgedrückt Ich behaupte, dass es sich um dieselben Vorgänge handelt, die einmal intrapsychisch und einmal extrapsychisch gedeutet werden. Wie wenn man das Gleiche in verschiedenen Sprachen ausdrückt - inkl. der damit verbundenen Traditionen, Bilderwelten, gedanklichen Konstruktionen und Gefühle. So sind die theoretischen Erklärungen, wie auch die Rituale und die dazu gehörigen Vorstellungsbilder recht verschieden und ich könnte nicht sagen, welche Erklärung mehr stimmt oder, ob überhaupt eine stimmt. Das stört aber meine Heilpraxis nicht, weil ich mich auf das verlasse, was wirkt - und da merke ich keine Unterschiede. Ein Beispiel: Als ich die Augen schließe, um (in Trance) Edith mit einer Gruppe schamanisch zu behandeln, sehe ich sofort eine winzige Kugel in ihrem Bauch: ein kleines Mädchen, total isoliert, allein und verlassen, hilflos und ausgeliefert. "Warum hilft mir denn keiner?", wimmert es. Es kann ihm aber keiner helfen, weil der Herr im Kopf es nicht zulässt. Er ist uneinnehmbar. Ich solle nichts tun, nur warten und ihm so bewusst machen, dass ich noch immer da bin. Nach langem öffnet sich Ediths Kopf. Die GruppenteilnehmerInnen - zu Beginn der Behandlung eingeladen, sich ein Instrument zu nehmen und gemäß ihren inneren Impulsen Musik zu machen - müssen die Veränderung ebenfalls wahrgenommen haben: Sie ändern im gleichen Augenblick Lautstärke und Rhythmus. Ich sehe eine schöne Penthouse-Wohnung. "Und das soll ich alles aufgeben?", sagt der Bewohner. Darauf ich: "Aber denk doch an das kleine Mädchen unten!" "Was geht die mich an?", sagt er. "Die ist mir gleich." Während wir reden, erscheinen unzählig viele Ameisen, die Edith schon bei einer schamanischen Reise zu Hilfe gekommen waren. "Was machen die alle da?", ruft der Herr entsetzt. "Verschwindet, Ihr Viecher!" Aber er versucht es nicht mal, er hat keine Chance. Die Ameisen unterminieren die Mauern, bis alles zusammenfällt und weg ist. Sie grinsen. Der Mann gibt auf und das Kind ist gerettet. Mehrere im Kreis haben es gesehen. Nach der Sitzung berichtet Edith von ihrer jahrelangen Missbrauchserfahrung in ihrer Kindheit. Darüber hatte sie noch mit niemandem geredet. Auch wenn am Trauma noch weiter zu arbeiten sein wird - sie ist sichtlich verändert. Ich wollte mit diesen Zeilen nicht missionieren. Aber vielleicht anregen, sich mit den uralten Heilformen zu befassen, weil sie vielleicht zusätzlich zu unseren bewährten Behandlungsmethoden neue Sichtweisen und Techniken beisteuern, die Jahrtausende lang erprobt und von Generation zu Generation - mündlich - weitergegeben wurden. Sie von vornherein abzuwerten, weil sie bei oberflächlicher Betrachtung nicht in unser wissenschaftliches Glaubenssystem passen, wäre überheblich und unwissenschaftlich. Aus konstruktivistischer Sicht geht es ja ohnehin "nur" um die Frage, wie hilfreich eine Wirklichkeitskonstruktion ist. Dazu der Anthropologe Jeremy NARBY (2001), der zwei Jahre im peruanischen Amazonasgebiet schamanische Heilrituale erforschte: "Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.

Und um das zu verändern, was wir sehen, müssen wir manchmal das verändern, was wir glauben.Ò

Literatur

BANDLER, Richard/ GRINDER, John: Struktur der Magie: Metasprache und Psychotherapie. Bd.1.- Paderborn, 2001, Junfermann DE ROSNY, Eric: Die Augen meiner Ziege. Auf den Spuren afrikanischer Hexer und Heiler.- Wuppertal, 1999, Hammer

GAGAN, Jeannette M.: Reisen zum Selbst. Wo Schamanismus und Psychologie sich begegnen. München, 2000, DTV

GROF, Stanislav: Topographie des Unbewussten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart, 1978, Klett-Cotta

KALWEIT, Holger: Der Schamane im Kraftfeld von Geist, Energie und Natur.- In: SCHENK, Amélie/ RÄTSCH, Christian (Hrsg.): Was ist ein Schamane? Schamanen, Heiler, Medizinleute im Spiegel westlichen Denkens. Berlin, 1999, VWB

MAHR, Albrecht: Wie Lebende und Tote einander heilen können.- In: Praxis der Systemaufstellung (Zeitschrift) 1/1999

MASLOW, Abraham H.: Psychologie des Seins. Ein Entwurf. Berlin, 1982, Kindler

MILTON ERICKSON GESELLSCHAFT FÜR KLINISCHE HYPNOSE: In: Hypnose und Kognition (Zeitschrift) 4/ 1989, Bd. 6 (1)

NARBY, Jeremy: Die kosmische Schlange. Auf den Pfaden der Schamanen zu den Ursprüngen modernen Wissens. Stuttgart, 2001, Klett-Cotta

REIMERS, Andreas: Wissenschaftliche Ansätze zum Verständnis schamanischer Heilrituale.- In: Verein Pacha Mama (Hrsg.): Gesundheit & Spiritualität. Dokumentation des Kongresses.- Wien, 2005, pro literatur

REVENSTORF, Dirk: Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Manual für die Praxis. Berlin, 2000, Springer

SCHENK, Amélie: Eine Legende in der Geburt: Vom Werden der Schamanin.- In: SCHARFETTER, Christian/ RÄTSCH, Christian (Hrsg.): Religion - Mystik - Schamanismus. Welten des Bewusstseins. Band 9. Berlin, 1998, VMB - Verlag für Wissenschaft und Bildung

SMITH, Amy: The Shamanic Archetypal Complex: The Universal Shamanic Experience as a Reflection of Our Inherent Psychic Terrain.- In: SCHENK, Amélie/ RÄTSCH, Christian (Hrsg.): Was ist ein Schamane? Schamanen, Heiler, Medizinleute im Spiegel westlichen Denkens. Berlin, 1999, VBW STARK, Heinz: Die wirk-lichen Toten.- In: Praxis der Systemaufstellung (Zeitschrift) 2/ 2000

THALHAMER, August: Sein oder nicht Sein. Die Toten in der Familienaufstellung vs. beim schamanischen Heilritual. Linz, 2000, www.thalhamer-haase.at, Abruf vom 1.9.2007

THALHAMER, August: Schamanismus und Familienstellen. Übereinstimmungen und Unterschiede aus der Sicht eines Therapeuten, der beides praktiziert. Linz, 2001, www.thalhamer-haase.at, Abruf vom 1.9.2007

THALHAMER, August: Der Heilungsweg des Schamanen - im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung.- Linz, 2007, edition pro mente

URBAN, Roland: Rückkehr zum inneren See. Schamanismus, Bewusstsein, Psychotherapie. Diplomarbeit an der Universität Wien/ Psychologie, 2007

WALTER, Reinhard: Seelische Wirklichkeiten in der Aufstellungsarbeit zu Wiedergeburt, Besetzung, Spiritualität.- In: Praxis der Systemaufstellung (Zeitschrift) 1/ 2004

WALSH, Roger N.: Der Geist des Schamanismus. Olten, 1992, Walter

WILBER, Ken: Das Atman-Projekt. Der Mensch in transpersonaler Sicht. Paderborn, 2001, Junfermann


Erschienen in Psychologie in Österreich 1 | 2008

Zurück zum Seitenanfang

ANGST UND MANIPULATION
Psychologische Anmerkungen

Angst ist gesund

Wer ohne jede Angst die vielbefahrene Straße überquert, lebt vielleicht nicht mehr lange.

Zum Problem wird erst das Ausmaß: wenn sich jemand z.B. überhaupt nie mehr über die Straße zu gehen traut. Oder durch die Anzahl der Objekte, die einem Angst machen z.B. Angst vor allem und jedem. Oder wenn andere die Angst schwer verstehen können z.B. wenn jemand vor allen Fußgängern Angst hat.

Manipulation betreibt jeder

Sie ist alltäglich und wird von jedem praktiziert: ich z.B. verzapfe hier meine Weisheiten und Sie glaubens dann vielleicht auch. Wenn Sie mit jemandem reden, möchten Sie der Person etwas mitteilen und sie vielleicht zu bestimmten Einsichten, Gefühlen oder Verhaltensweisen bewegen.

Zum Problem wird's, wenn dies durch Tricks und nicht leicht durchschaubare Methoden passiert, wobei die Zielpersonen nicht merken sollen, dass auf sie Einfluss zu einem bestimmten Zweck ausgeübt wird. Ich soll dazu gebracht werden, etwas zu denken oder zu tun, was ich sonst nicht würde, z.B. dass ich etwas kaufe, was ich gar nicht brauche.

Wie funktioniert Beeinflussung?

Es gibt viele Möglichkeiten, jemanden zu beeinflussen. Im Großen und Ganzen sind die Methoden, die man bei der Dressur von Tieren anwendet, auch beim Menschen recht erfolgreich. Wir haben alle so z.B. gehen oder lesen gelernt.

o Vor allem durch das Beobachten eines Modells: will ich z.B. kleineren Kindern das Schifahren beibringen, muss ich nur vorausfahren.

o Oder durch Koppelung von zwei Reizen, z.B. Automodell und schöne Frauen, die dann manche Männer zu diesem Modell greifen lassen.

o Oder durch Steuerung durch angenehme oder unangenehme Konsequenzen, vereinfacht: durch Belohnung und Bestrafung, was ja jeder kennt. Wir tun, wovon wir etwas haben oder wodurch wir etwas Schlimmes vermeiden können. Und wir meiden, was schlimme Konsequenzen für uns hat (oder haben könnte). Hierher gehört auch das Lernen durch Versuch und Irrtum.

Am wirksamsten sind wiederkehrende Belohnungen gekoppelt mit unangenehmen Konsequenzen bei Nichtänderung von Verhalten oder Einstellung z.B. wenn ich bequem, preiswert und freundlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorankomme, fürs Autofahren aber durch Stress, Staus und höheren Kosten ãbestraftÒ werde.

Angst machen - als Mittel der Manipulation

Angstmache ist Beeinflussung durch den Hinweis auf unangenehme Konsequenzen: ich mache jemanden Angst (die Gründe kann ich auch erfinden, sie müssen nur geglaubt werden) und bringe dadurch Leute dazu, etwas zu denken, zu tun oder zu akzeptieren, was sie sonst nie täten. Z.B. reduziert aktuell die Angst vor Terror den Widerstand gegen die zunehmende Überwachung und läßt manchen sogar Folter als angemessen erscheinen.

Wer Unterlegenheitsgefühle, mangelndes Selbstvertrauen oder Angst hat, lässt sich leichter täuschen und ist so leichter manipulierbar. Auch in der Geschichte der Kirche war es für kirchliche ãHirtenÒ leichter, die ãSchäfchenÒ dorthin zu bringen, wo man sie haben wollte, wenn man ihnen einredete, arme Sünder zu sein, die Strafe verdient hätten und nur auf Gnade hoffen konnten. Hätte man ihnen gesagt, dass sie Söhne und Töchter Gottes sind, mit großer Würde, wären sie nicht so leicht manipulierbar gewesen. Schon die unbiblische Einteilung in Hirten und Schafe war (und ist) manipulativ, da doch allein Jesus unser Hirte ist.

Am leichtesten fallen die Menschen rein, wenn die Manipulation von Fachleuten kommt z.B. gelingt es deutschen Wirtschaftsverbänden als ÒInitiative Neue Soziale MarktwirtschaftÒ mit über 9 Millionen ¤ pro Jahr erfolgreich, ihre Botschaft: ÒWir brauchen mehr Markt und weniger StaatÓ immer mehr auf die öffentliche und politische Agenda zu setzen, in Schulen, im Internet und vor allem in den Medien. Dabei verschwinden immer öfter die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung. Über eine TV-Agentur werden Beiträge in Informationssendungen platziert. Getarnte Lobby-Arbeit - und die Zuschauer sind ahnungslos.

Wirksam ist auch, wenn in den Argumenten auch ein bisschen Wahrheit steckt. Z.B. basiert die Ausländerablehnung in Österreich einerseits auf der Angst vor Fremdem (die jeder Mensch in sich trägt - genauso übrigens wie die Lust auf Fremdes). Dass aber Kronenzeitung und die Rechtsparteien diese Ressentiments in solch hohem Ausmaß verstärken können, liegt auch daran, dass tatsächlich die Integration von Migranten oft schwierig ist und z.B. die organisierte Kriminalität durch die Grenzöffnungen tatsächlich zugenommen hat. Das Körnchen Wahrheit lässt einen dann vergessen, dass sie Menschen sind wie Du und ich.

Dazu kommt, dass man Eigenschaften, die man an sich selber nicht erkennt oder die man bei sich ablehnt, auf andere projiziert und sie dort bekämpft, wodurch man sich dann auch besser vorkommt. Man sagt dann: ãDer oder die stinken, sind faul, aggressiv oder gefährlich etc.Ò Z.B. wenn Strache vom ãRassismus gegen ÖsterreicherÒ redet.

Verhaltensbeeinflussung durch reales oder an die Wand gemaltes Schlimmes allein reicht aber nicht aus oder wirkt meist nicht lange, wie sich dies auch in der sogenannten Aversionstherapie gezeigt hat, wo man z.B. Nikotinabhängige dazu bringt, dass ihnen schon beim Anblick einer Zigarette der Ekel kommt.

Lügen haben kurze Beine

Durch Tricks kann man nicht ewig manipulieren: wenn das Produkt nichts taugt, werde ich es trotz raffiniertester Werbung nicht mehr kaufen.

Auch die Mehrheit der Nordamerikaner hat inzwischen die Tricks ihrer Administration durchschaut: indem Saddam Hussein als akute Terrorgefahr deklariert worden war, war das amerikanische Volk zur Zustimmung zum zweiten Irakkrieg gebracht worden. Der Boden war durch die Anschläge von 9-11 bereit. Aber jetzt werden die Kosten des Krieges (an Menschenleben und Geld) und die weitgehende Verfehlung der deklarierten Ziele immer offensichtlicher, sodass die Fortsetzung der Angstmache nicht mehr besonders wirksam ist.

Wie kann ich mich vor Manipulation schützen?

o Uns heutigen Menschen fällt als erstes das kritische Denken ein, sowie Kenntnisse über Beeinflussungsmechanismen: Man kann ja etwa die Erkenntnisse der Werbepsychologie nicht nur nützen, um Menschen zu bestimmtem Kaufverhalten zu veranlassen, sondern auch, um gefinkelte Manipulationen zu durchschauen und dadurch nicht mehr so anfällig dafür zu sein.

Natürlich sind auch gesetzliche Maßnahmen zur Transparenz zu begrüßen z.B. dass künftig bei EU-Gesetzen die Lobbyisten der Interessensgruppen, die auf die Gesetzwerdung im Hintergrund Einfluss genommen haben, aufgelistet werden sollen.

Das kritische Denken allein ist aber der Manipulation nicht immer ausreichend gewachsen, weil wir Menschen weithin durch unbewusste Vorgänge gesteuert sind und das Denken selbst durch unsere Schwächen und Schattenseiten mitbestimmt ist (und wir hier auch die ãManipulationÒ durch unsere eigenen Neurosen oft nicht merken).

o Einen anderen Weg zeigen uns die spirituellen Menschen auf, die wir heute als MystikerInnen bezeichnen. Sie waren z.B. gegenüber den Machtgelüsten der Kirchenfürsten sehr kritisch und schwer manipulierbar, weil sie sich von ihrer inneren Stimme, die sie als die Stimme Gottes bezeichneten, führen ließen.

Z.B. predigte Hildegard von Bingen nicht nur engagiert (und leider vergeblich) gegen den bevorstehenden Kreuzzug und stellte sich dabei militant gegen ihren Beschützer Bernhard von Clairvaux, sondern trat auch vehement gegen die brutale Niederschlagung der Emanzipationsbestrebungen der norditalienischen Städte durch Kaiser Barbarossa auf. Die Äbtissin war schon achzig, als sie sich weigerte, einen exkommunizierten Ritter wieder zu exhumieren, den sie auf dem Klosterfriedhof hatte beerdigen lassen. Sie nahm dafür sogar eine Kirchenstrafe in Kauf. Ihre Spiritualität hinderte sie, dem damaligen Mainstream auf den Leim zu gehen.

Auch wer heute fähig ist, sich zu entspannen, sein Denken zu reduzieren und sein Ich in den Hintergrund treten zu lassen, kommt so auf die Ebene des umfassenden Wohlwollens und empfängt in dieser Leere und Stille wesentliche und meiner Erfahrung nach verlässliche Antworten - und zwar gleich, ob ich sie als Botschaften des in mir wohnenden Gottes oder der Weisheit meines Unbewussten auffasse.


Erschienen in "Information - Diskussion"(KAB / OÖ) im September 2008


Zurück zum Seitenanfang

SCHULD & AUFERSTEHUNG
Eine Predigt

I
"Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?"

fragte sich der junge Mönch und Doktor der Theologie Martin Luther. Um diese Frage ging es nicht zum ersten Mal in der Geschichte. Schon im Gnadenstreit im 5. Jhd., in dem die Pelagianer dem Menschen die volle Verantwortung für das Seelenheil zusprechen wollten, ging Augustinus als "Lehrer der Gnade" in die Geschichte ein: Das Heil ist ein Geschenk, wie wenn mir jemand einen Rettungsring zuwirft. Daran anhalten muss ich mich freilich schon selbst. Wie es im Brief des Paulus an die Römer heißt: "Der Gerechte wird aus Glauben leben" - also aus dem Vertrauen, aus der Hingabe.

1.100 Jahre später antwortet Martin Luther auf die auch damals wesentliche Frage, dass das Heil "Werk Gottes" und nicht durch gute Werke zu erarbeiten sei, wie es inzwischen zwar Lehre der Kirche war, aber wenig praktiziert wurde. Siehe Ablassbriefe etc., mit denen man meinte, sich das Seelenheil erkaufen zu können. Nach langen inneren Kämpfen kommt der junge Mönch zu der erlösenden Erkenntnis: Man muss sich den gnädigen Gott nicht verdienen, im Gegenteil: Gott ist gerade dem Sünder gnädig, dem Menschen, der unvollkommen ist.

Es gibt nämlich keinen Menschen ohne Schuld. Wir sollten uns das auch nicht vorwerfen. Wir sind so konstruiert. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wir können nicht anders. Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, mit dem wir uns zernagen, sind nicht hilfreich. Besser, man nimmt die Schuld auf sich und auch die Folgen - und beschuldigt nicht andere.

Was tut man, wenn man hingefallen ist?
Man steht wieder auf.
Auferstehung.

Öfter als von "Auferstehung" ist in der Bibel ist von Auferweckung die Rede. Oft kommt man ohne Hilfe schwer auf. Das stimmt auch für das Psychische. Wir Psychologen sprechen von "Problem-Trance", d.h. nicht die Probleme selbst sind oft so schlimm, sondern dass wir uns von ihnen hypnotisieren lassen. Wie jener über 80-Jährige, der sich in der Beichte anklagte, im Wirtshaus immer auf den Busen der Kellnerin schauen zu müssen. Ich gab ihm keine Buße auf, sondern ließ ihn ein Dankgebet sprechen dafür, dass er in seinem Alter die Formen der Kellnerin noch so gut sehen könne.

Lasse ich mich aus meiner eigenen Problemtrance wecken und herausreißen? Oder bestehe ich darauf, dass ich schlecht bin und meine Tat unverzeihlich ist?

"Wenn eure Sünde auch blutrot ist,
soll sie doch schneeweiß werden,

und wenn sie rot ist wie Scharlach,
soll sie doch wie Wolle werden."

Jesaja 1,18

Das ist eine wahrhaft frohe Botschaft! Dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden - was wäre daran so erfreulich? Das war ja immer so. Aber dass ich inklusive meiner Fehler und Fehltritte akzeptiert bin, dass ich so angenommen bin, wie ich bin - das ist die unglaubliche Botschaft des Jesus von Nazareth. Unzählige Geschichten machen das deutlich im Neuen Testament: der Hirte kümmert sich um das verlorene Schaf, der Vater um den verlorenen Sohn, der Gastgeber lädt die Armen und Krüppel, die Blinden und Lahmen zum Mahl, Jesus verhindert berührend die Steinigung der Ehebrecherin, setzt sich zusammen mit Ausgestoßenen, sogar mit einem Kollaborateur mit der römischen Besatzungsmacht ...

So verfuhren auch die ersten Christengemeinden. Nicht einmal ein Mörder wurde verstoßen. Er musste freilich seine Schuld öffentlich bekennen und bereuen. Dann musste er sich in einem Bußgewand wieder eine Zeit lang unter die Katechumenen mischen, die Neulinge, die gerade eine Einschulung erhielten, bevor er an der Eucharistiefeier wieder als Vollmitglied teilnehmen durfte.

Selbst einer der größten Verbrecher der Menschheit, der hier in Leonding sechs Jahre seiner unglücklichen Kindheit verbracht hat: auch Hitler ist in der Hand Gottes aufgehoben.

Da könnte man nun einwenden: Aber dann muss man ja auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen, wenn Gott sowieso jeden ohne Rücksicht auf seine Taten annimmt. Wer so redet, macht deutlich, dass er das noch gar nicht erlebt hat. Wenn Jesus zur Ehebrecherin sagt: "Hat keiner Dich verurteilt?" und sie antwortet: "Keiner, Herr", folgt darauf nicht ihre Verurteilung. Im Gegenteil. Er sagt zu ihr: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" Der letzte Satz soll erinnern, dass der Erkenntnis und der Vergebung der Schuld auch Konsequenzen folgen sollen. Aber er wäre wohl gar nicht mehr notwendig gewesen, weil die Frau das nie vergessen würde, dass Jesus sie vor dem Tod gerettet hat.

Wer gewohnt ist zu meditieren, kennt die erstaunliche Erfahrung, dass dann ein allumfassendes Wohlwollen Platz greift und man die ärgsten Verletzungen durch andere einfühlen und verstehen kann und sich auch die eigene Schuld in Nichts auflöst.

II
Erbschuld

Als Jesus mit seinem Schülerkreis einem blinden Bettler am Straßenrand begegnet, fragen ihn seine Jünger: "Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?" Für die Juden, sozusagen unsere älteren Geschwister, war es selbstverständlich, dass aktuelle Probleme mit Schuld zusammenhängen.

Auch in den Stammeskulturen, auch bei unseren Vorfahren, sicher auch bei den Menschen, deren 7.000 Jahre alte Siedlung man hier in Leonding gefunden hat, hatte aktuelles Unglück immer mit einer Abweichung von der Ordnung zu tun, z.B. einem Tabubruch.

Das hat auch Eingang gefunden in die jüdisch-christliche Tradition. Etwa 400 nach Christus hat der Kirchenlehrer Augustinus dafür den Ausdruck "Erbsünde" geprägt. Der Begriff ist etwas unglücklich, denn die Erben haben selbst die Sünde ja gar nicht begangen. Sie müssen nur die Folgen tragen. Ich möchte hier nicht auf die schwierige theologische Deutung eingehen.

Besser ist der Ausdruck: "Erbschuld". Denn das kennen wir: man kann z.B. ein Haus erben, erbt aber dann ggf. auch die vorhandenen Schulden.

Das stimmt auch körperlich: ich erbe z.B. eine robuste Kostitution, aber auch eine Erbkrankheit.

Und das stimmt auch seelisch: unsere Eltern z.B. haben uns nicht nur eine Reihe von Fähigkeiten weitergegeben, sondern auch eine Reihe von Problemen. Wie gesagt: keiner will das, jeder tut's. Wir können nicht anders. Im Gegensatz zu individueller Schuld spricht man hier von "schicksalhafter Schuld".

Wenn meine Mutter sich nicht gewehrt, sondern alles runtergeschluckt hat, werde ich es vielleicht später auch so machen. Wenn mein Vater ein Trinker war, liegt es nahe, dass ich auch einer werde - selbst wenn ich als Kind furchtbar darunter gelitten habe. Das ist unlogisch, aber verständlich: wir nehmen die Menschen, die uns aufgezogen haben, als Modell. Andere haben wir ja nicht. Und wir lernen das Allermeiste durch Nachmachen. Siegmund Freud hat aufgezeigt, wie aktuelle Probleme mit unseren frühen Kindheitserfahrungen zusammenhängen und wie sie so auch gelöst werden können.

Auf den ersten Blick schwerer nachvollziehbar sind freilich generationenübergreifende Zusammenhänge, z.B. wenn ich Krebs kriege, weil sich mein Onkel, den ich gar nicht kannte, selbst gemordet hat. Oder wenn ich schwer depressiv werde, weil meine Großmutter ein Kind verloren hat und darüber nie mehr hinweggekommen ist.

Wieso wissen wir davon? Diese Zusammenhänge sind naturwissenschaftlich nicht so leicht zu erklären, aber durch die Praxis eindeutig bewiesen: nicht nur dass das Auftreten schwerwiegender Symptome psychologisch verständlich wird, sondern oft verschwinden durch die Befreiung von diesen Altlasten auch die aktuellen Leiden.

Das gilt auch für Übernahme von Schuld, die wie vieles Entscheidende in unserem Leben meist unbewusst geschieht:

Nicht wenige schwere Krankheiten in Deutschland und Österreich sind Folgen der unvorstellbaren Gräueltaten unserer Väter und Großväter. Kam ein Nazi-Verbrecher nach Ende des 3. Reiches ungeschoren davon und sah er seine Schuld noch immer nicht ein, übernimmt eines oder mehrere seiner Kinder oder Enkel die Schuld des Vorfahren und belastet sich mit schweren Krankheiten, besonders häufig mit Depression und Suizid-Tendenz, und zeigt so (blind) die Schuld eines Vorfahren auf und würdigt so (unbewusst) die Leiden der Opfer.

Das kann oft über viele Generationen gehen, wie z.B. auch KollegInnen aus den USA berichten, die noch immer gravierende Auswirkungen der brutalen Unterdrückung und Ausrottung der amerikanischen Urbevölkerung feststellen.

Die Toten wollen, dass ihr entsetzliches Leid und das an ihnen getane Unrecht gesehen und ihr grausamer Tod betrauert wird, dass man ihr Andenken ehrt und Tat und Täter benannt werden - ohne dass man die Schuld der Täter auf sich nimmt und belastet und gebeugt durchs Leben geht. Das wollen sie nicht und davon haben sie auch nichts. Die schlimmen Ereignisse können sogar zum Segen für die Nachkommen werden,

(Diese Haltung ist übrigens allen traumatischen Situationen gegenüber heilsam.)

Es zahlt sich aber aus, die Versprechen an die Toten zu halten.

Übrigens: nicht nur Lebende, sondern auch manche Verstorbene, wenn sie noch mit den Lebenden verstrickt sind, bedürfen der Erlösung. Die "Psychopomposarbeit", die sichere Hinüberführung der Verstorbenen in die Anderswelt, gehört zu den wesentlichen Aufgaben der indigenen Schamanen. Unsere Vorfahren waren sich wohl schon in der Steinzeit sicher, dass jemand dadurch, dass er gestorben ist, noch nicht automatisch im Reich der Toten angelangt ist. Das haben alle Hochreligionen übernommen. Sonst hätte das Beten für die Verstorbenen - z.B. "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!" - ja keinen Sinn.

Ginge es immer so schnell, stellte die übliche Medizin und Psychotherapie mit den oft länger dauernden schmerzlichen Prozessen eine furchtbare und unnötige Quälerei des Patienten dar. Dem ist aber nicht so. Häufig sind mehrere Behandlungen nötig, bis jemand symptomfrei wird oder anders mit seiner Krankheit umgehen kann.

Auch bei den Nachkommen der Opfer geht es also darum, die Leiden und Schmerzen der Vorfahren zu würdigen, aber nicht zu übernehmen bzw. die Toten zu bitten, die Lebenden loszulassen - wodurch dann beide frei sind.

Zusammenfassend: Viele von uns belasten sich durch die Schuld ihrer Ahnen. Man muss sich aber nicht gebeugt durchs Leben quälen. Ich darf aufstehen. Wie? Ich würdige die Opfer nicht mehr, indem ich ihnen nachfolge und praktisch wie mit einem Fuß im Grab lebe, sondern indem ich über sie rede, für sie vielleicht ein kleines Ritual mache, ihr Andenken wahre und sie in meinem Herzen bewahre. Ich gebe dem Täter die Schuld und die Folgen der Schuld wieder zurück, egal ob er inzwischen geläutert ist und seine Taten bereut oder ob er (bereits verstorben oder noch in dieser Welt) noch immer seine Verbrechen nicht einsieht. So werde ich frei und erlöst von der alten Last.

III
Glückliche Schuld

Abgesehen davon, was wir - im Nachhinein gesehen - auch von unseren eigenen Fehlern profitieren können (selbst in der Wissenschaft lernen wir durch Versuch und Irrtum):

Es gibt einen Text aus dem 4. Jahrhundert, das "Exultet", mit dem in der Osternacht Christus als das Licht der Welt besungen wird - auf deutsch: "Frohlocket, Ihr Chöre der Engel". Darin kommt eine unglaubliche Zeile vor: "O felix culpa,_quae talem ac tantum meruit habere Redemptorem" - "O glückliche Schuld, die einen so großen Erlöser verdiente".

In ähnlicher Weise heißt es im Evangelium des Johannes sogar von Judas Iskarioth, dass dieser ihn verraten musste(!) "Ich weiß wohl, welche ich erwählt habe, aber das Schriftwort muss sich erfüllen: Einer, der mein Brot aß, hat mich hintergangen." So gesehen hatte die Schuld des Judas eine wesentliche Funktion im Heilsplan Gottes für die Menschen.

Jesus antwortete übrigens seinen Schülern auf ihre Frage wegen des blinden Bettlers: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden." Dann macht er ein schamanisches Heilritual für ihn.

Es ist erstaunlich, dass tatsächlich aus etwas Schlimmen etwas Gutes werden kann. Schon der griechische Philosoph Platon hatte sich den Kopf zerbrochen, wie dies gemacht werden könnte. Es ist möglich. So erfahren wir immer wieder in unserer psychotherapeutischen Arbeit, dass auch lästige Symptome z.B. ein ausgeprägter Perfektionismus eine gute Absicht haben und dass sogar Schuld positive Auswirkungen haben kann z.B. wenn die Mordopfer des Großvaters auf einmal für mich so etwas wie Schutzengel werden.

O glückliche Schuld, die mir sogar zum Segen wird!

Predigt in der Evangelischen Lukaskirche in Leonding am 24. Jänner 2010

Zurück zum Seitenanfang

Blick in die Seele des Rechtradikalen
Psychologische Anmerkungen

Auch wenn Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt nicht nur ein Problem der Jugend sind, möchte ich im Folgenden vor allem auf Jugendliche eingehen. In der Bundesrepublik sind Morde an MigrantInnen, an Nichtsesshaften und Obdachlosen, Schändungen jüdischer Einrichtungen, Skinhead-Konzerte mit Texten voller Menschenverachtung und Hass, Massenaufmärsche neofaschistischer Parteien und Organisationen beinahe alltäglich geworden. In Österreich (noch?) nicht in diesem Ausmaß, aber doch in den Köpfen.

Am Anfang war die Angst

Arbeitslosikeit, Unsicherheit der Pensionen, Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen etc. - es gibt viele gute Gründe, Angst zu haben. Die dafür Verantwortlichen sind aber schwer zu fassen, teils ist es das Schicksal, teils sitzen sie in den Chefetagen der Konzerne oder in den mit unglaublichen Summen ausgestatteten Lobby-Gruppen, auch in den Redaktionen mancher Verblödungsblätter. Das fragwürdige Wirtschaftssystem ist für den einzelnen schwer durchschaubar. Da richtet man seine durch die Ängste ausgelöste Wut lieber auf konkret Fassbare wie Ausländer etc. Nationalismus (Wir sind die Edlen, die Besseren, nicht so ein Gesindel wie diese Schmarotzer) und Rechtsextremismus (Da gehört eine starke Hand her. Unterm Hitler hätt's das nichtgegeben) helfen, leichter mit diesen Ängsten zurecht zu kommen.

Unterscheidung

Rechtsextreme: sind gekennzeichnet durch

* Rechtfertigung oder Verharmlosung des Nationalsozialismus * Weltbild, in dem das eigene Volk höherwertig ist * Gewaltbereitschaft

Rechtsextreme Tendenz:

* Nur einer oder zwei der drei Faktoren ist vorhanden * Innere Ambivalenz: Er sagt z.B.: ãAusländer raus!Ò doch später unter dem Einfluss seiner Schulklasse ãIch kann mich auch in einen Ausländer hineindenken, der attackiert wird. Ich finde das auch nicht gut.Ò

Bei einer Arbeit mit österreichischen, v.a. Kärntner Schülern durch ein Team um Klaus Ottomeyer, einer Gruppe von Forschern, die zugleich therapeutische und pädagogische Praktiker sind, machten beide Gruppen zusammen 1998 etwa 16 % der Schüler aus, fast ausschließlich Burschen.

In den meisten kämpft ein rechtsradikaler gegen einen liberalen Seelenanteil. Das gilt sogar für Skinheads und Hooligans etc., die aus ihrer Ansicht über Ausländer und Gewalt keinen Hehl machen.

Was steckt dahinter?

Früher wuchs eine rechtsextreme Einstellung meist auf dem Boden eines patriarchalen Familienmilieus, oft mit einer idealisierten Vaterfigur, was eine autoritär-zwanghafte Persönlichkeitsstruktur förderte.

Heute haben Rechtsradikale oft eine offene Rechnung mit ihrem Vater. Sie sind beziehungshungrig und anfällig für agitatorische Verführung - zumal dahinter meist eine depressive Problematik steckt. Sie leiden unter dem Verlust von Halt und Selbstwert, der in der radikalen Gruppe gestärkt wird. Rechtsextremismus kann man psychologisch auch als Selbstheilungsversuch sehen, indem man Unsicherheit mit Aggression überspielt und so aushaltbar macht.

Statt des in der Pubertät als unvollständig und minderwertig erlebten Körpers wird nun der Fremde abgewertet und verachtet. Das ist einfacher und angenehmer. Unsicherheit und eigene Angst wird immerhin kurzfristig aushaltbarer, wenn man sie anderen einjagt. Gewalt wirkt dabei wie eine Droge, die das männliche Selbstwertgefühl vorübergehend hebt, und verhindert, dass sich das eigene Gewissen meldet.

Schuldgefühle vertreibt man zusätzlich, indem man erfindet, der andere hätte einen provoziert - woran man dann auch glaubt. So wird aus dem Täter ein Opfer und aus den Opfern Täter.

Man muss also einiges tun, um die eigene Menschlichkeit und das Mitgefühl zurückzuhalten. Z.B. braucht man dazu die Vorstellung vom lebensunwerten Leben, von der minderwertigen Rasse... Ungeziefer gehört eben vertilgt, da darf (und muss) man schon brutal sein!

Interessantweise fand die Forschergruppe um Klaus Ottomeyer für die Verhinderung des Mitgefühls auch eine Kultur des feindseligen und abwertenden Witzes bedeutsam.

Oft gibt es eine ambivalente psychische Verstrickung mit dem Vater oder Großvater, die oft aktive Nazis gewesen waren. So entwickelt man ein gnadenloses Über-Ich, das keine Schwäche zulässt.

ãTürk' und Jud', giftig's Blut" schmierten _kürzlich Neonazis auf die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Früher waren es auch Schwule, Zigeuner und Linke etc. - im Prinzip spielt es keine Rolle, welche Gruppen man auswählt: sie fungieren wie ein Rohrschachtest auf zwei Beinen: man kann alles in sie hineinprojizieren, v.a., was einen an einem selbst (bewusst oder unbewusst) stört.

Unterstützt wird man dabei durch Kameradschafts- und Gedenk-Rituale in Bezug auf den 2. Weltkrieg mit ihrer Verherrlichung des Heldentodes, wodurch es möglich wird, dass die Verantwortung und die riesige Schuld, die auf unserem Volk lastet, abgewehrt und nicht wahrgenommen werden kann.

Was tun?

* Die Ängste der Bevölkerung, die rechte Populisten wie Seismographen aufzeigen, sollten ernst genommen werden. Statt dass Bürgerliche und sogar Sozialdemokraten - der Wählerstimmen wegen - den Rechten nachhecheln, wäre es richtig, nicht nur öffentlich klar Stellung zu beziehen (wie kürzlich gegen die latente Wiederbetätigung der rechten Präsidentschaftskandidatin), sondern entsprechende mutige politische Handlungen zu setzen z.B. Kontakte mit Asylanten zu unterstützen, statt sie einzusperren, die Integration von Ausländern aktiv zu fördern etc. Die Koalition von Wolfgang Schüssel mit der FPÖ hat rechtsextremes Gedankengut wieder salonfähig gemacht - wie nie seit dem Ende der Hitler-Diktatur. Bleibend bis heute und noch spürbar z.B. in den Positionen des Innenministeriums oder in der Besetzung des Nationalratspräsidiums.

* Was nützt es, wenn die Holocaust-Leugnung geächtet wird, aber die dahinterstehende Ideologie fröhliche Urständ feiern kann, z.B. in immer schärferen Gesetzen, die die Ausländerfeindlichkeit im Lande entscheidend fördern. Die politischen Parteien hätten es in der Hand, ein Klima zu schaffen, das z.B. Verachtung und Pauschalverdächtigungen von Ausländern nicht mehr weiter salonfähig macht. Damit wäre auch der Boden etwas weniger bereit, auf dem Jugendliche zu Rechtsextremen werden.

* Umgekehrt sollte man auch bei Rechten wie bei Rechtsextremen auf ihren heilen Persönlichkeitsanteil nicht vergessen. Statt sie unsererseits abzuwerten, sollten wir diese menschliche Seite im gefährdeten Jugendlichen ansprechen - was schwierig, aber möglich ist, wie ich aus eigener Erfahrung als Psychotherapeut weiß. Zum Beispiel: ein Bosnier(!) hatte sich einer rechtsradikalen Gruppe angeschlossen, um sozialen Anschluss zu haben und geschätzt zu werden. Durch eine Therapie lernte er auch seine erste Heimat schätzen und konnte seine Sehnsucht nach Anerkennung in einem neuen Freundeskreis befriedigen.

* Klaus Ottomeyer stellte in seiner Arbeit mit Rechtsextremen verwundert fest: ãBei den Schülern ist ein hohes Maß an Kommunikation, an Beziehungshunger und Bereitschaft zur Metakommunikation vorhanden. Die Jugendlichen sperren die Augen und Ohren auf, wenn man ihnen etwas über ihre Probleme und über ihre Art zu kommunizieren mitteilt. Sie lassen sich ein in die unsicheren Prozesse des Umlernens, verlieren dabei nie ihren Humor und ihre Lust am Mitmachen.Ò (Interview in PSYCHOLOGIE HEUTE 1/1999) Man muss also auf sie zugehen. Durch lokale Aktionspläne versucht in der BRD z.B. die Aktion ãJugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und AntisemitismusÒ eine wirkungsvolle Prävention zu erreichen.

* Wir müssen aufpassen, dass wir in unserer Angst vor den ãrechten SchweinenÒ nicht das selbe tun, wie sie mit Linken, Juden und Ausländern, und uns besser als sie fühlen und moralisch überlegen, sondern dass wir ihre - wenn auch oft unterdrückte - Menschlichkeit sehen und ihre Würde. ãWir werden zu dem, wogegen wir kämpfenÒ stimmt leider auch für uns. Genauer: wir sind schon, wogegen wir kämpfen. In jedem von uns steckt - auch - ein Rechtsextremer, den wir aber gar nicht mögen, dessen wir uns schämen, und den wir lieber bei den anderen bekämpfen. Während sie ihre Schlagstöcke schwingen, greifen wir dann zur moralischen Keule.

Literatur: Jutta Menschik-Bendele, Jutta/ Ottomeyer, Klaus: Sozialpsychologie des Rechtsextremismus.- Wiesbaden, 2002

Erschienen in "Information - Diskussion"(KAB / OÖ) im Mai 2010

Zurück zum Seitenanfang

SCHAMANISCHE PSYCHOTHERAPIE
Persönliche und psychologische Annäherung an eine uralte Ressourcenarbeit

Der Völkerkundler und Psychologe Holger KALWEIT (1999) meint: "Die schamanische Kenntnis des Psychischen ist verquickt mit einer Kosmologie und Metaphysik, die die moderne Psychologie so weit hinter sich gelassen hat, dass ein Dialog kaum mehr möglich ist." Ich glaube aber schon an eine fruchtbringende Auseinandersetzung und finde sie wichtig für beide Seiten.

Da ich sowohl psychologische wie schamanische Heilverfahren anwende, musste ich diese doch sehr unterschiedlich erscheinenden Richtungen auf Kompatibilität prüfen - schon, um innere Konflikte zu vermeiden.

Als ich mich das erste Mal intensiver mit Schamanismus befasste, war ich fasziniert von der Tatsache, dass ich wesentliche Heilungspraktiken (unter anderen Namen) bereits seit vielen Jahren kannte und (wenn auch nicht in identischer Form) praktizierte:

z.B.
* die Seelenteil- oder Krafttier-Rückholung kannte ich von der Reintegration abgespaltener Persönlichkeitsanteile,

* die Traumbearbeitung wird auch in manchen Stammeskulturen wie in der Gestalttherapie durch szenische Darstellung der einzelnen Traumelemente durchgeführt,

* die in schamanischen Heilritualen selbstverständlich beachteten systemischen Zusammenhänge kannte ich von Virginia Satir's ebenfalls generationenübergreifender Familienrekonstruktion oder Bert Hellinger's Familienaufstellung.

* Weiters entspricht etwa das Stein-Orakel und ähnliche Methoden den projektiven Verfahren in der Psychologie z.B. dem Rorschachtest.

* Interessant fand ich, dass der Begründer des Autogenen Trainings, der Deutsche Johannes H. Schultz, mit dem Übungseinstieg "Der Weg auf die BergeshöheÒ, wo man den weisen Mann oder die weise Frau trifft, denen man auch Fragen stellen kann, eine der schamanischen Hauptmethoden, nämlich die ãSchamanische Reise zu seinen Lehrern und FührerinnenÒ eingebaut hat. Allerdings, wie ich überprüft habe, nicht auf die Idee gebracht durch Kontakte mit oder Literatur über schamanische Traditionen, sondern weil er als Hypnosearzt diese inneren Helfer immer wieder in seiner Arbeit bei PatientInnen erlebt hatte.

In vielen Psychotherapierichtungen wird nicht nur verstandesmäßig an die Lösung der Probleme herangegangen, sondern es werden verschiedenste Formen veränderter Bewusstheitszustände (üblicherweise des Klienten) genützt (Dirk REVENSTORF, 2000). Auch schamanisch wird nicht nur das Denken als Quelle von Erkenntnis genutzt, sondern - in anderen Bewusstheitszuständen (v.a. des Behhandlers) - in uns wohnendes Wissen gehoben.

Der Anthropologe Claude Lévy-Strauss hat als einer der ersten den Schamanismus auf die gleiche intellektuelle Ebene gestellt wie die westliche Wissenschaft. Statt Schamanismus und Wissenschaft gegeneinander auszuspielen, ist es gemäß Lévy-Strauss adäquater, sie als zwei parallele Methoden zur Erlangung von Wissen zu betrachten.

1980 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Schamanismus in der Behandlung von psychosomatischen Krankheiten dieselbe Bedeutung zuerkannt wie der westlichen Medizin.

Der Schamanismus ist mit einem wahrscheinlichen Alter von über 30.000 Jahren aber nicht nur die älteste Form von Religion und Medizin, sondern auch der Psychotherapie. Dass die westliche Psychotherapie von vielen schamanischen Elementen durchdrungen ist, erklärt sich auch dadurch, dass viele Gründer und Vertreter von Therapierichtungen, wie C.G. Jung, Fritz Perls usw. nicht nur über andere Kulturen gelesen haben, sondern auch durch persönliche Kontakte beeinflusst wurden.

Der schamanischen Psychotherapie - die übrigens praktisch nie in Einzelsitzungen erfolgt - sehr nahe kommt die "Humanistische Psychologie", in der das Unbewusste als unerschöpfliches Potential des Menschen aufgefasst wird, als die Fülle der Weisheit, die jeder in sich trägt. Ihre Vertreter entwickelten verschiedene Methoden, an diese heranzukommen.

Abraham MASLOW (1982): "Es ist, als hätte Freud uns die kranke Hälfte der Psychologie geliefert, die wir jetzt mit der gesunden Hälfte ergänzen müssen." Er stellte auf seiner Bedürfnishierarchie nach Grundbedürfnissen, Sicherheit, sozialen Bedürfnissen und sozialer Anerkennung an die oberste Stelle die Selbstverwirklichung, zu der er später auch mystische Erfahrungen zählt: "Die emotionale Reaktion bei Grenzerfahrungen hat einen besonderen Beigeschmack des Wunders, der Scheu, der Ehrfurcht, der Bescheidenheit und der Auslieferung an die Erfahrung als an etwas Großes."

Das kommt der schamanischen Sichtweise sehr nahe.

Wie behandelt man schamanisch?

Jedermann kann seine Vorstellungskraft so schulen und einrichten,
dass er in Berührung mit Geistern kommt und
von ihnen unterwiesen werden kann.

Paracelsus

Die in den Stammeskulturen durchgeführten Heilrituale wirken für unsere Augen auf den ersten Blick exotisch, manchmal abstoßend. Man denkt an Aberglauben und eigentümliche magische Praktiken, die wir als Kinder der Aufklärung längst hinter uns gelassen haben.

Erst bei näherer Betrachtung entdeckt man, was bei solchen Ritualen überhaupt passiert. Der Anthropologe Michael HARNER (1994) hat erforscht, dass eine ganze Reihe von wesentlichen Prinzipien schamanischer Heilarbeit praktisch in allen Kulturen bekannt sind und angewendet werden. Er ging der Frage nach: Was ist bei den SchamanInnen in allen Weltteilen gleich? Diesen Core-Schamanismus (das Wesentliche, den Kern des Schamanismus) begann er auch zu lehren - in einer für uns westlich Sozialisierte nachvollziehbaren und zugänglichen Form.

Kurz ausgedrückt: Es handelt sich um eine Form der Ressourcenarbeit. Wörtlich übersetzt heißt Ressource übrigens: ãZurück zur QuelleÒ.

Im Gegensatz zur klassischen Hypnose geht aber meist nicht der Patient, sondern der Therapeut in einen Trancezustand, um aus diesen Quellen zu schöpfen. Er reduziert das Denken und seine Absichten, um hellhörig zu werden für die Botschaften, die aus dem Unbewussten über den Patienten aufsteigen. Er nützt so seine inneren Ressourcen, um Diagnose und Therapie für den Patienten zu erhalten. Schamanisch ausgedrückt erhält er diese Informationen von seinen Geistführern.

Ich schließe also die Augen, stelle mich auf die Klientin ein und sehe dann wie in einem Traumbild, wie es um sie steht. Je nach den Impulsen, die ich wahrnehme, kann ich dann - rituell - oft das Bild heilsam verändern.

"Die Welt der Geistwesen, mit denen man während des Reisens in Kontakt kommt, ist nichts Anderes als die Landschaft des kollektiven Unbewussten" sagt die amerikanische Psychotherapeutin Jeannette M.GAGAN (2000), die wie ich auch schamanische Heilmethoden anwendet. Wer die oft spektakulären schamanischen Phänomene unserem Unbewussten nicht zutraut, der hat es eben unterschätzt. Manchmal kommen alte Verletzungen zum Vorschein und werden so behandelbar - freilich nicht in einer einzigen Sitzung:

Die Botschaften können, wie von Stanislav GROF (1978) in seiner "Topographie des Unbewussten" beschrieben, die gegenwärtige Lebenssituation oder die frühere Lebensgeschichte, die frühe Kindheit, die perinatale Periode oder die embryonale und fötale Existenz betreffen, aber auch aus transindividuellen, transpersonalen und transhumanen Quellen stammen.

Wie in Medizin und Psychotherapie schaffen es auch nach einer schamanischen Behandlung manchmal Patienten nicht, den Weg aus der Krise zu wagen:

Obwohl sich gelegentlich sogar Tumore rückbilden oder medizinisch nicht mehr behandelt werden müssen: auch schamanische Behandlungen sind keine Wundermittel und zeigen manchmal nur geringfügige Wirkung oder erst nach längerer Behandlungsdauer. Und manchmal besteht der therapeutische Auftrag darin, mit seiner Krankheit leben oder auch gut sterben zu lernen.

Andererseits können aber auch spirituelle Begabungen aufgedeckt werden:

Während PsychotherapeutInnen v.a. mit destruktiven Persönlichkeitsanteilen und Ressourcen arbeiten, kontaktieren SchamanInnen (in Trance) Dämonen und gute Geister. Bei allen Unterschieden in den Weltbildern und den äußeren Formen - meine Erfahrung führt mich zu der Annahme, dass es sich um dieselben Vorgänge handelt, die einmal intrapsychisch und einmal extrapsychisch gedeutet und erlebt werden. Wie wenn man das Gleiche in verschiedenen Sprachen ausdrückt - inkl. der damit verbundenen Traditionen, Bilderwelten, gedanklichen Konstruktionen und Gefühle.

So sind die theoretischen Erklärungen, wie auch die Rituale und die dazu gehörigen Vorstellungsbilder recht verschieden und ich könnte nicht sagen, welche Erklärung mehr stimmt oder, ob überhaupt eine stimmt. Das stört aber meine Heilpraxis nicht, weil ich mich auf das verlasse, was wirkt - und in der Wirkung merke ich keine Unterschiede. Ob ich "die Weisheit des (kollektiven) Unbewussten" zur Problemlösung nütze oder mich von "guten Mächten" inspirieren lasse, die - psychologisch gesehen - als Entitäten außerhalb projiziert werden: Was die Wirkung betrifft, scheint es unerheblich zu sein, wie man darüber denkt. Aus konstruktivistischer Sicht geht es ja ohnehin "nur" um die Frage, wie hilfreich eine Wirklichkeitskonstruktion ist.

Interessanterweise haben auch manche indigenen Schamanen kein Problem, diese auf den ersten Blick so verschieden anmutenden Sichtweisen zu verbinden, wenn z.B. Papa Eli aus Burkina Faso oder der von den mexikanischen Huichol initiierte Brant Secunda und andere, die ich traf, übereinstimmend sagen, dass ja die Geister in uns sind.

Der Psychiater, Philosoph und Anthropologe Roger N. WALSH (1992) deutet die Geister, die sich als wertvolle Quelle von Wissen, Orientierung und Weisheit entpuppen, "einmal als normale Subpersönlichkeiten, wie die traditionelle Psychologie, zum andern aber auch als transzendente Aspekte der Psyche 'über und jenseits' des Ego ... Beispiele aus dem Westen wären etwa das höhere Selbst, der transpersonale Zeuge, das Jungianische Selbst, das der Kern der Psyche ist, und der innere Selbsthelfer, eine hilfreiche und offenbar transpersonale Persönlichkeit, die bei 'multipler Persönlichkeit' vorkommt."

Wären schamanische Behandlungen nicht meist äußerst wirksam, dass wie im Falle von Rachel sogar gelegentlich nach einer einzigen Behandlung bleibend die Symptome verschwinden, würde man diese Vorgangsweise für Fantasiespiele halten. Auf Grund meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung begegnete ich solchen Phänomenen anfangs mit gehöriger Skepsis. Aber der seriöseste methodische Zweifler wird zum Ignoranten, wenn er Fakten nicht anerkennt, auch wenn er sie naturwissenschaftlich nicht erklären kann.

Fachleute sagen ja, dass eine Gitarrenseite - einmal gezupft - nie wieder aufhören wird zu klingen, auch wenn wir den Ton mit unseren Ohren bald nicht mehr wahrnehmen. Theoretisch sei es möglich, mit einem sensiblen Messgerät Töne hörbar zu machen, die vor hunderten Jahren erklungen sind. Haben wir in Trance etwa diese Fähigkeit?

Gibt es Indikationen für schamanische Heilarbeit?

"Jedes Kranksein ist ein Überschreiten einer Schwelle in ein neues Leben"

Carlo Zumstein

Grundsätzlich richte ich mich nach den Wünschen der PatientInnen, um jede in ihrer ãSpracheÒ anzureden. Andererseits halte ich mich an das Gestaltprinzip, dass normaler Weise immer das hilft, was einem fehlt: Wer bisher unter Anstrengung alles alleine zu meistern versucht hat, erhält am ehesten eine schamanische Heilbehandlung, damit er lernt, sich auch beschenken zu lassen - durch mich und die Gruppe, die ebenfalls eingeladen wird, bei der Behandlung mitzumachen. Wer hingegen nicht gewohnt ist, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und immer auf andere schiebt und delegiert, wird von mir eher zu psychotherapeutischer Arbeit eingeladen, da in der Psychotherapie die Hauptlast der Heilungsarbeit ja beim Patienten liegt, im Schamanismus aber zunächst beim Schamanen. Der oft schmerzliche Entwicklungsprozess bleibt aber auch bei schamanischem Vorgehen dem Patienten leider nicht erspart.

Bei Beziehungsproblemen bevorzuge ich systemtherapeutische Behandlungsformen, weil hier die Selbsterkenntnis und die Sicht auf den Eigenanteil am Konflikt gefördert wird und der Lösungsschritt leichter vollzogen werden kann, wenn er vom Klienten selbst entdeckt und erkannt wurde.

Besonders indiziert finde ich schamanische Heilarbeit bei Psychosen, da ich z.B. bei einem Schizophrenen an den Wurzeln arbeiten kann, ohne ihn in einen Schub zu treiben. Das Tor zur Anderswelt ist bei ihm längst offen (andere müssen das erst zu öffnen lernen), aber - schamanisch ausgedrückt: er bringt es nicht mehr zu. Hier sind alle Methoden sinnvoll, die den Patienten erden durch Soziotherapie etc. und, dass er diszipliniert Stimmen etc. in die Schranken zu weisen lernt. Man wird ihn nicht in der akuten Phase schamanisch zu reisen lehren (so nennt man üblicherweise die schamanische Form der Meditation), weil er diese Bilder in sein Wahnsystem einbauen würde. Ist er allerdings bereits ein wenig gefestigt, sind ihm verlässliche Helfer aus der Anderswelt eine wirkliche Stütze.

Auch bei Epilepsie zahlt es sich aus, schamanisch zu überprüfen, ob nicht eine Heilberufung vorliegt (s.o. das Beispiel von Sonja).

Wenn jemand nach einer Fülle von Behandlungsversuchen noch wenig vorangekommen ist, empfiehlt sich auf jeden Fall eine schamanische Arbeit, um eventuelle schwer eruierbare Hintergründe angehen und verwandeln zu können.

Ich wechsle auch öfters die Behandlungsformen - je nachdem, welche mir aktuell am effizientesten erscheint.

Wo kommen diese Bilder her?

Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

sagt der Fuchs zum kleinen Prinz im gleichnamigen Buch von
Antoine de Saint Exupery

Schamanisch ist die Frage leicht erklärt, weil man annimmt, dass alles Existierende mit allem Anderen in Verbindung steht. So kann man diese Verbindungswege auch nützen, um nachzuschauen, was in jemandem bzw. etwas anderem los ist und kann es auch beeinflussen.

Man könnte sagen: Wenn die ganze Festplatte des Seins in mir ist, kann ich im Prinzip jedes einzelne Element aktivieren, z.B. auch die Krankheit eines Patienten. Man muss dazu nur das Denken reduzieren und sich auf den Weg zum Anderen machen. Das würde dem Prinzip des Hologramms entsprechen, wo jedes Element das Ganze enthält.

Wie in jeder Körperzelle alle wesentlichen Informationen des gesamten Organismus gespeichert und prinzipiell abrufbar sind, könnte auch in jedem Teil des Universums die gesamte Information vorhanden sein. In eine ähnliche Richtung führt ja C.G. JUNGs Konzept des "Kollektiven Unbewussten".

Der Begriff "Das Unbewusste" eignet sich m.E. besonders gut, weil er ja nichts über sich aussagt, sondern nur, dass seine Inhalte und Vorgänge nicht bewusst sind - die aber durch tiefenpsychologische, schamanische und andere Methoden ans Licht des Bewusstseins gebracht werden können.

Auch in der Hypnotherapie wird "Das Unbewusste" als geeignete Metapher für sonst schwer definierbare Ressourcen begrüßt, aber auch in Frage gestellt; z.B. macht sich Gunther Schmidt über die "Verdinglichung" lustig: "Wenn Sie Ihr Unbewusstes treffen, grüßen Sie es von mir!"

Man könnte auch von Intuition sprechen. Vielleicht tut es gut, nach der etwa fünfhundertjährigen Überbetonung der Vernunft und der fast ausschließlichen Wertschätzung des Denkens und Lenkens nun wieder den Wert des anderen Pols zu erkennen. Im Duden finden wir z.B. unter "Intuition": "unmittelbare ganzheitliche Sinneswahrnehmung, ohne Reflexion entstandene Erkenntnis des Wesens eines Gegenstandes". Manchmal wird sie als "Wissen ohne Wissen" bezeichnet.

Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Wolfgang von Goethe berichteten übereinstimmend von Einfällen in Überfülle, die in bestimmten Augenblicken kamen, die sie aber nicht herbeizwingen konnten.

Intuition spielt aber nicht nur im Wirken des Künstlers eine entscheidende Rolle: Manche knifflige wissenschaftliche Probleme wurden auf diesem Weg gelöst, worauf nicht nur Albert Einstein verwiesen hat. Z.B. berichtete der Chemiker August Kekulé, dass er die Ringstruktur des Benzols durch Bilder von Schlangen, die ihm im Halbschlaf gekommen waren, entdeckt hatte, und auf ähnliche Weise entschlüsselte Melvin Calvin die Geheimnisse der Photosynthese.

Diese bei jedem Menschen vorhandene Fähigkeit kann man auch bewusst trainieren und nützen. Unsere frühen Vorfahren haben in der Nutzung dieser Erkenntnisquelle über Jahrtausende Erfahrungen gesammelt. Für die Begabtesten in den Stammeskulturen wurde diese sensitive Fähigkeit zum Beruf. Man lernte, solche Eingebungen bewusst herbeizuführen. Und zwar nicht nur zum Heilen.

Als SchamanInnen werden Personen bezeichnet, die in Stammeskulturen eine dem Priester ähnliche spirituelle Funktion einnehmen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Verbindung ihres Volkes mit der übrigen Natur und den transzendentalen Welten aufrecht und in Harmonie zu halten. Sie behandeln Kranke, führen die Verstorbenen ins Reich der Toten und fördern den sozialen Frieden und Zusammenhalt. Obwohl nicht jede Schamanin alles macht und es auch hier Spezialisierung gibt, haben sie meist vielfältige Aufgaben zu bewältigen: Sie haben priesterliche Funktionen, die an den Schnittstellen des Lebens wie Geburt, Erwachsenwerden, Heirat und Tod auf den Plan treten; sie sind Propheten und Schicksalskundige, geistliche Führer und Berater des Häuptlings und des Stammes. Sie beschwören Jagdglück, Wetter und die Fruchtbarkeit der Erde und begleiten ihr Volk durch die Jahreszeiten-Rituale.

Ihre Methoden (in der schamanischen Sprache: Befragung der Geister) könnten übrigens auch bei uns nicht nur zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, sondern auch zur Lösung politischer, wirtschaftlicher, sowie künstlerischer, wissenschaftlicher oder technischer Fragestellungen. Die Antworten entsprechen allerdings nicht immer dem, was man vorher vermutet und sich gedanklich zurecht gelegt hatte. Sie kommen außerdem oft nicht in "digitaler" Form, sondern "analog" in Form von Bildern, die erst entschlüsselt werden müssen.

Man fragt man sich natürlich: Sind meine Visionen während einer Behandlung nicht bildhafte Repräsentationen dessen, was ich vorher beim Klienten mit meinen Sinnen wahrgenommen habe?

Wieso kann ich aber dann in Trance z.B. Unterleibsprobleme sehen, von denen ich gar nichts wusste und die ich vorher auch nicht gesehen haben kann? Und wieso kann ich bei einer Fernbehandlung etwas von einem im Koma liegenden Patienten wahrnehmen und verändern, was von den Angehörigen bestätigt wird, obwohl ich ihn noch nie gesehen habe?

Psychotherapeutische KollegInnen berichten immer wieder, dass Angehörige von KlientInnen nach der Therapiesitzung reagieren, als ob sie dabei gewesen wären, dass z.B. nach einer in der Vorstellung vollzogenen Versöhnung mit dem verschollenen Vater dieser erstmals die Klientin anruft. Ähnliche Phänomene kennen wir auch aus der systemischen Aufstellungsarbeit und ähnlichen Methoden.

Ich gehe davon aus, dass es über die wissenschaftlich gut untersuchte verbale und nonverbale Kommunikation hinaus noch andere Kommunikations- bzw. Informationswege gibt, die man beim schamanischen Arbeiten, aber auch z.B. in der Aufstellungsarbeit etc. nützt, welche man heute aber noch nicht nachweisen kann.

In der Tradition spricht man vom "blinden Seher", der gerade deshalb viel erkennt, weil er seine Augen dazu nicht benützen kann.

Wie kann man die Wirkung erklären?

"Die Säkularisierung
hat weniger die Funktion eines Filters,
der Traditionsgehalte ausscheidet,

als die eines Transformators,
der den Strom der Tradition umwandelt"

Jürgen Habermas

Dass durch Psychotherapie, Hypnose etc. nicht nur psychische, sondern oft auch körperliche Zustände beeinflusst werden können, ist allgemein bekannt.

Suggestion und der Placebo-Effekt spielen sicher, wie nachgewiesener Weise in der westlichen Medizin und Psychotherapie, auch bei schamanischen Ritualen eine ganz wichtige Rolle.

Nach Martin E. P. SELIGMAN (1995) kann eine Reihe von Problemen, z.B. depressive Störungen, auch damit erklärt werden, dass man sich hilflos Situationen ausgeliefert fühlt, die man weder erklären noch beeinflussen kann, sondern auf die eigene Unfähigkeit zurückführt. So hilft es sicher oft, wenn z.B. ein Problem als durch ungünstige Einflüsse aus der Geisterwelt erklärt wird, die nun von der Schamanin auf dieser Ebene behandelt werden. Wenn man wie ich die Welt der Geister als Projektion des Seelenlebens auffasst, nimmt es auch aus psychologischer Sicht nicht Wunder, dass bemerkenswerte Heilungsfortschritte erreicht werden können.

Die Trennung von Problem und Person in Verbindung mit Ressourcenarbeit ist Bestandteil verschiedenster Psychotherapieansätze v.a. in der Behandlung von Traumatisierten. In der Gestalttherapie kommuniziert man - wie in der schamanischen Tradition - mit den nach außen projizierten Symptomen und Problemen. Wenn in einer Familientherapie alle gemeinsam z.B. mit der Krankheit eines Familienmitgliedes Verhandlungen führen, ist dies meist sehr verbindend und entlastet den identifizierten Patienten.

Erich ROTH (2007) fasst den Aufsatz "Trance, Functional Psychosis and Culture" von Richard J. Castillo zusammen, in dem er berichtet, "dass der Heilerfolg bei Psychosen im indigenen Bereich zehn Mal größer als in der westlichen Kultur ist. Die Ursache ... sieht Castillo darin begründet, dass nach dem indigenen kulturellen Kontext der Kranke von einer Krankheit befallen wird (durch Verhexung und Magie), wogegen im nord-westlichen Kulturkontext der Kranke selbst an seiner Erkrankung Schuld trägt und diese meistens als Folge einer biologischen Manifestation dargestellt wird. Aus diesem Grund liegt es nahe zu sagen, es sei einfacher, einen Hexen- oder Magiebann zu heilen, zu entfernen, zu extrahieren ..., als eine Krankheit mit biologischer Manifestation zu heilen, zu entfernen."

Carlo ZUMSTEIN (1999) fand Hinweise, dass man schwere Depressionen als missglückte und stecken gebliebene schamanische Reisen in die Anderswelt sehen und auch so behandeln kann.

Der Placebo-Effekt kann viele, aber nicht alle Phänomene erklären - insbesondere, wenn Bewusstlose, Pflanzen, Tiere oder Materie schamanisch beeinflusst und verwandelt werden.

Vielleicht geht es um den gleichen erstaunlichen Vorgang, wie wir ihn von dem Japaner Masaru EMOTO (2005) kennen, der durch Kristallfotografien aufzeigen konnte, welche Wirkung Worte und Gedanken (nachgewiesen auch auf Entfernung) auf Materie, in dem Fall auf Wasser, haben können: Negative Worte entstellen die kristalline Struktur der Wasser-Moleküle, während positive Worte Kristallbilder entstehen lassen, die von überwältigender Schönheit sind.

Obwohl die Quantentheorie nach Carl Friedrich von Weizsäcker den Dualismus des Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschafters René Descartes längst bestreitet, denken wir heute allenthalben noch dualistisch. Descartes hatte unterschieden zwischen der "res extensa" (der ausgedehnten Sache - der Materie) und der "res cogitans" (der denkenden Sache - dem Geist). Wenn Weizsäcker (in einem Vortrag 1992 mit dem Titel "Die Philosophie eines Physikers") betonte: "Materie ist Information", kommt er nicht nur der konstruktivistischen Auffassung (s.o.) sehr nahe, sondern auch der schamanischen Auffassung von Materie und ihrer Beeinflussungsmöglichkeit. Er fasst als Ergebnis seiner Forschungen zusammen, dass es streng trennbare Objekte nicht gibt.

Der aktuelle Mainstream der wissenschaftlichen Psychologie in unseren Breiten ist freilich weithin neopositivistisch ausgerichtet und hat im Allgemeinen große Schwierigkeiten mit den transpersonalen Ansätzen. Wir Psycho-logen müssten eigentlich als Seelenkundige über den Atem des Lebens (ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes "psyche") besonders gut Bescheid wissen; wir sind uns aber nur einig, dass es (zur Unterscheidung z.B. von körperlichen) seelische Phänomene gibt, nicht aber, ob es überhaupt eine Seele gibt, und reden lieber von Persönlichkeit, emotionalen Erfahrungen etc.

Kommt jetzt die "Selbstaufklärung der Aufklärung", wie sie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer - als der Dialektik der Aufklärung immanent - postulierten?

"Verstand und Herz
müssen wieder zueinander finden.

Der Büffel hat mich hierher geschickt,
um Euch zu sagen,
was Ihr vielleicht vergessen habt"

Pablo Russel, Ältester und Medizinmann des Blackfoot-Blood-Stammes in Kanada

Zurück zum Seitenanfang

EXORZISMUS
Kritische Anmerkungen aus schamanischer Sicht

Es gibt viele schamanische Elemente im Christentum. Das ist selbstverständlich, weil die jüdisch-christliche Tradition wie alle Religionen ja auf der viel älteren schamanischen Tradition aufbauen. Als einziges schamanisches Element sollen seit den letzten Jahren Teufelsaustreibungen wieder kirchenamtlich gefördert werden: Auf Drängen des verstorbenen und auch des jetzigen Papstes Benedikt XVI. sollen Exorzismen wieder in die kirchliche Praxis eingeführt werden. An sich erfreulich, dass diese alte schamanische Technik wieder gewürdigt und praktiziert werden soll. Ich sehe die vatikanische Entwicklung trotzdem mit sehr skeptischem Auge. Aus meiner Sicht ist nicht das Problem, DASS ãTeufel ausgetriebenÒ werden sollen, sondern WIE.

Der Teufel ­ eine Projektion unserer Schattenseiten nach außen

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass Dämonen und der Teufel mit seiner langen Ideengeschichte im Juden- und Christentum ursprünglich gar nicht gleichzusetzen sind: Dass jeder Mensch neben positiven auch destruktive Anteile in sich hat, ist unbestritten und entspricht unserer leidvollen Erfahrung. In der schamanischen und auch in der christlichen Tradition werden diese (psychologisch gesprochen) nach außen projiziert und als außerhalb von uns liegende Entitäten, als Engel oder gute Geister bzw. als Dämonen oder Teufel beschrieben. Das machen wir ja auch mit dem Schönsten in uns, das wir ja ebenfalls nach außen projizieren und als Person, als Gott bezeichnen. Schon in der Steinzeit haben es unsere Vorfahren so gemacht und das war vielleicht clever, weil schwierige Situationen so oft leichter bewältigbar werden ­ durch Nutzung der übernatürlichen Ressourcen im Umgang mit den störenden Geistern. Es hat auch Eingang gefunden in die westliche Psychotherapie z.B. in den gestalttherapeutischen Dialog mit ãabgespaltenen PersönlichkeitsanteilenÒ. Ich finde es daher auch in Ordnung, dass im kirchlichen Exorzismus die quälenden und destruktiven Elemente angesprochen und in die Schranken gewiesen werden - wie es ja auch in der berührenden Versuchungs-Szene Jesu am Ende seines Fastens in der Wüste geschildert wird (Luk 4,1ff). In der schamanischen Ausdrucksweise der Bibel treten Jesus seine Machtlust und Publicity-Sucht - personifiziert als Diabolos, der alles durcheinanderwirft - gegenüber. Ob diese Stelle als historisch angesehen wird oder nicht, ist unerheblich: sie zeigt (in schamanischer Ausdrucksweise) eine typische menschliche Situation auf, wie wir sie ja kennen. Paradox finde ich in der kirchlichen Praxis zudem das starke Abgrenzungsbedürfnis von bisherigen und anderen Formen des Exorzismus, die als ãAberglaubeÒ abgelehnt werden. Ähnlich wie im muslimischen Einflussbereich, wo oft zur Behandlung Koransuren rezitiert und gleich wirksame andere - schamanische - Formen ebenfalls abgewertet werden.

"Liebt eure Feinde! tut denen Gutes, die euch hassen!Ò

Was aber meiner eigenen sowohl psychotherapeutischen wie schamanischen Erfahrung total widerspricht, ist Bosheit und Feindschaft gegenüber dem so genannten "Bösen".

Schamanisch geht man in Trance, um Visionen über den Patienten zu erhalten, in die man dann oft - rituell - als irdischer Repräsentant der guten Mächte eingreifen soll. "Besessenheit" erlebe ich in meiner schamanischen Heilarbeit immer wieder. Sie wird absolut unspektakulär gelöst - meist, indem der oder die "Besetzer", die ich in Trance sehe, verwandelt werden. Manchmal soll ich die ganze Sitzung lang nicht den Patienten behandeln, sondern den so genannten "Bösen", damit er selbst erlöst wird und so den Patienten freigeben kann. Was mich darin bestätigt, dass das "Böse" ohnehin "nur" ein verblendetes, oft überhebliches, verirrtes "Gutes" ist. Für den Patienten ist es meist ein schmerzlicher Prozess. Dabei handelt es sich immer um innere, gefühlsmäßige Vorgänge. Gewalt hat hier überhaupt keinen Platz.

Wogegen es beim kirchlichen Exorzismus um Macht und Machtausübung geht, was zwar der Weltanschauung der erzreaktionären kirchlichen und auch politisch oft extrem rechts stehenden Promotoren entspricht, aber Kranken gegenüber absolut nichts verloren hat.

Psychologisch gesehen handelt es sich bei dem, was in der Tradition der Urvölker und der Kirche als ãBesetzungÒ bezeichnet und erlebt wird, meist um "Verstrickungen" mit Familienangehörigen, Vorfahren etc., was ja oft vorkommt.

Außerdem kennen wir Psychologen das Phänomen, dass sich bei einer Entscheidung für etwas immer auch der Gegenpol meldet. Natürlich nicht immer so massiv, wie bei den ãBesessenenÒ, die im Film von Helge Cramer dokumentiert werden. Solche exzessiven Ausbrüche kennen wir fast nur von Patienten mit einer dissoziativen ldentitätsstörung (vormals ãmultipler PersönlichkeitsstörungÒ), die gerade eine Wahnvorstellung erleben, was man auch an der oft auftretenden typischen Lippenstellung ablesen kann.

Egal, ob es sich - de facto - um Vorfahren handelt, mit denen man (unbewusst) verbunden ist oder um eigene Persönlichkeitsanteile: diese werden nie bekämpft! Sondern es geht meist um eine klare Trennung der Schicksale bzw. um ein Annehmen und Integrieren dieser bisher unerwünschten und bekämpften Seelenanteile.

Die Dämonen füttern?

Ganz ähnlich wird es buddhistisch gesehen, z.B. in dem Buch der tibetischen Nonne Tsultrim Allione mit dem Titel "Den Dämonen Nahrung gebenÒ:

Was m.E. auch christlich-theologisch zu vertreten ist. Sollte etwa der Satz in Luk 6,27f, der für mich die Höhe des Humanums darstellt

für den sogenannten Teufel nicht gelten?

heißt es im 1. Brief des Ppaulus an die Korinther 13,13f

Der bekannte Publizist Friedrich Heer meinte, Friede sei nur dann möglich, wenn es zu einer Integration des Teufels kommt. Man kann nämlich nur so tun, als ob das Destruktive nicht Teil der irdischen Existenz wäre oder nur bei anderen vorkäme.

Als Gegenargument wird manchmal das berühmte Wort von Augustinus herangezogen:

Man könnte aus dem Wort des Kirchenvaters auch den Schluss ziehen, dass es nicht nur für Menschen, sondern auch für den gefallenen Lucifer zu gelten hat, in dem Sinn, dass auch der Teufel zu lieben, aber seine Sünde zu hassen ist. Bleibt die Frage:

Was heißt "die Sünde hassen"?

Markus 5,1 ff berichtet die eindrucksvolle Behandlung eines Besessenen. Ist das hassen?

Auch der Schülerkreis Jesu trieb erfolgreich Teufel und Dämonen aus

berichtet Lukas 10,17 ff

Der Theologe Jozef NIEWIADOMSKI erläutert dazu:

Laut Lukas ist aber Gott überlegen, dessen Geist "parakletos", lateinisch: "advocatus", auf deutsch: "der Herbeigerufene", frei: "Tröster, Beistand und Verteidiger" genannt wird. Auch bei intrapsychischer Auffassung, wenn ich meine diabolischen Eigenschaften nicht auf den Teufel als eine Person außerhalb von mir projiziere, werde ich diese falsch finden und ihnen "widersagen", mich selbst aber dennoch kostbar finden und wertschätzen. Ob bekämpfen wie Antonius in der Wüste oder füttern: es ist fair, mich und andere nicht in Bausch und Bogen zu verurteilen, da es unvermeidlich ist, dass Licht UND Schatten in uns ist. Es ist besser, man akzeptiert diese Realität. Wir Menschen sind so konstruiert.

Liebevolle und behutsame Behandlungsmethoden

Eine weitere schwerwiegende Kritik ist natürlich, dass es professionelle (medizinische, psychotherapeutische) und liebevollere und behutsamere Methoden gibt, z.B. einen Schizophrenen, PatientInnen mit einer dissoziativen Identitätsstörung oder Epileptiker medikamentös und psychotherapeutisch zu behandeln. Im Klartext: Mich schreckt die Bösartigkeit von Exorzisten, die fanatisch und rücksichtslos für das Gute kämpfen und unter Geringschätzung des liebevollen Wohlwollens aller Kreatur gegenüber - manchmal sogar im physischen Sinn - über Leichen gehen. Ob nicht hier der Satz anzuwenden wäre:

Vermutlich ist man es aber vorher schon gewesen. Es besteht die Gefahr, so erst die Realität zu schaffen, die man bekämpfen will.

Auch wenn es real wohl nie so spektakulär zugeht wie im Film "Der Exorzist" - immer wieder liest man entsetzliche Meldungen in den Medien, wo Patienten wie z.B. die Deutsche Anneliese Michel nach Exorzismen zu Tode kommen, weil nicht oder zu wenig für seriöse psychotherapeutische und medizinische Behandlung gesorgt worden war. Der Fall wurde durch den Theologen und Psychotherapeuten Sepp Maderegger ausführlich beschrieben, woraufhin auch Konsequenzen gezogen wurden. So sollen z.B. Psychiater zunächst feststellen, ob die vermeintlich besessene Person nicht in Wirklichkeit krank ist. Aus meiner Erfahrung sind ãBesessenheitenÒ aber selbstverständlich immer krankhaft und umgekehrt gehen z.B. Wahnvorstellungen aus schamanischer Sicht normalerweise immer auf Besetzungen zurück.

Stigmatisierung und moralische Abwertung der Patienten

Ein weiteres großes Problem ist die Stigmatisierung und moralische Abwertung der PatientInnen, die mit der kirchlichen Auffassung von Besessenheit einhergeht. Wer möchte schon als Handlanger des Teufels bezeichnet werden! Auf Grund der kirchlichen Geschichte, wo so viele Menschen mit der Beschuldigung, vom Teufel besessen zu sein, gefoltert und mit einer der grausamsten Todesarten, dem Verbrennen, bestraft wurden, sollte man besonders vorsichtig sein und eher davon Abstand nehmen, um nicht Assoziationen mit den Hexenverbrennungen zu wecken. Zudem: Fürchten sich andere vor dem Besessenen, kann dies sicher für den Heilungsprozess nicht dienlich sein.

Wenn der holländische Seelsorger Willem C. van Dam zu den Einfallspforten für dämonische Einflüsse etwa neben Satanismus, Traumatisierung und Drogenmissbrauch auch Hypnose oder fernöstliche Meditationen zählt, entspricht dies durchaus möglichen Auslösern für Wahnvorstellungen, wie man sie auch als Psychotherapeut kennt. Allerdings nicht, weil etwa Hypnose und Meditation etc. teuflisch wären, sondern weil es Patientengruppen gibt wie z.B. Borderliner, bei denen diese Methoden zumindest am Anfang der Behandlung kontraindiziert sind.

Besonders Sexualität und Aggression wird verteufelt

Abgesehen von dem Versuch konservativer Bischöfe und Priester, mit den sogenannten ãTeufelsbotschaftenÒ die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils zu ãverteufelnÒ: auffallend ist, dass es bei kirchlichen Exorzismen oft um Sexualität und Aggression geht. Gerade diese wesentlichen Triebe des Menschen werden ja im kirchlichen Umfeld häufig abgewertet und abgespalten. Es ist eine Tatsache, dass es ekklesiogene Krankheiten gibt, z.B. Ängste und Störungen, die durch die Art der kirchlichen Verkündigung entstanden sind und die durch diese Art von Exorzismus wohl noch verstärkt werden.

Die Verkündigung eines guten Gottes kann heilende Wirkung haben

- führt sie doch zu einem ganz anderen Weltbild und Selbstverständnis. Wie in der Psychotherapie geht es auch in den spirituellen Behandlungsformen primär um die liebevolle Zuwendung zum Patienten, wie auch Dean Ornish in seinem Buch "Heilen mit Liebe" nachgewiesen hat. Man steht ihm zur Seite, wenn er mit dem in Kontakt kommt, unter dem er leidet - was häufig ein schmerzlicher Prozess ist, der oft mit Scham, Wutausbrüchen, tiefem Weinen und Schluchzen verbunden ist. Man könnte auch sagen: Es geht um eine Aussöhnung mit der Geschichte. Unterstützend für den Heilungsprozess ist eine liebevolle Begleitung. Ornish: "Es kommt darauf an, dass wir unser Herz wirklich öffnen."


Zurück zum Seitenanfang

LITERATURLISTE - Schamanismus Shamanism - LIST OF TITLES

Wissenschaftliche Arbeiten, Erlebnisberichte und Romane.
Pro AutorIn wird nur eine Publikation erwähnt.

Andrews , Lynn: Die Medizinfrau.- rororo 8094 Originalausgabe: Medicine Woman.- 1991, New Dimensions Radio

Bittlinger , Arnold: Das Geheimnis der christlichen Feste. Astrologische und tiefenpsychologische Zugänge.- München, 1995, Kösel

Castaneda , Carlos: Die Kunst des Träumens.- Frankfurt am Main, 1994, Fischer-V. Originalausgabe: The Art of Dreaming.- New York, 1993, Harper Collins

Chung , Hyun Kyung: Schamanin im Bauch, Christin im Kopf. Frauen Asiens im Aufbruch.- Stuttgart, 1992, Kreuz-Verlag Originalausgabe: Struggle to be the Sun again. Introducing Asiens Women`s Theology.- New York, 1990, Orbis Books

Cowan , Tom: Schamanismus. Eine Einführung in die tägliche Praxis.- Kreuzlingen, 1997, Ariston V. Originalausgabe: Shamanism as a Spiritual Practice for Daily Life.- Freedom, 1996, Crossing Press

Davenport, Kiana: Haifischfrauen.- München, 1994, Droemersche Verlagsanstalt Originalausgabe: Shark Dialogues.- New York, 1994, Atheneum

Dittrich , A./Hofmann, A./ Leuner, H./Scharfetter, C./Rätsch , C. (Hrsg.): Religion, Mystik, Schamanismus - Welten des Bewußtseins.- 1998, Bd.9, VWB

Donner , Florinda: Shabono. Eine Frau bei den Schamanen Südamerikas.- Wien, 1983, Zsolnay-V. Originalausgabe: Shabono. A Visit to a Remote and Magical World in the South American Rainforest .- San Francisco, 1982, Harper

Doore, Gary (Hrsg.): Opfer und Ekstase. Wege der neuen Schamanen.- Freiburg/Breisgau, 1989, H.Bauer-Verlag Originalausgabe: Shaman's Path; Healing, Personal Growth, & Empowerment .- 1988, Shambhala Publications

Dossey , Larry: Heilende Worte. Die Kraft der Gebete und die Macht der Medizin.- Südergellersen, 1995, Martin Originalausgabe: Healing Words - The Power of Prayer and the Power of Medicine.- San Francisco, 1993, Harper

Eliade , Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.- Zürich, 1954, Rascher Originalausgabe: Shamanims: Archaic Techniques of Ecstasy.- Princeton, 1974, Princeton University Press

Faulstich, Joachim: Das innere Land. Bewusstseinsreisen zwischen Leben und Tod.- München, 2003, Droemer Knaur

Fox, Mathew/ Sheldrake, Rupert: Engel. Die kosmische Intelligenz.- 2001, Bechtermünz Originalausgabe: The Physics of Angels. A Realm where Spirit and Science meet.- 1996, Fox & Sheldrake

Friedrich , Adolf/ Budruss, Georg (Übers.): Schamanengeschichten aus Sibirien.- Berlin, 1987, Cl. Zerling-V. Originalausgabe: München, 1955, Barth (Reihe Documenta Ethnographica)

Gagan, Jeannette M.: Reisen zum Selbst. Wo Schamanismus und Psychologie sich begegnen.- München,2000, DTV Originalausgabe: Journeying. Where Shamanism and Psychology Meet.- Santa Fe, 1998, Rio Chama Publications

Gallegos , Eligio Stephen: Den Schamanen in sich entdecken.- München, 1993, Verlag Peter Erd Originalausgabe: Animals of the Four Windows.- Santa Fe, 1992, Moon Bear Press

Gear, W. Michael & Gear, Kathleen O´Neal: Im Zeichen des Wolfes.- Wien, 1990, Paul Zsolney-Verlag. Originalausgabe: People of the Wolf.- New York, 1990, Tor Book.

Goodman , Felicitas D.: Trance - der uralte Weg zum religiösen Erleben. Rituelle Körperhaltungen und ekstatische Erlebnisse.- Gütersloh, 1992, Gütersloher Verlagshaus

Hultkrantz, Ake: Schamanische Heilkunst und rituelles Drama der Indianer Nordamerikas.- München, 1994, Diederichs

Guttmann & Langer (Hrsg.): Das Bewusstsein.- 1992, Springer-Verlag

Hansen, Angelika: Begegnung mit dem Schamanen. Die Geschichte einer Heilung durch indianischen Schamanismus.- München, 1998, Wilhelm-Heyne-Verlag

Harner, Michael: Der Weg des Schamanen. Ein praktische Führer zu innerer Heilkraft.- Genf, 1994, Ariston-V. Originalausgabe: The Way of the Shaman.- San Francisco, 1992, Harper Collins

Hoppal , Mihály: Schamanen und Schamanismus.- Augsburg, 1994, Pattloch Originalausgabe: Sámánok - Lelkek és jelképek.- Budapest, 1993, Helikon Kiadó

Ingermann , Sandra: Auf der Suche nach der verlorenen Seele. Der schamanische Weg zu innerer Ganzheit.- Kreuzlingen, 1998, Ariston-V. Originalausgabe: Soul Retrieval. Mending the Fragmented Self.- San Francisco/New York, 1991, Harper Collins

Kaiser, Rudolf: Gott schläft im Stein. Indianische und abendländische Weltansichten im Widerstreit.- München, 1990, Kösel-Verlag

Kalweit , Holger: Die Welt der Schamanen. Traumzeit und innerer Raum.- Bern, 1984, Scherz-V.

Kharitid i, Olga: Das weiße Land der Seele.- München, 1996, Paul List Verlag Originalausgabe: Entering the Circle.- San Francisco, 1996, Harper

King , Serge Kahili: Der Stadt-Schamane. Ein Handbuch zur Transformation durch HUNA, dem Urwissen der hawaiianischen Schamanen.- Freiburg i.Br., 1991, Verlag Alf Lüchow Originalausgabe: Urban Shaman.- New York, 1990, Simon & Schuster

Kuby, Clemens: Unterwegs in die nächste Dimension. Meine Reise zu Heilern und Schamanen.- München, 2003, Kösel

Lörler, Marielu: Hüter des Alten Wissens. Schamanisches Heilen im Medizinrad.- Darmstadt, 2000, Schirner Verlag

Markale , Jean: Die Druiden. Gesellschaft und Götter der Kelten.- München, 1987, Bertelsmann Originalausgabe: Le Druidisme.- Paris, 1987, Payot

Mehl , Lewis E.: Coyote-Medizin. Geist und Erfolge indianischer Heilung.- München, 1997, Knaur Originalausgabe: Coyote Medicine.- New York, 1996, Scribner's

Mindell , Arnold: Den Pfad des Herzens gehen. Traumkörperarbeit - Schamanische Praktiken und moderne Psychologie.- Petersberg, 1996, Verlag Via Nova Originalausgabe: The Shaman`s body.- San Francisco, 1993, Harper

Morgan , Marlo: Traumfänger. Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines.- München, 1995, Goldmann-V. Originalausgabe: Mutant Message Down Under.- New York, 1994, Harper Collins

Moore , Robert/ Gillette , Douglas: Der Magier im Mann. Wege zum inneren Schamanen.- Solothurn/Düsseldorf, 1995, Walter Originalausgabe: The Magician Within - Accessing the Shaman in the Male Psyche.- New York, 1993, W. Morrow and Company Inc.

Moos, Ute: Spirituelles Heilen. Der andere Weg zur Gesundheit.- Wien, 1999, Ueberreuter

O'Donohue, John: Anam Cara. Das Buch der keltischen Weisheit.- München 1997, dtv Originalausgabe: Anam Cara.The Book of Celtic Wisdom.- New York 1997, Harper Collins

Obrecht, Andreas J.: Die Welt der Geistheiler. Die Renaissance magischer Weltbilder.- Wien, Köln, Weimar, 1999, Böhlau-Verlag

Oertli , Jakob: Das schamanische Praxisbuch, Ein Tor zu Lebenskraft und Erfolg.- München, 1996, F.A.Herbig

Paturi, Felix R.: Heilbuch der Schamanen. Mit Trommelrhythmen und Naturweisheiten das Bewußtsein verändern und das Wissen der Schamanen nutzen.- München, 1999, W. Ludwig Buchverlag

Pfeiffer, Wolfgang M.: Transkulturelle Psychiatrie. Ergebnisse und Probleme.- Stuttgart, New York, 1994, Georg-Thieme-Verlag

Roth, Gabrielle: Totem. Gelebter Schamanismus. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage von "Das befreite Herz".- München, 2001, Heyne V. Originalausgabe: Maps of Exstasy.- Novato, 1998, Nataraj Publishing

Rutherford, Leo.: Schamanismus. Was Sie darüber wissen sollten.- München, 1998, Goldmann-Verlag.- Sonderausgabe: München, 1999, Orbis-Verlag für Publizistik Originalausgabe: Principles of Shamanism.- London, 1996, Thorson

Scharfetter, Christian & Rätsch, Christian (Hrsg.): Religion - Mystik - Schamanismus. Welten des Bewusstseins. Band 9.- Berlin, 1998, VMB - Verlag für Wissenschaft und Bildung

Schenk, Amélie: Herr des schwarzen Himmels. Zeren Baawai - Schamane der Mongolei.- Bern, München, Wien, 2000, Scherz-Verlag für O.W.Barth-Verlag.

Schenk, Amelie /Kalweit, Holger (Hrsg.): Heilung des Wissens. Forscher erzählen von ihrer Begegnung mit dem Schamenen - der innere und der äußere Weg des Wissens.- München, 1987, Goldmann-Verlag

Schenk, Amélie & Rätsch, Christian (Hrsg.): Was ist ein Schamane? Schamanen, Heiler, Medizinleute im Spiegel westlichen Denkens.- Berlin, 1999, VBW

Seitz , Tomo J. : Die Tragfähigkeit des Traums. Der Schamanische Weg zu innerer Kraft.- 1996, Simon& Leutner

Sheldrak e, Rupert: Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten. Anstiftung zur Revolutionierung des wissenschaftlichen Denkens.- Bern/München/Wien, 1994, Scherz-V. Originalausgabe: Seven Experiments That Could Change The World.- London, 1994, Fourth Estate Limited

Somé , Malidoma Patrice: Vom Geist Afrikas. Das Leben eines afrikanischen Schamanen.- München, 1996, Diederichs-V. Originalausgabe: Of Water and the Spirit.- New York, 1994, Tarcher/Putnan Books

Sun Bear/ Wabun Wind/ Shawnodes e: Das Medizinrad Traumbuch. Der indianische Weg der Traumdeutung.- München, 1995, Goldmann. Originalausgabe: Dreaming with the Wheel.- New York, 1994, Simon & Schuster

Stokes, Naomi M.: Die Zedernsängerin. Roman.- Bern, München, Wien, 1995, Scherz-Verlag Originalausgabe: The Tree People.- New York, 1995, Forge

Thalhamer, August: Der Heilungsweg des Schamanen - im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung.- Linz, 2007, edition pro mente

Tschinag, Galsan: Die graue Erde.- Frankfurt am Main und Leipzig, 1999, Insel Verlag

Tunneshende , Merilyn: Träume den Traum der Schamanen.- 1999, Econ

Uccusic , Paul: Der Schamane in uns. Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung.- Genf, 1991, Ariston-Verlag

Ulmer-Janes , Eva: Die Magie kehrt zurück. Vom bewußten Gestalten der Realität.- Wien, 1998, Ibera

Van der Post, Laurens: Die verlorene Welt der Kalahari.- Zürich, 1995, Diogenes-Verlag. Originalausgabe: The Lost World of the Kalahari.- London, 1958, Hogarth Press Ltd.

Van Kampenhout, Daan: Die Heilung kommt von außerhalb. Schamanismus und Familien-Stellen.- Heidelberg, 2001, Carl-Auer Verlag

Vitebsky, Piers: Schamanismus. Reisen der Seele, magische Kräfte, Ekstase und Heilung.- Köln, 2001, Taschen GmbH Originalausgabe: The Shaman.- 1995, Duncan Baird Publishers Ltd

Walsh, Roger N.: Der Geist des Schamanismus.- Olten, 1992, Walter-Verlag Originalausgabe: The Spirit of Shamanism.- Los Angeles, 1990, Jeremy P. Tarcher

Walsh, Roger N. & Vaughan, Francis (Hrsg.): Psychologie in der Wende. Grundlagen, Methoden und Ziele der Transpersonalen Psychologie. Eine Einführung in die Psychologie des Neuen Bewusstseins.- Reinbek bei Hamburg, 1988, Rowohlt

Wilber , Ken (Hrsg.): Das holographische Weltbild.- Bern, 1986 Originalausgabe: The Holographic Paradigm and other paradoxes.- 1982, Shambhala

Wittmann, Ulla: Leben wie ein Krieger. Die verborgene Botschaft in den Lehren des Yaqui-Zauberers Don Juan.- Interlaken, 1991, Ansata

Zink , Nelson: Vom Wesen der Freude. Wie Gedanken sich verändern lassen. Spirituelle, schamanistische und psychologische Wege und Methoden mit vielen praktischen Anwendungen.- Aitrang, 1996, Windpferd V. Originalausgabe: The Structur of Delight.-

Zumstein, Carlo: Reise hinter die Finsternis. Aus der Depression zur eigenen Schamanenkraft.- München, 1999, Hugendubel (Ariston)

Zundel , Edith / Fittkau, Bernd (Hrsg.): Spirituelle Wege und Transpersonale Psychotherapie.- Paderborn, 1989, Junfermann


Weitere Infos und eine kommentierte Literaturliste: www.schamanismus-information.de

Die Adresse der Foundation for Shamanic Studies in Europa: Paul und Roswitha Uccusic A- 1190 Wien, Krottenbachstr. 99/10 Tel/Fax: 0043 1 4801753 http:// www.shamanicstudies.net/
office@shamanicstudies.net (hier kann man auch Trommel - CDs oder MCs bestellen, z.B. Nr. 7 "Shamanic Journey Multiple Drumming")

The address of the Foundation for Shamanic Studies in the States: Prof. Dr. Michael HarnerrFa Fax :x001 415 380 8416 USA- 94941 Mill Valley, P.O.Box 1798 http://www.shamanism@org (Here You can order CDs or MCs e.g. nr.7 "Shamanic Journey Multiple Drumming")

Zurück zum Seitenanfang

ES IST NIEMALS ZU SPÄT

Die Geschichte der Psychotherapie eines Krebskranken

Von Rita Haase

Zusammenfassung: Wie auch ein als unheilbar krank Diagnostizierter noch in seinem letzen Lebensabschnitt Schritte zu innerem Frieden und Versöhnung machen kann.

Gerne hätte ich Herrn K. gebeten, seine Geschichte selbst zu schreiben, zumal er gerne und gut geschrieben hat. Da er es leider nicht mehr kann ­ er ist erst kürzlich verstorben ­ will ich versuchen, sie aus meiner Sicht zu erzählen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, ihn so zu beschreiben, wie ich ihn erlebt habe: ein Mensch mit schlechten Startbedingungen, der in die Irre ging, weil er es nicht besser konnte, der aber mit erstaunlichem Mut, Kraft und Einsichtsvermögen einen neuen Weg eingeschlagen hat.

Herr K. fand nach mehreren, wieder abgebrochenen Therapieversuchen, zur Beratungsstelle "Zellkern". Wir führten im Herbst 1999 ein Erstgespräch. So erzählte mir Herr K. sein bisheriges Leben: Er war zusammen mit drei Halbgeschwistern bei seiner Mutter aufgewachsen, seinen Vater hatte er nie gekannt. Die Mutter kam selbst aus sehr armen Verhältnissen, hatte keinen Beruf erlernt, war immer nervlich sehr labil. Sie litt unter Migräne und hatte ein sehr schweres Leben, mußte sie doch die 4 Kinder praktisch alleine aufziehen, weil sich die jeweiligen Väter nicht um sie kümmerten. Herr K. war gelernter Maurer und hatte bis 1991 immer bei der Mutter gelebt, die ihn sehr verwöhnte und ihm alle Wünsche von den Augen ablas. 1991, als Herr K. 35 Jahre alt war, hatte seine Mutter einen schweren Schlaganfall und war seither gelähmt, konnte nicht sprechen und mußte in ein Pflegeheim. Bis dahin, so erzählte Herr K., hatte ihm die Mutter alles erledigt, ihm den Haushalt geführt, ihm Geld gegeben. Er hatte nur gelegentlich gearbeitet (er hatte mit 16 Jahren zu trinken begonnen und war alkoholabhängig). Die Mutter hatte sich in allem und jedem nach ihm gerichtet, er hatte sich dafür für ihr seelisches Befinden gekümmert, fast wie ein Partner.

Durch den Schlaganfall der Mutter war diese symbiotische Beziehung abrupt getrennt worden. Seitdem lebte Herr K. alleine, was ihm sehr schwer fiel; er besuchte seine Mutter mehrmals wöchentlich im Pflegeheim. 1998 wurde er schwer krank. Die Diagnose lautete Bauchspeicheldrüsenkrebs und bei der darauffolgenden Operation wurden ihm Teile der Bauchspeicheldrüse, des Magens, des Zwölffingerdarms , des Dickdarms und die Galle entfernt. Gleichzeitig mit der Operation (er wußte es auf den Tag genau) hatte er aufgehört zu trinken und war seitdem trocken.

In diesem ersten Gespräch schilderte Herr K. seine aktuellen Probleme: Depressionen, negative Gedanken, Angstzustände, Einsamkeit, Schmerzen. Alles hätte, so glaubte er, eine seelische Ursache. Er habe nie wirklich gelebt, wüßte nicht, wer er eigentlich sei und was er will. Er habe immer alles nur zugeschüttet. Er wolle gerne wieder Lebensfreude gewinnen, neue Kontakte aufbauen. Er meinte aber auch, er würde gerne Zugang zu seinem innersten Wesen finden, auch alleine gut zurechtkommen und mit sich selbst, seiner Krankheit und seinen Angehörigen (die ihn wegen seines früheren Alkoholkonsums massiv ablehnten) ins reine kommen.

Mir blieb in diesem ersten Gespräch nur, ihm meine Anerkennung dafür auszudrücken, daß er die erstaunliche Leistung vollbracht hatte, auf den Alkohol ganz zu verzichten. Daß er angesichts der Schwere seiner Erkrankung und der damit verbundenen Schmerzen nicht aufgegeben hatte, sondern anfing zu kämpfen, hat mir die größte Bewunderung abverlangt; zumal ihn anläßlich der Operation auch seine damalige Freundin verlassen hat.

So begannen wir mit unserer Arbeit, die sich insgesamt über etwa _ Jahr erstreckte. Ich möchte hier die aus meiner Sicht wichtigsten Schritte wiedergeben, die Herr K. auf seinem Weg zu einem positiven, zufriedenen und abgeklärten neuen (wenn auch letzten) Lebensabschnitt gelungen sind.

Zu Beginn unserer Arbeit kam mir das innere Bild, als wäre sein bisheriges Leben wie ein Haus, das nach einem Erdbeben eingestürzt ist, bei dem aber die Fundamente noch stehen. Herr K. bestätigte dies und meinte, diese Fundamente seien sein Glaube, Lebenswille und Mut. Nun müsse er es neu aufbauen, das erfordere Zeit und Geduld.

Sein Mut: Mit kleinen Schritten gelang es Herrn K. zunächst, sich aus der schlimmsten Passivität zu befreien. Er begann, sich täglich kleine Aktivitäten vorzunehmen, die die Stimmung positiv beeinflußten: Spazierengehen, Treffen mit den (noch verbliebenen) Freunden, Besuche, Fahrten in die Stadt, Kochen, Aufräumen. Zunächst fiel ihm alles sehr schwer, es kam immer wieder zu Rückschlägen und Anfechtungen, ins Alte zurückzufallen. Aber er gab nicht auf und mit der Zeit ging es leichter. Am schlimmsten empfand er die negativen Gedanken, die ihn zeitweise sehr quälten. Hier half ihm Ablenkung, Gespräche, aber auch ein von mir angeleitetes Entspannungstraining, das er täglich machte.

Sein Lebenswille: Die entscheidende Wende kam, als er ein Ziel für sein neues Leben fand. Es gelang ihm, aus den negativen Grübeleien zu entkommen und einen positiven Regelkreis in Gang zu setzen. Er ging zu mehreren Institutionen, die kranke Menschen betreuen, und bot seine Hilfe und Mitarbeit an. Daß dies ein positives Echo fand, gab ihm neuen Lebensmut. Zusammenfassend sagte er einmal: "Ich habe das, was ich mir insgeheim gewünscht habe, offen gesagt und versucht umzusetzen. Ich habe etwas getan, bin aktiv geworden. ­ Probieren geht über Studieren !" Stolz zeigte er mir einen ersten Artikel, den er für eine Vereinszeitschrift geschrieben hatte. Er hatte auch verschiedene neue Kontakte geknüpft.

Gleichzeitig verbesserten sich seine Beziehungen generell. Er berichtete, daß ihm rundum mehr Wohlwollen entgegengebracht würde. Er bekam auch von der Familie mehr Anerkennung und Unterstützung, was ihm guttat. Gleichzeitig gelang es ihm, seine eigenen Bedürfnisse mehr zu spüren. Er sorgte mehr für sich und seinen Körper.

Sein Glaube: Herr K. erzählte, seine Großmutter (die Mutter der Mutter) habe übersinnliche Fähigkeiten gehabt. Diese hätte er von ihr geerbt. Im Sommer 1999, als er am Tiefpunkt war und aufgeben wollte, habe er plötzlich eine klare Stimme neben sich gehört, die sagte: "Gib nicht auf, Gott hilft dir !" Er habe, so erkannte er in einem gemeinsamen Gespräch, einen "Abgesandten Gottes" an seiner Seite, der ihm hilft und ihn beschützt. Zu ihm betete er jeden Tag um Kraft und Hilfe. Er half ihm auch dabei, seine Schuldgefühle seiner Mutter und seinen Freundinnen gegenüber abzulegen (die er oft gedankenlos schlecht behandelt hatte). Ich durfte ihn dabei begleiten, wie er neue Einsichten in sein altes Leben gewann und inneren Frieden und Versöhnung fand. Wie tiefgreifend dieser Versöhnungs- und Veränderungsschritt war, konnte ich u.a. auch daran erkennen, wie respektvoll er mich als Frau und Gesprächspartnerin behandelt und wie verläßlich er sich an unsere Vereinbarungen gehalten hat.

Ich habe Herrn K. das letzte Mal ca. 4 Monate nach Abschluß der Therapie gesprochen, da ging es ihm unverändert besser. Leider habe ich gehört, daß er etwa ein Jahr später gestorben ist. Die körperlichen Schäden waren offensichtlich doch zu groß. Trotzdem weiß ich, daß er als ein neuer Mensch ins andere Leben hinübergegangen ist und daß ein Abgesandter Gottes ihn begleitet hat.

Rita Haase, August 2001

Zurück zum Seitenanfang